Archiv für den Monat: Oktober 2025

Monster

Alexander Kluge hat in einem Interview, veröffentlicht in der Zeit am 02.03.2022, gesagt, dass der Krieg ein „Monster“ sei. Das leuchtet ein und erschreckt, aber meines Erachtens hat er damit eher das Monströse des Krieges selbst benannt, nicht die Täter, die hinter dem Kriegsgeschehen stehen.

Ich halte dagegen, nicht der Krieg ist das Monster, nicht der von Helden zu bezwingende Drache. Es gibt nichts, von dem die Menschen sich distanzieren könnten, sondern Krieg ist unser monströses menschliches Versagen. Versagen vor den Möglichkeiten zu überzeugen, sich argumentativ oder emotional überzeugend durchzusetzen. Krieg ist der Versuch, das eigene Scheitern nicht sichtbar werden zu lassen oder dieses zu kompensieren, dem eigenen Versagen sogar den Nimbus des Historischen zu verleihen.

In der Geschichte hat dies meistens leider gut geklappt. Krieg ist aber ein Täuschungsmanöver. Wer Krieg führt, versteht, andere zu blenden und in der Steigerung des Einsatzes seiner Waffen seine eigenen Schwächen zu verbergen. Wenn eine eingeschränkte Argumentationsfähigkeit seit jeher Kriege begünstigt, wie können dann Kriege verhindert bzw. beendet werden?

Meines Erachtens durch Zuhören, selbst wenn dieser Versuch angesichts des ungeheuren kriegerischen Gemetzels mit vielen Toten und Verwundeten naiv aussehen mag. Zuhören bedeutet, dass Kriegsparteien ihre Argumente vorzubringen haben, selbst dann, wenn man sie angesichts des anzurichtenden Grauens eigentlich nicht mehr hören kann und will. So könnte es im Falle Russlands und der Ukraine sein, dass der Verlust des gemeinsamen Kulturraumes aus russischer Sicht maßgeblich für den Krieg ist. So wird es zumindest behauptet. So wäre zu überlegen, wie sich dieser Kulturraum wieder herstellen ließe, ohne die wirtschaftlichen, militärischen und gesellschaftlichen Interessen der Ukraine gegenüber Russland zu verletzten?

Meines Erachtens zunächst durch die Wiedereröffnung religiöser und kultureller Gemeinsamkeiten ähnlich einer kulturellen Konföderation, die beiden Seiten das gibt, was ihnen am Wichtigsten ist. Trotz der vielen sinnlosen Toten müsste ein Mediator berufen werden, der versucht, nicht nur einen Status quo zu schaffen, sondern durch wechselseitige Angebote die Möglichkeit eines Miteinanders zu ermöglichen, einen gemeinsamen Nenner zu finden, anstatt auf einer Kriegsschuld Russlands und der Darstellung des ukrainischen Leids zu beharren.

Kriege sind nicht zu gewinnen. Es sind grausame Gespenster unserer Hilflosigkeit. Immer dann, wenn wir uns nicht verstanden sehen, dies nicht wollen und die Bereitschaft verloren haben, uns selbst in Frage zu stellen und auf den anderen zuzugehen, werden Monster uns bestimmen. Da müsste etwas zu machen sein?

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski

Überforderung

Seit mehr als 50 Jahren bin ich als Jurist, Rechtsanwalt und über mehrere Jahrzehnte hinweg auch als Notar tätig. Ich habe auf vielen Rechtsgebieten gewirkt, im Strafrecht, Zivilrecht, Verwaltungsrecht, Sozialrecht, Familienrecht, Erbrecht und Stiftungsrecht, um nur einige meiner Erfahrungsgebiete zu benennen. Gedanklich hatte ich mich dabei nicht nur mit einer unermesslichen Zahl von Rechtsvorschriften auseinanderzusetzen, sondern auch mit vielen Entscheidungen von Gerichten, die unter Zugrundelegung der gleichen Rechtsvorschriften zu ganz unterschiedlichen Ergebnissen bei der Beurteilung menschlicher Anliegen gekommen sind.

Die Rechtsschöpfungsakte des Gesetzgebers in den Parlamenten, die Anweisungen und Verordnungen der Regierung, der Verwaltung, die Urteile der Gerichte, hinzukommend auch alles, was in der EU geschieht, halten wir für normal, unausweichlich und sie stellen unsere Erfahrungen meist nicht grundsätzlich in Frage. Dass ist sicher auch vernünftig, nur habe ich bisher niemals eine Mahnung gehört oder einen Aufsatz in Fachzeitschriften dazu gefunden, dass der Mensch durch diese Flut von Rechtsvorschriften, gerichtlichen Betrachtungen und sonstigen Rechtsmeinungen überfordert sein könnte. Wir erkennen auch und drücken umgangssprachlich aus, dass der Mensch versucht, sich durch das Leben zu schlagen. Es sind genau diese Gesetze, Verordnungen und Entscheidungen, die ihm dabei helfen, aber oft auch das Gegenteil bewirken, weil sie zu seiner Vorstellungswelt und seiner Wirklichkeit nicht passen. Sie erzeugen Druck.

Aber anstatt dies zu thematisieren, werden ohne Rücksicht auf das Judiz, also das menschliche Verständnis des Rechts permanent, weitere Rechtsvorschriften erlassen und unerbittlich dafür gesorgt, dass diese auch umgesetzt werden. Statt eine bestimmte Elastizität zuzulassen, werden die rechtlichen Netze, in denen sich der Mensch verfangen kann, immer enger geknüpft. Ist es dann nicht verständlich, dass sich der Mensch um persönliche, ggf. auch unternehmerische, sogar insgesamt gesellschaftliche Befreiungsalternativen bemüht und Hilfe dort sucht, wo ihm Vereinfachung und Abhilfe versprochen wird?

Dies mag oft sicher auf einem Täuschungsmanöver von Rattenfängern beruhen, wirkt allerdings erfolgreich und sollte uns zum Nachdenken darüber bringen, ob eine resiliente Gesellschaft sich nicht eher auch um freie Räume und flexiblere rechtliche Kooperationsformen bemühen sollte, anstelle alles und jedes auf menschlich kaum mehr nachvollziehbare Art und Weise regeln zu wollen und jeden Regelverstoß zudem mit Schadensersatzansprüchen usw. zu sanktionieren. Wir müssen wieder dazu finden, dass der Mensch die Gesetze als sinnvolle Orientierung seines Handelns versteht.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski