Archiv der Kategorie: Gesellschaft

Hier finden Sie meine Gedanken, Ideen und Anreize zu gegenwärtigen und vergangenen gesellschaftsrelevanten Themen, die mich und meine Umwelt bewegen.

Mysterium

Bis zu seinem Tode ist dem Menschen seine körperliche Selbstvergewisserung allgegenwärtig. Er überprüft sein Vorhandensein z. B. durch Arbeit, Sport, Sex, Denken, Fühlen, Handeln in allen Variationen, erfährt Schmerz, Freude und Lust dabei: Der Mensch ist sich gegenwärtig bis er sich von dieser Welt körperlich verabschieden muss. Ohne, dass der Mensch sich darum bemüht, dies oft sogar nicht wünscht, hat seine körperliche Existenz auch eine unkörperliche Seite.

Die Doppelexistenz des Menschen aus dem Sichtbargemachten und dem Unsichtbaren drückt durch deren Gleichzeitigkeit das Mysterium des Lebens aus. Gleichzeitig ist der Mensch sich folglich selbst und anderen ähnlich und doch verschieden. Das Eine ist greifbar, das Andere oft nur vorstellbar. So ist der Mensch in einem ewigen Rollenspiel gefangen, in einer existentiellen Perplexität, die mit dem Versuch einer Verbindung von Körperlichkeit und Geistigkeit einhergeht. Wir ahnen scheiternd unsere Unfähigkeit, das Mysterium des Lebens zu begreifen, generieren Zweifel an unserem Sein, was nur durch Betäubung unserer Sinne für das Unkörperliche und die Hinwendung zum Tätigsein ertragbar erscheint.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski

Ruhe

Ach, ich bin des Treibens müde!
Was soll all die Qual und Lust?
Süßer Friede,
Komm, ach komm in meine Brust!

Oder:

Über allen Gipfeln
Ist Ruh‘,
In allen Wipfeln
Spürest Du
Kaum einen Hauch;
Die Vögelein schweigen im Walde.
Warte nur! Balde
Ruhest du auch.

Ob „Wanderers Nachtlied“ oder „ein Gleiches“, jedenfalls von Goethe, der sich um äußere Ruhe bemühte, aber auch um die Herstellung einer inneren Ruhe als Brutstätte neuer Schöpfungsakte. In unruhigen Zeiten politischer, gesellschaftlicher oder persönlicher Provenienz erscheint Ruhe wie ein Fremdwort, bei einer Menschheit, die in Auseinandersetzungen und Kriegen lebt, begrifflich oft unbekannt und gar störend.

Wer Ruhe erfährt, lernt aber zu beobachten: andere, sich selbst und anders zu beobachten, gelassen zu sein. Ruhen scheint uns aber gefährlich, weil es Gewohnheiten in Frage stellt, die uns Menschen zum Nachdenken, Grübeln und sogar zum Zweifeln bringt. Ruhe bedeutet allerdings auch Aufbruch, der Beginn einer Entdeckungsreise, die nicht nur von Gedanken geführt wird, sondern den Menschen mit allen seinen Sinnen dazu einlädt, Neues zu erfahren durch die Bereitschaft, sich gegenüber sich selbst und anderen zu öffnen. Unbestreitbar ist dies ein Wagnis, aber wenn die Ruhe den Blick auf das Unfertige, das Gewagte erlaubt, dann ist sie auch in der Lage, neue Erfahrungen so zu konstruieren, dass sie den Menschen freimachen von der Treibjagd des Lebens, Frieden verschaffen und ein vollendbares Leben erlauben, ohne auf die Unwägbarkeit stetigen bemühten Handelns zur Betäubung angewiesen zu sein.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski

Wahrnehmung

Etwas wahrzunehmen stellt sich für mich als ein Aufbruch zum Feststellen, Reflektieren, Merken und schließlich Handeln dar. Die Aufmerksamkeiten, die ich Dingen und anderen Menschen schenke, ergreifen ihrerseits das Wort, sprechen mit mir, bieten mir Unterhaltung, geben Fingerzeige, und zwar übrigens selbst dann, wenn ich ruhe oder schlafe, denn meine Wahrnehmungsmöglichkeit reicht über das Offensichtliche hinaus. Ich darf darauf vertrauen, was mir mitgeteilt wird, wenn ich die Bereitschaft habe, das Wahrzunehmende zuzulassen.

Die Eigenwahrnehmung ist dabei sicher auch von Bedeutung, aber vor allem die Wahrnehmung von Anderem, Fremdem, anderen Menschen, ihren Gedanken, ihren Handlungen und alles, was sie damit ausdrücken. Wahrnehmung ist der Kosmos der Empfänglichkeit und konfiguriert die Bereitschaft, Erfahrungen zu machen, die über eine profunde Kommunikation hinaus reichen, weil sie ein Gespür, also eine sensible Haltung gegenüber jeglichem Kommunikationsangebot mit einschließen. So wenig KI-Modelle wahrnehmungsfähig sind, vermögen auch keine allein aus Meinungen abgeleitete Selbstbestätigungen Erfahrungen zuzulassen, die dem Menschen ein Wahrnehmen jenseits des Offensichtlichen erlauben. Dabei verfügt der Mensch über alle Sinne, die ihm das alles erlauben würde. Es ist jedoch unerlässlich, diese Fähigkeit auch auszubilden, deren Einsatz zu pflegen und bekannte Verhaltensmuster dabei in Frage zu stellen.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski

Aufruhr

Die Welt ist in Aufruhr, nicht nur in den großen klimatischen, wirtschaftlichen oder politischen Betrachtungen, sondern auch in der Wahrnehmung der kleinsten politischen Einheit, dem tatsächlichen oder virtuellen Stammtisch. Um was geht es dabei zunächst?

Vor allem um das Versagen der Politiker. Diese machen alles falsch, und zwar nicht nur diejenigen, die man nicht gewählt hat, sondern auch diejenigen, die man gewählt hat. So etwa lautet das Präludium: „Es kann doch nicht sein ….“. Wir alle kennen das. Der Stammtisch wird gepflegt, ob bei dem realen Zusammentreffen von Menschen, in den Medien, vor allem in social media. Warum ist das so? Wir könnten doch eigentlich dankbar sein für Politiker, die uns davon entlasten, selbst handeln zu müssen, die ein Stück weit unsere eigene Verantwortung zu der ihren machen? Funktioniert wohl generell nicht.

Auch zum Beispiel beim Fußball machen Trainer wie Mannschaft aus der Sicht der Zuschauer eine Menge falsch und doch wollen wir nicht auf dem Platz stehen, um dem Ball hinterherzulaufen. Wir wollen auch nicht anstelle des Kanzlers und seiner Minister permanent gefordert sein, durch die Gegend fliegen, schwierige Gespräche führen, um dann noch in den Medien ständig Rede und Antwort stehen zu müssen. Ich selbst kann dies jedenfalls für mich ausschließen und ich glaube, dass doch recht wenige Menschen, die Leidensfähigkeit aufbringen, vergleichbare gesellschaftliche Verantwortung zu übernehmen. Menschen, die Verantwortung übernehmen, entlasten uns aber nicht nur durch ihr Tun, sondern ermöglichen es uns auch, selbst andere Aufgaben zu übernehmen und ein Leben zu führen, dass unseren Neigungen entspricht, das womöglich nicht im selben hohen Maße von der öffentlichen Wahrnehmung bestimmt ist.

Deshalb sollten wir versuchen, die Aufruhr in dieser Welt nicht anderen anzulasten, sondern zu verstehen, dass Gemeinschaft jeden Menschen zum Verständnis und auch zur Zurückhaltung verpflichtet. Das bedeutet nicht Verständnis mit jeder Entscheidung, die andere für uns treffen, aber zur Abwägung unserer Reaktionen selbst dann, wenn wir anderer Meinung sind.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski

Follower

Hannemann geh du voran, wir folgen … Niemandem muss ich wohl erklären, was unter Followern zu verstehen ist. Da sich junge Menschen damit brüsten, wie viele Follower sie auf sozialen Medien haben, verblüffte mich kürzlich eine Werbung, auf der zu lesen war: „Feierfreunde statt Follower“. Sind damit die Follower wieder aus der Zeit gefallen, sozusagen mega out?

Natürlich kann das sein, aber was das Verhalten selbst angeht, kaum wahrscheinlich. Seit Menschengedenken hat schon immer jemand geführt oder wurde zum Führen gebracht und andere mussten oder wollten folgen, weil sie sich Vorteile und Schutz davon erhofften, sich in der Gefolgschaft oft auch aufgrund ihrer eigenen Strategie einordneten. Wer folgt, kann dabei sein, ohne dabei sein zu müssen, wenn der Wind sich wieder dreht.

Ohne Gefahr ist die Gefolgschaft aber nicht: Lemminge erkennen oft nicht den Abgrund, der sich vor ihnen auftut, wenn sie anderen folgen. Social Media Followers füttern und fördern fremde Accounts und das soziale Prestige anderer. Dies mit ihren Daten und sogar mit Geld, leben dabei mit der Ungewissheit hinsichtlich ihrer eigenen Bedeutung und können auch auf sich ändernde Verhältnisse meist nicht mehr selbstbestimmt reagieren. Wenn der Wind sich dreht und der Account abgeschaltet wird, was bleibt dann für den Follower: Enttäuschung, Hilflosigkeit und Trotz, der sich allerdings nicht gegen den Verführer, den Influencer und Bestimmer richtet, sondern gegen all diejenigen, die nicht gefolgt sind und dadurch das kollektive Handeln geschwächt haben.

Sprichwörter sind verlässlich: Es prüfe, wer sich ewig bindet, ob er nicht etwas anderes findet. Dies gilt für Freundschaften, Begegnungen in der Wirklichkeit in gleichem Maße, wie auf Social Media, das Miteinander auf Augenhöhe, Gemeinsamkeiten, die auf Verabredungen beruhen, Verhalten und Korrekturen zulassen. Dazuzugehören ist keine Frage der Quantität, ausgelöst durch einen Click des Followers, sondern wird durch die menschliche Qualität von eigenständiger Prüfung vermittelt.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski

Salonkultur

Wehmütig und anerkennend wird sie vielfach erwähnt, ja sogar gefeiert: die Berliner Salonkultur einer Rahel Varnhagen von Ense zu Beginn des 19. Jahrhunderts. Der Salon verkörperte die ungezwungene Begegnungsstätte eines produktiven Meinungsaustauschs eines bestimmten Gesellschaftskreises zu zeitgegenwärtigen, dabei auch zeitkritischen und vergangenheits- als auch zukunftsreflektierenden Themen. Vielfach wurde dieses seinerzeit entwickelte Format zweckentsprechend aufgenommen, kopiert, angepasst an die jeweiligen Bedürfnisse. Was machte aber die Salons jenseits ihrer bezeugten inhaltlichen Auseinandersetzung so bedeutsam, dass sie bis heute als Format von einer fast mythischen Erinnerung begleitet werden?

Ich wage zu behaupten, nicht von der Zuwendung, sondern von der Abgrenzung. Von der Abgrenzung gegenüber Menschen, Gedanken und Verhaltensweisen, die nicht mit der Grundeinstellung der Gastgeberin und der geladenen Teilnehmer kompatibel waren, insbesondere der verabredeten Bereitschaft, nicht hemmungslos über das Erfahrene, das Erwogene, die ausgetauschten mutigen Gedanken, selbst, wenn diese fragwürdig waren, in aller Öffentlichkeit, sobald die Türen des Salons wieder geschlossen waren, zu schwadronieren.

Der Salon war ein geschützter Raum. Das Vertrauliche war die beständige Verlässlichkeit dieser Zusammenkunft für die Teilnehmer. Der Salon war sicher elitär, konnte aber auch produktiv wirken, weil die Waghalsigkeit eines Gedankens nicht sofort der Öffentlichkeit ausgeliefert wurde. Es gab das Selbstbestimmungsrecht des Denkenden und Sprechenden hinsichtlich dessen, was er sagte. Und wie ist dies heute? Sozusagen als Gütesiegel bestimmter Zusammenkünfte in einem etwas engeren und intimeren Kreis werden die Teilnehmer gebeten, die Regeln der Chatham House Rules einzuhalten, d. h. nichts vom Benannten und Vorgetragenen unter Benennung der jeweiligen Person und des Anlasses nach außen zu kommunizieren, soweit der Urheber selbst das Gesagte nicht als veröffentlichbar gekennzeichnet hat. Aber ist das schon Salonkultur?

Ich glaube nein! Es soll nur ein gehobenes, scheinbar elitäres Gespräch benennen, das sich von der Beliebigkeit des allgemeinen Geschwätzes abhebt. Tatsächlich ist aber kaum mehr etwas vertraulich, selbst in kleineren Gesprächsgruppen beherrschen die digitalen Formate den Gesprächsverlauf, sind dazugeschaltet, hören, verarbeiten, kommunizieren, verraten, speichern, nivellieren usw. Und die Geheimnisse des Salons?

Heute umfassend Fehlanzeige. Dabei wären diese wichtig, um drängende Themen frei und offen, ohne sofortige Außenwirkung, Kontrolle und Reaktionen zu diskutieren, zu verarbeiten und dabei argumentative Risiken einzugehen, Erkenntnisse zu stipulieren und Visionen zu beschreiben, Gedankenkonstrukte zu entwickeln und Handlungsempfehlungen zu postulieren. Wenn wir dies erkennen, dann lasst uns also Gamechanger sein, Salons schaffen, ohne elektronische Devices, die Muße des Austauschs beim Zuhören und Sprechen pflegen, dies ergebnisoffen, aber erkenntnisreich und jedem vorschnellen Ergebnis der Gedanken widerstehend.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski

Weniger ist mehr

Wir leben in Zeiten des kulturellen Overkills. Nach der Show ist vor der Show. Wenn ich ins Konzert oder in die Oper gehe, ein Theaterstück besuche oder ein Museum durchstreife, meist, weiß ich schon am nächsten Tag nicht mehr genau, wo gewesen bin, was ich gesehen und gehört und habe, sondern der starke Eindruck verfliegt wie der Traum der letzten Nacht. Woran liegt das?

Wir werden unablässig verlockenden Angeboten ausgesetzt, die wir anstatt uns über sie zu freuen, abarbeiten in der Hoffnung, dass wir noch den Überblick behalten, selbstbestimmt auswählen dürfen, was uns passt oder nicht. So unsere Vorstellung. In Wirklichkeit aber werden wir getrieben von Verpflichtungen, die wir als kulturell begreifen, benötigen ständig die Selbstbestätigung in immer niedrigeren Frequenzen.

Wir haben keine Kapazitäten mehr, um das Erlebte langfristig zu speichern, bei Bedarf zu verarbeiten und mit anderen Erfahrungen abzugleichen. Oft hatte ich sehr gute Gespräche mit anderen Menschen. Wir versicherten uns bei der Trennung, unbedingt in Kontakt zu bleiben, gemeinsam Projekte zu verwirklichen und uns wieder zu treffen. Würde ich mich darauf verlassen, käme es wahrscheinlich zu keiner Zweit- oder Drittbegegnung, denn kaum haben wir das Treffen beendet, gibt es schon wieder neue Herausforderungen, die unsere gesamte Aufmerksamkeit erfordern. Aus den Augen, aus dem Sinn.

Der Volksmund hat auch an dieser Stelle sicher Recht. Bedauerlicherweise trifft dies aber nicht nur für Begegnungen unter uns Menschen zu, sondern auch bei unseren Begegnungen mit der Kultur. Die Inflation von Angeboten wird zunehmen, aber wir haben die Chance zu lernen, uns selbst zu reduzieren, uns einzulassen auf das Wesentliche. Mein Vater hat den Satz geprägt: „Mensch, werde wesentlich.“ Dem ist nichts hinzuzufügen.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski

Interview

Was heißt das jetzt konkret? Der Interviewpartner redet dann über irgendetwas, das mit der Frage nur indirekt verbunden ist. Was wollen sie damit nun genau sagen? Auch jetzt scheint der Interviewpartner die Frage und insbesondere den Hinweis darauf, was hier genau sein soll, nicht verstanden zu haben.

Konkret und genau sind Ankerworte jedes Mediengesprächs ohne tatsächliche Erkenntnisnutzen. Was kann denn schon konkret und genau zum Ausdruck gebracht werden, wenn komplexe Antworten erforderlich sind oder gerade nicht konkret oder genau die Frage beantwortet werden kann. Soll der Interviewte dann bekennen, dass er konkret und genau nichts zu sagen hat, sondern es vorziehe, seine Antworten zu verallgemeinern?

Der Interviewte schwafelt, um sein Gesicht zu wahren und der Interviewer selbst behauptet seine Wichtigkeit durch angeblich klare Fragestellungen, wohlwissend, dass er die Antwort, die er hofft zu bekommen, nicht erhalten wird, wohlwissend, dass es ihm nur darum geht, sein Gegenüber in Bedrängnis zu bringen. Es ist also ein abgekartertes Spiel mit Worten ohne Erkenntnisgewinn, aber rollengerecht innerhalb eines beabsichtigten Formats.

Mit konkret und direkt ist es dabei allerdings nicht getan, sondern hart und unfair muss es dabei auch zugehen und je unhöflicher und unerbittlicher die Fragestellungen, umso schöner das Showdown. Wenn es um Wahrheit und Inhalte überhaupt nicht mehr geht, sondern allein um das Timemanagement mit Worten, verlieren schließlich alle an Glaubwürdigkeit und versinken in einem Strudel des Geplappers. Der Interviewer selbst wird zum Clown. Der Interviewte zum Spießgesellen und keiner hat mehr Lust, über die faden, aber wortgefüllten Witze zu lachen.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski

Wortsalat

Was soll ich noch glauben? Jedes Bild, jeder Film, jedes gesprochene Wort, alles, was geschrieben steht, kann manipuliert sein, unwahr und verantwortungslos. Es kann sein, dass in dem Raum, in dem ich mich befinde, jede mich erreichende Information auf meine Bedürfnisse, Erwartungen, Sorgen und Ängste abgestimmt ist. Ich bin aber nicht nur der Empfänger der Information, sondern auch gleichzeitig das Instrument, das die mich erreichende Information benötigt, um Verbreitung zu erfahren.

Es entstehen so korrespondierende Räume, die ihrerseits Scheininformationen produzieren und so fort. Ich erinnere mich an ein Kinderspiel, bei dem ein Mitspieler sich etwas ausdenkt. Er flüstert das Wort dem nächst sitzenden Kind ins Ohr, das es selbst so weitergibt, wie er es versteht. Am Schluss kommen regelmäßig andere Worte dabei raus, als ursprünglich auf die Sprachreise geschickt wurden.

Wie geht es uns in Räumen, in denen wir dem Wort nicht mehr vertrauen dürfen? Ich glaube, hier gibt es keine für alle Menschen verbindliche Antwort. Viele Menschen werden sich in diesen Räumen wohlfühlen, weil Unverbindlichkeit der erhaltenen Informationen auch die Unverbindlichkeit eigener Äußerungen zulässt. Es entsteht ein Informationskokon der Beliebigkeit mit situativen Reaktionen und tiefgreifender Selbstentschuldung eigenen Verhaltens.

In der kollektiven Lüge lebt es sich leicht. Fakes sind wie herumfliegende Löwenzahnsamen, leicht unbeschwert im Anflug und pflanzenstark nach der Landung. Die Unwahrheit wird so zur Wahrheit, weil sie grell leuchtet wie der Löwenzahn selbst. Diesem will ich nicht Unrecht tun, aber das Sinnbild erschien mir passend. Was tun? Wie aus den Blättern des Löwenzahns Salat, kann auch aus allen Fakes wieder etwas Neues geschaffen werden, das die analoge Welt irreal erscheinen lässt. Das Irreale wird dann transzendent und wenn wir eines Tages alle gar nichts mehr glauben, besinnen wir uns vielleicht darauf, dass es einmal etwas Verbindliches gab.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski

Zeit und Zeitbewusstsein

Was hat es mit unseren Zeitvorstellungen auf sich? Gibt es überhaupt eine allgemein verbindliche Zeit? Was bedeutet denn für uns die Zeit, der Stundenschlag, die verrinnenden Stunden und Minuten, das schwindende Leben? Birgt die Zeit einen Inhalt und ist gleichzeitig eine Methode der Erfassung unserer Befindlichkeit angesichts des von uns vermuteten Urknalls?

Ist die Zeit für uns also ein Bedienungsladen, sowohl für Wissenschaftler, als auch für Privatpersonen? Die Zeit verschafft eine zumindest vorübergehende Sicherheit, einen Rahmen der Orientierung, wenn alles auseinanderzudriften scheint. Objektiv ist nichts da. Subjektiv nutzen wir das eigene Verständnis für die Zeit, um mit denjenigen, die unsere Verabredung zur Zeit teilen, eine Chance zu haben, stabil Augenblicke des Innehaltens und des Aufbruchs zu nutzen.

Unsere Zeit ist die des Pendels. Mit den Schwingungen des Pendels beherrschen wir die Zeit und das Pendel beherrscht uns, zeigt uns, wann uns die Stunde schlägt. Unsere Vorstellung von der Zeit ist eine phänomenologische des steten nicht Erreichbaren, um dessen Beherrschung wir uns aber bemühen. Die Zeit haben wir vorgefunden, mit unseren Sehnsüchten bestückt, wir versuchen sie zu unseren Zwecken zu nutzen und verlassen sie mit unserem Tod zeitlos für immer.

Die Zeit, die die Welt und der Weltraum haben, entspricht nicht nur von den Dimensionen her in keiner Weise unseren Vorstellungen, sondern sie ist auch etwas Anderes, gleichgültig gegenüber unserer Begrifflichkeit. Wir benötigen die Begrenzung, um zu leben, die Welt muss sich zeitlich entgrenzen, um zu bleiben. Die Zeit an sich bemüht sich in keinerlei Weise um Dimensionen, nur wir.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski