Beschleunigung

Schneller, höher, weiter – die Zeit rast! So nehmen wir Beschleunigung wahr, wissend, dass es immer schon unterschiedliche Geschwindigkeiten gegeben hat. Die durch den mutmaßlichen Urknall ausgelöste Beschleunigung der Bildung des Universums bis zur Entstehung der Erde erfolgte in Prozessen, die sich im Maßstab unserer Wahrnehmung von Geschwindigkeit unendlich langsam vollzog, eben in Millionen, abertausenden von Jahren, die in der fortschreitenden Entwicklung des Lebens auf der Erde sich in immer kleiner werdenden Maßeinheiten auflöste.

Diesem Maßstab geschuldet, rechnen wir unsere technische Entwicklung, aber auch die Vergänglichkeit unseres Kontinents zunächst in Jahrhunderten, dann Jahrzehnten und werden uns auch bald an die Maßeinheiten von Monaten und Tagen gewöhnen. Alles fließt. Nein, alles stürmt und erfährt im Prozess der ungeheuren Beschleunigung seine Bestimmung. Beschleunigung ist die Manifestation des Verbrauchtwerdens und des Geschaffenwerdens, ein unkörperlicher Seinszustand, der unser Leben bestimmt und formt, ob im Denken, Fühlen oder Handeln.

Wir erleben die Beschleunigung als Konstante des kosmischen Seins von Anfang an. Sie nötigt uns zum Aufbruch und zwingt uns, atemlos durch unser Leben zu hetzen, als gäbe es Ziel und Preis. Das aber ist Illusion. Es gibt kein Ziel für uns, sondern nur Aufgaben und Wege, die – unterschiedlich ausgeformt – nur einen Sinn haben: die Ewigkeit. Die Ewigkeit ist aber nicht statisch, sondern ein immerwährendes Sein des sich selbst Gestaltens. Wir werden die Ewigkeit erreichen, weil sie uns erwartet, wir ihr nicht entgehen können, ob wir unser Tun beschleunigen, durchs Leben hetzen oder langsam gehen und zuweilen innehalten.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski