Archiv der Kategorie: Wissenschaft

Vernetzung

Die Wirkung bleibt nicht aus. Der Flügelschlag eines Schmetterlings kann – bildhaft gesprochen – einen Taifun am anderen Ende der Welt auslösen. Eine solche Metapher ist vielfach gebräuchlich und wird gern zur Veranschaulichung eines Ereignisses und dessen Wirkung eingesetzt. Eigentlich geht es aber überhaupt nicht um Ursache und Wirkung, sondern um die Zusammenhänge, die dank vielfältiger Vernetzungen begründet werden. Netze sind Wirkbahnen für Informationen jeglicher allgemeiner und dabei aber auch oft sehr spezifischer Art, die eine Vielzahl oder auch nur einzelne Adressaten erreichen sollen. Das Netz ist so eine aufnahmefähige Matrix für Botschaften, die sich wiederum selbst ein wirkmächtiges Netz schaffen. So besteht eine Interdependenz zwischen Botschaft und Netz, die vorausschauend Anforderungen an diejenigen stellt, die sich ihrer bedienen wollen. Das Netz hat Struktur und Gedächtnis. Es verbindet und verfügt. Was das Netz aufnimmt, bleibt, nutzt die geschaffenen Wege zur Verbreitung akkumulierter Energie oder Wissens, bleibt nicht neutral, wirkt selbst wie ein Gedächtnis.

Ohne Vernetzung ist Kommunikation nicht möglich, Fehlschaltungen jeglicher Art sind aber möglich. Fraglos setzt alle Kommunikation auf Vernetzung, doch die kann gestört werden, nicht nur bei Hackerangriffen auf Daten, sondern auch dann, wenn der Transportmodus des Netzes in seiner Bedeutung den Inhalt der jeweiligen Transmission verdrängt und selbst Inhalt wird, so gestaltende Bedeutung erlangt. Aus scheinbar inhaltlichen Eindeutigkeiten wird durch diese Art und Weise der Verknüpfung etwas anderes geschaffen. Die Kommunikation, die auf einer Verknüpfung im Netz beruht, ermöglicht zwar einerseits die Vielfältigkeit eines Impulses, eines Gedankens, eines Gefühls und einer Handlung, die ohne eine derartige Verknüpfung wirkungslos wäre, schafft aber andererseits auch einen Anspruch, der auf unerbittliche inhaltliche Nutzung des Netzes in dessen gestaltendem Sinne drängt.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski

Materialisierung

Was ist der Mensch, was bedeutet ihm das Leben auf diesem Planeten oder auch auf anderen Planeten des Universums, so es dieses gibt? Materie, woraus alles entstanden ist und wieder zur Materie wird, mit dem Tode wieder zerfällt. Materie ist auch alles, was lebt und stirbt, verändert aber stets ihre Ausdrucksform. Materie hat nur eine gedachte Gegenständlichkeit, besteht sie doch aus chemischen Reaktionen, aus Atomen, Neutronen und sonstigem, was das Erscheinungsbild gestaltet. Ob chemische, physikalische oder elektronische Eigenschaft, jedes Gen trägt die Erinnerung all dieser Eigenschaften, die wir unter Materie fassen in sich.

Wie verhält es sich dabei mit Gedanken und Gefühlen? Indem sie sich in der Materie bewegen bzw. diese bewegen, sind sie wohl selbst Teil derselben, was zur Folge hat, dass alles Geschaffene, selbst Musik, Wort- und Bildkunst, wohl auch Materie sind. All das, was die Natur schafft, was der Mensch zu schaffen vermag, alles ist trotz unterschiedlicher Erscheinungen von der gleichen Art, entsteht aus Materie und wird wieder in einen materiellen Zustand zurückgeführt. Dieser Prozess prägt die Materie, gibt ihr Form und Gewicht, generiert Anziehung und Abstoßung, beeinflusst die in der Materie wirkenden Kräfte.

Da alles Leben endlich ist, stellt sich auch der spirituelle Sinn der Metamorphose. Diese ist nicht durch Glauben zu lösen, sondern verbirgt sich im Universum selbst, welchem wir eine allumfassende Kraft beimessen, die es erschaffen hat und beenden kann. Diese Kraft könnte göttlich sein, eine Kraft, die sich in allem, was das Leben ausmacht, materialisiert. So wird sie sichtbar. Wir wissen, dass es sich bei Materie nicht um etwas rein Stoffliches handelt, sondern Materie eine Synthese von physikalischen und chemischen Prozessen ist, die wir als gegenständlich wahrnehmen. Wir wissen auch, dass sich Materie verändern kann, je nachdem, ob Materie mit Hitze, Kälte oder anderer prozessualer Einwirkungen konfrontiert wird.

Wenn der Mensch im beschriebenen Sinne auch Materie ist, was sind dann aber Glaube, Liebe, Hoffnung, diese drei, wie es beim 1. Korinther 13 Vers 13 heißt? Materie? Gott selbst, ist er der Inbegriff aller Materie, also eines Zustandes, der den Menschen im Fall seines Todes wieder bei sich aufnehmen kann? Im Versuch, ein Beziehungsmosaik aller Seins, Nicht-Seins und Gewesen-Seins-Zustände zu schaffen, eröffnet diese Betrachtung uns die Möglichkeit die Ganzheitlichkeit aller Vorkommnisse zu erfahren, seien diese fassbar oder unfassbar, auf ewig miteinander verbunden, in vergänglichen Erscheinungsformen gefangen, aber stets bleibend in Ansehung der Materie bzw. ihres vielfältigen Wesens.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski

Zeit und Zeitbewusstsein

Was hat es mit unseren Zeitvorstellungen auf sich? Gibt es überhaupt eine allgemein verbindliche Zeit? Was bedeutet denn für uns die Zeit, der Stundenschlag, die verrinnenden Stunden und Minuten, das schwindende Leben? Birgt die Zeit einen Inhalt und ist gleichzeitig eine Methode der Erfassung unserer Befindlichkeit angesichts des von uns vermuteten Urknalls?

Ist die Zeit für uns also ein Bedienungsladen, sowohl für Wissenschaftler, als auch für Privatpersonen? Die Zeit verschafft eine zumindest vorübergehende Sicherheit, einen Rahmen der Orientierung, wenn alles auseinanderzudriften scheint. Objektiv ist nichts da. Subjektiv nutzen wir das eigene Verständnis für die Zeit, um mit denjenigen, die unsere Verabredung zur Zeit teilen, eine Chance zu haben, stabil Augenblicke des Innehaltens und des Aufbruchs zu nutzen.

Unsere Zeit ist die des Pendels. Mit den Schwingungen des Pendels beherrschen wir die Zeit und das Pendel beherrscht uns, zeigt uns, wann uns die Stunde schlägt. Unsere Vorstellung von der Zeit ist eine phänomenologische des steten nicht Erreichbaren, um dessen Beherrschung wir uns aber bemühen. Die Zeit haben wir vorgefunden, mit unseren Sehnsüchten bestückt, wir versuchen sie zu unseren Zwecken zu nutzen und verlassen sie mit unserem Tod zeitlos für immer.

Die Zeit, die die Welt und der Weltraum haben, entspricht nicht nur von den Dimensionen her in keiner Weise unseren Vorstellungen, sondern sie ist auch etwas Anderes, gleichgültig gegenüber unserer Begrifflichkeit. Wir benötigen die Begrenzung, um zu leben, die Welt muss sich zeitlich entgrenzen, um zu bleiben. Die Zeit an sich bemüht sich in keinerlei Weise um Dimensionen, nur wir.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski

Verständnis

Dank unserer Sprache sind wir dazu in der Lage, einander zu verstehen, ohne zwingend auch Verständnis füreinander haben zu müssen. Sprache lässt eine inhaltliche Entgrenzung allerdings nicht zu, sondern schafft eine Barriere, die bereits in ihrer Entstehung begründet ist. Wir haben die Sprache für unsere Kommunikation und unsere Erkenntnisgewinnung gewählt.

Ob wir sprechen, handeln, denken oder schreiben, stets ist Sprache unser konkreter Begleiter, befördert unsere Ausdrucksmöglichkeiten und hält diesegleichermaßen in Grenzen. Ohne Worte sinnieren, loslassen von Begrifflichkeiten, ohne jegliche Sinnvorgaben, schwer ist dies außerhalb eines Traums erlebbar. Das unsprachliche sich Gehenlassen, keine sprachlichen Instrumente bei der Erforschung des Lebens zu nutzen, sich auf Sinnsuche ohne Worte zu begeben, das ist schwer vorstellbar?

Vorhaben, die wir absichtlich voll angehen, werden stets an sprachliche Grenzen stoßen. Sind sprachlose Rufe möglich? Können wir die Sprache verlernen, um zu verstehen? Und wenn wir verstehen sollten, was würden wir dann erfahren? Wie könnten wir das, was wir dann erfahren, entschlüsseln? Welches Gespür haben andere Lebewesen, zum Beispiel Einzeller für sich und ihre Existenz ohne eine dem Menschen vergleichbare Sprache? Welches Wissen könnte jede Zelle preisgeben, wenn sie nicht so sprachlos von uns determiniert würde?

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski

Erkenntnis

Ohne den Willen, zur Erkenntnis zu gelangen, ist Denken sinnlos. Dabei beruhen Erkenntnisse nicht allein auf einem kognitiven Prozess, sondern werden auch emotional und sinnlich bestimmt. Erkenntnis ergibt sich aus der Möglichkeit, etwas wahrzunehmen, was dann denkend verarbeitet werden kann. Erschöpfte sich das Denken in der Repetition des wahrnehmbaren Offensichtlichen, wäre das Denken vergeblich, wie auch ein emotional aufgeladenes Denken wirklichkeitsfremd und ziellos wäre.

Das durch Erkenntnis genährte Denken erweist sich aber auch dann als vergeblich, wenn es wirkungslos, d. h. eine Option ohne zu Handeln ist. Andererseits ist jedes Handeln, das nicht auf einem durch das Denken ausgelöstes Erkennen beruht, gefährlich, weil es nur ein Ausprobieren von Möglichkeiten wäre.

So verhält es sich aber tatsächlich mit etlichen Verhaltensweisen, die durchaus eine allgemeine und wirkungsvolle Verbreitung erfahren, ohne dass erkennbar ist, auf welchem Erkenntnis- und deren Verarbeitungsprozess sie beruhen. Losgelöst vom methodischen Zwang des Erkennens, floaten sie den öffentlichen Raum, verbreiten sich schnell und bilden Klumpen, die erkenntnis-avers sind, aber dazu beitragen, dass sich eine allgemeine Meinungs- und Verhaltensdystopie über den Menschen, der Gesellschaft und unseren ganzen Planeten ausbreitet, die lähmen, aber vor allem erheblich zur Entfachung von Aggressivität unter den Menschen beitragen kann.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski

Ikonographie

Ein Bild erstarrt und verändert dadurch seine Bedeutung. Gerade noch im Ausdruck lebendig, flüchtig gar und gegenwärtig vereist es in den Aggregatzustand einer Aussage, verewigt sich ggf. auch in Zeichen. Die Symbolkraft des erstarrten Bildes genügt sich selbst, übernimmt aber auch die Bedeutung für etwas anderes, das uns als ein Rätsel erscheinen mag, aber in seiner Eigentlichkeit den Schlüssel zu etwas verbirgt.

Es ist wie mit dem Denken oder Gedachtwerden. Stets entdecken wir in Bildern Bezüglichkeiten, die kategorisch unsere Welt erlebbar machen. Aus dem Dunkel treten Zeichen hiervor, Chiffren, die sich anbieten zur Verarbeitung, nicht zuletzt im Internet oder auf Plattformen, wie Instagram und TikTok. Alles ist gegenwärtig und sogar im Verschwinden präsent. Die Aneinanderreihung von Ausdrücken zaubert ein Bewegungsbild, eine Ikonographie verbürgt den Sinn, den wir schauend erahnen. Läge alles auf der Hand, wäre alles klar, verlöre das Zeichen das Symbol, die verborgene Aussage an Bedeutung.

Es ist das Geheimnis, welches uns anzieht, das Mysterium, in dem der Keim aller Möglichkeiten verborgen ist, sich jederzeit öffnen kann, um in einem seltenen Augenblick einen erkennenden Moment zu erlauben. Dann wartet das erstarrte Bild wieder auf jemanden, der es zu erkennen vermag.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski

Sprachvermögen

Vergewissern wir Menschen uns des Seins, indem wir sprechen? Ist es der Klang unserer Stimme, die uns dabei existenzielle Sicherheit vermittelt oder ist es die Aussage selbst, die unter Abstimmung unserer Gefühle und Gedanken unser Ich bestätigt? Oder ist es möglicherweise erst der Adressat unserer Aussage, der wesentlich zur Vergewisserung unseres Eigenseins beiträgt?

Sprache ist Verlautbarung, bildet aber auch geschrieben oder nur gedacht, den Nukleus unserer Existenz. Stellt sich also die Frage, ob der Mensch durch die Sprache erst geschaffen wird, allein durch die Sprache seine Handlungsfähigkeit erreicht und im Zuge einer Entsprachlichung sogar aufhören würde zu existieren? Dabei sind die vielen inzwischen vorhandenen medialen Formate als Ursache dieser Entsprachlichung zu benennen. TikTok, Instagram und Facebook, alle durch Proms, durch Menschen belebten Formate haben eine menschenähnliche Sprach- und Darstellungsfähigkeit erlangt, die nicht nur die Singularität des Menschen in Frage stellen könnte, sondern auch den Sinn der menschlichen Sprache an sich.

Derzeit ist es noch nicht gewagt zu behaupten, die natürliche Entwicklung seiner Sprechfähigkeit habe den Menschen zu etwas Besonderem werden lassen. In Zukunft könnte auch eine KI aufgrund Informationsfähigkeit der menschlichen Sprache bestimmen, was Menschsein ist. So gerät also durcheinander und ist schwer zu erkennen, was dabei Henne oder Ei ist.

Sprache ist mehr als nur Wert, Sprache ist die Qualität einer prozessualen Errungenschaft an menschlicher Erkenntnis. Um diese zu tradieren, wird der Mensch zwar auch künftig seine Befehle an maschinelle Wortmaschinen erteilen, aber in Nuancen seines Sprachvermögens weiterhin Geheimnisse bewahren und sich selbst sprechend seiner Existenz versichern, dies selbst dann, wenn er öffentlich kaum mehr im Stimmengewirr des Internets vernehmbar sein sollte.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski

Wortklon

Die Sprache dient der Kommunikation unter allen Lebewesen. Tiere kommunizieren untereinander, Menschen mit Tieren und vielleicht kommunizieren auch Pflanzen auf einer von uns noch nicht entschlüsselten sprachlichen Ebene. Sprache wird aber vor allem mit Menschen in Verbindung gebracht. Wir haben uns damit vertraut gemacht, dass wir vielfältige Sprachmuster haben, die miteinander im Wirkungszusammenhang stehen und übersetzt werden können, so dass wir wegen ihrer vielfältigen Einsatzfähigkeit die Sprache als eine wichtige menschliche Errungenschaft begreifen.

Nun werden wir aber damit konfrontiert, dass auch Maschinen ein hohes Maß an Sprachfähigkeit erlangt haben sollen, die es diesen nicht nur erlaubt, Bedienungsanleitungen zu entwerfen, Übersetzungen herzustellen oder auch komplette juristische Schriftsätze, wie z. B. in „Legal Tech“, zu verfassen, sondern sogar auch Romane und Gedichte zu produzieren. Maschinen sollen dazu in der Lage sein, Witze zu erzählen, vielleicht sollten sie darüber selbst am meisten lachen.

Es ist also der Beginn einer herrlichen Zeit, in der der Mensch davon entlastet werden soll, selbst zu schreiben und auch zu lesen. Maschinen haben kein Problem damit, in kürzester Zeit umfangreiche Texte zu produzieren, die dann auch in noch kürzerer Zeit von ihnen selbst wieder gelesen werden können. Es würde also den Menschen außerordentlich entlasten, wenn er sich das Schreiben und Lesen ersparen und dies einem sich selbst auf allen Ebenen genügenden System anvertrauen könnte, das alles Schreiben und Lesen für ihn mühelos umsetzt und dabei mutmaßlich sogar weniger Fehler macht und natürlich auch am besten versteht, was es selbst geschrieben hat.

Es ist zwar bedauerlich, dass dies fortschreitend mit dem Verlust der menschlichen Sprache, des Menschen Ideen und Emotionen einhergeht, aber dies hat auch sein Gutes, denn das Maß an Sprach- und Zeitentlastung kann vom Menschen problemlos mit Gedankenlosigkeit gefüllt werden. Er hat zwar nichts mehr zu sagen, aber er muss ja auch nicht. Sein Klon wird alles erledigen.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski

Authentizität

Wir werden überschwemmt von Nachrichten, Botschaften politischen und wissenschaftlichen Inhalts, werden informiert über Erkenntnisse in der Biowissenschaft, der Klimaforschung, der fortschreitenden Digitalisierung unserer Welt.

Eine Fülle von Informationen bemächtigen sich unserer Gedanken und Gefühle, erfahren eben genau durch unsere Wahrnehmung ihre Authentizität. Ohne uns und unsere Wahrnehmung wären alle Informationen völlig nutzlos, es sei denn, wir favorisierten den Informationsaustausch künstlicher Intelligenzen unter gleichzeitigem Verzicht auf jede menschliche Einmischung.

Ich bin allen medialen Formaten dankbar, die zwar meist nicht zielgerichtet, aber opulent im Angebot meine Wahrnehmungsbedürfnisse zu stillen versuchen. Auch wenn der Hunger nach noch mehr Informationen ständig wächst, vernetze ich mich so mit allem Wissen, das wiederum meine Zellen in Schwingungen versetzt, das Feuer in meinem Gehirn so zu entfachen vermag, dass ich den Wunsch verspüre, Blogbeiträge zu schreiben. Diese Blogbeiträge sind bereits Verarbeitungsprodukte meinerseits aus vorgekauten und verarbeiteten Produkten Anderer.

Primäre Informationsbedürfnisse werden durch meine Blogbeiträge nicht gestillt, aber möglicherweise Informationen aus der Aufbereitung von Gedanken und Gefühlen weitergegeben, die geeignet sein können, einen potentiellen anonymen Adressaten seinerseits zu Erkenntnissen zu verhelfen. Wenn ich von Organoiden höre und von Optogenetik lese, verstehe ich natürlich nur das, was ich lesen und begreifen kann, aber meine Einschätzungen sind dennoch Botschaften der Begeisterung oder der Angst, die beeinflussend wirken können.

Deshalb scheint es mir wichtig zu sein, das Leben als Lernprozess zu begreifen und sich zuweilen auch in Blogbeiträgen auszudrücken, und zwar selbst dann, wenn man davon ausgehen muss, dass die meisten Beiträge von Suchmaschinen angeklickt werden. Aber selbst dann, wenn niemand meine Beiträge lesen würde – was offenbar nicht stimmt – bleibt festzustellen, dass jeder – also auch jeder nicht offensichtlich wahrgenommene Gedanke – das gemeinsame menschliche Gedächtnis zu bereichern in der Lage ist. Deshalb werde ich weiter schreiben, aus Pflichtgefühl.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski

Gefühligkeit

Emotionen, Gefühle – diese Begriffe sind uns aus dem täglichen Gebrauch vertraut. Sie beschreiben unseren jeweiligen Gemütszustand, allerdings sind Sie uns auch situativ zugeordnet. Emotionen haben eher mit dem Erregungszustand zu tun, messen, wie weit dessen Pegel angesichts irgendeines Vorkommnisses ansteigt. Gefühle beschreiben eher die Tiefe und das Ausmaß des Berührtseins, also unsere innere Verfasstheit angesichts eines Vorkommnisses.

Was verstehe ich nun unter Gefühligkeit? Sie hat meinem Verständnis nach mit einer Verunsicherung zu tun. Warum ist das so? Weil Verunsicherungen entscheidend auf unser Gemüt einwirken und Emotionen bei uns hervorrufen. Unsicherheit und Angst werden gefördert. Ich weiß, dass das sehr plakativ ausgedrückt ist, trifft aber trotz aller denkbaren Varianten das Problem. Wenn wir verunsichert sind, verlieren wir den Überblick.

Da die Menschen früher durch die räumliche Begrenztheit ihrer Wahrnehmung geschützt waren, verloren sie den Überblick nur partiell. Dies deshalb, weil sie länger Zeit hatten, die Eindrücke, die auf sie einstürmen, zu verarbeiten. Diese Zeit gibt es heute nicht mehr. Das Kommando lautet: Begreife alles sofort, entscheide dich schnell und mache es richtig, besser für dich! Wie will ich aber angesichts der allgemeinen Verunsicherung entscheiden können, was günstig für mich ist?

Es türmen sich Fragen auf Fragen, die kaum jemand schlüssig beantworten kann. Ist es dann nicht naheliegend, ja vielleicht sogar sinnvoll, den Spieß einfach umzudrehen und aus der allgemeinen Verunsicherung eine Tugend zu machen? Also etwa so: Ja, ich bin naiv, na und, ja ich verstehe nichts, na und, ja, ich finde alles furchtbar, was in der Welt geschieht, na und oder vielleicht so: Da müsste doch jemand etwas machen, alles immer auf mich, auf uns … und dann Corona, „Wissenschaftler, sach ick ma, dass ich nicht lache!“ Achtsamkeit wird gegen Unachtsamkeit, Verschwörung gegen Menschenverstand, reich gegen arm, fast alles wird gegeneinander ausgespielt. Uns sind viele Beispiele bekannt. Diese sind alltäglich, aber wer oder was bestimmt die Auswahl, bewegt den Prozess der Wahrnehmung und Verarbeitung?

Das ist die Gefühligkeit! Sie bestimmt das Denken und Handeln, wo der Verstand angesichts der Komplexität und Fülle der Informationen versagt. Es kommt hierbei auch nicht mehr auf die Ausformung unserer Gefühle bei der ständigen Befeuerung mit Bilder und Informationen an, sondern auf die Kultivierung unserer Parteilichkeit. Die Gefühligkeit nimmt von uns Besitz und eröffnet Möglichkeiten, wenn wir auf den Prozess des Selbstdenkens und –fühlens verzichten und uns lieber auf den allgemeinen „Flow“ einlassen.

Hat uns einmal der Strom ergriffen, also wir uns unsere Konformität wohlig zugestanden, dann ist alles ganz einfach. Wir sind stets auf der richtigen Seite, so oder so, und finden für alles umstandslos einen passenden Ausdruck. Die allgemeine Gefühligkeit verhindert jeden Widerspruch, sowohl gegenüber anderen, als auch gegenüber uns selbst. Plötzlich machen wir alles hemmungslos richtig, wir und wir.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski