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Orientierung

Wer eine Orientierung hat, der fühlt sich sicherer. Er hat einen Standpunkt gewonnen, der es ihm erlaubt, weitere Ziele anzusteuern, ohne die bereits erworbenen Etappen auf dem Findungsweg abgeben zu müssen. Orientierung ist ein Prozess der steten Vergewisserung beim Erwerb von Erfahrung. Erfahrung ist unverzichtbar bei der Verortung des eigenen Ichs, aber auch bei jeder gesellschaftlichen Gestaltung. Um andere Menschen und sich selbst erfahren zu können, ist eine Offenheit in der Begegnung mit anderen Menschen, diesen zuzuhören und wachsam auf sie zu reagieren, unumgänglich. Nur so kann durch gemeinsames methodisches Erfahren ein gesellschaftlicher gemeinsamer Nenner geschaffen werden.

Dies ist handelnd zu bewerkstelligen durch Schaffung von Einrichtungen in Kiezen und Gemeinden, die es uns Bürgern erlaubt, sich zu begegnen, sich zu beraten und unsere Anliegen im vorgenannten Sinne zu verdichten und ihnen in einem Contrat Social eine zumindest temporäre Verbindlichkeit zu verleihen. Das Besondere dabei ist, dass der Mensch erfährt, dass er sich jenseits der politischen Governance auch persönlich außerhalb des engen familiären oder beruflichen Feldes wirksam in die Gesellschaft einzubringen vermag. Da gibt es viel zu bewältigen, zum Beispiel im Bereich der Gestaltung des gesamten öffentlichen Raumes.

Sobald also auch die Orientierung im öffentlichen Wahrnehmungsbereich geschieht, hat dies Auswirkungen auf das eigene Verhalten. Was ist nun wichtig, nicht nur persönlich, sondern auch in der Gemeinschaft, gesellschaftlich? Auf welchen gemeinsamen Nenner können wir uns verständigen und welche Methode wählen wir, um das erstrebte Ziel zu erreichen. All dies wird dann wie selbstverständlich mit bedacht. Es beginnt mit der Sammlung von Ideen und Vorschlägen und setzt sich fort bis zur Findung geeigneter Methoden der Umsetzung gewünschter Vorhaben aufgrund der mehrheitlich abgesicherten gemeinschaftlichen Ermächtigung. In jeder Phase dieses Prozesses ist eine verantwortliche Stärkung unserer Gesellschaft aufgrund der Optionen, die sie jedem einzelnen von uns bietet, erlebbar zu machen.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski

Belichtungsmesser

Nur wenn alles seinem Plan entspricht und stimmt, das Licht, der Winkel, der Film und die Kamera, dann drückt Rainer H. Schwesig auf den Auslöser. So inszeniert der Fotograf seine Fotografien und wählt nach Erforderlichkeit diejenigen Gerätschaften aus, welche eine optimale Umsetzung seines Vorhabens versprechen. So kommen analoge Aufnahmegeräte, Polaroid-Kameras, aber auch digitale Geräte, und die damit korrespondierenden Filme zum Einsatz. Deren Wahl ist kein Zufall, sondern entspricht einer planvollen Vorbereitung, die der Stimmigkeit von Motiv, Tageszeit, Lichtverhältnissen, der Position des Gerätes, ja sogar des Entwicklungsprozesses des Filmmaterials von vornherein mit einkalkuliert.

Zuweilen bedient sich der bildgestaltende Fotograf bei seinen Aufnahmen auch weiterer Hilfsmittel, wie zum Beispiel des Einsatzes wertvoller Linsen wie der Hasselblatt bestückten Drohnen. Seine Schüler am Lette Verein Berlin, Fachbereich Fotografie, überrascht er bei der Erläuterung dieser Technik gern mit dem Hinweis, dass das Kameraauge je höher es fliegen würde, desto weniger zu sehen bekäme. Deshalb nähert er sich Motiven auch mit der Drohne sehr gern nur auf Stativhöhe oder maximal bis zu einer Höhe von 10 bis 25 m. Der erfahrene Fotograf vermittelt seine Kenntnisse und Erfahrungen zudem als Dozent an der Lette-Akademie, wobei er seine Studenten darauf hinweist, dass die adäquate filmische Wiedergabe prozessual alle Stadien der Gestaltung mit einschließt, also auch die Entwicklung des Films. Er nennt dies konzeptionelle Fotografie-Bearbeitung und ergänzt, dass Entwicklungsprozesse auch mit Kaffee gelingen. Es gehe dabei um die Abgabe von Elektronen.

Wow! Nichts bleibt also Zufall, sondern folgt einem sorgsamen von ihm verinnerlichten Regelwerk, das die technischen Konsequenzen berücksichtigt, aber natürlich auch und vor allem das Erzählen von Geschichten erlaubt. Seine Geschichten sind diejenigen von Landschaften in Deutschland und Italien, Gebäuden und Interieurs, weiter auch Begegnungen mit Menschen, insbesondere Modellen, die er sogar teilweise selbst in Szene setzt.

Alles scheint nahe an der Wirklichkeit zu sein, ist es aber nicht. Jede Fotografie ist damit sein Produkt, also dasjenige des Fotografen Rainer Schwesig. So kann er es sich erlauben, die Fotografien auf Ausstellungen oder auch in Bildbänden so miteinander in Beziehungen zu setzen, dass die von ihm jeweils adäquat gewählten Gestaltungen seine eigenen Geschichten sind. Die Rollen sind dabei von ihm vorgegeben, beruhen auf Erfahrung, Neugier, Eingebungen, Ideen, dem freien weiten Blick, aber auch viel Spaß und Emotionen, die ihm zum Einsatz der jeweils erforderlichen Technik inspirieren.

Der Betrachter seiner Werke, zum Beispiel der von ihm illustrierten „Haikus“, wird angeregt, das unterbreitete Angebot anzunehmen und aus den Bildern selbst auch wieder eigene Geschichten zu formen, diese ggf. weiterzuentwickeln oder seine bisherige Vorstellung angesichts der Fotografien und ihrer Präsentation zu überprüfen. Im Betrachten seiner Werke vollendet sich der Prozess des Schaffens und Erlebens von Fotografien mit Hilfe eines Mediums, und zwar des Fotografen Rainer Schwesig selbst.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski

Erfahrung

Älteren Menschen wird oft nachgesagt, dass sie über Erfahrung verfügen. Damit wird suggeriert, dass sie wettmachen könnten, was ihnen an Kreativität und Weiterbildung fehle. Damit wird man dem Begriff Erfahrung ebenso wenig gerecht, wie älteren Menschen. Erfahrung hat damit zu tun, dass der Mensch in Situationen gekommen ist, die er analysiert und lernend methodisch, als auch inhaltlich einzuschätzen gelernt hat.

Situationen verändern sich ständig, so dass das Wissen um das Verhalten in einem Moment keineswegs auf einen anderen Moment übertragbar ist. Allenfalls methodisch lassen sich Situationen vergleichen, die bei ähnlicher Ausprägung leichter zu handhaben sind, wenn man schon das zweite oder dritte Mal damit konfrontiert worden ist. So sammeln auch junge Menschen ständig, und zwar seit ihrer Geburt, Erfahrungen, die sie bei der Bewältigung auftauchender Probleme nutzen.

Die Erfahrung älterer Menschen ist kein Schatz, den es zu heben gilt, sondern der höchstpersönliche Lebensfundus, auf den er zurückgreifen kann, wenn dies erforderlich ist. Erfahrungen sind weder übertragbar, noch generell bei Problemlösungen erfolgreich, weil für jeden Menschen die Problemlösungsansätze unterschiedlich sind. Ein kooperatives Zusammenwirken zwischen jungen und alten Menschen ist hilfreich bei der Bewältigung von Problemen, aber keine ältere Erfahrung ist mit einer jüngeren Erfahrung kompatibel.

Keine Erfahrung hat statische Momente und auch der, der viele Erfahrungen in seinem Leben, insbesondere in seinem Berufsleben, gemacht hat, wird stets einen Abgleich seiner Erfahrungen mit neuen Problemangeboten machen und Lösungen suchen, die bisher in keiner Weise auf der Lebensagenda standen.

Auch ein geistig flexibler älterer Mensch kann unter Außerachtlassung seiner Lebenserfahrung mit jüngeren Menschen konkurrieren und zwar auf allen Gebieten. Das Mehr an Erfahrungen kann dabei unter dem Gesichtspunkt der Gelassenheit hilfreich sein oder hinderlich, wenn der ältere Mensch glaubt, alle Anforderungssituationen schon einmal erlebt und erfahren zu haben.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski

Alter (Teil 2)

Der junge Mensch empfindet seine Ausbildung zuweilen als Qual. Leidet unter Eifersucht genauso wie unter dem ersten Rendezvous. Er leidet darunter, dass ihm sein Lebenspartner wegläuft. Er leidet unter der Einsamkeit, unter der Zweisamkeit, unter seinen Kindern, unter seinem Job. Der jüngere Mensch ist ein Leidensmensch.

Aber, so triumphiert er: Ich bin jung, ich sterbe nicht so schnell. Er verlacht die Alten wegen ihrer Falten, den hängenden Brüsten und dem vorstehenden Bauch. Er verweist auf seinen Knackarsch. Ich will es mir nicht einfach machen und rufen: Nun warte einmal ab! Ich sage nur: Ist das so wichtig beziehungsweise anders? Ist die weiche Haut einer älteren Frau nicht schöner als die Pickel einer 17-Jährigen? Ist die Ruhe und Sanftheit eines älteren Mannes nicht aufregender als die Emphase eines 22-Jährigen? Sicher fordert die Fortpflanzung das Techtelmechtel zwischen jungen Menschen, wenn es aber um Genuss und Erotik geht, ist da nicht die späte Feier besonders schön?

Weder das Leben noch der Tod erschrecken den älteren Menschen mehr als den Jüngeren. Der jüngere Mensch stirbt sogar möglicherweise schneller als der ältere Mensch. Der ältere Mensch kann sich, nachdem er die Jugend überwunden hat, genüsslich Zeit lassen mit dem Ende. Er nimmt sich Zeit für alles: die Erfahrung, die Liebe, die Natur und vor allem seine Ausbildung.

Doch lasst uns im Triumph des Alters die Jugend nicht vergessen. Denn: wir müssen sie erst überwinden, um alt zu werden.
Ab und an wären wir auch gerne wieder jung. Stimmt’s?

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski