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Materialisierung

Was ist der Mensch, was bedeutet ihm das Leben auf diesem Planeten oder auch auf anderen Planeten des Universums, so es dieses gibt? Materie, woraus alles entstanden ist und wieder zur Materie wird, mit dem Tode wieder zerfällt. Materie ist auch alles, was lebt und stirbt, verändert aber stets ihre Ausdrucksform. Materie hat nur eine gedachte Gegenständlichkeit, besteht sie doch aus chemischen Reaktionen, aus Atomen, Neutronen und sonstigem, was das Erscheinungsbild gestaltet. Ob chemische, physikalische oder elektronische Eigenschaft, jedes Gen trägt die Erinnerung all dieser Eigenschaften, die wir unter Materie fassen in sich.

Wie verhält es sich dabei mit Gedanken und Gefühlen? Indem sie sich in der Materie bewegen bzw. diese bewegen, sind sie wohl selbst Teil derselben, was zur Folge hat, dass alles Geschaffene, selbst Musik, Wort- und Bildkunst, wohl auch Materie sind. All das, was die Natur schafft, was der Mensch zu schaffen vermag, alles ist trotz unterschiedlicher Erscheinungen von der gleichen Art, entsteht aus Materie und wird wieder in einen materiellen Zustand zurückgeführt. Dieser Prozess prägt die Materie, gibt ihr Form und Gewicht, generiert Anziehung und Abstoßung, beeinflusst die in der Materie wirkenden Kräfte.

Da alles Leben endlich ist, stellt sich auch der spirituelle Sinn der Metamorphose. Diese ist nicht durch Glauben zu lösen, sondern verbirgt sich im Universum selbst, welchem wir eine allumfassende Kraft beimessen, die es erschaffen hat und beenden kann. Diese Kraft könnte göttlich sein, eine Kraft, die sich in allem, was das Leben ausmacht, materialisiert. So wird sie sichtbar. Wir wissen, dass es sich bei Materie nicht um etwas rein Stoffliches handelt, sondern Materie eine Synthese von physikalischen und chemischen Prozessen ist, die wir als gegenständlich wahrnehmen. Wir wissen auch, dass sich Materie verändern kann, je nachdem, ob Materie mit Hitze, Kälte oder anderer prozessualer Einwirkungen konfrontiert wird.

Wenn der Mensch im beschriebenen Sinne auch Materie ist, was sind dann aber Glaube, Liebe, Hoffnung, diese drei, wie es beim 1. Korinther 13 Vers 13 heißt? Materie? Gott selbst, ist er der Inbegriff aller Materie, also eines Zustandes, der den Menschen im Fall seines Todes wieder bei sich aufnehmen kann? Im Versuch, ein Beziehungsmosaik aller Seins, Nicht-Seins und Gewesen-Seins-Zustände zu schaffen, eröffnet diese Betrachtung uns die Möglichkeit die Ganzheitlichkeit aller Vorkommnisse zu erfahren, seien diese fassbar oder unfassbar, auf ewig miteinander verbunden, in vergänglichen Erscheinungsformen gefangen, aber stets bleibend in Ansehung der Materie bzw. ihres vielfältigen Wesens.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski

Sprache

„Small is beautiful“ oder „less is beautiful“. Manchmal passen wohlmeinende Erkenntnisse nicht, insbesondere dann nicht, wenn es um die Sprache geht. Sicher hat die allgemeine Ermahnung „Reden ist Silber und Schweigen ist Gold“ ihren Charme, wenn man das unablässige Geplapper der Menschen bedenkt, das man zumindest zuweilen auch gern als „Sprachdurchfall“ bezeichnen könnte.

Wenn aber etwas gesagt sein muss, dann in einer Sprache, die das ausdrücken kann. Die Sprache hat viele Erscheinungsformen. Eine davon ist geprägt von Personen, die in der Öffentlichkeit stehen, Politikern zum Beispiel, Teilnehmern an Talkshows und Moderatoren. Ihre Sprache soll nicht nur verständlich sein, sondern jederzeit abrufbar und widerspruchsfrei. Diese Sprache kennt wenig Worte und ist von Versatzstücken geprägt, die so oder so zusammengesetzt werden können und einen Sinn nur deshalb erzeugen, weil wir uns in diese Sprache eingehört haben. Die Vertrautheit mit dieser Sprache ist ihr eigentliches Geheimnis, nicht der Inhalt oder ihr Klang.

Menschen, die in der Öffentlichkeit stehen, benutzen eine Sprache, die aus Begriffen, aber wenigen Wörtern besteht, um sich unantastbar zu machen, sich nicht zu verfangen in Überlegungen, nicht hinweggetragen zu werden zur Sprachlosigkeit, wenn ein neuer, unerwarteter Gedanke aufscheint. Diese Sicherheit teilen sie mit dem Zuhörer, und zwar auch dann, wenn überhaupt nichts zu sagen ist. Diesem Sprachverhalten ist dasjenige von Podiumsdiskutanten sehr verwandt. Sie sind vorbereitet und können oft stichwortgenau – um welches Stichwort es sich hierbei handelt, ist völlig gleichgültig – können sie ihre Sätze beginnen und verstehen diese so zu formen, als hätten sie sich mit nichts intensiver auseinandergesetzt als gerade mit dieser Frage. Kein eigener Satz wirkt unvollendet, die Quelle des eigenen Sprachvermögens scheint unerschöpflich. Der Wettbewerb besteht im hohen Sprachanteil. Der ganze Raum wird erfüllt von Stichwörtern. Aber diese Sprache ist nicht komplex, reflexiv oder geöffnet. Es wird vor allem die Erwartungshaltung der Zuhörer bedient, auch wenn das Ergebnis der Reflexionen am Horizont verschwindet.

Es ist alles gesagt, aber noch nicht von mir. Die meisten Redner holen kaum Luft, um zu sprechen, getragen von der Angst, dass ihnen Andere ins Wort fallen könnten, dass etwas noch nicht gesagt worden sei. Doch wenn es um mehr geht als nur eine sichere Unterhaltung, kann dann die Sprache überhaupt noch Begleiter sein? Ein Gedanke entwickelt sich in seiner Komplexität, ist geprägt von Ratio, Emotionen, Erfahrungen und Einschätzungen. Die Letzteren können fragwürdig und nicht bis zum Ende gedacht sein. Wie vermitteln wir aber das Komplexe, das Offene, den für andere Menschen zugänglichen Gedanken?

Die Sprache müsste dabei eine Verabredung eingehen mit der Einstellung des Menschen. Diese Sprache würde Angebote unterbreiten, wäre vielfältig, beherbergte Worte und Begriffe aus dem gesamten Bereich des Möglichen. Diese Form des Spracheinsatzes würde nicht auf viele Worte und Begriffe der gleichen Art drängen, sondern auf wenige Worte unterschiedlichsten Ursprungs. Der seine Gedanken so verschickt, spricht nicht schnell, sondern überlegt, hat möglicherweise nicht sofort eine Antwort oder verzichtet vorläufig darauf, stellt selbst Fragen und sich selbst mit seinen Ansichten anderen zur Disposition und also infrage. Er bleibt dabei souverän, selbst beim Sprechen, unabhängig von der latenten Einschätzung, hält Pausen und ist sich immer dessen bewusst, dass er nicht alles weiß und damit auch nicht zu allem etwas zu sagen hat.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski