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Unersättlichkeit

Jeder von uns kennt diese Strophe: „Ich will alles und noch viel mehr“. Dass wir den Rachen nicht voll genug kriegen können, ist ein gängiges Klischee einer Gesellschaft, die inzwischen schwer unter ihrer Übergewichtigkeit leidet. Sie kann aber dennoch nicht ablassen von ihrer Gier nach immer mehr Seinsbestätigung in allen Lebensbereichen, sei es beim Konsumieren und Raffen nach Vorteilen auch auf Berufs- oder Vermögensebenen. Die Verwirklichung der persönlichen Bereicherung auf fast allen Gebieten muss als Lebensvergewisserung aufgefasst werden.

Dass dies zu Lasten andere Menschen geht, dem vermag ich mich nur dann zu stellen, wenn ich mir bewusst werde, dass das Leben ein Nullsummenspiel ist, denn je intensiver ich meine Unersättlichkeit pflege, desto höher ist der Preis, den ich für die Verwirklichung zu zahlen habe. Hilft Erkenntnis? Zurückhaltung? Selbstmitleid? Empathie? Wohl alles Fehlanzeige, denn die Unersättlichkeit wühlt sich wie ein Borkenkäfer durch den Stamm unseres Bewusstseins, wie die eines Nimmersatts, dessen Anspruch darauf beruht, eben entweder zu fressen oder gefressen zu werden.

In dieser Lebensgewissheit ist es mit der Stillung von Bedürfnissen und der Schaffung von Vorratslagern zur eigenen Absicherung nicht getan. Vorauf beruht aber das persönliche und auch gesellschaftlich schädliche Fehlverhalten? Der Mensch erfährt sich in seiner Gier meist als authentisch und ist nicht bereit, über seine Eigenschaften zu verhandeln. Er markiert seine Unersättlichkeit als Fortschritt, um seinem Leben einen zumindest opulenten Sinn zu verleihen.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski

Andris Nelsons

Als die Musik beschloss, einen körperlichen Ausdruck zu finden, fiel ihre Wahl auf Andris Nelsons. Bei der Bekanntgabe dieser Wahl will ich keineswegs seine solide Ausbildung, seine internationalen Erfolge, sein Renommee übergehen, mich aber ganz auf den Menschen Andris Nelsons und seine Musik konzentrieren. Diese entspringt seiner Natürlichkeit, die sich bei Begegnungen mit ihm schon darin äußert, dass nicht ein weltberühmter Dirigent einem fast den Atem nimmt, sondern ein Mensch mit mir den Raum für eine Zeit teilt, der offen und empfangsbereit für sein Gegenüber ist.

Es mag schon sein, dass er beim Dirigieren, insbesondere dann, wenn der Orchestergraben dem Publikum die Einsicht verdeckt, auf den bloßen Füßen stehend, sein Orchester führt. Mit beiden Beinen auf dem Boden erledigt er dann die Arbeit. Dabei wechseln Anspannung und Entspannung, opulente Freude am Spiel mit spitzfindiger Genauigkeit. Er streichelt die Streicher, lockt die Flöten und organisiert die Prallheit des gesamten Klangkörpers. Jede Nuance des Spiels macht er bildhaft und sichtbar für sein Publikum. Was ist er? Ein Transmitter, ein Übersetzer, vielleicht ein Medium der Musik, aber eigenwillig zugleich und keineswegs gefügig dem Komponisten oder dem Orchester. Er ist Entdecker aller Möglichkeiten und kongenialer Vollender des Werkes des komponistischen Schöpfers. Er führt kenntnisreich und mit Zuneigung. Es ist eine Freude, ihm beim Dirigieren zuzuschauen.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski