Wehmütig und anerkennend wird sie vielfach erwähnt, ja sogar gefeiert: die Berliner Salonkultur einer Rahel Varnhagen von Ense zu Beginn des 19. Jahrhunderts. Der Salon verkörperte die ungezwungene Begegnungsstätte eines produktiven Meinungsaustauschs eines bestimmten Gesellschaftskreises zu zeitgegenwärtigen, dabei auch zeitkritischen und vergangenheits- als auch zukunftsreflektierenden Themen. Vielfach wurde dieses seinerzeit entwickelte Format zweckentsprechend aufgenommen, kopiert, angepasst an die jeweiligen Bedürfnisse. Was machte aber die Salons jenseits ihrer bezeugten inhaltlichen Auseinandersetzung so bedeutsam, dass sie bis heute als Format von einer fast mythischen Erinnerung begleitet werden?
Ich wage zu behaupten, nicht von der Zuwendung, sondern von der Abgrenzung. Von der Abgrenzung gegenüber Menschen, Gedanken und Verhaltensweisen, die nicht mit der Grundeinstellung der Gastgeberin und der geladenen Teilnehmer kompatibel waren, insbesondere der verabredeten Bereitschaft, nicht hemmungslos über das Erfahrene, das Erwogene, die ausgetauschten mutigen Gedanken, selbst, wenn diese fragwürdig waren, in aller Öffentlichkeit, sobald die Türen des Salons wieder geschlossen waren, zu schwadronieren.
Der Salon war ein geschützter Raum. Das Vertrauliche war die beständige Verlässlichkeit dieser Zusammenkunft für die Teilnehmer. Der Salon war sicher elitär, konnte aber auch produktiv wirken, weil die Waghalsigkeit eines Gedankens nicht sofort der Öffentlichkeit ausgeliefert wurde. Es gab das Selbstbestimmungsrecht des Denkenden und Sprechenden hinsichtlich dessen, was er sagte. Und wie ist dies heute? Sozusagen als Gütesiegel bestimmter Zusammenkünfte in einem etwas engeren und intimeren Kreis werden die Teilnehmer gebeten, die Regeln der Chatham House Rules einzuhalten, d. h. nichts vom Benannten und Vorgetragenen unter Benennung der jeweiligen Person und des Anlasses nach außen zu kommunizieren, soweit der Urheber selbst das Gesagte nicht als veröffentlichbar gekennzeichnet hat. Aber ist das schon Salonkultur?
Ich glaube nein! Es soll nur ein gehobenes, scheinbar elitäres Gespräch benennen, das sich von der Beliebigkeit des allgemeinen Geschwätzes abhebt. Tatsächlich ist aber kaum mehr etwas vertraulich, selbst in kleineren Gesprächsgruppen beherrschen die digitalen Formate den Gesprächsverlauf, sind dazugeschaltet, hören, verarbeiten, kommunizieren, verraten, speichern, nivellieren usw. Und die Geheimnisse des Salons?
Heute umfassend Fehlanzeige. Dabei wären diese wichtig, um drängende Themen frei und offen, ohne sofortige Außenwirkung, Kontrolle und Reaktionen zu diskutieren, zu verarbeiten und dabei argumentative Risiken einzugehen, Erkenntnisse zu stipulieren und Visionen zu beschreiben, Gedankenkonstrukte zu entwickeln und Handlungsempfehlungen zu postulieren. Wenn wir dies erkennen, dann lasst uns also Gamechanger sein, Salons schaffen, ohne elektronische Devices, die Muße des Austauschs beim Zuhören und Sprechen pflegen, dies ergebnisoffen, aber erkenntnisreich und jedem vorschnellen Ergebnis der Gedanken widerstehend.
Hans Eike von Oppeln-Bronikowski