Archiv für den Monat: Mai 2026

Volk

Wir sind das Volk, skandieren sie und wer sind dann die anderen? Das sollten wir uns fragen angesichts des genetisch bestimmten Zufalls unseres Lebens in der Gesellschaft mit anderen Menschen, sei dieser biologisch bestimmt oder sich aus der Lebensgemeinschaft ergebend, in der wir aufwachsen. Vernünftigerweise legt sich jede Gruppe zum Zwecke der verlässlichen Orientierung Regeln auf, die eine Lebensgemeinschaft zu formen in der Lage ist. Nichts davon ist aber vorgegeben, alles ist verhandelbar, doch verlangt ein zu schaffender Gesellschaftsvertrag eine gewisse Verbindlichkeit selbst für diejenigen, die an der Gestaltung nicht mitgewirkt haben. Die Verbindlichkeit kann flexibel angelegt sein, um so der Pluralität der Adressaten Rechnung zu tragen und dem Einzelnen ebenfalls strukturelle Freiräume zu lassen, aber verlässlich Orientierung für seine Verhalten zu geben. Die Planung sollte dabei nicht statisch sein, sondern wir werden versuchen müssen, – wie bei einer Mediation – immer sich verändernden Ansprüchen Rechnung zu tragen, einerseits Verlässlichkeit zu gewähren, andererseits die Befriedung des Volkes in einem Prozess perpetuell immer wieder neu auszuhandeln.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski

Wesen sein

Es beschäftigen mich Integrität, Intimität und Autorität des Wesens. Entgegen unseren Annahmen, erlaubt es sich, es selbst zu sein und anders als wir glauben, zu denken und zu meinen. Es definiert sich aus sich selbst, also aus seinem Wesen heraus und beharrt jeder Beschreibung trotzend darauf, sich selbst zu eigen zu nennen. Wir versuchen, das Wesen mit unserer Sprache einzuhegen, es für unsere Zwecke begreiflich zu machen, verfügen über es Dank unseres Ordnungssystems und scheuen selbst davor nicht zurück, unsere Definitionsmacht einzusetzen, um dem Wesen durch uns vorgesehenen Inhalt und Ausdruck zu verleihen.

Tiere, Pflanzen, selbst Himmel und Erde, alle von uns benannten Dinge sind aber nicht Dinge, weil wir sie so benennen, sondern legitimieren sich selbst jenseits unserer angemaßten Verfügungsmacht aus ihrem Sein. Unser Zutun ist also nur ein solches „als ob“, als ob uns etwas gehörte, als ob wir eine Verfügungsmacht hätten, als ob wir uns die Welt untertan machen könnten, aber wie sagte schon Proudhon? Eigentum ist Diebstahl. Was für die Verfügungsmacht an Grund und Boden gilt, kann allgemein Gültigkeit erlangen. Wir benennen und verfügen also nur aufgrund einer angemaßten Autorität und leiten unsere Rechte so davon ab, als ob transzendente Mächte uns diese verliehen hätten. Schlüssig erscheint uns unsere selbst referenzielle Gewissheit, dass ich ein Mensch bin und mir die Welt untertan machen dürfe. Und was macht dann die „Welt“, was macht das unbegreifbare Ganze, das Wesen in allen Dingen mit uns? Noch schweigt es zu unserer Anmaßung zu bestimmen und zu herrschen und lässt uns gewähren. Vielleicht, weil dies alles einen Sinn hat, der sich uns noch erschließen wird. Wenn mich das Wesen in seinem eigenen Selbstverständnis zu erkennen gibt, wird dies für die Menschheit ein angenehmer Moment sein?

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski

Orientierung

Wer eine Orientierung hat, der fühlt sich sicherer. Er hat einen Standpunkt gewonnen, der es ihm erlaubt, weitere Ziele anzusteuern, ohne die bereits erworbenen Etappen auf dem Findungsweg abgeben zu müssen. Orientierung ist ein Prozess der steten Vergewisserung beim Erwerb von Erfahrung. Erfahrung ist unverzichtbar bei der Verortung des eigenen Ichs, aber auch bei jeder gesellschaftlichen Gestaltung. Um andere Menschen und sich selbst erfahren zu können, ist eine Offenheit in der Begegnung mit anderen Menschen, diesen zuzuhören und wachsam auf sie zu reagieren, unumgänglich. Nur so kann durch gemeinsames methodisches Erfahren ein gesellschaftlicher gemeinsamer Nenner geschaffen werden.

Dies ist handelnd zu bewerkstelligen durch Schaffung von Einrichtungen in Kiezen und Gemeinden, die es uns Bürgern erlaubt, sich zu begegnen, sich zu beraten und unsere Anliegen im vorgenannten Sinne zu verdichten und ihnen in einem Contrat Social eine zumindest temporäre Verbindlichkeit zu verleihen. Das Besondere dabei ist, dass der Mensch erfährt, dass er sich jenseits der politischen Governance auch persönlich außerhalb des engen familiären oder beruflichen Feldes wirksam in die Gesellschaft einzubringen vermag. Da gibt es viel zu bewältigen, zum Beispiel im Bereich der Gestaltung des gesamten öffentlichen Raumes.

Sobald also auch die Orientierung im öffentlichen Wahrnehmungsbereich geschieht, hat dies Auswirkungen auf das eigene Verhalten. Was ist nun wichtig, nicht nur persönlich, sondern auch in der Gemeinschaft, gesellschaftlich? Auf welchen gemeinsamen Nenner können wir uns verständigen und welche Methode wählen wir, um das erstrebte Ziel zu erreichen. All dies wird dann wie selbstverständlich mit bedacht. Es beginnt mit der Sammlung von Ideen und Vorschlägen und setzt sich fort bis zur Findung geeigneter Methoden der Umsetzung gewünschter Vorhaben aufgrund der mehrheitlich abgesicherten gemeinschaftlichen Ermächtigung. In jeder Phase dieses Prozesses ist eine verantwortliche Stärkung unserer Gesellschaft aufgrund der Optionen, die sie jedem einzelnen von uns bietet, erlebbar zu machen.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski