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Bezüglichkeiten

So manche Bücher sind schwer zu lesen, weil sie mehr Anmerkungen als Fließtexte haben und man geradezu genötigt wird, nachzuschauen und zu überprüfen, ob auch Kant das schon einmal gesagt hat, was der Autor uns nun sagen will, oder Aristoteles dies ebenfalls beglaubigt und Hannah Ahrendt es ähnlich gesehen hat. Dann, so scheint ein Autor zu meinen, kann er bezüglich der Leser seinen eigenen Ausführungen vertrauen. Seine Bezüglichkeiten legitimieren anscheinend einerseits seine Aussagen und verleihen diesen andererseits Dank der Fußnoten und Zitate ein den Schreiber schützendes Gewicht. Sie beglaubigen nicht nur den Fleiß des Autors, sondern betten sein Wissen in die Gedankenwelt der von ihm Zitierten mit ein, verschaffen ihm geistige Geborgenheit.

Bezüglichkeiten zu nutzen, ohne deren Urheber zu benennen, ist selbstverständlich unredlich, aber Texte weitgehend auf Erkenntnissen anderer aufzubauen, entlastet zwar von der Verantwortung für eigene Gedanken, verwehrt aber jegliche Kühnheit durch eigenen Gedanken, hindert daran zu werden, etwas zu schaffen, was Leser anzuregen vermag, etwa an einem angebotenen aber unfertigen Gedanken weiter zu arbeiten und so ebenfalls an der Gestaltung von etwas Neuem zwischen Autor und Leser mitzuwirken. Es kommt aber noch schlimmer, denn die neuen Medien, insbesondere KI, sind Bezüglichkeitsgeneratoren, die dadurch getrieben werden, dass sie bereits Vorhandenes so geschickt miteinander verknüpfen, dass ein gefälliges Produkt vorliegt. Gedanken sind dann auf solche reduziert, die sich aus der generativen Variabilität der Verknüpfung von Vorhandenem ergeben, dabei die Gefühle, die körperliche Verfassung eines Autors oder gar Geistesblitze völlig außer Acht bleiben. Die durch die Maschine sublimierte Form der Bezüglichkeiten wird das Schöpferische unseres Seins beziehungsreich endgültig vernichten.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski