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Apokalypse

Wofür haben wir uns denn nun entschieden? Dass die Welt untergehen möge oder dass wir hoffen, dass unser Bannspruch des baldig bevorstehenden Weltuntergangs diesen noch verhindern könne?

Beides mag richtig sein, denn wir können nicht anders, weil wir unsere Vergänglichkeit stets begreifen, aber nicht wissen, wann und wodurch unser Leben und das Leben anderer endet. Deshalb versuchen wir, uns die Wirklichkeit vom Leibe zu halten, indem wir Bannsprüche gegen diese veröffentlichen.

Nehmen wir zum Beispiel den Klimawandel. Sicher könnten wir auf diesen Einfluss nehmen, gestalten, dass er gestoppt oder zumindest verlangsamt wird, denn, wenn der Schalter einmal umgelegt sein sollte, werden wir machtlos sein. Sind wir noch die Handelnden oder nicht schon die Menschen als Teil der Apokalypse?

Wir gestalten die Erde, roden Wälder, versiegeln Böden, führen Kriege, schaffen eine Welt nach unseren Vorstellungen. Die Welt lässt uns geschehen, weil sie wissend in der Lage ist, alles, was wir anrichten, jederzeit zu annullieren, aufzuheben und neu zu gestalten. Aber, die Apokalypse ist bezogen auf das jeweilige Menschsein kein weltliches oder kosmisches Ereignis, sondern das Menetekel eines schmerzvollen Unvermögens der Menschheit, ihr eigenes Verhalten auf das universelle Stirb und Werde so auszurichten, dass es als eine verantwortliche Teilhaberschaft auf Zeit begriffen werden kann.

Wenn wir zu dem, was wir wollen oder wollen sollten, das hinzufügen, was wir geben könnten, dann würden uns unsere Gedanken und Gefühle schnell von apokalyptischen Befürchtungen zur Erkenntnis und zur Dankbarkeit dafür führen, dass uns dieses Leben hierzu auch auf Zeit geschenkt wird. Was sollte uns dann Angst machen?

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski

Krieg und Frieden (Teil 2)

Aus diesen Gründen würde der Mensch den Krieg nicht ab- schaffen. Er ist als globales Steuerungsinstrument viel zu wichtig. Deshalb sind auch seine Friedensbeteuerungen be- denklich. Die Masse geht auf die Straße und ruft „no war“. Das kann inbrünstig gemeint sein, zeigt aber nur die Attitüde: Der Mensch möchte mit dem Krieg nichts zu tun haben, weil er ihn aus den angeführten Gründen nicht für richtig hält. Die grundsätzliche Verweigerung des Krieges aus Gewissensgründen ist selten und offensichtlich kaum zu rechtfertigen. Du sollst nicht töten ist ein sehr wenig geachtetes Gebot, obwohl sich um dessen Einhaltung viele Theologen und ethisch orientierte Menschen verdient machen. Der Mensch ist allerdings weit davon entfernt dieses Gebot zu beherzigen; aber wir sind nicht auf die Welt gekommen, um von anderen wieder getötet zu werden.

Als meine Tochter anlässlich einer Friedensdemonstration in ihrem Kinderwagen forderte: „Ich will Krieg“, schauten viele Demonstranten so böse, dass ich mit der Verräterin sofort verschwand. Wir lachten uns ins Fäustchen und besuchten erleichtert eine Pizzeria. Wir mussten nicht mehr an der Demonstration teilnehmen. Es ist manchmal schwer, ein guter Mensch zu sein. Alle Friedensdemonstrationen meiner Jugend endeten – nachdem man sich das Tränengas aus dem Gesicht gewischt hatte – bei dem „Kommissar“, einem Topf Spaghetti Napoli und algerischem Rotwein. Sozusagen gab es die Kampfausrüstung, das Friedens-Set und das Après- Demonstrations-Equipment. Es liegt mir fern, mich darüber nur lustig zu machen. Alles hat seinen sozialen Sinn. Das Gemeinschaftsgefühl ist ungeheuer warm und die Antikriegsüberzeugung legitim. Es kämpft der Falsche gegen den Falschen und das muss doch gesagt werden. Niemals sind wir auf den Gedanken gekommen, dass der Krieg insgesamt ein wenig probates Mittel der Daseinsbewältigung ist. Die Freiheitskämpfe der unterdrückten Völker von Mozambique bis Palästina sind doch immer gerechtfertigt, oder?!

Wir haben spezielle Kriterien für Krieg. Wir knüpfen Kriege stets an Bedingungen. Diese werden von denjenigen erfüllt, denen unsere Sympathien gelten, von den anderen nicht. Amerikaner sind dabei meist unsympathisch. Nur im Zweiten Weltkrieg kamen sie recht gut weg. Sie haben medial übertrieben und das hängt ihnen heute noch nach. In gewisser Hinsicht war schon der Zweite Weltkrieg ein Kreuzzug gegen die Deutschen. So fühlen wir und sagen anderes. Die Amerikaner haben ihre Heiligen Kriege gegen das Böse in dieser Welt nie beendet. Sie sind sozusagen prädestiniert dafür, dieses zu bekämpfen. Vielleicht mögen wir das nicht, weil wir selbst besser wären. Wir, die Deutschen, haben keinen Grund, uns an den Amerikanern zu messen. Aber das spezielle amerikanische Gutgefühl verträgt sich nicht mit unserem. Eigentlich wollen wir besser sein als die Amerikaner und ziehen in den Krieg gegen ihre Kriege. Aber warum? Kein Kriegsgegner zeigt auf, wie er den Krieg tatsächlich vermeiden will. Dies nicht als taktische Handhabung, sondern als innere Einstellung. Kein Krieg bedeutet: Ich kann Krieg als Lösungsmittel in einer entwickelten globalen Gesellschaft nicht mehr akzeptieren. Jeder Wehrkundler würde vorrechnen, dass   eine solche kühne Aussage uns ins Verderben stürzen würde, denn alle Despoten dieser Welt warten schon darauf, dass die einen ihre Wange hinhalten, damit sie auf die andere schlagen können. Kommt es aber darauf an? Wenn wir ‚kriegen‘, kommen wir um. Wenn wir nicht ‚kriegen‘, kommen wir vielleicht auch um aber mit dem Vorteil einer Chance, davonzukommen.

Bei aller Kontroverse: Krieg wird bleiben und zwar deshalb, weil er unseren menschlichen Dispositionen nicht abträglich ist. Wir haben die planvolle Vernichtung unserer Erde zum Ziel. Die Apokalypse ist die traurige Erkenntnis der menschlichen Unfähigkeit, sich selbst zu beherrschen.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski