Die Feststellung eines Wandels ist dann denklogisch möglich, wenn zunächst eine bestimmte prägende Zuweisung eines Zustandes erfolgt ist. So kann ich von einem Kulturwandel auch nur dann sprechen, wenn ich mir nicht nur subjektiv, also aufgrund meiner augenblicklichen Empfindungen eine veränderte kulturelle Einschätzung erlauben, sondern objektive Anhaltspunkte dafür benennen kann. Das sollte außerordentlich schwer fallen, da das kulturelle Verständnis kein objektiver Seinszustand ist, insbesondere nicht allein der Beschreibung phänomenologischer Eindrücke gehorcht, sondern seine Wesenheit aus einem zeit- und umstandsbedingten angereicherten ewigen Menschenverständnis speist.
Nun will ich von den allgemeinen Betrachtungen zur Beleuchtung von Beispielen gelangen und mich dabei auf die derzeit oft benannte auch kulturelle Dimension von Veränderungen in Russland und den USA beziehen. Diese dienen gegenwärtig als prägende Anschauung kultureller Veränderungen, weil die diese Länder ausmachenden Dimensionen auf allen Gebieten so bedeutend sind, dass ein potentieller Kulturwandel kein nur binnengesellschaftlich leicht abzuhandelnder Vorgang wäre.
Das ist klar: Was in diesen Ländern geschieht, das bewegt uns alle. Da deren Kulturen sich schon bisher jeder Fixierung entziehen, bleibt festzuhalten, dass es weder eine eindeutige Ausgangslage, noch eine eindeutige zeitgegenwärtige Benennung eines Wandels für diese Länder geben kann. Vielleicht wird dies retrospektiv irgendwann möglich, gegenwärtig ist dies aber ausgeschlossen. Was wir allerdings feststellen können, sind statistische, d. h. an Zahlen festzumachende Entwicklungen, die erfahrungsbasiert Gradmesser von Veränderungen sein können. Dies gilt für alle Kulturen, kann derzeit aber für Russland und die USA exemplarisch in besonderem Maße angewandt werden.
Dabei ist in beiden Ländern die Ausgangslage völlig unterschiedlich. Wenn wir bedenken, dass Kulturen keine ad hoc gesellschaftlichen und schon gar nicht politischen Zustände sind, sondern auf Erfahrungen und Handlungen beruhen, die Menschen seit jeher prägend einbringen, werden die Schwierigkeiten offenkundig. Während wir es in den USA zum Beispiel mit einer recht jungen Gesellschaft zu tun haben, einer Gesellschaft, die durch den Prozess beständiger Migration geprägt wird, ist die Bevölkerungsmigration in Russland schon seit Längerem wesentlich eingeschränkt. Damit ist sowohl der kulturelle Seinszustand, als auch das Veränderungspotential hinsichtlich eines Kulturwandels in den USA und in Russland völlig unterschiedlich zu bewerten.
Sie können nicht übereinstimmen, denn Russland hat aufgrund seines lange zurückreichenden kulturellen Gedächtnisses selbst bei gleichen objektiven strategischen Herausforderungen im politischen, wirtschaftlichen und militärischen Bereich andere Verhaltensweisen als diejenigen in einem Einwanderungsland, wie den USA. Wird zudem ausgehend von der Kosten-Nutzen-Erwartung jedes einzelnen Menschen eine Relation geschaffen, die auf die primäre Schaffung von Vorteilen gerichtet ist, gibt es auch hier signifikante Unterschiede. Wer nur seinen Vorteil im Auge hat, kann auch flexibel auf Nachteile reagieren und seine Haltung ändern, wenn er glaubt, dass er anders vorteilhafter zurecht käme. Russland kann dagegen keine Verluste akzeptieren, weil es langwierig und mühevoll war, sich in der Welt zu behaupten und die kulturellen Errungenschaften zu sichern bzw. auch wirtschaftliche Verluste, die stets als schmerzhaft empfunden worden sind, wieder auszugleichen.
So können die USA mit ihren Potentialen und auch mit ihren Verlusten eher situativ, ja sogar spielerisch umgehen, Russland dagegen niemals. Jede zugelassene Gefährdung des russischen Selbstverständnisses hätte den Zerfall der mühevoll verteidigten Identität zur Folge. Dies nicht etwa als das Schreckgespenst einer von außen drohenden Zerstörung, sondern eine Aufweichung des inneren kulturellen Sinns des Landes. Dieser beruht auf der Kohärenz des Denkens, Handelns und Glaubens nach Mustern der Einheitlichkeit und nicht der Vielfalt. Die USA sind dagegen als amerikanisch verfasste Gesellschaft kulturell flexibel und stets bereit, Neuem und Veränderungen eine Chance zu geben und diese auch in den Lebensentwürfen als eine erfahrbare Veränderung der Kultur mit einzubauen. Die Erkenntnis der Unterschiedlichkeit könnte als Bereicherung und Schlüssel einer Verständigung generell bei allen Gesellschaften und Kulturen genutzt werden.
Hans Eike von Oppeln-Bronikowski