Archiv für den Monat: Juli 2025

Grundsätzlich

Das Grundsätzliche, ist dies ein von uns normativ geschaffener Zustand oder ein bereits vorhandenes Prinzip in Erwartung einer Ordnung, die sich der Ursprünglichkeit des Grundsätzlichen bemächtigt? Wie aber ist Grundsätzlichkeit erfahrbar? Naheliegenderweise durch Sichtbarmachung seiner Wirkungsweisen.

Folgt das Grundsätzliche einer inneren Logik oder einer kategorischen Feststellung, die sie zu unserem Verständnis dann eher geschmeidig werden lässt? Um das Grundsätzliche zu erkennen, müssen wir zuweilen die Ausnahmen definieren, denn aus der Abgrenzung formen wir die Verbindlichkeit für einen bestimmten Zustand, den wir dann als grundsätzlich benennen. So ist das Grundsätzliche in gleicher Weise regelbasiert wie Ausnahmen als anerkannte Durchbrechungen des Grundsätzlichen, die durch ihre Benennung verhindern, dass unsere Anschauungen und Begrifflichkeiten insgesamt ins Wanken geraten.

Dies erleben wir bei vielen Beispielen des täglichen Lebens und der Politik, sei es bei der Schuldenbremse, im haushalterischen Bereich oder ganz profan bei der Ausnahmezigarette nach Erhalt einer guten oder schlechten Nachricht. Wie das Grundsätzliche stabilisierend wirkt, schafft auch das Regelausnahmeverhältnis eine notwendige Gesetzmäßigkeit in unserem Lebenszyklus, welche verhindert, dass wir verlernen, flexibel zu sein und dadurch weitere Möglichkeiten des Denkens und Handelns verkennen.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski

Sachverhalt

Es handelt sich um einen Kunstbegriff. Ein ausgewählter Teil unserer Wahrnehmung einer bereits spezifizierten Wirklichkeit wird so möglichst allgemeinverbindlich versprachlicht, dass er als Grundlage von Beurteilungen dienen kann. Diese schließen zwar unterschiedliche Handlungsoptionen nicht aus, grenzen aber den Gegenstand der Betrachtung gegen Unschärfen ab, welche die Wirklichkeit bietet.

Ein so eingegrenzter Sachverhalt lässt also unterschiedliche Handlungsoptionen zu, die gestaltend geeignet sein könnten, als ein Sprachraster für eine zu schaffende Wirklichkeit zu dienen. In diesem Sinne sind Sachverhalte Transmissionsbeschreibungen, die uns in die Lage versetzen sollen, einen Teil der Wirklichkeit sprachlich so zu kartographieren, dass Problemlösungen möglich werden, ohne bei der Beurteilung von der Totalität der Wirklichkeit sozusagen erschlagen zu werden. Die Totalität als ein stets im Werden und Vergehen befindliches zudem unscharfes Ganzes würde uns zwingen, unter dem Eindruck eines steten Perspektivwechsels zu handeln und jede unserer Wahrnehmungen mit einem Relativitätszeichen zu versehen.

Der eingrenzende Annahmecharakter des Sachverhaltes erlaubt es uns dagegen, einschränkende Blaupausen für Umstände zu schaffen, die eine Orientierung auf den angestrebten Handlungsfeldern erlauben. Herauszugreifen ist dabei die Bedeutung des Sachverhalts z. B. für die Justiz. Die Feststellung des Sachverhalts durch eine an Normen orientierte Aufklärung verschafft den Gerichten die Möglichkeit, im Zivilrecht streitende Parteien zu befrieden, also zugunsten der einen oder anderen Partei zu entscheiden oder im Strafprozess Angeklagte zu bestrafen. Um dies zu erreichen, wird vor Gericht eine künstlich, aber verhandelbare Wirklichkeit in Form des Sachverhaltes geschaffen.

Da Sachverhalt und Wirklichkeit nicht kongruent sind, wirkt sich das gerichtliche Handeln meist aber störend auf eine Wirklichkeit aus, die sich aufgrund der bestehenden Divergenzen in den zu leistenden Anforderungen herausgefordert sieht, die rechtliche Beurteilung eines Sachverhalts einschließlich der daraus abgeleiteten Konsequenzen den Normen anzupassen. Unter dem Druck dieser Anpassung werden zuweilen weitere inkompatible Sachverhalte geschaffen, so dass es mir nicht gewagt erscheint zu behaupten, dass insgesamt ein Großteil unserer Wahrnehmung auf dem Versuch der regelbasierten Einordnung unterschiedlicher miteinander konkurrierenden Sachverhalte beruht, die eine geschlossene implizit richtige Seinsbetrachtung ausschließt.

Allerdings eröffnet diese methodische Handhabung der Sachverhaltsanalyse auch die Möglichkeit, sich in der Wirklichkeit anpassungsfähig einzurichten. Soweit Sachverhalte als normative Grundmuster garantiert bleiben, ermöglichen sie uns ein verlässliches Leben. Eine Möglichkeit der Störung dieser Verlässlichkeit erwarte ich von der GAI. Die generelle allgemeine Intelligenz, insbesondere bei Anwendungen von Chat GPT, wird durch Prompten orientiert, also die Möglichkeit, Sachverhalte und deren Beurteilung so variieren zu können, dass eine Allgemeinverbindlichkeit der Betrachtung ausscheidet.

Die Wirklichkeit als Verhandlungsgegenstand ist durch die Einschränkung auf den Sachverhalt schon vorgegeben und wird durch die technischen Möglichkeiten zum Spielball der Betreiber und der Wirklichkeit so weitgehend entfremdet.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski

Überwindung

Welch´ Freude empfinden wir zuweilen dabei, alle Möglichkeiten des Erforschens auszuloten, über uns hinauszudenken und zu fühlen, zu spüren oder zu ahnen, was jenseits einer oft nicht sichtbaren, aber doch erkennbaren Begrenztheit noch vorhanden ist, was uns – gelänge uns der Zugang dazu – ermöglichen könnte, perspektiv unsere eigene Position anders zu sehen, also „verrückter“, nicht so eindeutig.

Die Unruhe, die unsere Unwissenheit erzeugt, schafft einerseits den produktiven Schwung, dem Forschungsdrang nachzukommen, andererseits aber auch oft Verdrießlichkeit bis hin zur Aggression, weil wir den Eindruck haben, die Hürden nicht zu überwinden, den Nebel nicht durchdringen zu können. In vielerlei Aspekten unseres Lebens, bestimmt durch Philosophie, Psychologie oder auch Religion, wollen wir das Grundsätzliche, das Wesenssein unseres Lebens berühren, aufdecken, das Rätsel lösen. Das ist zwar kompliziert, aber nicht aussichtslos.

Es gibt sie, die Erhabenheit des Gedankens, das wissende Gefühl, den Moment des Einsseins mit der eigenen und der fremden Existenz, dass sich jeglicher vorlauten Beschreibung verweigert. Wir erleben dies zuweilen in der Musik, in der Betrachtung eines Kunstwerks oder Wahrnehmung einer Stimmung in der Natur. Unsere Sprache vermag zwar, diese Momente zu verwalten, aber nicht zutreffend umzusetzen. Das ist zwar einerseits schade, aber auch ein Glück, denn das Mächtige des Erlebens ist zu mächtig für das sprachliche Moment und existiert stets ahnend und zögerlich in Grenzbereichen und stets auf der Lauer, diese zu überwinden.

Im Unbeschreiblichen, zu dessen Erfahren uns keine Instrumente, weder gedanklich, sprachlich noch gestisch zur Verfügung stehen, Analysen scheitern, erfahren wir unsere Begrenztheit, unsere Unfreiheit oder Unfähigkeit, die Weite eines Raums zu meistern, um das Labyrinth einer Idee durch Erweiterung unserer Vorstellungskraft zu ermöglichen.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski

Unersättlichkeit

Jeder von uns kennt diese Strophe: „Ich will alles und noch viel mehr“. Dass wir den Rachen nicht voll genug kriegen können, ist ein gängiges Klischee einer Gesellschaft, die inzwischen schwer unter ihrer Übergewichtigkeit leidet. Sie kann aber dennoch nicht ablassen von ihrer Gier nach immer mehr Seinsbestätigung in allen Lebensbereichen, sei es beim Konsumieren und Raffen nach Vorteilen auch auf Berufs- oder Vermögensebenen. Die Verwirklichung der persönlichen Bereicherung auf fast allen Gebieten muss als Lebensvergewisserung aufgefasst werden.

Dass dies zu Lasten andere Menschen geht, dem vermag ich mich nur dann zu stellen, wenn ich mir bewusst werde, dass das Leben ein Nullsummenspiel ist, denn je intensiver ich meine Unersättlichkeit pflege, desto höher ist der Preis, den ich für die Verwirklichung zu zahlen habe. Hilft Erkenntnis? Zurückhaltung? Selbstmitleid? Empathie? Wohl alles Fehlanzeige, denn die Unersättlichkeit wühlt sich wie ein Borkenkäfer durch den Stamm unseres Bewusstseins, wie die eines Nimmersatts, dessen Anspruch darauf beruht, eben entweder zu fressen oder gefressen zu werden.

In dieser Lebensgewissheit ist es mit der Stillung von Bedürfnissen und der Schaffung von Vorratslagern zur eigenen Absicherung nicht getan. Vorauf beruht aber das persönliche und auch gesellschaftlich schädliche Fehlverhalten? Der Mensch erfährt sich in seiner Gier meist als authentisch und ist nicht bereit, über seine Eigenschaften zu verhandeln. Er markiert seine Unersättlichkeit als Fortschritt, um seinem Leben einen zumindest opulenten Sinn zu verleihen.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski

Verzicht

Auf etwas zu verzichten, vermögen wir dann, wenn uns der Verzicht nicht schwer fällt und wir dazu auch die Möglichkeit haben. Verzichte sind meist ein Überflussthema. Sie entstehen bereits vor unserer Handlungsoptionen, aus der Entwicklung von Angeboten in einem konkret gefestigten oder auch bestimmbaren Raum, dessen Konturen unsere Haltung zu bestimmen vermögen. Verzichte können auf einer spontanen Entscheidung beruhen, aber auch strategische Maßnahmen sein.

Neben kognitiven Verzichtsplanungen spielen oft auch emotionale Spontanentscheidungen dabei eine Rolle. Dann erfolgt der Verzicht oft in der Auflehnung gegen einen warnenden Gedanken, der das Gegenteil befürwortet und der noch nicht gedanklich verarbeiteten Erwartung eines Vorteils. Menschen verzichten oft nicht überlegt, sondern oft volatil aufgrund einer nicht bewusst gewordenen körperlichen oder psychischen Disposition. Verzichte sind oft auch als Zwischenräume des Begehrens zu begreifen, eine aus der Wechselwirkung von Annahme und Ablehnung entstehenden Bedingtheit.

Planvoll eingesetzt, schaffen Verzichte Freiheit und ermöglichen Handlungsoptionen einer Entlastung von Aneignungsverpflichtungen, die sich moralisch und gesellschaftlich als fragwürdig einordnen lassen könnten. Wer verzichtet, erleidet in der Regel keine Verluste, sondern gewinnt aus der gewählten Option die Kraft für seine Realisierung neuer Unternehmungen, die dann durchaus regelbasiert ebenfalls wieder Verzichte als Möglichkeit des Handelns vorsehen.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski