Archiv des Autors: Sabine Büttner

Kreuzgang

Wer widersteht der Macht der Behauptung, die angeblich Wissen schafft? Wer vermag uns von selbst gewählten Bezüglichkeiten befreien, die angeblich originäre Erkenntnisse verwalten? Die allem innewohnende Erinnerung wird durch erlebbare Erfahrungen geborgen. Das wurde mir bestätigt durch einen zufällig erlaubten nächtlichen Besuch kurz nach Weihnachten im Garten Gethsemane, eine halbe Stunde, in der Nacht, alleine, nur meine Frau und ich, sprachlos in Gedanken, alles fühlend im Wissen und in der Erinnerung an diesen besonderen Augenblick, umfassend zu verstehen. Dann schwingt die Welt, ist ein Ton in allen Dingen, offenbart das aus Urkeimen gezeugte Vorhandensein aller Erfahrungen trotzend allem Gewollten, alleine dem augenblicklichen Sinn und Anspruch gehorchend und auf sonderbare Art und Weise Realitäten knüpfend aus Erfahrbarem und Unbekanntem.

Schläft ein Lied in allen Dingen, so heißt es bei Eichendorf, das Lied zeugt mit Heiterkeit für die Vergänglichkeit und Wiedergeburt, die Transformation aller Wünsche, Sehnsüchte und Möglichkeiten in unserer Vorstellungswelt. Alles ist Fiktion und doch nutzbare Wirklichkeit, Spiegelung unserer Erwartungen an mich selbst und Andere. Wir schaffen uns eine Konstruktion der Lebensbewältigung in unserer umfassenden Unwissenheit und Ahnungslosigkeit. Unsere Unmöglichkeit, das Wesen aller Dinge an sich zu erfassen, macht uns zuweilen wütend. Würden wir allerdings mit unserer Ahnungslosigkeit gütiger umgehen, würden wir wahrscheinlich mehr fühlen und sehen, weil es keine Begrenzungen durch unser forderndes Ich mehr gäbe. Das Ich des Anderen, das andere Ich, das Gegen-Ich sozusagen würde uns bei der Konstruktion unseres Wunschlebens heiter unterstützen und uns vieles erleben lassen, das wir noch nicht einmal ahnen können.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski

Kollaboration

Kollaboration, ein vergifteter Begriff, beschreibt er historisch gesehen doch die Zusammenarbeit der Franzosen bzw. des Vichy-Regimes von General Pétain mit den Nazis. Aber Zusammenarbeit von Gegnern, auch wenn sie Staaten sind, ist allgegenwärtig zum wechselseitigen Nutzen und Vorteil. Oft stellt sich Zusammenarbeit nicht als ein handfestes Ineinandergreifen von Handlungen dar, sondern beginnt bereits mit dem Gewährenlassen des Handelns eines anderen, selbst eines Gegners, setzt sich im günstigen Fall mit der Schaffung von Kontakten und Verbindungen, bis hin zu einem Deal im Sinne eines beidseitigen Nutzens fort. Die Kollaboration erfolgt zuweilen auch nicht zur Erzielung eines unmittelbaren Vorteils, sondern wird oft dadurch bestimmt, dass etwas geschehen soll, das der Handelnde nicht allein bewerkstelligen kann, aber möchte, dass ein Erfolg eintritt. Hierbei spielen die zu erwartenden eigenen Vorteile, der Eigennutz als auch im besten Fall der Nutzen für die Gemeinschaft eine Rolle. Selbst, wenn Zusammenarbeit an sich wertfrei ist, stärkt Zusammenarbeit in einem positiven Sinne die Ansehung, muss aber nicht auf dem direkten Wege erfolgen, sondern folgt verschlungenen Pfaden, spart die Erwartung des Nutzens sogar auf einen noch unbekannten Augenblick auf. Wir kennen das mit der gebräuchlichen Bemerkung: „Mal sehen, für was es gut ist?!“

Zusammenarbeit hat viele Ausdrucksformen, selbst ein Rat, das Schaffen von Kontakten und Gewährenlassen von Handlungen anderer kann Zusammenarbeit bedeuten. Erkenntnisse oder gar Anerkenntnis muss damit nicht verbunden sein. Selbstloses Handeln beim Zusammenarbeiten – gibt es das? Ich meine ja. Dies ist auch eine Form der Kollaboration, die eine Reaktion nicht voraussetzt, sondern diese erzeugt oder wohlwollend in Kauf nimmt. Selbst in diesem Fall gibt es den anderen, der die Zusammenarbeit gewährleistet, dies in der Erkenntnis, dass jegliches Tun Wirkung zeigt und dadurch der Zusammenarbeit Sinn verleiht –  dies selbst dann, wenn wir uns dessen nicht bewusst sind.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski

Methodenlehre

Ordnung ist das halbe Leben. Das weiß der Volksmund sehr gut und die Erfahrung bestätigt dies auch mit einer wichtigen Ergänzung, und zwar: Es ist sinnvoll, Ordnung so zu nutzen, dass sie den jederzeitigen Rückgriff auf das Verstaute erlaubt, denn sonst ist es eine Scheinordnung, die lediglich das Chaos kaschiert. Um dies aber zu verhindern, muss die Ordnung gewissen Regeln folgen, Gesetzmäßigkeiten, die gewährleisten, dass sie sich nicht im Zweck erschöpft, sondern die wie Instrumente wirken, die es erlauben, methodische Ordnung zu schaffen und zu bewahren. Hier kommt die Methodenlehre ins Spiel, die aufzeigen kann, welche Regeln einzuhalten sind, um Ordnung zu schaffen und zu erhalten.

Sie basiert darauf, dass keine Zufälligkeiten bestehen, sondern ein Regelwerk verhandelt ist, bei deren Einhaltung die gewünschten Ergebnisse zwangsläufig geschaffen werden. Die Nutzung dieses Regelwerkes erlaubt also die Kontrolle des Gestaltens bis hin zur Wirksamkeit des Geordneten selbst und weiß, mit auftretenden Schwierigkeiten und Störungen methodisch umzugehen. Das gilt nicht nur bei Gegenständen, sondern auch bei der methodischen Ordnung von Gedanken und deren Wirksamkeitsmessung bei der Bewahrung und Einordnung. Die regelbasierte Methode hilft, dass ein Gedanke in einem Ordnungsrahmen bei auftretenden Schwierigkeiten, wie in einem Labyrinth, den Weg findet und nicht, wie in einem Irrgarten, den Ausweg versäumt und abhandenkommt. Die KI, die wir nutzen, ist regel- und methodenbasiert, weil bei ihr die Vorgehensweise, also die Methode und nicht das Ergebnis, von Belang ist. Wir Menschen müssen allerdings nicht allein diesen methodischen Moment des technischen Prozesses bedenken, sondern können sogar bewusst Abweichungen und Störungen des Systems schaffen, die wiederum als eine Methode der Problemlösung von uns anerkannt werden kann. Jedenfalls ist der methodische Ansatz für die Bewältigung unserer vielfältigen menschlichen Herausforderungen nützlich, aber auch sicher nicht allein hilfreich, um die von uns gewünschten Entwicklungen zu beeinflussen.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski

Vernetzung

Die Wirkung bleibt nicht aus. Der Flügelschlag eines Schmetterlings kann – bildhaft gesprochen – einen Taifun am anderen Ende der Welt auslösen. Eine solche Metapher ist vielfach gebräuchlich und wird gern zur Veranschaulichung eines Ereignisses und dessen Wirkung eingesetzt. Eigentlich geht es aber überhaupt nicht um Ursache und Wirkung, sondern um die Zusammenhänge, die dank vielfältiger Vernetzungen begründet werden. Netze sind Wirkbahnen für Informationen jeglicher allgemeiner und dabei aber auch oft sehr spezifischer Art, die eine Vielzahl oder auch nur einzelne Adressaten erreichen sollen. Das Netz ist so eine aufnahmefähige Matrix für Botschaften, die sich wiederum selbst ein wirkmächtiges Netz schaffen. So besteht eine Interdependenz zwischen Botschaft und Netz, die vorausschauend Anforderungen an diejenigen stellt, die sich ihrer bedienen wollen. Das Netz hat Struktur und Gedächtnis. Es verbindet und verfügt. Was das Netz aufnimmt, bleibt, nutzt die geschaffenen Wege zur Verbreitung akkumulierter Energie oder Wissens, bleibt nicht neutral, wirkt selbst wie ein Gedächtnis.

Ohne Vernetzung ist Kommunikation nicht möglich, Fehlschaltungen jeglicher Art sind aber möglich. Fraglos setzt alle Kommunikation auf Vernetzung, doch die kann gestört werden, nicht nur bei Hackerangriffen auf Daten, sondern auch dann, wenn der Transportmodus des Netzes in seiner Bedeutung den Inhalt der jeweiligen Transmission verdrängt und selbst Inhalt wird, so gestaltende Bedeutung erlangt. Aus scheinbar inhaltlichen Eindeutigkeiten wird durch diese Art und Weise der Verknüpfung etwas anderes geschaffen. Die Kommunikation, die auf einer Verknüpfung im Netz beruht, ermöglicht zwar einerseits die Vielfältigkeit eines Impulses, eines Gedankens, eines Gefühls und einer Handlung, die ohne eine derartige Verknüpfung wirkungslos wäre, schafft aber andererseits auch einen Anspruch, der auf unerbittliche inhaltliche Nutzung des Netzes in dessen gestaltendem Sinne drängt.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski

Volk

Wir sind das Volk, skandieren sie und wer sind dann die anderen? Das sollten wir uns fragen angesichts des genetisch bestimmten Zufalls unseres Lebens in der Gesellschaft mit anderen Menschen, sei dieser biologisch bestimmt oder sich aus der Lebensgemeinschaft ergebend, in der wir aufwachsen. Vernünftigerweise legt sich jede Gruppe zum Zwecke der verlässlichen Orientierung Regeln auf, die eine Lebensgemeinschaft zu formen in der Lage ist. Nichts davon ist aber vorgegeben, alles ist verhandelbar, doch verlangt ein zu schaffender Gesellschaftsvertrag eine gewisse Verbindlichkeit selbst für diejenigen, die an der Gestaltung nicht mitgewirkt haben. Die Verbindlichkeit kann flexibel angelegt sein, um so der Pluralität der Adressaten Rechnung zu tragen und dem Einzelnen ebenfalls strukturelle Freiräume zu lassen, aber verlässlich Orientierung für seine Verhalten zu geben. Die Planung sollte dabei nicht statisch sein, sondern wir werden versuchen müssen, – wie bei einer Mediation – immer sich verändernden Ansprüchen Rechnung zu tragen, einerseits Verlässlichkeit zu gewähren, andererseits die Befriedung des Volkes in einem Prozess perpetuell immer wieder neu auszuhandeln.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski

Wesen sein

Es beschäftigen mich Integrität, Intimität und Autorität des Wesens. Entgegen unseren Annahmen, erlaubt es sich, es selbst zu sein und anders als wir glauben, zu denken und zu meinen. Es definiert sich aus sich selbst, also aus seinem Wesen heraus und beharrt jeder Beschreibung trotzend darauf, sich selbst zu eigen zu nennen. Wir versuchen, das Wesen mit unserer Sprache einzuhegen, es für unsere Zwecke begreiflich zu machen, verfügen über es Dank unseres Ordnungssystems und scheuen selbst davor nicht zurück, unsere Definitionsmacht einzusetzen, um dem Wesen durch uns vorgesehenen Inhalt und Ausdruck zu verleihen.

Tiere, Pflanzen, selbst Himmel und Erde, alle von uns benannten Dinge sind aber nicht Dinge, weil wir sie so benennen, sondern legitimieren sich selbst jenseits unserer angemaßten Verfügungsmacht aus ihrem Sein. Unser Zutun ist also nur ein solches „als ob“, als ob uns etwas gehörte, als ob wir eine Verfügungsmacht hätten, als ob wir uns die Welt untertan machen könnten, aber wie sagte schon Proudhon? Eigentum ist Diebstahl. Was für die Verfügungsmacht an Grund und Boden gilt, kann allgemein Gültigkeit erlangen. Wir benennen und verfügen also nur aufgrund einer angemaßten Autorität und leiten unsere Rechte so davon ab, als ob transzendente Mächte uns diese verliehen hätten. Schlüssig erscheint uns unsere selbst referenzielle Gewissheit, dass ich ein Mensch bin und mir die Welt untertan machen dürfe. Und was macht dann die „Welt“, was macht das unbegreifbare Ganze, das Wesen in allen Dingen mit uns? Noch schweigt es zu unserer Anmaßung zu bestimmen und zu herrschen und lässt uns gewähren. Vielleicht, weil dies alles einen Sinn hat, der sich uns noch erschließen wird. Wenn mich das Wesen in seinem eigenen Selbstverständnis zu erkennen gibt, wird dies für die Menschheit ein angenehmer Moment sein?

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski

Orientierung

Wer eine Orientierung hat, der fühlt sich sicherer. Er hat einen Standpunkt gewonnen, der es ihm erlaubt, weitere Ziele anzusteuern, ohne die bereits erworbenen Etappen auf dem Findungsweg abgeben zu müssen. Orientierung ist ein Prozess der steten Vergewisserung beim Erwerb von Erfahrung. Erfahrung ist unverzichtbar bei der Verortung des eigenen Ichs, aber auch bei jeder gesellschaftlichen Gestaltung. Um andere Menschen und sich selbst erfahren zu können, ist eine Offenheit in der Begegnung mit anderen Menschen, diesen zuzuhören und wachsam auf sie zu reagieren, unumgänglich. Nur so kann durch gemeinsames methodisches Erfahren ein gesellschaftlicher gemeinsamer Nenner geschaffen werden.

Dies ist handelnd zu bewerkstelligen durch Schaffung von Einrichtungen in Kiezen und Gemeinden, die es uns Bürgern erlaubt, sich zu begegnen, sich zu beraten und unsere Anliegen im vorgenannten Sinne zu verdichten und ihnen in einem Contrat Social eine zumindest temporäre Verbindlichkeit zu verleihen. Das Besondere dabei ist, dass der Mensch erfährt, dass er sich jenseits der politischen Governance auch persönlich außerhalb des engen familiären oder beruflichen Feldes wirksam in die Gesellschaft einzubringen vermag. Da gibt es viel zu bewältigen, zum Beispiel im Bereich der Gestaltung des gesamten öffentlichen Raumes.

Sobald also auch die Orientierung im öffentlichen Wahrnehmungsbereich geschieht, hat dies Auswirkungen auf das eigene Verhalten. Was ist nun wichtig, nicht nur persönlich, sondern auch in der Gemeinschaft, gesellschaftlich? Auf welchen gemeinsamen Nenner können wir uns verständigen und welche Methode wählen wir, um das erstrebte Ziel zu erreichen. All dies wird dann wie selbstverständlich mit bedacht. Es beginnt mit der Sammlung von Ideen und Vorschlägen und setzt sich fort bis zur Findung geeigneter Methoden der Umsetzung gewünschter Vorhaben aufgrund der mehrheitlich abgesicherten gemeinschaftlichen Ermächtigung. In jeder Phase dieses Prozesses ist eine verantwortliche Stärkung unserer Gesellschaft aufgrund der Optionen, die sie jedem einzelnen von uns bietet, erlebbar zu machen.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski

Materialisierung

Was ist der Mensch, was bedeutet ihm das Leben auf diesem Planeten oder auch auf anderen Planeten des Universums, so es dieses gibt? Materie, woraus alles entstanden ist und wieder zur Materie wird, mit dem Tode wieder zerfällt. Materie ist auch alles, was lebt und stirbt, verändert aber stets ihre Ausdrucksform. Materie hat nur eine gedachte Gegenständlichkeit, besteht sie doch aus chemischen Reaktionen, aus Atomen, Neutronen und sonstigem, was das Erscheinungsbild gestaltet. Ob chemische, physikalische oder elektronische Eigenschaft, jedes Gen trägt die Erinnerung all dieser Eigenschaften, die wir unter Materie fassen in sich.

Wie verhält es sich dabei mit Gedanken und Gefühlen? Indem sie sich in der Materie bewegen bzw. diese bewegen, sind sie wohl selbst Teil derselben, was zur Folge hat, dass alles Geschaffene, selbst Musik, Wort- und Bildkunst, wohl auch Materie sind. All das, was die Natur schafft, was der Mensch zu schaffen vermag, alles ist trotz unterschiedlicher Erscheinungen von der gleichen Art, entsteht aus Materie und wird wieder in einen materiellen Zustand zurückgeführt. Dieser Prozess prägt die Materie, gibt ihr Form und Gewicht, generiert Anziehung und Abstoßung, beeinflusst die in der Materie wirkenden Kräfte.

Da alles Leben endlich ist, stellt sich auch der spirituelle Sinn der Metamorphose. Diese ist nicht durch Glauben zu lösen, sondern verbirgt sich im Universum selbst, welchem wir eine allumfassende Kraft beimessen, die es erschaffen hat und beenden kann. Diese Kraft könnte göttlich sein, eine Kraft, die sich in allem, was das Leben ausmacht, materialisiert. So wird sie sichtbar. Wir wissen, dass es sich bei Materie nicht um etwas rein Stoffliches handelt, sondern Materie eine Synthese von physikalischen und chemischen Prozessen ist, die wir als gegenständlich wahrnehmen. Wir wissen auch, dass sich Materie verändern kann, je nachdem, ob Materie mit Hitze, Kälte oder anderer prozessualer Einwirkungen konfrontiert wird.

Wenn der Mensch im beschriebenen Sinne auch Materie ist, was sind dann aber Glaube, Liebe, Hoffnung, diese drei, wie es beim 1. Korinther 13 Vers 13 heißt? Materie? Gott selbst, ist er der Inbegriff aller Materie, also eines Zustandes, der den Menschen im Fall seines Todes wieder bei sich aufnehmen kann? Im Versuch, ein Beziehungsmosaik aller Seins, Nicht-Seins und Gewesen-Seins-Zustände zu schaffen, eröffnet diese Betrachtung uns die Möglichkeit die Ganzheitlichkeit aller Vorkommnisse zu erfahren, seien diese fassbar oder unfassbar, auf ewig miteinander verbunden, in vergänglichen Erscheinungsformen gefangen, aber stets bleibend in Ansehung der Materie bzw. ihres vielfältigen Wesens.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski

Verwahrlosung

Mensch Berlin, was haste dir verändert … . Überall Papierfetzen, Flaschen und alles andere, was ein Mensch normalerweise nicht verliert, sondern als Lästiges entsorgen will. Dieses Ver­halten macht vor den Innenräumen, insbesondere den Fahrzeugen des öffentlichen Nahver­kehrs, nicht halt, sondern setzt sich sichtbar fort an verschmutzten, kaputten Sitzen in S-Bahnen und Bierlachen, die durch die S-Bahn-Wagen schwappen. Resümee dieser Beobachtungen: Berlin und seine öffentlichen Einrichtungen machen einen verwahrlosten Eindruck. Wie konnte es dazu kommen? Wie konnte es dazu kommen, dass sich Bewohner aus dieser Stadt wegwünschen, dabei neben der Verwahrlosung auch den Verlust der Bürgerlichkeit insgesamt beklagen und schlimme Befürchtungen hinsichtlich des Erstarkens radikaler gesellschaftlicher und politischer Kräfte hegen.

Ich befürchte, dass einer der Gründe für die Entwicklung darin liegt, dass wir als Gesellschaft, und zwar jeder einzelne von uns, die soziale Kontrolle verloren haben. Wir achten nicht mehr auf andere, ja sogar nicht einmal auf uns selbst und unsere Taten. Früher sind wir uns auf Straßen, Plätzen, überhaupt in allen öffentlichen Einrichtungen unter Blickkontakten begegnet. Dies hat sich nun weitestgehend zugunsten unserer digitalen Begleiter erledigt. Keiner muss mehr damit rechnen, dass sein Verhalten von anderen bemerkt oder gar kommentiert wird. So bleibt jedes Verhalten unsanktioniert, seien dies Rotlichtfahrten an der Ampel oder auch die Müllentsorgung auf die Straße. So vermüllt die Stadt mit verheerenden Auswirkungen auf unser Verhalten gegenüber unseren Mitmenschen und auf die Wahrnehmung deren Anliegen, aber auch mit erheblichen Auswirkungen auf unser eigenes Verhalten. Allenthalben sind Menschen dabei zu beobachten, wie sie sich in aller Öffentlichkeit gehen lassen. Ich vermute, dass sie dies vor sich selbst gar nicht mehr begründen, gar nicht mehr sehen.

Das Beispiel im öffentlichen Raum hat natürlich erhebliche Auswirkungen auch auf das gesamte Verhalten selbst in der Privatsphäre. Dabei spreche ich von Höflichkeit, Rücksichtnahme, Anstand und Sittlichkeit. Das sind Verhaltensorientierungen, die es gab, aber in kürzester Zeit aus unserer Gesellschaft verschwunden sind. Dies bemerkenswerterweise im Gegensatz zu anderen Gesellschaften, denken wir zum Beispiel an die Japaner, bei denen die traditionellen gesellschaftlichen Rituale offensichtlich erhalten geblieben sind, so dass sich zum Beispiel in einer Großstadt wie Tokio keinerlei privater Müll auf den Straßen befindet, da jeder buchstäblich seinen Dreck mitnimmt. Die Zumutung des Wahrzunehmenden schafft Unzufriedenheit und die Menschen fangen an, über deren Lästigkeit und Abhilfe nachzudenken, sehen allerdings vor allem in dem Versagen oder der Ohnmacht der öffentlichen Hand oder der Bürokratie den Grund für die Verwahrlosung. Indem sie aber erfahren, dass weder eine Stadtverwaltung noch die Politik generell Abhilfe schaffen, wenden die Bürger sich denjenigen Kräften zu, die populistisch Abhilfe in einem von ihnen erwarteten Sinne versprechen.

Alles soll natürlich einfach, unkompliziert und durchsetzungsstark geschehen. Ob sich hierfür linke oder rechte Populisten anbieten, ist völlig gleichgültig, Hauptsache: Macht doch was, irgendwas, macht doch was! Das erinnert übrigens stark an die Zeit der 68er und deren Unzufriedenheit mit einer gelähmten Gesellschaft. In Zeiten von Unzufriedenheiten neigen Menschen oft dazu, den einfachen Weg zu suchen, politisch, gesellschaftlich und sich gerade denjenigen anzuvertrauen, die eigentlich einen Teil des Problems darstellen, indem sie daran mitwirken, dass die Gesellschaft orientierungslos wird. Wenn wir uns dagegen wehren wollen, dann sollten wir mit mehr Aufmerksamkeit, Kontrolle des eigenen Verhaltens und Zuwendung zu anderen Menschen selbst damit beginnen, uns korrekt zu verhalten, auch wenn wir nicht unmittelbar mit einer Belohnung unseres Verhaltens rechnen können. Wir haben eine gesellschaftliche Herausforderung, die wir nicht an andere, z. B. Reinigungskräfte delegieren können, um der allgemeinen Verwahrlosung entgegenzuwirken.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski

Kettenbildung

Wir kennen es alle, dieses Kinderspiel: „Ringlein, Ringlein, du musst wandern, von der einen Hand zur andern.“ Beim Spiel geht es um einen mit den Händen weitergegebenen Ring. Das anschauliche Beispiel kann auch verdeutlichen, was über Generationen hinweg in Familien durch die Hände gleitet, was materielle, aber auch ideelle Erbschaften ausmacht. Das Vererben von materiellen Gütern folgt dabei einem menschlichen Bedürfnis, generationengerecht etwas weiterzugeben, um es zu bewahren und künftigen Generationen zur Weiterentwicklung anzuvertrauen. Es ist meist etwas familiär-persönliches, zuweilen auch gesellschaftliches und betrifft in Summe die gesamte Menschheit mit deren Vermögen.

Das Vermögen sind dabei Gegenstände und Werte unterschiedlichster Erscheinungen und unterschiedlicher vorhandener oder behaupteter Verfügungsrechte. Die Freiwilligkeit eines Vermächtnisses setzt sich dabei mit den Verpflichtungen zur Weitergabe an die nächste Generation auseinander, wie sich dies im Erbrecht mit seinen Pflichtteilsrechten ausdrückt. Keiner muss testamentarisch etwas vererben, aber materiell sind Leistungen an die Nachkommenschaft gesetzlich geregelt, ideelle Vermächtnisse dagegen nicht. Unter ideellen Vermächtnissen verstehe ich zum Beispiel familiäre Verhaltensweisen und Orientierungen, aber auch Einstellungen, die von Generation zu Generation weitergegeben oder auch übertragen werden können. Sie folgen einer zu vererbenden Materie nicht unbedingt, können sich aber auch festmachen an einem bedeutsamen Erinnerungsstück, einem Ring, einer Uhr oder einem Bild.

Obwohl es keine verpflichtende Weitergabe gibt, ist festzustellen, dass Menschen ihrem Wesen entsprechend, Vererbungsleistung in der Familie dennoch als selbstverständlich betrachten. Dies im Bewusstsein einer selbstverständlichen Lebensverpflichtung und zuweilen wohl auch in der Hoffnung, künftige Generationen durch ihr Vermächtnis weiter bestimmen zu können. Das geht solange gut, bis die Kette reißt und der Ring unauffindbar verschwindet. Versuchen wir doch, das zu verhindern!

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski