Archiv für den Monat: Januar 2026

Aufruhr

Die Welt ist in Aufruhr, nicht nur in den großen klimatischen, wirtschaftlichen oder politischen Betrachtungen, sondern auch in der Wahrnehmung der kleinsten politischen Einheit, dem tatsächlichen oder virtuellen Stammtisch. Um was geht es dabei zunächst?

Vor allem um das Versagen der Politiker. Diese machen alles falsch, und zwar nicht nur diejenigen, die man nicht gewählt hat, sondern auch diejenigen, die man gewählt hat. So etwa lautet das Präludium: „Es kann doch nicht sein ….“. Wir alle kennen das. Der Stammtisch wird gepflegt, ob bei dem realen Zusammentreffen von Menschen, in den Medien, vor allem in social media. Warum ist das so? Wir könnten doch eigentlich dankbar sein für Politiker, die uns davon entlasten, selbst handeln zu müssen, die ein Stück weit unsere eigene Verantwortung zu der ihren machen? Funktioniert wohl generell nicht.

Auch zum Beispiel beim Fußball machen Trainer wie Mannschaft aus der Sicht der Zuschauer eine Menge falsch und doch wollen wir nicht auf dem Platz stehen, um dem Ball hinterherzulaufen. Wir wollen auch nicht anstelle des Kanzlers und seiner Minister permanent gefordert sein, durch die Gegend fliegen, schwierige Gespräche führen, um dann noch in den Medien ständig Rede und Antwort stehen zu müssen. Ich selbst kann dies jedenfalls für mich ausschließen und ich glaube, dass doch recht wenige Menschen, die Leidensfähigkeit aufbringen, vergleichbare gesellschaftliche Verantwortung zu übernehmen. Menschen, die Verantwortung übernehmen, entlasten uns aber nicht nur durch ihr Tun, sondern ermöglichen es uns auch, selbst andere Aufgaben zu übernehmen und ein Leben zu führen, dass unseren Neigungen entspricht, das womöglich nicht im selben hohen Maße von der öffentlichen Wahrnehmung bestimmt ist.

Deshalb sollten wir versuchen, die Aufruhr in dieser Welt nicht anderen anzulasten, sondern zu verstehen, dass Gemeinschaft jeden Menschen zum Verständnis und auch zur Zurückhaltung verpflichtet. Das bedeutet nicht Verständnis mit jeder Entscheidung, die andere für uns treffen, aber zur Abwägung unserer Reaktionen selbst dann, wenn wir anderer Meinung sind.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski

Follower

Hannemann geh du voran, wir folgen … Niemandem muss ich wohl erklären, was unter Followern zu verstehen ist. Da sich junge Menschen damit brüsten, wie viele Follower sie auf sozialen Medien haben, verblüffte mich kürzlich eine Werbung, auf der zu lesen war: „Feierfreunde statt Follower“. Sind damit die Follower wieder aus der Zeit gefallen, sozusagen mega out?

Natürlich kann das sein, aber was das Verhalten selbst angeht, kaum wahrscheinlich. Seit Menschengedenken hat schon immer jemand geführt oder wurde zum Führen gebracht und andere mussten oder wollten folgen, weil sie sich Vorteile und Schutz davon erhofften, sich in der Gefolgschaft oft auch aufgrund ihrer eigenen Strategie einordneten. Wer folgt, kann dabei sein, ohne dabei sein zu müssen, wenn der Wind sich wieder dreht.

Ohne Gefahr ist die Gefolgschaft aber nicht: Lemminge erkennen oft nicht den Abgrund, der sich vor ihnen auftut, wenn sie anderen folgen. Social Media Followers füttern und fördern fremde Accounts und das soziale Prestige anderer. Dies mit ihren Daten und sogar mit Geld, leben dabei mit der Ungewissheit hinsichtlich ihrer eigenen Bedeutung und können auch auf sich ändernde Verhältnisse meist nicht mehr selbstbestimmt reagieren. Wenn der Wind sich dreht und der Account abgeschaltet wird, was bleibt dann für den Follower: Enttäuschung, Hilflosigkeit und Trotz, der sich allerdings nicht gegen den Verführer, den Influencer und Bestimmer richtet, sondern gegen all diejenigen, die nicht gefolgt sind und dadurch das kollektive Handeln geschwächt haben.

Sprichwörter sind verlässlich: Es prüfe, wer sich ewig bindet, ob er nicht etwas anderes findet. Dies gilt für Freundschaften, Begegnungen in der Wirklichkeit in gleichem Maße, wie auf Social Media, das Miteinander auf Augenhöhe, Gemeinsamkeiten, die auf Verabredungen beruhen, Verhalten und Korrekturen zulassen. Dazuzugehören ist keine Frage der Quantität, ausgelöst durch einen Click des Followers, sondern wird durch die menschliche Qualität von eigenständiger Prüfung vermittelt.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski

Kulturwandel

Die Feststellung eines Wandels ist dann denklogisch möglich, wenn zunächst eine bestimmte prägende Zuweisung eines Zustandes erfolgt ist. So kann ich von einem Kulturwandel auch nur dann sprechen, wenn ich mir nicht nur subjektiv, also aufgrund meiner augenblicklichen Empfindungen eine veränderte kulturelle Einschätzung erlauben, sondern objektive Anhaltspunkte dafür benennen kann. Das sollte außerordentlich schwer fallen, da das kulturelle Verständnis kein objektiver Seinszustand ist, insbesondere nicht allein der Beschreibung phänomenologischer Eindrücke gehorcht, sondern seine Wesenheit aus einem zeit- und umstandsbedingten angereicherten ewigen Menschenverständnis speist.

Nun will ich von den allgemeinen Betrachtungen zur Beleuchtung von Beispielen gelangen und mich dabei auf die derzeit oft benannte auch kulturelle Dimension von Veränderungen in Russland und den USA beziehen. Diese dienen gegenwärtig als prägende Anschauung kultureller Veränderungen, weil die diese Länder ausmachenden Dimensionen auf allen Gebieten so bedeutend sind, dass ein potentieller Kulturwandel kein nur binnengesellschaftlich leicht abzuhandelnder Vorgang wäre.

Das ist klar: Was in diesen Ländern geschieht, das bewegt uns alle. Da deren Kulturen sich schon bisher jeder Fixierung entziehen, bleibt festzuhalten, dass es weder eine eindeutige Ausgangslage, noch eine eindeutige zeitgegenwärtige Benennung eines Wandels für diese Länder geben kann. Vielleicht wird dies retrospektiv irgendwann möglich, gegenwärtig ist dies aber ausgeschlossen. Was wir allerdings feststellen können, sind statistische, d. h. an Zahlen festzumachende Entwicklungen, die erfahrungsbasiert Gradmesser von Veränderungen sein können. Dies gilt für alle Kulturen, kann derzeit aber für Russland und die USA exemplarisch in besonderem Maße angewandt werden.

Dabei ist in beiden Ländern die Ausgangslage völlig unterschiedlich. Wenn wir bedenken, dass Kulturen keine ad hoc gesellschaftlichen und schon gar nicht politischen Zustände sind, sondern auf Erfahrungen und Handlungen beruhen, die Menschen seit jeher prägend einbringen, werden die Schwierigkeiten offenkundig. Während wir es in den USA zum Beispiel mit einer recht jungen Gesellschaft zu tun haben, einer Gesellschaft, die durch den Prozess beständiger Migration geprägt wird, ist die Bevölkerungsmigration in Russland schon seit Längerem wesentlich eingeschränkt. Damit ist sowohl der kulturelle Seinszustand, als auch das Veränderungspotential hinsichtlich eines Kulturwandels in den USA und in Russland völlig unterschiedlich zu bewerten.

Sie können nicht übereinstimmen, denn Russland hat aufgrund seines lange zurückreichenden kulturellen Gedächtnisses selbst bei gleichen objektiven strategischen Herausforderungen im politischen, wirtschaftlichen und militärischen Bereich andere Verhaltensweisen als diejenigen in einem Einwanderungsland, wie den USA. Wird zudem ausgehend von der Kosten-Nutzen-Erwartung jedes einzelnen Menschen eine Relation geschaffen, die auf die primäre Schaffung von Vorteilen gerichtet ist, gibt es auch hier signifikante Unterschiede. Wer nur seinen Vorteil im Auge hat, kann auch flexibel auf Nachteile reagieren und seine Haltung ändern, wenn er glaubt, dass er anders vorteilhafter zurecht käme. Russland kann dagegen keine Verluste akzeptieren, weil es langwierig und mühevoll war, sich in der Welt zu behaupten und die kulturellen Errungenschaften zu sichern bzw. auch wirtschaftliche Verluste, die stets als schmerzhaft empfunden worden sind, wieder auszugleichen.

So können die USA mit ihren Potentialen und auch mit ihren Verlusten eher situativ, ja sogar spielerisch umgehen, Russland dagegen niemals. Jede zugelassene Gefährdung des russischen Selbstverständnisses hätte den Zerfall der mühevoll verteidigten Identität zur Folge. Dies nicht etwa als das Schreckgespenst einer von außen drohenden Zerstörung, sondern eine Aufweichung des inneren kulturellen Sinns des Landes. Dieser beruht auf der Kohärenz des Denkens, Handelns und Glaubens nach Mustern der Einheitlichkeit und nicht der Vielfalt. Die USA sind dagegen als amerikanisch verfasste Gesellschaft kulturell flexibel und stets bereit, Neuem und Veränderungen eine Chance zu geben und diese auch in den Lebensentwürfen als eine erfahrbare Veränderung der Kultur mit einzubauen. Die Erkenntnis der Unterschiedlichkeit könnte als Bereicherung und Schlüssel einer Verständigung generell bei allen Gesellschaften und Kulturen genutzt werden.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski

Salonkultur

Wehmütig und anerkennend wird sie vielfach erwähnt, ja sogar gefeiert: die Berliner Salonkultur einer Rahel Varnhagen von Ense zu Beginn des 19. Jahrhunderts. Der Salon verkörperte die ungezwungene Begegnungsstätte eines produktiven Meinungsaustauschs eines bestimmten Gesellschaftskreises zu zeitgegenwärtigen, dabei auch zeitkritischen und vergangenheits- als auch zukunftsreflektierenden Themen. Vielfach wurde dieses seinerzeit entwickelte Format zweckentsprechend aufgenommen, kopiert, angepasst an die jeweiligen Bedürfnisse. Was machte aber die Salons jenseits ihrer bezeugten inhaltlichen Auseinandersetzung so bedeutsam, dass sie bis heute als Format von einer fast mythischen Erinnerung begleitet werden?

Ich wage zu behaupten, nicht von der Zuwendung, sondern von der Abgrenzung. Von der Abgrenzung gegenüber Menschen, Gedanken und Verhaltensweisen, die nicht mit der Grundeinstellung der Gastgeberin und der geladenen Teilnehmer kompatibel waren, insbesondere der verabredeten Bereitschaft, nicht hemmungslos über das Erfahrene, das Erwogene, die ausgetauschten mutigen Gedanken, selbst, wenn diese fragwürdig waren, in aller Öffentlichkeit, sobald die Türen des Salons wieder geschlossen waren, zu schwadronieren.

Der Salon war ein geschützter Raum. Das Vertrauliche war die beständige Verlässlichkeit dieser Zusammenkunft für die Teilnehmer. Der Salon war sicher elitär, konnte aber auch produktiv wirken, weil die Waghalsigkeit eines Gedankens nicht sofort der Öffentlichkeit ausgeliefert wurde. Es gab das Selbstbestimmungsrecht des Denkenden und Sprechenden hinsichtlich dessen, was er sagte. Und wie ist dies heute? Sozusagen als Gütesiegel bestimmter Zusammenkünfte in einem etwas engeren und intimeren Kreis werden die Teilnehmer gebeten, die Regeln der Chatham House Rules einzuhalten, d. h. nichts vom Benannten und Vorgetragenen unter Benennung der jeweiligen Person und des Anlasses nach außen zu kommunizieren, soweit der Urheber selbst das Gesagte nicht als veröffentlichbar gekennzeichnet hat. Aber ist das schon Salonkultur?

Ich glaube nein! Es soll nur ein gehobenes, scheinbar elitäres Gespräch benennen, das sich von der Beliebigkeit des allgemeinen Geschwätzes abhebt. Tatsächlich ist aber kaum mehr etwas vertraulich, selbst in kleineren Gesprächsgruppen beherrschen die digitalen Formate den Gesprächsverlauf, sind dazugeschaltet, hören, verarbeiten, kommunizieren, verraten, speichern, nivellieren usw. Und die Geheimnisse des Salons?

Heute umfassend Fehlanzeige. Dabei wären diese wichtig, um drängende Themen frei und offen, ohne sofortige Außenwirkung, Kontrolle und Reaktionen zu diskutieren, zu verarbeiten und dabei argumentative Risiken einzugehen, Erkenntnisse zu stipulieren und Visionen zu beschreiben, Gedankenkonstrukte zu entwickeln und Handlungsempfehlungen zu postulieren. Wenn wir dies erkennen, dann lasst uns also Gamechanger sein, Salons schaffen, ohne elektronische Devices, die Muße des Austauschs beim Zuhören und Sprechen pflegen, dies ergebnisoffen, aber erkenntnisreich und jedem vorschnellen Ergebnis der Gedanken widerstehend.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski