Archiv für den Monat: August 2025

Aberwitz

Ein Witz ist es nicht, aber vielleicht doch ein göttlicher Spaß, dass unser imaginierter Erschaffer, vielleicht Gott, die Nabelschnur als Zündschnur des Lebens aber auch unserer Vernichtung im Moment unserer Geburt entflammte.

Wir sind nicht diejenigen, als die wir uns begreifen dürfen, sondern lediglich Verwalter eines unausdeutbaren Schicksals rätselhafter Lebendigkeit, die zudem aberwitzigerweise großteils allein auf einer sprachlichen Konkretisierung „Ich bin“ beruht. Natürlich versuchen wir, Leben zu verstehen und haben dafür Methoden und Vorstellungskraft, aber keine vermeintliche Erkenntnis hält letztlich einer universellen Schlüssigkeitsprüfung stand.

„Ja, aber …“ steht am Schluss jedes sich selbst erhellenden Gedankens und überlässt die ausdeutende Fortsetzung z. B. der Mathematik, der Physik, der Religion und vielleicht künftig wohl vor allem Chat GPT. Wir prompten dann Leben, Menschen, Universen oder Sonstiges und erfahren dazu eine Antwort, die uns die Maschine lehrt, als abschließend zu begreifen, alternativlos zu allen Eingaben, die Chat GPT als „Big Creater“ sich selbst zu prompten vermag. Das mag grotesk erscheinen, ist aber konsequent und gleichermaßen entlastend für uns, dass am Anfang zwar das Wort ist, wir sind, was gesagt ist, wir sehen, was gesagt ist und Worte uns aber auch verschwinden lassen können.

Was bleibt, ist dieser aberwitzige Impuls, mit dem alles begann, oder?

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski

Ahnung

Es mag paradox klingen, aber wir wissen bereits, was wir noch nicht wissen. Es liegt was in der Luft! Tiere ahnen es, bereiten sich darauf vor, drohenden schlimmen Ereignissen zu entgehen, dies in der Regel durch Fluchtversuche. Auch wir ahnen bedrohliche Umstände, bevor diese sich offenbaren. Unsere Ahnungen beruhen auf vorhandenem Wissen, aber auch auf der Einschätzung des Verhaltens anderer oder sich ändernder Umstände.

Erstaunlich ist dabei aber, dass sich diese Einschätzung oft mit einem Abwehrverhalten paart, dass es doch so schlimm nicht werden könne oder man unentdeckt bleiben würde. Durch Ahnungsunterdrückung wird die erwartbare und bereits schon gedanklich oder emotional gescannte Zukunft ausgeblendet, in der Hoffnung, ein bestimmtes Ereignis werde nicht eintreten oder natürlich ganz im Gegenteil, dass mit einem Ereignis zu rechnen sei. Trifft das erahnte Ereignis ein, so erfährt es programmatisch eine Einordnung, als habe es stets konkret erwartete Eigenschaften aufgewiesen. Wenn sie wahr werden, verändern sie Ereignisse. Im Vorfeld ihres Erscheinens sind Erwartungen unbequem, fordern zum Handeln auf, sind schwer zu kommunizieren und ungeduldig.

Die Erwartungen von Tieren leiten wir aus ihrem Verhalten ab. Wir Menschen neigen dazu, unsere Ahnungen situativ zu instrumentalisieren und werden von Ereignissen meist überrascht, wenn sie eintreten.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski

Chaos

Dürfen wir Chaos als Chance begreifen? Wohin wir schauen, ob in die USA, nach Russland oder Israel, überall gewinnen wir den Eindruck, dass Unvernunft, Willkür und absurdes Handeln ein Chaos anrichten.

Ja, das ist furchtbar, aber auch rätselhaft und trotz all dem damit verbundenen Leid faszinierend: Warum machen Menschen das? Wir werden aufgeweckt, Menschen und ein Weltenrätsel zu studieren, um neue Erfahrungen zu machen und dabei die Komplexität unseres Seins zu ergründen. Ein Beispiel: Kaum eine Mutter bringt Kinder auf die Welt, damit sie wieder sterben, meist zudem vor den Eltern. Keiner will in der Kürze seines Lebens hungern, dürsten, eingesperrt oder gefoltert werden. Und doch all das passiert.

Jeder, der dazu eine Chance hat, will sich in der Kürze seines Lebens so einrichten, dass es ihm gelingen möge, alt zu werden, dabei sowohl beruflich, als auch privat diejenigen Annehmlichkeiten zu erfahren, die ihm seine jeweilige Umgebung gewähren kann. Es entspricht dem Wesen des Menschen stets auf der bright, d. h. auf der „Right Side of Life“ zu sein und zu verhindern, dass der persönliche Friede vermeidbar gestört wird. Und er wird gestört. Die Welt befindet sich in Aufruhr, Kriege, auch Handelskriege, verursachen Chaos. Die Regeln scheinen zur Disposition gestellt zu sein.

Eine Verlässlichkeit scheint zumindest international, aber auch im engeren politischen Raum abhanden gekommen zu sein. Diese Erfahrung wirkt wie eine Brandung, die uns umzuwerfen in der Lage ist, aber seltsamerweise verhindert sie auch die Abstumpfung und schärft unsere Sinne für das andere Mögliche. Aus dem Chaos zu lernen bedeutet, unser Verhalten als Mensch sowohl privat, als auch beruflich und insgesamt gesellschaftlich zu überdenken und daraus Handlungsinitiativen abzuleiten, die eine erweiterte Lebensgewissheit aller Menschen festigt.

Mit Appellen ist es nicht getan und Kriege wird es immer geben, Auseinandersetzungen und Streitereien sind an der Tagesordnung, aber das durch das Chaos deutlich werdende Mahnzeichen, die Konsequenzen unseres Handelns zu bedenken, wird zu einer anders strukturierten konkreten Einsicht führen, dass künftige, noch nicht geborene Generationen die Möglichkeit haben wollen, uns zu überleben.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski

 Freizeichnung

Von Versuchen der Selbstentlastung möchte ich berichten. Als ich 1963/1964 als Austauschschüler unter anderem am Gemeinschaftskundeunterricht meiner Schule teilnahm, bemerkte ich zu meiner Überraschung, dass der Lehrer in der 1. Stunde „I am not a communist.“ an die Tafel schrieb. Obwohl mir natürlich die McCarthy-Ära noch geschichtlich gegenwärtig war, verwunderte ich mich darüber sehr und sprach ihn an.

Er war erkennbar kein Kommunist und niemand hielt ihn für einen solchen, es war daher wohl eine eher präventive Freizeichnung von etwas, was er möglicherweise meinen, denken oder sagen könnte. Obwohl sich die Zeiten geändert haben sollten, so bleiben uns die unterschiedlichsten Zuweisungen und Entlastungsbemühungen erhalten. Die zeitgegenwärtigen Zuweisungen sind uns hinlänglich geläufig und auch wir sind stets bemüht, diesen zu entgehen, weil sie oft schwerwiegende persönliche und berufliche Konsequenzen haben können.

Um was mag es denn bei diesen Wechselwirkungen gehen? Derjenige, der Zuweisungen ausspricht, also jemanden an den Pranger stellt, wird zunächst davon entlastet, dass jemand denken könnte, er gehöre auch dazu. Derjenige, der versucht sich präsumtiv von einem Vorwurf zu entlasten, also einem solchen, der noch überhaupt nicht ausgesprochen wurde, zeigt sich einerseits schuldbewusst, was auf Vergebung hoffen lässt, andererseits aber den Argwohn erweckt, dass an möglichen Vorwürfen noch mehr dran sein könnte, als bereits bekannt. So wirkt der Versuch der Freizeichnung wie ein Bumerang, schafft erst Verdächtige und gewährt denjenigen, die selbst nicht ins Fadenkreuz eines Verdachts gelangen wollen, für unsichere Chancen, ihrerseits prozessuale Vorteile zu erlangen.

Dass die Rechnung nicht aufgeht, wissen wir aus vielfältiger geschichtlicher Anschauung. Die Revolution frisst ihre Kinder und fast jede Verdächtigung kehrt über kurz oder lang zu ihrem Urheber zurück. Weder Freizeichnung benötigt Verdächtigungen, noch sind sie erfolgversprechend, wir können nur hoffen, von dem Radar der Allwissenheit nicht erfasst zu werden.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski