Orientierung

Wer eine Orientierung hat, der fühlt sich sicherer. Er hat einen Standpunkt gewonnen, der es ihm erlaubt, weitere Ziele anzusteuern, ohne die bereits erworbenen Etappen auf dem Findungsweg abgeben zu müssen. Orientierung ist ein Prozess der steten Vergewisserung beim Erwerb von Erfahrung. Erfahrung ist unverzichtbar bei der Verortung des eigenen Ichs, aber auch bei jeder gesellschaftlichen Gestaltung. Um andere Menschen und sich selbst erfahren zu können, ist eine Offenheit in der Begegnung mit anderen Menschen, diesen zuzuhören und wachsam auf sie zu reagieren, unumgänglich. Nur so kann durch gemeinsames methodisches Erfahren ein gesellschaftlicher gemeinsamer Nenner geschaffen werden.

Dies ist handelnd zu bewerkstelligen durch Schaffung von Einrichtungen in Kiezen und Gemeinden, die es uns Bürgern erlaubt, sich zu begegnen, sich zu beraten und unsere Anliegen im vorgenannten Sinne zu verdichten und ihnen in einem Contrat Social eine zumindest temporäre Verbindlichkeit zu verleihen. Das Besondere dabei ist, dass der Mensch erfährt, dass er sich jenseits der politischen Governance auch persönlich außerhalb des engen familiären oder beruflichen Feldes wirksam in die Gesellschaft einzubringen vermag. Da gibt es viel zu bewältigen, zum Beispiel im Bereich der Gestaltung des gesamten öffentlichen Raumes.

Sobald also auch die Orientierung im öffentlichen Wahrnehmungsbereich geschieht, hat dies Auswirkungen auf das eigene Verhalten. Was ist nun wichtig, nicht nur persönlich, sondern auch in der Gemeinschaft, gesellschaftlich? Auf welchen gemeinsamen Nenner können wir uns verständigen und welche Methode wählen wir, um das erstrebte Ziel zu erreichen. All dies wird dann wie selbstverständlich mit bedacht. Es beginnt mit der Sammlung von Ideen und Vorschlägen und setzt sich fort bis zur Findung geeigneter Methoden der Umsetzung gewünschter Vorhaben aufgrund der mehrheitlich abgesicherten gemeinschaftlichen Ermächtigung. In jeder Phase dieses Prozesses ist eine verantwortliche Stärkung unserer Gesellschaft aufgrund der Optionen, die sie jedem einzelnen von uns bietet, erlebbar zu machen.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski

Materialisierung

Was ist der Mensch, was bedeutet ihm das Leben auf diesem Planeten oder auch auf anderen Planeten des Universums, so es dieses gibt? Materie, woraus alles entstanden ist und wieder zur Materie wird, mit dem Tode wieder zerfällt. Materie ist auch alles, was lebt und stirbt, verändert aber stets ihre Ausdrucksform. Materie hat nur eine gedachte Gegenständlichkeit, besteht sie doch aus chemischen Reaktionen, aus Atomen, Neutronen und sonstigem, was das Erscheinungsbild gestaltet. Ob chemische, physikalische oder elektronische Eigenschaft, jedes Gen trägt die Erinnerung all dieser Eigenschaften, die wir unter Materie fassen in sich.

Wie verhält es sich dabei mit Gedanken und Gefühlen? Indem sie sich in der Materie bewegen bzw. diese bewegen, sind sie wohl selbst Teil derselben, was zur Folge hat, dass alles Geschaffene, selbst Musik, Wort- und Bildkunst, wohl auch Materie sind. All das, was die Natur schafft, was der Mensch zu schaffen vermag, alles ist trotz unterschiedlicher Erscheinungen von der gleichen Art, entsteht aus Materie und wird wieder in einen materiellen Zustand zurückgeführt. Dieser Prozess prägt die Materie, gibt ihr Form und Gewicht, generiert Anziehung und Abstoßung, beeinflusst die in der Materie wirkenden Kräfte.

Da alles Leben endlich ist, stellt sich auch der spirituelle Sinn der Metamorphose. Diese ist nicht durch Glauben zu lösen, sondern verbirgt sich im Universum selbst, welchem wir eine allumfassende Kraft beimessen, die es erschaffen hat und beenden kann. Diese Kraft könnte göttlich sein, eine Kraft, die sich in allem, was das Leben ausmacht, materialisiert. So wird sie sichtbar. Wir wissen, dass es sich bei Materie nicht um etwas rein Stoffliches handelt, sondern Materie eine Synthese von physikalischen und chemischen Prozessen ist, die wir als gegenständlich wahrnehmen. Wir wissen auch, dass sich Materie verändern kann, je nachdem, ob Materie mit Hitze, Kälte oder anderer prozessualer Einwirkungen konfrontiert wird.

Wenn der Mensch im beschriebenen Sinne auch Materie ist, was sind dann aber Glaube, Liebe, Hoffnung, diese drei, wie es beim 1. Korinther 13 Vers 13 heißt? Materie? Gott selbst, ist er der Inbegriff aller Materie, also eines Zustandes, der den Menschen im Fall seines Todes wieder bei sich aufnehmen kann? Im Versuch, ein Beziehungsmosaik aller Seins, Nicht-Seins und Gewesen-Seins-Zustände zu schaffen, eröffnet diese Betrachtung uns die Möglichkeit die Ganzheitlichkeit aller Vorkommnisse zu erfahren, seien diese fassbar oder unfassbar, auf ewig miteinander verbunden, in vergänglichen Erscheinungsformen gefangen, aber stets bleibend in Ansehung der Materie bzw. ihres vielfältigen Wesens.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski

Verwahrlosung

Mensch Berlin, was haste dir verändert … . Überall Papierfetzen, Flaschen und alles andere, was ein Mensch normalerweise nicht verliert, sondern als Lästiges entsorgen will. Dieses Ver­halten macht vor den Innenräumen, insbesondere den Fahrzeugen des öffentlichen Nahver­kehrs, nicht halt, sondern setzt sich sichtbar fort an verschmutzten, kaputten Sitzen in S-Bahnen und Bierlachen, die durch die S-Bahn-Wagen schwappen. Resümee dieser Beobachtungen: Berlin und seine öffentlichen Einrichtungen machen einen verwahrlosten Eindruck. Wie konnte es dazu kommen? Wie konnte es dazu kommen, dass sich Bewohner aus dieser Stadt wegwünschen, dabei neben der Verwahrlosung auch den Verlust der Bürgerlichkeit insgesamt beklagen und schlimme Befürchtungen hinsichtlich des Erstarkens radikaler gesellschaftlicher und politischer Kräfte hegen.

Ich befürchte, dass einer der Gründe für die Entwicklung darin liegt, dass wir als Gesellschaft, und zwar jeder einzelne von uns, die soziale Kontrolle verloren haben. Wir achten nicht mehr auf andere, ja sogar nicht einmal auf uns selbst und unsere Taten. Früher sind wir uns auf Straßen, Plätzen, überhaupt in allen öffentlichen Einrichtungen unter Blickkontakten begegnet. Dies hat sich nun weitestgehend zugunsten unserer digitalen Begleiter erledigt. Keiner muss mehr damit rechnen, dass sein Verhalten von anderen bemerkt oder gar kommentiert wird. So bleibt jedes Verhalten unsanktioniert, seien dies Rotlichtfahrten an der Ampel oder auch die Müllentsorgung auf die Straße. So vermüllt die Stadt mit verheerenden Auswirkungen auf unser Verhalten gegenüber unseren Mitmenschen und auf die Wahrnehmung deren Anliegen, aber auch mit erheblichen Auswirkungen auf unser eigenes Verhalten. Allenthalben sind Menschen dabei zu beobachten, wie sie sich in aller Öffentlichkeit gehen lassen. Ich vermute, dass sie dies vor sich selbst gar nicht mehr begründen, gar nicht mehr sehen.

Das Beispiel im öffentlichen Raum hat natürlich erhebliche Auswirkungen auch auf das gesamte Verhalten selbst in der Privatsphäre. Dabei spreche ich von Höflichkeit, Rücksichtnahme, Anstand und Sittlichkeit. Das sind Verhaltensorientierungen, die es gab, aber in kürzester Zeit aus unserer Gesellschaft verschwunden sind. Dies bemerkenswerterweise im Gegensatz zu anderen Gesellschaften, denken wir zum Beispiel an die Japaner, bei denen die traditionellen gesellschaftlichen Rituale offensichtlich erhalten geblieben sind, so dass sich zum Beispiel in einer Großstadt wie Tokio keinerlei privater Müll auf den Straßen befindet, da jeder buchstäblich seinen Dreck mitnimmt. Die Zumutung des Wahrzunehmenden schafft Unzufriedenheit und die Menschen fangen an, über deren Lästigkeit und Abhilfe nachzudenken, sehen allerdings vor allem in dem Versagen oder der Ohnmacht der öffentlichen Hand oder der Bürokratie den Grund für die Verwahrlosung. Indem sie aber erfahren, dass weder eine Stadtverwaltung noch die Politik generell Abhilfe schaffen, wenden die Bürger sich denjenigen Kräften zu, die populistisch Abhilfe in einem von ihnen erwarteten Sinne versprechen.

Alles soll natürlich einfach, unkompliziert und durchsetzungsstark geschehen. Ob sich hierfür linke oder rechte Populisten anbieten, ist völlig gleichgültig, Hauptsache: Macht doch was, irgendwas, macht doch was! Das erinnert übrigens stark an die Zeit der 68er und deren Unzufriedenheit mit einer gelähmten Gesellschaft. In Zeiten von Unzufriedenheiten neigen Menschen oft dazu, den einfachen Weg zu suchen, politisch, gesellschaftlich und sich gerade denjenigen anzuvertrauen, die eigentlich einen Teil des Problems darstellen, indem sie daran mitwirken, dass die Gesellschaft orientierungslos wird. Wenn wir uns dagegen wehren wollen, dann sollten wir mit mehr Aufmerksamkeit, Kontrolle des eigenen Verhaltens und Zuwendung zu anderen Menschen selbst damit beginnen, uns korrekt zu verhalten, auch wenn wir nicht unmittelbar mit einer Belohnung unseres Verhaltens rechnen können. Wir haben eine gesellschaftliche Herausforderung, die wir nicht an andere, z. B. Reinigungskräfte delegieren können, um der allgemeinen Verwahrlosung entgegenzuwirken.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski

Kettenbildung

Wir kennen es alle, dieses Kinderspiel: „Ringlein, Ringlein, du musst wandern, von der einen Hand zur andern.“ Beim Spiel geht es um einen mit den Händen weitergegebenen Ring. Das anschauliche Beispiel kann auch verdeutlichen, was über Generationen hinweg in Familien durch die Hände gleitet, was materielle, aber auch ideelle Erbschaften ausmacht. Das Vererben von materiellen Gütern folgt dabei einem menschlichen Bedürfnis, generationengerecht etwas weiterzugeben, um es zu bewahren und künftigen Generationen zur Weiterentwicklung anzuvertrauen. Es ist meist etwas familiär-persönliches, zuweilen auch gesellschaftliches und betrifft in Summe die gesamte Menschheit mit deren Vermögen.

Das Vermögen sind dabei Gegenstände und Werte unterschiedlichster Erscheinungen und unterschiedlicher vorhandener oder behaupteter Verfügungsrechte. Die Freiwilligkeit eines Vermächtnisses setzt sich dabei mit den Verpflichtungen zur Weitergabe an die nächste Generation auseinander, wie sich dies im Erbrecht mit seinen Pflichtteilsrechten ausdrückt. Keiner muss testamentarisch etwas vererben, aber materiell sind Leistungen an die Nachkommenschaft gesetzlich geregelt, ideelle Vermächtnisse dagegen nicht. Unter ideellen Vermächtnissen verstehe ich zum Beispiel familiäre Verhaltensweisen und Orientierungen, aber auch Einstellungen, die von Generation zu Generation weitergegeben oder auch übertragen werden können. Sie folgen einer zu vererbenden Materie nicht unbedingt, können sich aber auch festmachen an einem bedeutsamen Erinnerungsstück, einem Ring, einer Uhr oder einem Bild.

Obwohl es keine verpflichtende Weitergabe gibt, ist festzustellen, dass Menschen ihrem Wesen entsprechend, Vererbungsleistung in der Familie dennoch als selbstverständlich betrachten. Dies im Bewusstsein einer selbstverständlichen Lebensverpflichtung und zuweilen wohl auch in der Hoffnung, künftige Generationen durch ihr Vermächtnis weiter bestimmen zu können. Das geht solange gut, bis die Kette reißt und der Ring unauffindbar verschwindet. Versuchen wir doch, das zu verhindern!

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski

Teilhabe

Besonders anlässlich der Wahlen in Thüringen und Sachsen war bei Politikern und in den Me­dien von Menschen die Rede, die demokratieverdrossen, abgehängt und frustriert seien. Anders sei es auch nicht zu erklären, dass Parteien wie die AfD und das BSW gewählt wurden. Den ganzen Salat an Argumenten muss ich hier nicht wiedergeben, er ist uns allen sattsam bekannt. Wie mag es aber tatsächlich um die Menschen bestellt seien, ob diese im Osten oder Westen, im Süden oder Norden Deutschlands leben? Ich weiß es nicht, jedenfalls nicht mit dieser Ein­deutigkeit, die Welterklärer bevorzugen. Nach meiner Einschätzung präsentieren sich alle Men­schen, also auch die Wähler, mit ihren Erwartungen, Sehnsüchten und Ansprüchen in einer Vielfältigkeit, die ihnen oft selbst Sorge bereitet, sie ängstlich und bange werden lässt. Es ist alles viel zu viel und zu unübersichtlich für sie, selbst der private Raum nicht mehr ganz sicher. Die gespürten Verletzungen werden vor allem medial geschaffen durch öffentlich geäußerte Erwar­tungen und Verpflichtungen und durch die Erschaffung einer digital verpflichtenden Welt, die Zumutung provoziert, Menschen zwingt, sich permanent auf Unwägbarkeiten einstellen zu müssen. Die Erfahrung der früher gepflegten Einheit und Konformität, die die Menschen zwar einerseits langweilte, allerdings aber auch beruhigte, veranlassen sie heute, in jedes für sie bild­haft bereitgestelltes Fahrzeug zu steigen, wenn dies die ehemals vertraute Ruhe verspricht und sich Gleichgesinnte darin befinden.

Allerdings, wenn sie sich umschauen, werden sie nach ei­niger Zeit mit Erstaunen entdecken, dass sich Menschen im Wagen befinden, die voneinander abwei­chende Meinungen und Erwartungen haben. Was werden sie dann tun? Etwa austeigen? Das Fahrzeug wechseln? Wer weiß? Wer sind nun diejenigen, die die Menschen, Bürger, Wähler abholen und zum Einstieg in ihre Kutschen und Wagons verleiten oder nötigen? Um im Bild zu bleiben, natürlich die Parteien. Für diejenigen, die ursprünglich nur eine Fahrt ins Blaue buchten, haben sie einen Chauffeur bestellt, Reiseziele benannt und verkaufen – um im Bilde zu bleiben – statt Rheumadecken ihre Programme.

Bei Fahrten ins Blaue ist dies traditionell immer so, an Bord gelten die Regeln des Veranstalters. Doch nicht vergessen, ein jeder Reisende hat die Fahrt selbst gebucht. Fühlt er sich in seinen Erwartungen etwa dann enttäuscht, wird es niemanden geben, der ihn dafür entschädigt. Es entspricht lediglich seinem Motivirrtum, wenn er meint, er habe geglaubt, auf der Fahrt ins Blaue interessante Sonderangebote zu bekommen, tatsächlich aber feststellt, dass alle Angebote veraltet und durchschnittlich sind. Per­manent habe ein Vertreter des Reiseveranstalters auf ihn eingeredet, zur Ruhe sei er nicht gekommen, so wird er klagen, aber bereits nach kurzer Zeit sind wohl die Erinnerungen an seine gemachten schlechten Erfahrungen wieder verblasst. Eine neue Fahrt ins Blaue ist schon angekündigt, das Fahrzeug steht bereit und warum sollte er nicht mitfahren? Vielleicht ist dieses Mal alles anders.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski

Verfassungskrise

Da das Grundlagengesetz der Bundesrepublik Deutschland nicht Verfassung, sondern Grundgesetz genannt wird, wäre es unangemessen, die Krise des Grundgesetzes als eine Verfassungskrise zu beschreiben. Wieso das? Das Grundgesetz ist 1948 von fähigen Persönlichkeiten geschaffen worden, historische Erfahrungen wurden berücksichtigt und Perspektiven eröffnet, die im Zeitpunkt des Entstehens des Grundgesetzes noch kaum mit schneller Umsetzung rechnen durften. In diesem Sinne wurde das Grundgesetz als modern, komplex und integrativ bezeichnet. Und doch, da es Menschenwerk ist, haben dessen Auswirkungen auch dafür gesorgt, dass Anspruch und Wirklichkeit auseinanderdriften können. Das zeigt sich meines Erachtens deutlich darin, dass mit der Wiedervereinigung das Grundgesetz kurzerhand für die hinzugewonnenen Landesteile der Bundesrepublik Deutschland übernommen wurde, ohne durch Einsetzung einer verfassungsgebenden Versammlung zu überprüfen, ob dieses Grundgesetz auch den Willen der neuen Bundesbürger abbildet.

Dem Unbehagen und der Kritik daran begegneten die Verantwortlichen stets mit dem Hinweis, dass alles schnell gehen musste und die künftigen Bundesbürger des Ostens dieses Grundgesetz wollten oder es ihnen egal war, Hauptsache, sie profitierten nun auch vom gemeinsamen Staat und würden entschädigt für die vielen Jahre, die sie davor von der Bundesrepublik abgehängt waren. Es hätte eine Aufholjagd des Ostens werden können, aber diese „Missachtung“ des Gedankens der Schaffung eines einheitlichen Verfassungsstaates führte in der Konsequenz auch dazu, dass die Bürger und ihre Betriebe sowie Einrichtungen des Ostens so behandelt wurden, als seien sie Besitzstände der vorhandenen Bundesrepublik. Die Rolle der Treuhand ist bekannt. Ihre fehlerhafte Einrichtung und teils gewissenlose Nutzung durch bestimmte Akteure führten dazu, dass Betriebe abgewickelt, ausgeplündert und stillgelegt wurden, statt einen vertretbaren Entwicklungsprozess einzuleiten, der es erlaubt hätte, Versäumnisse aufzuholen und vorhandene Entwicklungskräfte freizusetzen.

Eine zwar in weitem Sinne nicht gelebte, aber gleichwohl per Staatsdoktrin verkündete Teilhaberschaft der DDR-Bürger an ihren Betrieben, spiegelte sich auch in einer Teilhaberschaft im öffentlichen Leben wider, deren Bodenständigkeit kurzerhand durch das Demokratiemodell der Bundesrepublik Deutschland abgelöst wurde. Demokratien beruhen nun aber auf Verabredungen von Menschen, ihr Zusammenleben auf eine abgestimmte Art und Weise so zu ordnen, dass jeder Bürger auf die Interessen und Belange anderer Bürger bei der Ausübung seiner freiheitlichen Rechte Rücksicht nimmt. Dieser Aushandlungsprozess erfolgt in einer Verfassung als eine Manifestation des „Contract Sociale“, aus dem sich festgeschriebene und verbindliche Garantien für eine soziale Teilhaberschaft der Bürger ableiten lässt.

Diese rechtlich verbürgte Teilhaberschaft ist in der neu gefügten Bundesrepublik Deutschland nicht gewährleistet und führt in der Konsequenz zu einem Verhalten seiner Bürger, die darin eine Missachtung ihres fundamentalen Anspruchs auf Mitsprache sehen und Gelegenheit haben wollen, ihrem Gemeinschaftsverständnis nunmehr eine Stimme zu geben. Um die darin begründete Höhe des Grundgesetzes zu überwinden, wäre es erforderlich, das Versäumte nachzuholen, ein Verfassungskonvent zu berufen und über eine ausgehandelte Verfassung eine Abstimmung herbeizuführen. Geschieht dies nicht, droht eine Erosion unseres Staates.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski

Verwaltungsreformgesetz

Es geht voran. Berlin plant eine Reform seiner Verwaltung, und zwar sowohl auf Landes-, als auch auf Bezirksebene. Das Gesetz soll aber nicht Verwaltungsreformgesetz heißen, sondern Landesorganisationsgesetz, womit schon deutlich gemacht wird, dass es in erster Linie darum geht, die Kompetenzen von Land und Bezirken abzugrenzen, so mit Hilfe der Strukturveränderungen eine Konzentration von Aufgaben im Sinne der Bürger zu erreichen und Beschleunigung der Entscheidungsprozesse zu gewährleisten. Transformation, Konnexität und Spezialisierungen gesellen sich zur Digitalisierung, alles instrumentale Begrifflichkeiten, die zu einer neuen Verwaltungskultur beitragen, bei Querschnittsfeldern Klammerwirkungen erzeugen und die Veränderungsresistenz der Verwaltung überwinden helfen sollen. Ein Systemwechsel sei geplant, grundsätzlich seien neue Wege erforderlich. Die Schaffung eines einheitlichen Zuständigkeitskatalogs scheint zudem dafür angetan, dass sich künftig jeder mit dem beschäftigt, was er selbst kompetent auch umsetzen kann.

Die Darstellung der Ziele und Methoden einschließlich der Benennung von Klageverbesserungsrechten, Bezirksamtsschutzbehörden, alles unter Berücksichtigung der Veränderungsresistenz der Verwaltung durch Schaffung betrieblicher Anreicherungen, werden als Bausteine für eine Neuausrichtung der gesamten Verwaltung angesehen.

Kann die Vorstellungswelt der Verantwortlichen damit aber bereits erschöpft sein? Geplant werden strukturelle Reformen offensichtlich nur für die Jetzt-Zeit, wobei naheliegenderweise übersehen wird, dass vor der Reform bereits die nächste Reform mit zu bedenken sein dürfte. Die stete und oft auch hektische Entwicklung im digitalen Bereich, die auch Auswirkungen auf uns Menschen und unser Verhalten hat, zwingt uns doch im Interesse unserer Kinder und Kindeskinder dazu, das „Kommende“ bereits mitzudenken sowie den Versuch zu unternehmen, das Mögliche strukturell aufnahmebereit zu implementieren. In dieser Erwartung sollte eine Struktur- und Verwaltungsreform, wie bei einem PPP-Modell, hier Private Public Partnership, bereits prozessual diejenigen Mechanismen mit implementieren, die geeignet sein könnten, gesellschaftliche sowie technisch künftige digitale Veränderungen sofort in einen kontinuierlichen Prozess der „liquiden Verwaltung“ einfließen zu lassen.

Alle Prozesse der Verwaltung müssten zeitgegenwärtig und reaktionsschnell auf Veränderungen angebotsgerecht flexibel reagieren können. Es liegt auf der Hand, dass zum Beispiel bezogen auf Berlin, die Überhitzung der Stadt, Wasserknappheit, Bebauungsdichte, überhaupt alle Phänomene so mit bedacht werden sollten, dass schnelles Handeln künftig gewährleistet ist.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski

Bezüglichkeiten

So manche Bücher sind schwer zu lesen, weil sie mehr Anmerkungen als Fließtexte haben und man geradezu genötigt wird, nachzuschauen und zu überprüfen, ob auch Kant das schon einmal gesagt hat, was der Autor uns nun sagen will, oder Aristoteles dies ebenfalls beglaubigt und Hannah Ahrendt es ähnlich gesehen hat. Dann, so scheint ein Autor zu meinen, kann er bezüglich der Leser seinen eigenen Ausführungen vertrauen. Seine Bezüglichkeiten legitimieren anscheinend einerseits seine Aussagen und verleihen diesen andererseits Dank der Fußnoten und Zitate ein den Schreiber schützendes Gewicht. Sie beglaubigen nicht nur den Fleiß des Autors, sondern betten sein Wissen in die Gedankenwelt der von ihm Zitierten mit ein, verschaffen ihm geistige Geborgenheit.

Bezüglichkeiten zu nutzen, ohne deren Urheber zu benennen, ist selbstverständlich unredlich, aber Texte weitgehend auf Erkenntnissen anderer aufzubauen, entlastet zwar von der Verantwortung für eigene Gedanken, verwehrt aber jegliche Kühnheit durch eigenen Gedanken, hindert daran zu werden, etwas zu schaffen, was Leser anzuregen vermag, etwa an einem angebotenen aber unfertigen Gedanken weiter zu arbeiten und so ebenfalls an der Gestaltung von etwas Neuem zwischen Autor und Leser mitzuwirken. Es kommt aber noch schlimmer, denn die neuen Medien, insbesondere KI, sind Bezüglichkeitsgeneratoren, die dadurch getrieben werden, dass sie bereits Vorhandenes so geschickt miteinander verknüpfen, dass ein gefälliges Produkt vorliegt. Gedanken sind dann auf solche reduziert, die sich aus der generativen Variabilität der Verknüpfung von Vorhandenem ergeben, dabei die Gefühle, die körperliche Verfassung eines Autors oder gar Geistesblitze völlig außer Acht bleiben. Die durch die Maschine sublimierte Form der Bezüglichkeiten wird das Schöpferische unseres Seins beziehungsreich endgültig vernichten.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski

Das Gleiche

Gleich zu Gleich gesellt sich gern. Ohne, dass uns dies oft bewusst ist, bilden unsere Sinnsprüche ewige Weisheiten ab, die sowohl am Biertisch, als auch in politischen Gruppierungen oder gar im Internet bei Instagram & Co. gelten. Immer möchte der Mensch zwar dabei, aber vor allem unter sich und seinesgleichen sein, grenzt sich von anderen ab. Wir sind in unserer Lebenszeit auf der Suche nach dem Gleichen, was sich auch in der Familie, bei der Wahl der Freunde und gar der Heimat widerspiegelt. Das Gleiche verspricht Geborgenheit, Schutz vor Unbekanntem und Fremden, vor allem, was unsere Sicherheit zu gefährden in der Lage sein könnte.

Zeit unseres Lebens sind wir nicht bereit, uns von der Welt abzunabeln, in die wir hineingeboren wurden, und zwar auch dann nicht, wenn wir sie aus vielerlei Gründen in Frage stellen sollten. Die dadurch erhaltene Sicherheit ermöglicht es uns, je nach Opportunität andere ebenfalls mit auf unsere Seite zu ziehen oder die Abweichler zu bekämpfen. Dies geschieht gesprächsweise oder in Aktion bis hin zu Kriegen. Das Ungleiche empfinden wir als Bedrohung und versuchen, jeweils einen gemeinsamen identitären Nenner herzustellen, ob dank unserer Überzeugungskraft oder notfalls mit Gewalt. Wir übersehen dabei, dass gleichgerichtetes Verhalten keine schöpferische Kraft aufzuweisen vermag, sondern nur Ungleiches die Aufmerksamkeit fördert und Unerwartbares hervorbringt, Neues schafft.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski

Mysterium

Bis zu seinem Tode ist dem Menschen seine körperliche Selbstvergewisserung allgegenwärtig. Er überprüft sein Vorhandensein z. B. durch Arbeit, Sport, Sex, Denken, Fühlen, Handeln in allen Variationen, erfährt Schmerz, Freude und Lust dabei: Der Mensch ist sich gegenwärtig bis er sich von dieser Welt körperlich verabschieden muss. Ohne, dass der Mensch sich darum bemüht, dies oft sogar nicht wünscht, hat seine körperliche Existenz auch eine unkörperliche Seite.

Die Doppelexistenz des Menschen aus dem Sichtbargemachten und dem Unsichtbaren drückt durch deren Gleichzeitigkeit das Mysterium des Lebens aus. Gleichzeitig ist der Mensch sich folglich selbst und anderen ähnlich und doch verschieden. Das Eine ist greifbar, das Andere oft nur vorstellbar. So ist der Mensch in einem ewigen Rollenspiel gefangen, in einer existentiellen Perplexität, die mit dem Versuch einer Verbindung von Körperlichkeit und Geistigkeit einhergeht. Wir ahnen scheiternd unsere Unfähigkeit, das Mysterium des Lebens zu begreifen, generieren Zweifel an unserem Sein, was nur durch Betäubung unserer Sinne für das Unkörperliche und die Hinwendung zum Tätigsein ertragbar erscheint.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski