Archiv für den Monat: Februar 2026

Ruhe

Ach, ich bin des Treibens müde!
Was soll all die Qual und Lust?
Süßer Friede,
Komm, ach komm in meine Brust!

Oder:

Über allen Gipfeln
Ist Ruh‘,
In allen Wipfeln
Spürest Du
Kaum einen Hauch;
Die Vögelein schweigen im Walde.
Warte nur! Balde
Ruhest du auch.

Ob „Wanderers Nachtlied“ oder „ein Gleiches“, jedenfalls von Goethe, der sich um äußere Ruhe bemühte, aber auch um die Herstellung einer inneren Ruhe als Brutstätte neuer Schöpfungsakte. In unruhigen Zeiten politischer, gesellschaftlicher oder persönlicher Provenienz erscheint Ruhe wie ein Fremdwort, bei einer Menschheit, die in Auseinandersetzungen und Kriegen lebt, begrifflich oft unbekannt und gar störend.

Wer Ruhe erfährt, lernt aber zu beobachten: andere, sich selbst und anders zu beobachten, gelassen zu sein. Ruhen scheint uns aber gefährlich, weil es Gewohnheiten in Frage stellt, die uns Menschen zum Nachdenken, Grübeln und sogar zum Zweifeln bringt. Ruhe bedeutet allerdings auch Aufbruch, der Beginn einer Entdeckungsreise, die nicht nur von Gedanken geführt wird, sondern den Menschen mit allen seinen Sinnen dazu einlädt, Neues zu erfahren durch die Bereitschaft, sich gegenüber sich selbst und anderen zu öffnen. Unbestreitbar ist dies ein Wagnis, aber wenn die Ruhe den Blick auf das Unfertige, das Gewagte erlaubt, dann ist sie auch in der Lage, neue Erfahrungen so zu konstruieren, dass sie den Menschen freimachen von der Treibjagd des Lebens, Frieden verschaffen und ein vollendbares Leben erlauben, ohne auf die Unwägbarkeit stetigen bemühten Handelns zur Betäubung angewiesen zu sein.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski

Wahrnehmung

Etwas wahrzunehmen stellt sich für mich als ein Aufbruch zum Feststellen, Reflektieren, Merken und schließlich Handeln dar. Die Aufmerksamkeiten, die ich Dingen und anderen Menschen schenke, ergreifen ihrerseits das Wort, sprechen mit mir, bieten mir Unterhaltung, geben Fingerzeige, und zwar übrigens selbst dann, wenn ich ruhe oder schlafe, denn meine Wahrnehmungsmöglichkeit reicht über das Offensichtliche hinaus. Ich darf darauf vertrauen, was mir mitgeteilt wird, wenn ich die Bereitschaft habe, das Wahrzunehmende zuzulassen.

Die Eigenwahrnehmung ist dabei sicher auch von Bedeutung, aber vor allem die Wahrnehmung von Anderem, Fremdem, anderen Menschen, ihren Gedanken, ihren Handlungen und alles, was sie damit ausdrücken. Wahrnehmung ist der Kosmos der Empfänglichkeit und konfiguriert die Bereitschaft, Erfahrungen zu machen, die über eine profunde Kommunikation hinaus reichen, weil sie ein Gespür, also eine sensible Haltung gegenüber jeglichem Kommunikationsangebot mit einschließen. So wenig KI-Modelle wahrnehmungsfähig sind, vermögen auch keine allein aus Meinungen abgeleitete Selbstbestätigungen Erfahrungen zuzulassen, die dem Menschen ein Wahrnehmen jenseits des Offensichtlichen erlauben. Dabei verfügt der Mensch über alle Sinne, die ihm das alles erlauben würde. Es ist jedoch unerlässlich, diese Fähigkeit auch auszubilden, deren Einsatz zu pflegen und bekannte Verhaltensmuster dabei in Frage zu stellen.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski

Zuordnung

Unsere Welt erfahren wir, indem wir unsere Wahrnehmungen benennen. Begrifflich sind dies Lebewesen, Sachen oder Zustände, die wir unserer Welt zuordnen. Wahrnehmend erkennt der Mensch eine Ordnung in der Inbezugsetzung von Dingen und Lebewesen, die als Gesetze beschrieben werden und als Blaupause für die Verrechtlichung unserer Welt dienen. Alles, was wir wahrnehmen und gestalten, folgt einem Kanon des Rechts, dem wir eine Verbindlichkeit verleihen. Wir benennen das Rechtssubjekt und das Rechtsobjekt und leiten davon unsere Ansprüche ab, strukturieren das Fassbare und Unfassbare nach unseren Regeln. Um dies zu tun, begreifen wir uns selbst als Rechtssubjekte und alles andere als Rechtsobjekte. Dass wir uns dabei auf Kollisionskurs mit den Gesetzmäßigkeiten der Natur begeben, ist uns wohl bewusst, doch vertrauen wir weitestgehend auf unser Zuordnungsrecht und unsere Eingriffsmacht.

Verschafften uns bisher Gesetze, Regeln, Legalität und Legitimität den Zuordnungsrahmen im Umgang mit der Wirklichkeit, ist so nun zu erkennen, dass getrieben von wissenschaftlichen Erkenntnissen unter Vermeidung einer Apriori-Festlegung des gewünschten Ergebnisses, wir feststellen, dass sich die Rechtssubjektivität zugunsten Anderem verschiebt, seien es Tiere, Pflanzen, Materie oder generelle Zustandsformen.

Die Entdeckung der zum Menschen konkurrierenden Rechtspersönlichkeiten hat bereits begonnen und drückt sich durch Schutzrechte aus, die Lebewesen wie auch Gegenständen oder Aussagen verliehen werden. Dies ist allerdings vordringlich der Versuch, dem Imperativ des anderen Seins durch unsere eigene Zuordnung zu begegnen. Denkbar ist, dass KI das Stimmrecht jedoch insgesamt verändern wird und der Mensch mit der Schaffung seiner rechtlichen Zuordnung in Konkurrenz zur Rechtsimmanenz anderer Lebewesen, Gegenstände und Manifestationen, die uns das alleinige Bestimmungsrecht streitig machen, gerät. Diese Entwicklung würde uns die Chance eröffnen unter Anerkennung der Rechtssubjektivität aller Lebewesen und Gegenstände sowie der von ihnen geschaffenen Zustände, neue Verbindlichkeiten für das Zusammenleben zu erarbeiten.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski

Lebensplan

Lohnt sich für den Menschen angesichts des unvermeidlichen Sterbens die Geburt? Der Mensch ist nicht in der Lage, das zu vollenden, was er angefangen hat, sein Leben. Die Rechnung geht für ihn niemals auf, denn das, was er schafft, was er in seiner Lebenszeit zur Gesellschaft beiträgt, kommt anderen zugute. So profitiert er aber auch zu Lebenszeiten vom Handeln anderer und auch denjenigen, die vor ihm schon auf der Welt gewesen sind. Und doch stellt sich die Frage, geht die Lebensrechnung auf? Für den einzelnen Menschen eher nicht, angesichts von Kriegen, Krankheiten und vergleichbaren Belastungen. Aber dann, wozu leben? Wäre es nicht besser, wir wären nicht da und würden auch nie geboren? Ist der Mensch für die Welt an sich nützlich, gar erforderlich? Da bin ich skeptisch angesichts aller vom Menschen ausgehenden Gefahren für Umwelt, Natur und andere Lebewesen. Und doch freuen sich die Eltern in der Regel auf ihr Kind, wenn gleich sie dabei ausblenden, dass sie mit der Geburt bereits das Kind – also den werdenden Menschen – seinem eigenen Schicksal überantworten. Dieses Schicksal ist es, wieder zu sterben, nachdem er sozusagen in einer Endlosschleife vergleichbare Herausforderungen des Lebens zu bestehen hatte, wie sie selbst. Jede Mühe, jede Ablenkung und jeder Genuss wird vom unweigerlichen Tod begleitet. Also, warum sollten wir leben und Leben weitergeben, Kinder gebären, wenn mutwillig durch Kriege, krankheitsbedingt oder altersbedingt das Ende unweigerlich folgt? Es gibt keine befriedigende Erklärung. Es gibt keinen Grund für das Leben statt trotz aller Herausforderungen und Belastungen dennoch zu leben, zu leben in der Wehmut und dem Schmerz, einer mit der Geburt bereits gestifteten Endlichkeit. Die darin liegende Sinnlosigkeit ist wohl das Kostbarste unserer Existenz, denn diese teilen wir nicht nur mit dieser Welt, sondern mit dem ganzen Universum. Dies macht jeden Tag unseres Lebens so einzigartig.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski