Archiv für den Monat: Mai 2025

Das Sein

Verwurzelt zu sein, seinen Platz zu haben, sich durchzusetzen und zu fügen, Nahrung aufzunehmen, zu wachsen und zu gedeihen – all dies bietet der Boden wie das jeweilige Habitat. Das versteht sich von selbst aufgrund vorhandener Möglichkeiten, unserer Bedürfnisse sowie deren Befriedigung.

Das Sein steht für jedes Zuhause, für Pflanzen, Menschen und Tiere – für Überwindung von Fremdsein durch Gemeinsamkeiten, Anpassung, Zurückhaltung und Wagnis. Das Sein ist kein statischer Zustand, sondern entsteht – ein Experiment der Natur – nicht zufällig, sondern sich selbst formend und geformt werdend durch alle verfügbaren Voraussetzungen und Umstände. Ein steter Prozess, aber auch beharrlich, um die Orientierung zu ermöglichen. Es gibt aber nicht das eine Sein, sondern etliche und vielfältige, abhängig von den jeweiligen Anforderungen.

Dieses Sein muss nicht konkret sein, Reibungen können bestehen, aber auch Ergänzung und Entwicklung und Bereicherung möglich werden. Das Sein sind Berge und Täler, Sprache und Gebräuche, Bücher und Anschauung – Wetter, Wasser, Boden und Mensch – alles ist heimatfähig, gestaltend und erlebend, versichernd und fremd. Die Heimat schützt das Sein.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski

Vererben

Wenn meist ältere Männer mich aufsuchen, um sich bezüglich der Gestaltung ihres Testaments von mir beraten zu lassen, erwarten sie häufig eine kostengünstige, steueroptimierte, rechtlich einwandfreie, möglichst Pflichtteilsansprüche ausschließende Regelung für ihr nachzulassendes Vermögen, und zwar von jetzt an bis in alle Ewigkeit. Diese soll ihnen zudem Gelegenheit lassen, selbst mit „kalter Hand“, also für die Zeit nach ihrem Tode, den Weg des Vermögens weiter zu steuern.

Wenn ich dann den Umfang des zu vererbenden Vermögens erfrage, will ich von meinem potentiellen Mandanten, also dem Erblasser, weiter erfahren, ob er sein Vermögen ererbt oder selbst erwirtschaftet habe. Dieser daraufhin: Selbstverständlich habe er nichts ererbt, sondern alles selbst erwirtschaftet! So verkündet der Erblasser in der Regel nicht ohne Stolz.

Nachdem dies geklärt ist, will ich wissen, was seine Familie macht. Er berichtet dann, dass es allen wirtschaftlich gut gehe, sie fast alle gut versorgt seien und einträgliche Berufe hätten. Nachdem ich über die Familie, also die Nachkommen des Erblassers, Hinreichendes in Erfahrung bringen konnte, stelle ich ihm die etwas simpel klingende, aber ihn doch stets verblüffende Frage, warum er sein Vermögen den Nachkommen denn überhaupt vererben wolle? Diese Frage erscheint den meisten Mandanten so ungewöhnlich, dass sie willens sind, mit mir ein grundsätzliches Gespräch über den Sinn des Vererbens zu führen.

Es geht um Sicherung kommender Generationen, Sicherung von Ausbildung, Pflege, Bedürftigkeit, Existenzsicherung, Chancengerechtigkeit, Start und Entwicklung von unternehmerischen Aktivitäten etc.. Das ist alles nachvollziehbar. Es geht aber auch um die Unterhaltsfürsorge bis zum Tode und über die Selbstversorgung hinaus, um die Probleme mit Erbengemeinschaften, Gerechtigkeit, Familiengesellschaften und Familienverfassungen. Dann wird es spannend. Erbrechtliche Beratungen lassen es zu, dem Erblasser selbst Gelegenheit zu geben, sein eigenes privates und berufliches Leben anzuschauen und daraus weitere Handlungsalternativen abzuleiten. Der Ballast des Nachlasses wird plötzlich offenbar. Diese Last tragen viele Erblasser selbst, haben oft nicht mit ihren potentiellen Erben gesprochen, wissen aber schon um die Gefahr des Streits unter den Kindern und Enkelkindern, also den Nachkommen bzw. ahnen diese Gefahr zumindest. Und dies ist die Wahrheit. In vielen Jahren meiner Berufstätigkeit habe ich kaum eine, zwar durch den Erbfall vermögend gewordene, aber nicht heillos zerstrittene Nachkommenschaft erlebt.

Gibt es Alternativen? Wo sind diese zu finden? Die meisten Menschen haben neben ihren geschäftlichen Anliegen doch auch solche, die sie eigentlich auch gern verfolgen würden oder verfolgt hätten, sich aber wegen des Aufwands nicht getraut haben, diese umzusetzen oder glauben – trotz aller inneren Vorbehalte – es gelte „Family first!“ Die meisten Menschen denken zudem, dass das Vererben ein unabdingbarer familiärer Prozess sei. Das trifft allerdings in keiner Weise zu. Jeder potentielle Erblasser kann selbst, natürlich unter Berücksichtigung potentieller Ausgleichspflichten unter dem Stichwort Pflichtteilsansprüche, seinen Nachlass auch an bestehende familienferne oder noch zu schaffende gemeinnützige oder nicht gemeinnützige Einrichtungen vererben, Stiftungen von Todes wegen errichten usw. Er kann so dafür sorgen, dass nachhaltig etwas geschaffen wird, was ihm zu Lebzeiten auch ein – zwar nicht erfülltes – aber wichtiges Anliegen war oder hätte sein können.

Er regelt dies nun also doch noch schenkungsweise mit „warmer Hand“, z. B. bei Gründung einer Stiftung. Wenn es erforderlich sein sollte, bleibt es ihm gleichwohl unbenommen, daneben auch die Familie zu berücksichtigen und/oder zu beteiligen, überhaupt umfassend gestaltend tätig sein, potentiell eine Stiftung zum Gesellschafter seines Unternehmens zu machen usw. Die anfangs so ungeheuer wichtigen steuerlichen Fragen verändern sich im Verlauf einer erbrechtlichen Beratung, ggf. kann die Gründung einer Stiftung und die Beteiligung der Familie daran, dazu führen, dass der für Zuwendungen eingesetzte Gradmesser der Gerechtigkeit familiär ungeprüft bleiben kann und die Nachkommen nach dem Tod des Erblassers neben seinem Bild auch noch eine Kerze zu seinen Ehren entzünden.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski

Todesstunde

Mors certa – hora incerta. Alles Sterben ist menschlich. Dies ist eine Binsenweisheit, an der sich nicht nur Dichter, Philosophen und Überlebensstrategen abarbeiten, sondern, dies auch konkret jeder Mensch.

Wenn wir jung sind, sprechen wir, denken wir an die lange, sehr lange Zeit, die bis zu unserem Tode noch vor uns liegt. Der Tod ist nicht bedrohlich, er ist zwar als Zufall stets vorhanden, wird aber in der Regel nicht als eine konkrete Selbstgefährdung im Zusammenhang mit Alter und Körper angesehen. Und wie steht es mit alten Menschen? Da besteht auch Ungewissheit, gnädig soll der Tod schon sein, plötzlich ohne Fisimatenten, also ohne Krankheiten, lieber plötzlicher Hirntod als langes Siechtum.

Weil wir unseren Körper Zeit unseres Lebens allein auf der Funktionsebene kennen gelernt haben, misstrauen wir ihm, misstrauen uns, fremdeln mit allen Varianten der Erkrankung, machen ungern frühzeitig ahnende Bekanntschaften mit dem Tod vor seiner Endgültigkeit. Zur „richtigen“ Zeit soll er also dann schnell sein, schneller als unsere Gedanken, unsere Gefühle, unsere Schmerzen und unser Widerstand. Um der Ungewissheit zu entgehen, stürzen wir uns ins „offene Messer“, fallen in Kriegen, wollen den Tod kontrollieren, anstatt ihm ausgeliefert zu sein. Im Krieg zählt der Heldentod, Hölderlin wünschte sich nach Vollendung seines Gedichts ebenfalls den Vollendungstod. Aber wenn er uns gar zur falschen Zeit überrascht, uns zappeln lässt, uns durch längere drohende Krankheiten begleitet, uns seine Allmacht zeigt, dann ist er uns unheimlich.

Aber, wie steht es mit unserer Bereitschaft, der Ankunft des ungewissen Todes willkommend zu begegnen? Schwierig! Alles ist „wir“, unser Leben, unser Körper, unser Tod. Der Tod kommt in der Regel nicht sensenschwiegend von irgendwoher, sondern hält sich seit unserer Geburt in jeder Zelle unseres Körpers bereits auf, ein seinsimmanenter Abschaltmechanismus, klar zum Leidwesen unseres Bewusstseins und auch unserer Mitbewohner, der Mikroben, die sich tagaus tagein bemühen, die vielfältige Mechanik unserer Zellen am Laufen zu halten.

Ob sie auch von unserem Tod überrascht werden? Wahrscheinlich ahnen sie dessen Kommen viel eher und sorgen dann nach Erhalt der Botschaft für die verbindliche Aufgabe unserer Körperlichkeit. Die Seele fliegt davon? Nun ja, was so alles in der Todesstunde noch geschieht, wer weiß, jeder Mensch bleibt danach wesentlich auf Dauer.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski

Gärungsprozesse     

Stakkato, Antworten, wie aus der Pistole geschossen. Das Sprechen überholt das Denken, dies womöglich, aber sicher das Verstehen durch andere. Was hat sie, was er denn eben gesagt?

Mitdenkend versuche ich zu hören, zu erfassen und zu verarbeiten und so zu begreifen, um was es denn gehen mag. Oft scheitere ich. Zu schnell ist der Sprach- und Gedankenturm des Vortragenden gebaut, ist aber seine Statik auch klug berechnet? Um was geht es denn? Doch wohl darum, Vorkommnisse zu erfassen, diese zu verarbeiten, eigene Gedanken dazu zu entwickeln, Schlüsse aus Vorgetragenem zu ziehen, also fremde Gedanken mit den eigenen abzugleichen und das Erfahrene kreativ zu verarbeiten.

Wird dies im Sprachgalopp gelingen? Wohl kaum. Die Hefe muss doch gären! Der gedankliche Gärungsprozess benötigt Ruhe, die Hefe muss sich entwickeln, die Sprache muss sich also verlangsamen, Gedanken und Gefühle müssen reifen. Verlassen sie die Form, entwickeln sie sich weiter im Raum, greifen Impulse auf, ringen um Verständnis und Verstandenwerden, benötigen Zeit, sind aufnahmefähig und bereit, im Prozess des Gärens doch die Verdichtung zu erlangen, die das prächtige Werk erahnen, uns aber auch wissen lässt, dass jede prozessuale Missachtung der Gärung durch Eingriff in deren Prozess dazu führt, dass das beabsichtigte Werk misslingen muss. Handwerkliches Sprechen ist also gefragt.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski