Lebensplan

Lohnt sich für den Menschen angesichts des unvermeidlichen Sterbens die Geburt? Der Mensch ist nicht in der Lage, das zu vollenden, was er angefangen hat, sein Leben. Die Rechnung geht für ihn niemals auf, denn das, was er schafft, was er in seiner Lebenszeit zur Gesellschaft beiträgt, kommt anderen zugute. So profitiert er aber auch zu Lebenszeiten vom Handeln anderer und auch denjenigen, die vor ihm schon auf der Welt gewesen sind. Und doch stellt sich die Frage, geht die Lebensrechnung auf? Für den einzelnen Menschen eher nicht, angesichts von Kriegen, Krankheiten und vergleichbaren Belastungen. Aber dann, wozu leben? Wäre es nicht besser, wir wären nicht da und würden auch nie geboren? Ist der Mensch für die Welt an sich nützlich, gar erforderlich? Da bin ich skeptisch angesichts aller vom Menschen ausgehenden Gefahren für Umwelt, Natur und andere Lebewesen. Und doch freuen sich die Eltern in der Regel auf ihr Kind, wenn gleich sie dabei ausblenden, dass sie mit der Geburt bereits das Kind – also den werdenden Menschen – seinem eigenen Schicksal überantworten. Dieses Schicksal ist es, wieder zu sterben, nachdem er sozusagen in einer Endlosschleife vergleichbare Herausforderungen des Lebens zu bestehen hatte, wie sie selbst. Jede Mühe, jede Ablenkung und jeder Genuss wird vom unweigerlichen Tod begleitet. Also, warum sollten wir leben und Leben weitergeben, Kinder gebären, wenn mutwillig durch Kriege, krankheitsbedingt oder altersbedingt das Ende unweigerlich folgt? Es gibt keine befriedigende Erklärung. Es gibt keinen Grund für das Leben statt trotz aller Herausforderungen und Belastungen dennoch zu leben, zu leben in der Wehmut und dem Schmerz, einer mit der Geburt bereits gestifteten Endlichkeit. Die darin liegende Sinnlosigkeit ist wohl das Kostbarste unserer Existenz, denn diese teilen wir nicht nur mit dieser Welt, sondern mit dem ganzen Universum. Dies macht jeden Tag unseres Lebens so einzigartig.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski