Archiv der Kategorie: Politik

Teilhabe

Besonders anlässlich der Wahlen in Thüringen und Sachsen war bei Politikern und in den Me­dien von Menschen die Rede, die demokratieverdrossen, abgehängt und frustriert seien. Anders sei es auch nicht zu erklären, dass Parteien wie die AfD und das BSW gewählt wurden. Den ganzen Salat an Argumenten muss ich hier nicht wiedergeben, er ist uns allen sattsam bekannt. Wie mag es aber tatsächlich um die Menschen bestellt seien, ob diese im Osten oder Westen, im Süden oder Norden Deutschlands leben? Ich weiß es nicht, jedenfalls nicht mit dieser Ein­deutigkeit, die Welterklärer bevorzugen. Nach meiner Einschätzung präsentieren sich alle Men­schen, also auch die Wähler, mit ihren Erwartungen, Sehnsüchten und Ansprüchen in einer Vielfältigkeit, die ihnen oft selbst Sorge bereitet, sie ängstlich und bange werden lässt. Es ist alles viel zu viel und zu unübersichtlich für sie, selbst der private Raum nicht mehr ganz sicher. Die gespürten Verletzungen werden vor allem medial geschaffen durch öffentlich geäußerte Erwar­tungen und Verpflichtungen und durch die Erschaffung einer digital verpflichtenden Welt, die Zumutung provoziert, Menschen zwingt, sich permanent auf Unwägbarkeiten einstellen zu müssen. Die Erfahrung der früher gepflegten Einheit und Konformität, die die Menschen zwar einerseits langweilte, allerdings aber auch beruhigte, veranlassen sie heute, in jedes für sie bild­haft bereitgestelltes Fahrzeug zu steigen, wenn dies die ehemals vertraute Ruhe verspricht und sich Gleichgesinnte darin befinden.

Allerdings, wenn sie sich umschauen, werden sie nach ei­niger Zeit mit Erstaunen entdecken, dass sich Menschen im Wagen befinden, die voneinander abwei­chende Meinungen und Erwartungen haben. Was werden sie dann tun? Etwa austeigen? Das Fahrzeug wechseln? Wer weiß? Wer sind nun diejenigen, die die Menschen, Bürger, Wähler abholen und zum Einstieg in ihre Kutschen und Wagons verleiten oder nötigen? Um im Bild zu bleiben, natürlich die Parteien. Für diejenigen, die ursprünglich nur eine Fahrt ins Blaue buchten, haben sie einen Chauffeur bestellt, Reiseziele benannt und verkaufen – um im Bilde zu bleiben – statt Rheumadecken ihre Programme.

Bei Fahrten ins Blaue ist dies traditionell immer so, an Bord gelten die Regeln des Veranstalters. Doch nicht vergessen, ein jeder Reisende hat die Fahrt selbst gebucht. Fühlt er sich in seinen Erwartungen etwa dann enttäuscht, wird es niemanden geben, der ihn dafür entschädigt. Es entspricht lediglich seinem Motivirrtum, wenn er meint, er habe geglaubt, auf der Fahrt ins Blaue interessante Sonderangebote zu bekommen, tatsächlich aber feststellt, dass alle Angebote veraltet und durchschnittlich sind. Per­manent habe ein Vertreter des Reiseveranstalters auf ihn eingeredet, zur Ruhe sei er nicht gekommen, so wird er klagen, aber bereits nach kurzer Zeit sind wohl die Erinnerungen an seine gemachten schlechten Erfahrungen wieder verblasst. Eine neue Fahrt ins Blaue ist schon angekündigt, das Fahrzeug steht bereit und warum sollte er nicht mitfahren? Vielleicht ist dieses Mal alles anders.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski

Verfassungskrise

Da das Grundlagengesetz der Bundesrepublik Deutschland nicht Verfassung, sondern Grundgesetz genannt wird, wäre es unangemessen, die Krise des Grundgesetzes als eine Verfassungskrise zu beschreiben. Wieso das? Das Grundgesetz ist 1948 von fähigen Persönlichkeiten geschaffen worden, historische Erfahrungen wurden berücksichtigt und Perspektiven eröffnet, die im Zeitpunkt des Entstehens des Grundgesetzes noch kaum mit schneller Umsetzung rechnen durften. In diesem Sinne wurde das Grundgesetz als modern, komplex und integrativ bezeichnet. Und doch, da es Menschenwerk ist, haben dessen Auswirkungen auch dafür gesorgt, dass Anspruch und Wirklichkeit auseinanderdriften können. Das zeigt sich meines Erachtens deutlich darin, dass mit der Wiedervereinigung das Grundgesetz kurzerhand für die hinzugewonnenen Landesteile der Bundesrepublik Deutschland übernommen wurde, ohne durch Einsetzung einer verfassungsgebenden Versammlung zu überprüfen, ob dieses Grundgesetz auch den Willen der neuen Bundesbürger abbildet.

Dem Unbehagen und der Kritik daran begegneten die Verantwortlichen stets mit dem Hinweis, dass alles schnell gehen musste und die künftigen Bundesbürger des Ostens dieses Grundgesetz wollten oder es ihnen egal war, Hauptsache, sie profitierten nun auch vom gemeinsamen Staat und würden entschädigt für die vielen Jahre, die sie davor von der Bundesrepublik abgehängt waren. Es hätte eine Aufholjagd des Ostens werden können, aber diese „Missachtung“ des Gedankens der Schaffung eines einheitlichen Verfassungsstaates führte in der Konsequenz auch dazu, dass die Bürger und ihre Betriebe sowie Einrichtungen des Ostens so behandelt wurden, als seien sie Besitzstände der vorhandenen Bundesrepublik. Die Rolle der Treuhand ist bekannt. Ihre fehlerhafte Einrichtung und teils gewissenlose Nutzung durch bestimmte Akteure führten dazu, dass Betriebe abgewickelt, ausgeplündert und stillgelegt wurden, statt einen vertretbaren Entwicklungsprozess einzuleiten, der es erlaubt hätte, Versäumnisse aufzuholen und vorhandene Entwicklungskräfte freizusetzen.

Eine zwar in weitem Sinne nicht gelebte, aber gleichwohl per Staatsdoktrin verkündete Teilhaberschaft der DDR-Bürger an ihren Betrieben, spiegelte sich auch in einer Teilhaberschaft im öffentlichen Leben wider, deren Bodenständigkeit kurzerhand durch das Demokratiemodell der Bundesrepublik Deutschland abgelöst wurde. Demokratien beruhen nun aber auf Verabredungen von Menschen, ihr Zusammenleben auf eine abgestimmte Art und Weise so zu ordnen, dass jeder Bürger auf die Interessen und Belange anderer Bürger bei der Ausübung seiner freiheitlichen Rechte Rücksicht nimmt. Dieser Aushandlungsprozess erfolgt in einer Verfassung als eine Manifestation des „Contract Sociale“, aus dem sich festgeschriebene und verbindliche Garantien für eine soziale Teilhaberschaft der Bürger ableiten lässt.

Diese rechtlich verbürgte Teilhaberschaft ist in der neu gefügten Bundesrepublik Deutschland nicht gewährleistet und führt in der Konsequenz zu einem Verhalten seiner Bürger, die darin eine Missachtung ihres fundamentalen Anspruchs auf Mitsprache sehen und Gelegenheit haben wollen, ihrem Gemeinschaftsverständnis nunmehr eine Stimme zu geben. Um die darin begründete Höhe des Grundgesetzes zu überwinden, wäre es erforderlich, das Versäumte nachzuholen, ein Verfassungskonvent zu berufen und über eine ausgehandelte Verfassung eine Abstimmung herbeizuführen. Geschieht dies nicht, droht eine Erosion unseres Staates.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski

Verwaltungsreformgesetz

Es geht voran. Berlin plant eine Reform seiner Verwaltung, und zwar sowohl auf Landes-, als auch auf Bezirksebene. Das Gesetz soll aber nicht Verwaltungsreformgesetz heißen, sondern Landesorganisationsgesetz, womit schon deutlich gemacht wird, dass es in erster Linie darum geht, die Kompetenzen von Land und Bezirken abzugrenzen, so mit Hilfe der Strukturveränderungen eine Konzentration von Aufgaben im Sinne der Bürger zu erreichen und Beschleunigung der Entscheidungsprozesse zu gewährleisten. Transformation, Konnexität und Spezialisierungen gesellen sich zur Digitalisierung, alles instrumentale Begrifflichkeiten, die zu einer neuen Verwaltungskultur beitragen, bei Querschnittsfeldern Klammerwirkungen erzeugen und die Veränderungsresistenz der Verwaltung überwinden helfen sollen. Ein Systemwechsel sei geplant, grundsätzlich seien neue Wege erforderlich. Die Schaffung eines einheitlichen Zuständigkeitskatalogs scheint zudem dafür angetan, dass sich künftig jeder mit dem beschäftigt, was er selbst kompetent auch umsetzen kann.

Die Darstellung der Ziele und Methoden einschließlich der Benennung von Klageverbesserungsrechten, Bezirksamtsschutzbehörden, alles unter Berücksichtigung der Veränderungsresistenz der Verwaltung durch Schaffung betrieblicher Anreicherungen, werden als Bausteine für eine Neuausrichtung der gesamten Verwaltung angesehen.

Kann die Vorstellungswelt der Verantwortlichen damit aber bereits erschöpft sein? Geplant werden strukturelle Reformen offensichtlich nur für die Jetzt-Zeit, wobei naheliegenderweise übersehen wird, dass vor der Reform bereits die nächste Reform mit zu bedenken sein dürfte. Die stete und oft auch hektische Entwicklung im digitalen Bereich, die auch Auswirkungen auf uns Menschen und unser Verhalten hat, zwingt uns doch im Interesse unserer Kinder und Kindeskinder dazu, das „Kommende“ bereits mitzudenken sowie den Versuch zu unternehmen, das Mögliche strukturell aufnahmebereit zu implementieren. In dieser Erwartung sollte eine Struktur- und Verwaltungsreform, wie bei einem PPP-Modell, hier Private Public Partnership, bereits prozessual diejenigen Mechanismen mit implementieren, die geeignet sein könnten, gesellschaftliche sowie technisch künftige digitale Veränderungen sofort in einen kontinuierlichen Prozess der „liquiden Verwaltung“ einfließen zu lassen.

Alle Prozesse der Verwaltung müssten zeitgegenwärtig und reaktionsschnell auf Veränderungen angebotsgerecht flexibel reagieren können. Es liegt auf der Hand, dass zum Beispiel bezogen auf Berlin, die Überhitzung der Stadt, Wasserknappheit, Bebauungsdichte, überhaupt alle Phänomene so mit bedacht werden sollten, dass schnelles Handeln künftig gewährleistet ist.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski

Das Gleiche

Gleich zu Gleich gesellt sich gern. Ohne, dass uns dies oft bewusst ist, bilden unsere Sinnsprüche ewige Weisheiten ab, die sowohl am Biertisch, als auch in politischen Gruppierungen oder gar im Internet bei Instagram & Co. gelten. Immer möchte der Mensch zwar dabei, aber vor allem unter sich und seinesgleichen sein, grenzt sich von anderen ab. Wir sind in unserer Lebenszeit auf der Suche nach dem Gleichen, was sich auch in der Familie, bei der Wahl der Freunde und gar der Heimat widerspiegelt. Das Gleiche verspricht Geborgenheit, Schutz vor Unbekanntem und Fremden, vor allem, was unsere Sicherheit zu gefährden in der Lage sein könnte.

Zeit unseres Lebens sind wir nicht bereit, uns von der Welt abzunabeln, in die wir hineingeboren wurden, und zwar auch dann nicht, wenn wir sie aus vielerlei Gründen in Frage stellen sollten. Die dadurch erhaltene Sicherheit ermöglicht es uns, je nach Opportunität andere ebenfalls mit auf unsere Seite zu ziehen oder die Abweichler zu bekämpfen. Dies geschieht gesprächsweise oder in Aktion bis hin zu Kriegen. Das Ungleiche empfinden wir als Bedrohung und versuchen, jeweils einen gemeinsamen identitären Nenner herzustellen, ob dank unserer Überzeugungskraft oder notfalls mit Gewalt. Wir übersehen dabei, dass gleichgerichtetes Verhalten keine schöpferische Kraft aufzuweisen vermag, sondern nur Ungleiches die Aufmerksamkeit fördert und Unerwartbares hervorbringt, Neues schafft.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski

Aufruhr

Die Welt ist in Aufruhr, nicht nur in den großen klimatischen, wirtschaftlichen oder politischen Betrachtungen, sondern auch in der Wahrnehmung der kleinsten politischen Einheit, dem tatsächlichen oder virtuellen Stammtisch. Um was geht es dabei zunächst?

Vor allem um das Versagen der Politiker. Diese machen alles falsch, und zwar nicht nur diejenigen, die man nicht gewählt hat, sondern auch diejenigen, die man gewählt hat. So etwa lautet das Präludium: „Es kann doch nicht sein ….“. Wir alle kennen das. Der Stammtisch wird gepflegt, ob bei dem realen Zusammentreffen von Menschen, in den Medien, vor allem in social media. Warum ist das so? Wir könnten doch eigentlich dankbar sein für Politiker, die uns davon entlasten, selbst handeln zu müssen, die ein Stück weit unsere eigene Verantwortung zu der ihren machen? Funktioniert wohl generell nicht.

Auch zum Beispiel beim Fußball machen Trainer wie Mannschaft aus der Sicht der Zuschauer eine Menge falsch und doch wollen wir nicht auf dem Platz stehen, um dem Ball hinterherzulaufen. Wir wollen auch nicht anstelle des Kanzlers und seiner Minister permanent gefordert sein, durch die Gegend fliegen, schwierige Gespräche führen, um dann noch in den Medien ständig Rede und Antwort stehen zu müssen. Ich selbst kann dies jedenfalls für mich ausschließen und ich glaube, dass doch recht wenige Menschen, die Leidensfähigkeit aufbringen, vergleichbare gesellschaftliche Verantwortung zu übernehmen. Menschen, die Verantwortung übernehmen, entlasten uns aber nicht nur durch ihr Tun, sondern ermöglichen es uns auch, selbst andere Aufgaben zu übernehmen und ein Leben zu führen, dass unseren Neigungen entspricht, das womöglich nicht im selben hohen Maße von der öffentlichen Wahrnehmung bestimmt ist.

Deshalb sollten wir versuchen, die Aufruhr in dieser Welt nicht anderen anzulasten, sondern zu verstehen, dass Gemeinschaft jeden Menschen zum Verständnis und auch zur Zurückhaltung verpflichtet. Das bedeutet nicht Verständnis mit jeder Entscheidung, die andere für uns treffen, aber zur Abwägung unserer Reaktionen selbst dann, wenn wir anderer Meinung sind.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski

Kulturwandel

Die Feststellung eines Wandels ist dann denklogisch möglich, wenn zunächst eine bestimmte prägende Zuweisung eines Zustandes erfolgt ist. So kann ich von einem Kulturwandel auch nur dann sprechen, wenn ich mir nicht nur subjektiv, also aufgrund meiner augenblicklichen Empfindungen eine veränderte kulturelle Einschätzung erlauben, sondern objektive Anhaltspunkte dafür benennen kann. Das sollte außerordentlich schwer fallen, da das kulturelle Verständnis kein objektiver Seinszustand ist, insbesondere nicht allein der Beschreibung phänomenologischer Eindrücke gehorcht, sondern seine Wesenheit aus einem zeit- und umstandsbedingten angereicherten ewigen Menschenverständnis speist.

Nun will ich von den allgemeinen Betrachtungen zur Beleuchtung von Beispielen gelangen und mich dabei auf die derzeit oft benannte auch kulturelle Dimension von Veränderungen in Russland und den USA beziehen. Diese dienen gegenwärtig als prägende Anschauung kultureller Veränderungen, weil die diese Länder ausmachenden Dimensionen auf allen Gebieten so bedeutend sind, dass ein potentieller Kulturwandel kein nur binnengesellschaftlich leicht abzuhandelnder Vorgang wäre.

Das ist klar: Was in diesen Ländern geschieht, das bewegt uns alle. Da deren Kulturen sich schon bisher jeder Fixierung entziehen, bleibt festzuhalten, dass es weder eine eindeutige Ausgangslage, noch eine eindeutige zeitgegenwärtige Benennung eines Wandels für diese Länder geben kann. Vielleicht wird dies retrospektiv irgendwann möglich, gegenwärtig ist dies aber ausgeschlossen. Was wir allerdings feststellen können, sind statistische, d. h. an Zahlen festzumachende Entwicklungen, die erfahrungsbasiert Gradmesser von Veränderungen sein können. Dies gilt für alle Kulturen, kann derzeit aber für Russland und die USA exemplarisch in besonderem Maße angewandt werden.

Dabei ist in beiden Ländern die Ausgangslage völlig unterschiedlich. Wenn wir bedenken, dass Kulturen keine ad hoc gesellschaftlichen und schon gar nicht politischen Zustände sind, sondern auf Erfahrungen und Handlungen beruhen, die Menschen seit jeher prägend einbringen, werden die Schwierigkeiten offenkundig. Während wir es in den USA zum Beispiel mit einer recht jungen Gesellschaft zu tun haben, einer Gesellschaft, die durch den Prozess beständiger Migration geprägt wird, ist die Bevölkerungsmigration in Russland schon seit Längerem wesentlich eingeschränkt. Damit ist sowohl der kulturelle Seinszustand, als auch das Veränderungspotential hinsichtlich eines Kulturwandels in den USA und in Russland völlig unterschiedlich zu bewerten.

Sie können nicht übereinstimmen, denn Russland hat aufgrund seines lange zurückreichenden kulturellen Gedächtnisses selbst bei gleichen objektiven strategischen Herausforderungen im politischen, wirtschaftlichen und militärischen Bereich andere Verhaltensweisen als diejenigen in einem Einwanderungsland, wie den USA. Wird zudem ausgehend von der Kosten-Nutzen-Erwartung jedes einzelnen Menschen eine Relation geschaffen, die auf die primäre Schaffung von Vorteilen gerichtet ist, gibt es auch hier signifikante Unterschiede. Wer nur seinen Vorteil im Auge hat, kann auch flexibel auf Nachteile reagieren und seine Haltung ändern, wenn er glaubt, dass er anders vorteilhafter zurecht käme. Russland kann dagegen keine Verluste akzeptieren, weil es langwierig und mühevoll war, sich in der Welt zu behaupten und die kulturellen Errungenschaften zu sichern bzw. auch wirtschaftliche Verluste, die stets als schmerzhaft empfunden worden sind, wieder auszugleichen.

So können die USA mit ihren Potentialen und auch mit ihren Verlusten eher situativ, ja sogar spielerisch umgehen, Russland dagegen niemals. Jede zugelassene Gefährdung des russischen Selbstverständnisses hätte den Zerfall der mühevoll verteidigten Identität zur Folge. Dies nicht etwa als das Schreckgespenst einer von außen drohenden Zerstörung, sondern eine Aufweichung des inneren kulturellen Sinns des Landes. Dieser beruht auf der Kohärenz des Denkens, Handelns und Glaubens nach Mustern der Einheitlichkeit und nicht der Vielfalt. Die USA sind dagegen als amerikanisch verfasste Gesellschaft kulturell flexibel und stets bereit, Neuem und Veränderungen eine Chance zu geben und diese auch in den Lebensentwürfen als eine erfahrbare Veränderung der Kultur mit einzubauen. Die Erkenntnis der Unterschiedlichkeit könnte als Bereicherung und Schlüssel einer Verständigung generell bei allen Gesellschaften und Kulturen genutzt werden.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski

Apokalypse

Wofür haben wir uns denn nun entschieden? Dass die Welt untergehen möge oder dass wir hoffen, dass unser Bannspruch des baldig bevorstehenden Weltuntergangs diesen noch verhindern könne?

Beides mag richtig sein, denn wir können nicht anders, weil wir unsere Vergänglichkeit stets begreifen, aber nicht wissen, wann und wodurch unser Leben und das Leben anderer endet. Deshalb versuchen wir, uns die Wirklichkeit vom Leibe zu halten, indem wir Bannsprüche gegen diese veröffentlichen.

Nehmen wir zum Beispiel den Klimawandel. Sicher könnten wir auf diesen Einfluss nehmen, gestalten, dass er gestoppt oder zumindest verlangsamt wird, denn, wenn der Schalter einmal umgelegt sein sollte, werden wir machtlos sein. Sind wir noch die Handelnden oder nicht schon die Menschen als Teil der Apokalypse?

Wir gestalten die Erde, roden Wälder, versiegeln Böden, führen Kriege, schaffen eine Welt nach unseren Vorstellungen. Die Welt lässt uns geschehen, weil sie wissend in der Lage ist, alles, was wir anrichten, jederzeit zu annullieren, aufzuheben und neu zu gestalten. Aber, die Apokalypse ist bezogen auf das jeweilige Menschsein kein weltliches oder kosmisches Ereignis, sondern das Menetekel eines schmerzvollen Unvermögens der Menschheit, ihr eigenes Verhalten auf das universelle Stirb und Werde so auszurichten, dass es als eine verantwortliche Teilhaberschaft auf Zeit begriffen werden kann.

Wenn wir zu dem, was wir wollen oder wollen sollten, das hinzufügen, was wir geben könnten, dann würden uns unsere Gedanken und Gefühle schnell von apokalyptischen Befürchtungen zur Erkenntnis und zur Dankbarkeit dafür führen, dass uns dieses Leben hierzu auch auf Zeit geschenkt wird. Was sollte uns dann Angst machen?

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski

Monster

Alexander Kluge hat in einem Interview, veröffentlicht in der Zeit am 02.03.2022, gesagt, dass der Krieg ein „Monster“ sei. Das leuchtet ein und erschreckt, aber meines Erachtens hat er damit eher das Monströse des Krieges selbst benannt, nicht die Täter, die hinter dem Kriegsgeschehen stehen.

Ich halte dagegen, nicht der Krieg ist das Monster, nicht der von Helden zu bezwingende Drache. Es gibt nichts, von dem die Menschen sich distanzieren könnten, sondern Krieg ist unser monströses menschliches Versagen. Versagen vor den Möglichkeiten zu überzeugen, sich argumentativ oder emotional überzeugend durchzusetzen. Krieg ist der Versuch, das eigene Scheitern nicht sichtbar werden zu lassen oder dieses zu kompensieren, dem eigenen Versagen sogar den Nimbus des Historischen zu verleihen.

In der Geschichte hat dies meistens leider gut geklappt. Krieg ist aber ein Täuschungsmanöver. Wer Krieg führt, versteht, andere zu blenden und in der Steigerung des Einsatzes seiner Waffen seine eigenen Schwächen zu verbergen. Wenn eine eingeschränkte Argumentationsfähigkeit seit jeher Kriege begünstigt, wie können dann Kriege verhindert bzw. beendet werden?

Meines Erachtens durch Zuhören, selbst wenn dieser Versuch angesichts des ungeheuren kriegerischen Gemetzels mit vielen Toten und Verwundeten naiv aussehen mag. Zuhören bedeutet, dass Kriegsparteien ihre Argumente vorzubringen haben, selbst dann, wenn man sie angesichts des anzurichtenden Grauens eigentlich nicht mehr hören kann und will. So könnte es im Falle Russlands und der Ukraine sein, dass der Verlust des gemeinsamen Kulturraumes aus russischer Sicht maßgeblich für den Krieg ist. So wird es zumindest behauptet. So wäre zu überlegen, wie sich dieser Kulturraum wieder herstellen ließe, ohne die wirtschaftlichen, militärischen und gesellschaftlichen Interessen der Ukraine gegenüber Russland zu verletzten?

Meines Erachtens zunächst durch die Wiedereröffnung religiöser und kultureller Gemeinsamkeiten ähnlich einer kulturellen Konföderation, die beiden Seiten das gibt, was ihnen am Wichtigsten ist. Trotz der vielen sinnlosen Toten müsste ein Mediator berufen werden, der versucht, nicht nur einen Status quo zu schaffen, sondern durch wechselseitige Angebote die Möglichkeit eines Miteinanders zu ermöglichen, einen gemeinsamen Nenner zu finden, anstatt auf einer Kriegsschuld Russlands und der Darstellung des ukrainischen Leids zu beharren.

Kriege sind nicht zu gewinnen. Es sind grausame Gespenster unserer Hilflosigkeit. Immer dann, wenn wir uns nicht verstanden sehen, dies nicht wollen und die Bereitschaft verloren haben, uns selbst in Frage zu stellen und auf den anderen zuzugehen, werden Monster uns bestimmen. Da müsste etwas zu machen sein?

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski

Chaos

Dürfen wir Chaos als Chance begreifen? Wohin wir schauen, ob in die USA, nach Russland oder Israel, überall gewinnen wir den Eindruck, dass Unvernunft, Willkür und absurdes Handeln ein Chaos anrichten.

Ja, das ist furchtbar, aber auch rätselhaft und trotz all dem damit verbundenen Leid faszinierend: Warum machen Menschen das? Wir werden aufgeweckt, Menschen und ein Weltenrätsel zu studieren, um neue Erfahrungen zu machen und dabei die Komplexität unseres Seins zu ergründen. Ein Beispiel: Kaum eine Mutter bringt Kinder auf die Welt, damit sie wieder sterben, meist zudem vor den Eltern. Keiner will in der Kürze seines Lebens hungern, dürsten, eingesperrt oder gefoltert werden. Und doch all das passiert.

Jeder, der dazu eine Chance hat, will sich in der Kürze seines Lebens so einrichten, dass es ihm gelingen möge, alt zu werden, dabei sowohl beruflich, als auch privat diejenigen Annehmlichkeiten zu erfahren, die ihm seine jeweilige Umgebung gewähren kann. Es entspricht dem Wesen des Menschen stets auf der bright, d. h. auf der „Right Side of Life“ zu sein und zu verhindern, dass der persönliche Friede vermeidbar gestört wird. Und er wird gestört. Die Welt befindet sich in Aufruhr, Kriege, auch Handelskriege, verursachen Chaos. Die Regeln scheinen zur Disposition gestellt zu sein.

Eine Verlässlichkeit scheint zumindest international, aber auch im engeren politischen Raum abhanden gekommen zu sein. Diese Erfahrung wirkt wie eine Brandung, die uns umzuwerfen in der Lage ist, aber seltsamerweise verhindert sie auch die Abstumpfung und schärft unsere Sinne für das andere Mögliche. Aus dem Chaos zu lernen bedeutet, unser Verhalten als Mensch sowohl privat, als auch beruflich und insgesamt gesellschaftlich zu überdenken und daraus Handlungsinitiativen abzuleiten, die eine erweiterte Lebensgewissheit aller Menschen festigt.

Mit Appellen ist es nicht getan und Kriege wird es immer geben, Auseinandersetzungen und Streitereien sind an der Tagesordnung, aber das durch das Chaos deutlich werdende Mahnzeichen, die Konsequenzen unseres Handelns zu bedenken, wird zu einer anders strukturierten konkreten Einsicht führen, dass künftige, noch nicht geborene Generationen die Möglichkeit haben wollen, uns zu überleben.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski

Entgrenzung

Es ist etwas los in dieser Welt. Wir wollen uns schützen vor Trump, Musk und Weidel. Aufrufe, Appelle und Demonstrationen. Atomkraftgegner, Klimaschützer und Weltenretter. Es hat doch immer gut funktioniert. Hier die Anständigen angeblich in der Mehrzahl und dort die Bedrohung, irgendwie werden wir schon damit fertig und wenn nein, dann haben wir zumindest alles versucht, das Schlimmste zu verhindern.

Das Muster unseres Protestes ist geblieben, aber die Bedrohung hat sich angepasst, ist Dank Digitalisierung flexibel geworden. Es ist keine Geschichte von einem Elefanten und einer Mücke, sondern von einer grundsätzlichen Veränderung der Verhältnisse, in denen wir leben.

Wind of Change, Zeitenwende und welche Metaphern auch sonst noch verwendet werden, sie verschleiern eher, als dass sie deutlich machen, dass eine Disruption stattfindet, die alle bisherigen Gewissheiten oder Vorstellungen in Frage stellt, keine Rücksicht nimmt auf Befindlichkeiten, skrupellos oder konsequent, je nach Betrachtungsweise, unsere Welt so umgestaltet, dass sie keinerlei Kongruenz mehr mit unseren bisherigen Erwartungen, Erfahrungen und Lebensversprechen mehr aufweisen wird.

Es ist zwecklos, sich mit Protesten dagegen stemmen zu wollen. Der einzige Weg, diesen Umwälzungen gewachsen zu sein, ist, sich auf sie vorzubereiten, d. h. sie zu studieren und Schwachpunkte zu erkennen, die vielleicht zu nutzen sind, um der künftigen Entwicklung eine Richtung zu geben, die sich auch an den in der Vergangenheit erworbenen Werten orientiert. Zuversichtlich bin ich da überhaupt nicht, sondern meine nur, dass, wenn sich eine entsprechende Gelegenheit bietet, diese auch ergriffen werden sollte. Im Übrigen besteht hier ein Bildungsauftrag, d. h. nicht zu jammern, sondern resiliente Entwicklungen durch genaues Studium und flexible Reaktionen auf alle Zumutungen zu gestalten.

Die Menschheit begibt sich derzeit auf einen Schlingerkurs, der gefährlich sein kann, aber auch Gelegenheit bieten wird, bisherige Denk- und Verhaltensmuster nicht nur zu überprüfen, ggf. anzupassen, sondern auch über grundsätzliche Neufindungen in unserer Gesellschaft die Voraussetzungen für deren Existenzsicherung auch im digitalen Raum zu schaffen.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski