Archiv der Kategorie: Gesellschaft

Hier finden Sie meine Gedanken, Ideen und Anreize zu gegenwärtigen und vergangenen gesellschaftsrelevanten Themen, die mich und meine Umwelt bewegen.

Opportunismus

Geht es um die Sache oder doch nur um den eigenen Vorteil? Wir handeln, wenn uns etwas opportun erscheint. Gelegenheit machte Diebe. Gelegenheiten lassen wir nicht verstreichen, sondern wir nutzen sie. Opportunismus als Daseins- und Lebensvorsorge. Könnte man wohl so sehen, wenn man beispielsweise Krähen und Hamstern zuschaut. Damit erklärt sich aber nicht unsere menschliche Verhaltensweise, wenn diese der Opportunität folgend von allen Bedürfnissen entkoppelt wird. Wir nehmen, raffen, nutzen jede uns passende Gelegenheit, Vermögen zu mehren, Vorteile zu erlangen und Erbeutetes zu sichern. Opportunismus scheint eine DNA-Triebfeder unseres Handelns zu sein, Opportunismus als Seins-Bestätigung. Jede Chance nutzen, nicht am Ende als Depp oder Verlierer dastehen. Opportunisten genießen Ansehen. Clever ist der Opportunist, seine Rücksichtslosigkeit wird als Zielstrebigkeit bewundert. Doch mit wem schließt der Opportunist seinen Vertrag? Auch der Opportunist benötigt Gelegenheiten, die ihm geboten werden, seine Möglichkeiten auszuleben. Ohne Mitspieler ist der Opportunist wirkungslos.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski

Mehrheit

Aus Prinzip folgen wir der Mehrheit, die Minderheit muss sich fügen. So lautet eine weit verbreitete Auffassung, die der Effizienz von Entscheidungen geschuldet wird. Wie steht es aber mit der Minderheit unter dem Aspekt der Berechnung der Verhältnisse zwischen Mehr- und Minderheiten? Um einer vertiefenden Betrachtung eines sich möglicherweise auftuenden Dilemmas zu begegnen, wird einer solchen Betrachtung entgegengehalten, dass sich die Verhältnisse ja stets wieder ändern, aus Mehrheiten, Minderheiten werden könnten und schließlich doch ein Schlüssel für die Entscheidungsfindung nötig sei, also die mathematisch zu bestimmende Mehrheit. Wer aber ist Träger von Mehrheiten, wer bildet sie, bestimmt deren Maß? Menschen, Tiere, Pflanzen, Sonne und Mond, das Universum? Und wie geschieht das, durch Emotionen, Gedanken, Wissen, Geld, Rechenprogramme oder KI?

Aus Sicht der Möglichkeiten betrachtet, ist Mehrheit wohl nur eine Ansichtssache und beinhaltet weder Rechte noch Machtmittel? Mehrheit ist vielleicht ein von der Minderheit mit zu verantwortender Zustand, ihre Unterwerfung zu akzeptieren und so der Mehrheit Gestaltungsraum zu gewähren. Ob dies auf Zeit oder für ewig geschieht, ist dann eine Machtfrage, die selbst bei sich ändernden Mehrheitsverhältnissen nicht eindeutig lösbar ist. Die wechselseitige Bedingtheit von Mehr- und Minderheiten lässt es aber als geraten erscheinen, dass Mehrheiten die Ableitung ihrer Legitimation durch Minderheiten stets mitbedenken, sich gegenüber Minderheiten für deren fügsames Verhalten dankbar erweisen und deren Interessen dabei mitberücksichtigen. Erst, wenn planend, gestaltend und handelnd das Ganze erfasst wird, erfahren Mehrheiten eine Legitimität, die nicht allein mathematisch, sondern auch inhaltlich bestimmt ist.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski

Denken

Wie denke ich? So, wie ich es gelernt habe. Angestrengt und mit dem Kopf! Wirklich? Ich denke auch mit dem Bauch, nein, mit jedem Teil meines Körpers, den ich zu diesem Verfahren einlade. Ich lasse selbstverständlich, aber auch andere für mich denken, andere Menschen, Tiere, Pflanzen, selbst Gegenstände, die meine Betrachtungen spiegeln. Denken KI oder AI mit? Aber nein, obwohl ich weiß, was mir Gelegenheit geben könnte, den Raum meines Denkens situativ zu erweitern, oder? Sicher bin ich mir da nicht, da ich mein Denken nicht zielgerichtet, sondern eher prozessual begreife, eine Methode, die es erlaubt, vielfältige Eindrücke auch emotional begreifend zu denken. Ein durch KI vermitteltes Wissen ohne menschliche Aufbereitung ist sinn- und nutzlos. Bildung beruht nicht auf Wissen, sondern auf Verstehen. KI kann mich eine ganzheitliche Vorstellung nicht lehren, weder kann sie denken, mitdenken, noch mein Denken als wertvoll einschätzen. Für die KI bedeutet mein Denken einen allenfalls ins Prompten übersetzen Impuls, der eine Aussage generiert, mit dem die KI keinerlei eine auf Erkenntnis beruhende Verbindung hat, AI denkt nicht.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski

Bereicherung

Wenn ich in der „Zeit“ der Rubrik „Was mein Leben reicher macht“ entnehme, dass sich ein Leser am Morgen an Vogelstimmen oder am unerwarteten Gruß eines anderen Menschen erfreut, bin ich meist tief berührt von dem scheinbar geringen alltäglichen Anlass, der zu einer so großen Freude des Lesers beiträgt, dass er sogar das Bedürfnis hat, sein Wohlbehagen der Zeitung mitzuteilen und den anderen Lesern zugänglich zu machen. Es sind für mich diese Momente der Verbundenheit, die wir Menschen alltäglich erfahren können, die uns bereichern und uns ein Beispiel dafür bieten, dass wir von einer tiefen Sehnsucht nach Harmonie, Zusammenhalt und der Erfahrung von Schönem geprägt sind.

Die Schilderung harmloser Begegnungen, die unser Herz erfreuen, bringen aber auch unsere Wehmut darüber zum Ausdruck, dass wir begreifen müssen, dass wir zwar wunderbare Erfahrungen haben und diese teilen wollen, aber die Zustimmung in einer schwierigen Welt nicht allgemein verbindlich ist. Vielleicht wäre es daher die Anstrengung wert, einen Prozess reverse einzuleiten, der gerade die Schwierigkeiten, selbst Kriege, Zerstörung usw. als das Besondere und das Schöne als das Allgemeine benennt? Das mag paradox erscheinen, weil wir Ausnahmen regelmäßig mit etwas Positivem in Verbindung bringen und uns daher schwer damit tun, die Welt allgemein als erfreulich zu betrachten und alles, was medial oder tatsächlich geschieht, wir als Angriff auf unsere Sicherheit empfinden, wir daher misstrauisch gegenüber allem Schönen sind, das uns widerfährt.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski

Weltbild

Das Leben der meisten Menschen, zumindest in Deutschland, ist von einem hohen Sicherheitsbedürfnis bestimmt. Da jedem Menschen bewusst ist, dass ein Sicherheitsbedürfnis nur dann wirksam bedient werden kann, wenn die Allgemeinverbindlichkeit eines bestimmten Weltbildes erreicht wird, schaffen die Menschen Strukturen, innerhalb derer sich eine gemeinsame Sichtweise entwickeln und verfestigen soll. Ob das durch diese Sichtweise geschaffene Weltbild mit der Wirklichkeit kongruent ist, ist dabei offenbar weniger bedeutend als die Verbindlichkeit, die durch die gemeinsame Anschauung dieser Menschen begründet wird.

Das so gewonnene Weltbild grundsätzlich in Frage zu stellen, ist ausgeschlossen, abweichende Sichtweisen werden nur dann akzeptiert, wenn sie im Kern keiner Aufgabe des bisherigen Standpunktes, sondern nur dessen Bekräftigung dienen. Allerdings führt dies für den Fall, dass sich Weltbild und eine sich stets verändernde Wirklichkeit auch nicht mehr ansatzweise decken, dazu, dass sich Menschen nicht mehr in dieser Welt zurechtfinden.

Verschiebt sich der Fokus der Betrachtungsmöglichkeiten, mag der Einzelne noch Korrekturen für möglich erachten, innerhalb einer Gruppe fördern dagegen Anzeichen von tatsächlichen Veränderungen die Angst, wieder in den unsicheren Zustand vor der Festigung eines Weltbildes zurückzufallen. Wenn Weltbild und Wirklichkeit nicht mehr übereinstimmen, weil sich die Wirklichkeit verändert, dann fördert dies zudem die Bereitschaft von Menschen, die Wirklichkeit entsprechend ihren Vorstellungen anders zu gestalten, ggf. unter Einsatz von politischer und physischer Gewalt.

Sollte dies eintreten, dann ist es naheliegend, dass die so neu geschaffene Wirklichkeit nunmehr wieder Projektionsfläche für ein Weltbild wird, das ebenfalls Anspruch auf Allgemeinverbindlichkeit bis zur nächsten durch Gruppeninteressen rückversicherten Sichtweise auf die Welt erhebt.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski

Wünsche

Einmal las ich, dass Wünsche das Rechnen gelernt hätten. Dieser zunächst völlig fremde Eindruck erschloss sich mir beim näheren Betrachten allerdings als zutreffend. Wünschende und diejenigen, die Wünsche erfüllen, begeben sich in einen Dialog, der Erwartungshaltung gegen Nutzen ausspielt. Wünschende vergnügen sich nicht damit, eine Erfüllung ihrer Wünsche als möglich erscheinen zu lassen, sondern versehen ihre Wünsche bereits mit berechenbaren Attributen.

Dadurch erleichtern sie einerseits deren Erfüllung, schaffen andererseits auch die potentielle Gefahr des Misstrauens, dem Wünschenden durch Versagungsrituale zu begegnen zu versuchen. Bei jeder Erfüllung eines Wunsches soll es möglichst darum gehen, diesem Prozess den Anschein der Freiwilligkeit zu geben, die in erkennbarem Widerspruch zum Wunsch selbst steht. Jeder Wunsch erwartet seine Befriedigung.

Nun wird natürlich nicht jeder Wunsch befriedigt, aber auch dieses Defizit ist kalkulierbar. Selbst nicht erfüllte Wünsche sind in der Lage, berechenbare Vorteile dem Wünschenden zu verschaffen, denn nur der Wünschende selbst weiß, wie auch der Adressat des Wunsches, auf welcher Ebene gerechnet wird. So kann auch der versagte Wunsch sich als besonders wertvoll erweisen.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski

Schnäppchen

Wenn jemand einen Fisch verführerisch blinken sieht, wird er davon überzeugt sein, dass sich ihm ein Schnäppchen bietet. Er beißt zu und ist damit meist am Haken. Die Analogie zum menschlichen Verhalten ist gewollt. Ein Schnäppchen lohnt für uns den Einsatz. Risiken werden ausgeblendet. Risiken?

Schnäppchen werden landläufig eher mit Vorteilen gespiegelt. Schnäppchen bieten sich uns an, weil sie vermitteln, dass wir anbeißend besonders clever sind und der Ignorant besonders dusselig. Bei Schnäppchen geht es stets um uns zugemessene Vorteile. Es geht nicht darum, ob diese objektiv vorhanden sind, sondern um unsere Überzeugung. Um einem Schnäppchen öffentlich Wirkung zu verleihen, benötigt es die Anerkennung anderer Menschen. Sollten wir allerdings unsere Schnäppchenerfahrung mit anderen Menschen teilen, laufen wir Gefahr, dass Neid aufkommt oder wir dahingehend belehrt werden, dass wir leider einem Eigenschaftsirrtum aufgesessen seien, unser Schnäppchen nur ein vermeintliches sei.

Wird uns die Anerkennung des Schnäppchens schließlich gänzlich versagt, weil wir die erwartete Würdigung unserer Cleverness nicht erfahren, macht sich bei uns Unsicherheit und Misstrauen breit. Was wissen, was denken die Anderen? Wegen fehlender Anerkennung oder Gleichgültigkeit vergeht uns jeder Spaß. Unser Triumph wird durch Ernüchterung, Enttäuschung und Infragestellung erledigt. Der gerade noch vorhandene Schnäppchenjägerstolz erlischt.

Wem ist noch zu trauen? Es folgen Rückzug und Einsamkeit, Entwurzelung oder Schlimmeres. Genug, genug, gehen wir lieber weiter auf Schnäppchenjagd! Ja, wir optimieren unseren Einsatz, kaschieren, panaschieren, nutzen alle denkbaren legalen und halblegalen, vielleicht auch noch illegalen Möglichkeiten, unser Schnäppchen zu machen! Ist das nicht die sublimste Form der Nachhaltigkeit? Was schert denn den Pawlow´schen Hund bei so viel Selbstgewissheit noch die Anerkenntnis anderer, wenn er in der Lage ist, sich selbst zu belohnen.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski

Verwandtschaft

Wenn von Fürstenhäusern die Rede ist, vernimmt man häufig Ausführungen zur Tradition und zum Stammbaum. Es wird ausführlich davon berichtet, wer sich mit wem eingelassen hat und welche Erwartungen die Öffentlichkeit an diese Verbindung knüpfen darf. Eine entsprechende mediale Aufmerksamkeit wird auch Genies geschenkt. Politiker und Sportler verweisen ebenfalls gern auf ihr Elternhaus mit dem Zusatz, dass sie es gerade deshalb oder auch trotzdem geschafft haben, ihre berufliche Stellung zu erringen.

Ansonsten nehmen die meisten Menschen ihre Verwandtschaft oft nur bei Familienfeiern wahr, entweder als lästig oder unumgänglich bzw. hilfreich. Eine tiefere Auseinandersetzung mit Verwandtschaft und Abstammung erfolgt in der Regel nicht und systematische Bearbeitung, wie es zur Tier- und Pflanzenwelt praktiziert wird, nur dann, wenn es darum geht, Menschen in einen gesellschaftlichen oder anthroposophischen Zusammenhang zu stellen. Detailfragen zur persönlichen Verwandtschaft werden oft nur im Zusammenhang mit Erbschaften geklärt und Geburts-, Heiratsurkunden, alte Briefe, Fotos, Taufbescheinigungen und Kirchenbuchauszüge selten genutzt, um sich eine Übersicht über die vielfältigen menschlichen, kulturellen, religiösen und gesellschaftlichen Verbindungen innerhalb der Familie zu verschaffen.

Warum ist die oft vernachlässigte Vergewisserung über Familie, Verwandtschaft und Abstammung eigentlich so wichtig? Ich meine, durch das Entdecken der vielfältigen Beziehungen, die uns verbinden, durch das Eintauchen in die Vergangenheit und das Aufdecken von Zusammenhängen kommen wir unserer eigenen Existenz näher und werden uns bewusst, was alles erforderlich war, um uns zu dem Menschen werden zu lassen, der wir heute sind.

Meines Erachtens schafft das Sicherheit und verlangt gleichzeitig Demut, denn bei der Erforschung sind uns unter Umständen nicht nur wunderbare Überraschungen gewiss.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski

Lebensleistung

Wenn ich einmal alt geworden bin, so stelle ich mir vor, dann werde ich auf einem Stuhl sitzen und über mein verflossenes Leben nachdenken. Dann möchte ich, so stelle ich mir weiter vor, die Gewissheit haben, dass ich entsprechend meiner Möglichkeiten einen Lebensbeitrag für andere geleistet haben würde. Das schließt natürlich Frau, Familie, Kinder, Enkel und Freunde nicht aus, sollte allerdings entsprechend meiner Erwartungen mehr sein.

Die Frage stellt sich, war ich beruflich nur eigennützig erfolgreich gewesen oder hat mein Beitrag anderen Menschen geholfen, sie dabei unterstützt, ihr Anliegen umzusetzen, ihre Interessen zu fördern und ihre Situation zu verbessern. Eindeutig ist das sicher alles nicht, ich möchte allerdings dann auf meinem Stuhl herausfinden oder zumindest empfinden, dass ich meine Ich-Welt zeitweilig verlassen und Anteil genommen habe an ihren Problemen, Freuden und Erwartungen.

Natürlich bin ich mir auch dann meines stets privilegierten Lebens bewusst, aber ich stelle dann hoffentlich auch fest, dass es mir gelungen ist, mehrere Leben gleichzeitig zu leben, das eigene und das fremde. Meine Erziehung, meine Ausbildung, meine körperliche und physische Verfassung lassen es nicht zu, so aufopfernd zu handeln, wie es viele von mir bewunderte Menschen tun, aber – so hoffe ich jedenfalls – sind es nicht nur günstige Umstände, die es mir Zeit meines Lebens erlaubten, entsprechend meiner Fähigkeiten und Möglichkeiten für andere Menschen da zu sein und zu helfen.

Sicher werde ich dann auf meinem Stuhl sitzend auch erkennen, wie oft ich bequem, feige, selbstherrlich und anmaßend war. Aber auch meine vielen Fälle des Versagens werden verdeutlichen, dass ich mich darum bemüht habe, nicht nur ein mit mir selbst erfülltes Leben, sondern auch ein erfüllendes Leben mit anderen Menschen zu führen. Immer habe ich verstanden, dass ich einen Beitrag für dieses Leben zu leisten habe, so unerwartet die Geburt ist und wie abschließend der kommende Tod.

Wenn ich auf meinem Stuhl sitze, wäre es mir unerträglich, wenn ich bekennen müsste, dass sich in meinem ganzen Leben nichts Anderes ereignet hat, als meine Selbstbestätigung. Manch einen habe ich, so muss ich selbst bekennen, mutwillig oder unbewusst verletzt, durch Übermut verwirrt oder durch Anmaßung betrogen. Das Leben indes bildet aus und deshalb hoffe ich, dass dann, wenn ich auf meinem Stuhl sitze, der Blick zurück auf mein Leben mich gelassen bleiben lässt.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski

Armut – Reichtum

„Arm zu sein, bedarf es wenig, doch wer reich ist, der ist König!“ So wäre das bekannte Kinderlied „Froh zu sein …“ leicht abzuwandeln. Stimmt aber diese Feststellung oder sind Korrekturen angebracht? Arm versus Reich sind gängige Themen, politisch und gesellschaftlich aufgeladen durch unbefriedigte Ansprüche einerseits und gelegentlich protzende Selbstverständlichkeit andererseits.

Genau weiß zwar niemand, wo die Grenze zwischen Arm und Reich zu ziehen ist, ein deutliches Gefühl des Missbehagens begegnet aber denjenigen, die über ein großes Vermögen verfügen angesichts der Einschränkungen und Sorgen, den sich weniger begüterte Menschen ausgesetzt sehen. Das nicht nur gefühlte, sondern auch bestehende Ungleichgewicht wird politisch und gesellschaftlich als ungerecht empfunden. Der Maßstab für gerecht und ungerecht ist allerdings nicht verlässlich konstant, sondern variiert unter Berücksichtigung der eigenen Betroffenheit und Ansprüche.

Die sehr armen Menschen scheinen den Reichtum anderer Menschen eher nur zur Kenntnis zu nehmen, ohne hierauf mit Forderungen nach einer Teilhaberschaft daran zu reagieren. Dies ist wohl darauf zurückzuführen, dass sie überwiegend mit ihren eigenen Problemen und der profanen Lebenssicherung beschäftigt sind. Dies ändert sich, wenn der Mensch aufgrund seines Bildungsstatus oder eines eigenen schon bescheidenen Vermögens den Unterschied zur wirtschaftlichen Verfügungsmacht anderer Menschen erkennt und daraus für sich selbst Defizite ableitet.

Dabei wird die Konsequenz des eigentlich als überwunden erachteten Feudalismus in Frage gestellt. Die öfters gestellte Frage lautet dann, wenn alle Menschen gleich sind und keiner für sich besondere Privilegien beanspruchen kann, wie ist es dann zu erklären, dass einige Menschen über ein sehr großes Vermögen verfügen und andere sich sehr einschränken müssen?

Einer der Hauptgründe ist in der von den Menschen selbst geschaffenen Rechtsordnung zu finden, aber auch darin, dass Freiheit und Verantwortung einer Interpretation bedürfen, die es Menschen erlaubt, Unterschiede wahrzunehmen, ohne verstört oder wütend darauf zu reagieren. Diejenigen, die über großes Vermögen verfügen, sollten nicht abwarten, bis andere Menschen es ihnen wegnehmen. Sie könnten auch darüber nachdenken, das Geben gerecht ist und sich entsprechend verhalten.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski