Wir kennen es alle, dieses Kinderspiel: „Ringlein, Ringlein, du musst wandern, von der einen Hand zur andern.“ Beim Spiel geht es um einen mit den Händen weitergegebenen Ring. Das anschauliche Beispiel kann auch verdeutlichen, was über Generationen hinweg in Familien durch die Hände gleitet, was materielle, aber auch ideelle Erbschaften ausmacht. Das Vererben von materiellen Gütern folgt dabei einem menschlichen Bedürfnis, generationengerecht etwas weiterzugeben, um es zu bewahren und künftigen Generationen zur Weiterentwicklung anzuvertrauen. Es ist meist etwas familiär-persönliches, zuweilen auch gesellschaftliches und betrifft in Summe die gesamte Menschheit mit deren Vermögen.
Das Vermögen sind dabei Gegenstände und Werte unterschiedlichster Erscheinungen und unterschiedlicher vorhandener oder behaupteter Verfügungsrechte. Die Freiwilligkeit eines Vermächtnisses setzt sich dabei mit den Verpflichtungen zur Weitergabe an die nächste Generation auseinander, wie sich dies im Erbrecht mit seinen Pflichtteilsrechten ausdrückt. Keiner muss testamentarisch etwas vererben, aber materiell sind Leistungen an die Nachkommenschaft gesetzlich geregelt, ideelle Vermächtnisse dagegen nicht. Unter ideellen Vermächtnissen verstehe ich zum Beispiel familiäre Verhaltensweisen und Orientierungen, aber auch Einstellungen, die von Generation zu Generation weitergegeben oder auch übertragen werden können. Sie folgen einer zu vererbenden Materie nicht unbedingt, können sich aber auch festmachen an einem bedeutsamen Erinnerungsstück, einem Ring, einer Uhr oder einem Bild.
Obwohl es keine verpflichtende Weitergabe gibt, ist festzustellen, dass Menschen ihrem Wesen entsprechend, Vererbungsleistung in der Familie dennoch als selbstverständlich betrachten. Dies im Bewusstsein einer selbstverständlichen Lebensverpflichtung und zuweilen wohl auch in der Hoffnung, künftige Generationen durch ihr Vermächtnis weiter bestimmen zu können. Das geht solange gut, bis die Kette reißt und der Ring unauffindbar verschwindet. Versuchen wir doch, das zu verhindern!
Hans Eike von Oppeln-Bronikowski