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Der gemeinsame Weg

Wir leben in schwierigen Zeiten: Finanzkrise. Europakrise. Wirtschaftskrise. Politikkrise. Kriege. Eine Jugend zudem, die den Eindruck vermittelt, als handele es sich bei ihr überwiegend um Internetjunkies. Ältere Menschen, die die Welt nicht mehr verstehen, den allgemeinen Wertemangel beklagen. Soziale Entwurzelung. Migration. Missbrauch. Gewalt. Aids. Umweltzerstörung. Klimakatastrophe. Skandale. Die Liste der Belastungen könnte nach Belieben fortgeschrieben werden. Das ist die eine Welt.

Die andere Welt hat zu tun mit der bleibenden Freude von Menschen aneinander, ihren Kindern, der Natur, der Vielfalt von Tieren und Pflanzen, dem Stolz auf das Erreichte und die Genugtuung im Beruf. Also! Trotz aller Grausamkeiten: Unsere Welt ist schön! Kaum ein Mensch kann zu Recht sagen, dass er sein ganzes Leben lang unglücklich gewesen sei. Kein Mensch wird wollen, dass seine Kinder und Kindeskinder die Welt als einen Ort des Schreckens und der Ohnmacht begreifen.

Unsere Welt bietet vielmehr alle Möglichkeiten, Chancen der persönlichen Entwicklung wahrzunehmen und uns in der Gemeinschaft zu verwirklichen. Auch unsere Kinder haben einen Anspruch darauf, ein üppiges, chancenreiches und selbstbestimmtes Leben in der Gemeinschaft zu führen. Deshalb müssen wir uns darauf besinnen und dies dabei nicht nur als eine lästige Pflicht begreifen, dass sich unser Denken, Fühlen und Handeln an den großen gemeinsamen Errungenschaften, dem Fortschritt und den vielfältigen Angeboten unserer Gesellschaft misst. Wir sollten nicht aufhören, neugierig auf unsere Zukunft zu sein, auf ein buntes Leben, das es jedem Menschen ermöglicht, sich zu bewähren, zu vervollkommnen und den Reichtum, der ihm dabei selbst zuteil wird, an die Kinder und Kindeskinder weiterzugeben. Früh sollten wir damit beginnen, den Enthusiasmus für das Leben in anderen Menschen zu wecken, sie anzustecken mit unserer Lebensfreude und ihnen geeignete Werkzeuge für die persönliche Selbstverwirklichung und die Regeln für die Bewahrung unser aller Welt zur Verfügung stellen.

Die Lösung sollte lauten: Alles, was wir tun, wird von Menschen für Menschen gemacht. Dieses Bekenntnis verpflichtet zu respektvollem Umgang miteinander. Die Würde jedes einzelnen Menschen in dieser Welt ist unantastbar. Unser Respekt sollte aber auch der uns anvertrauten Natur, den Pflanzen, den Tieren und den Ressourcen gelten, selbst dann, wenn wir vom ungestümen Forschungsdrang besessen sind und die dabei gewonnene Erkenntnis auch in der Wirklichkeit praktisch umsetzen wollen. Die permanente Weiterentwicklung der Menschheit ist unsere Hybris, aber auch unser Sinn. Doch wenn wir schon nicht anders können, dann sollten wir aber auch alles, was uns zu tun anvertraut ist, nachhaltig und mit Freude und mit ideellem Gewinn für die Welt und alle Geschöpfe machen.

So stehen die Türen weit offen für neue sinnbildende Erfahrungen der Generationen, für junge und alte Menschen, die gemeinsam ihre Chancen wahrnehmen, ihre Lebensgewohnheiten überprüfen, weitere vielleicht bisher unerkannte Fähigkeiten bei sich entdecken, ihr bisher schon vorhandenes Engagement selbstbewusst verstärken und sich selbst und anderen in der Gemeinschaft Gutes tun, indem sie sich mit Kompetenz und Herz auf die Herausforderungen der neuen Zeit einlassen.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski

Unersättlichkeit

Jeder von uns kennt diese Strophe: „Ich will alles und noch viel mehr“. Dass wir den Rachen nicht voll genug kriegen können, ist ein gängiges Klischee einer Gesellschaft, die inzwischen schwer unter ihrer Übergewichtigkeit leidet. Sie kann aber dennoch nicht ablassen von ihrer Gier nach immer mehr Seinsbestätigung in allen Lebensbereichen, sei es beim Konsumieren und Raffen nach Vorteilen auch auf Berufs- oder Vermögensebenen. Die Verwirklichung der persönlichen Bereicherung auf fast allen Gebieten muss als Lebensvergewisserung aufgefasst werden.

Dass dies zu Lasten andere Menschen geht, dem vermag ich mich nur dann zu stellen, wenn ich mir bewusst werde, dass das Leben ein Nullsummenspiel ist, denn je intensiver ich meine Unersättlichkeit pflege, desto höher ist der Preis, den ich für die Verwirklichung zu zahlen habe. Hilft Erkenntnis? Zurückhaltung? Selbstmitleid? Empathie? Wohl alles Fehlanzeige, denn die Unersättlichkeit wühlt sich wie ein Borkenkäfer durch den Stamm unseres Bewusstseins, wie die eines Nimmersatts, dessen Anspruch darauf beruht, eben entweder zu fressen oder gefressen zu werden.

In dieser Lebensgewissheit ist es mit der Stillung von Bedürfnissen und der Schaffung von Vorratslagern zur eigenen Absicherung nicht getan. Vorauf beruht aber das persönliche und auch gesellschaftlich schädliche Fehlverhalten? Der Mensch erfährt sich in seiner Gier meist als authentisch und ist nicht bereit, über seine Eigenschaften zu verhandeln. Er markiert seine Unersättlichkeit als Fortschritt, um seinem Leben einen zumindest opulenten Sinn zu verleihen.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski

Vergebung

Auf den Konsum von Nachrichten, Talkshows, Interviews und Einschätzungen zur politischen Lage habe ich in letzter Zeit verzichtet. Der Pegel meiner Aufnahmefähigkeit ist überschritten, auch, wenn ich das Rumoren in der Gesellschaft, die Entwicklungen bei den herrschenden Kriegen und die meisten politischen und gesellschaftlichen Verwerfungen durchaus mitkriege. Es kann und wird womöglich noch schlimmer kommen, Europa und Asien in weitere Kriege verwickelt bzw. bestehende Auseinandersetzungen und Kriege verstetigt werden. Zu den kriegerischen Auseinandersetzungen gesellen sich die wirtschaftlichen Verwerfungen, schließlich ist sogar ein Zivilisationsbruch möglich, dessen Dimension mit den bisherigen Erfahrungswerten nicht mehr zu messen sein wird. Und doch wird das nicht das Ende sein.

Nach allen Kriegen, ggf. auch zumindest begrenzt atomaren Auseinandersetzungen, Weltwirtschaftskonflikten und sogar unvorstellbaren Metzeleien wird die dann eintretende Erschöpfung die Menschen zwingen, ihre Untaten zu beenden und zu versuchen, eine einigermaßen erfreuliche Lebenssituation in dieser Welt wiederzubeleben.

Zu unserer Lebenszeit werden wir uns wohl kaum wieder vergeben können, aber vielleicht dürfen wir uns doch die Hoffnung erhalten, dass künftige Generationen wieder ausreichend klug sein werden, vernünftig und pragmatisch Orientierungen zu schaffen, die unseren Planeten zumindest noch teilweise bewohnbar bleiben lässt. Dass der Mensch denkt und Gott lenkt, davon kann keine Rede sein, wie Brecht schon wusste, sondern alles, was wir machen, alles, was passiert, ist menschlich, hand made und gefährlich.

Lebensversprechen

Wir sind unseren Kindern, Enkelkindern und allen künftigen Generationen verpflichtet, denn wir haben ihnen bei ihrer Geburt ein Lebensversprechen gegeben. Dieses besagt, dass wir sie schützen und ihnen nach unserem besten Vermögen eine Entwicklung ermöglichen, die es erlaubt, dass sie ihr eigenes Leben verwirklichen, dies aber in Gemeinschaft mit allen anderen Menschen unter Bewahrung aller bereits vorhandenen Ressourcen und Schaffung nachhaltiger Verhältnisse von Generation zu Generation. Wollten bzw. könnten wir dieses Versprechen nicht abgeben, dann wäre es sicher klug, sich gegen Kinder und überhaupt den Fortbestand der Menschheit auszusprechen. Es mag nun zwar vereinzelt Antinatalisten unter uns geben, aber die meisten Menschen auf dieser Welt befürworten Kinder und sehen ihre Nachkommen als Segen an.

Keine Mutter bringt zudem Kinder zur Welt, damit sie gewaltsam in Kriegen sterben oder von anderen Menschen gequält und verletzt werden. Es wird uns ein Rätsel bleiben, warum dies dennoch geschieht, aber es sollte uns das Lebensversprechen daran erinnern, dass wir einen beständigen Beitrag für gelingendes Leben gemeinsam leisten müssen. Erstaunlicherweise ist dennoch bis heute bei vielen Menschen ein gewisses Standesdenken festzustellen, welches sich in der Besitzstandwahrung, Vererbung, überhaupt im Egoismus ausdrückt.

Tatsächlich kann sich ein Lebensversprechen aber nur dann erfolgreich verwirklichen, wenn wir andere Menschen dafür gewinnen, sich nicht nur für sich selbst und ihre Nachkommen, sondern auch für die Gemeinschaft einzusetzen. So wird der Generationenvertrag beginnend mit der Entscheidung, Leben zu stiften, begründet, und zwar aufgrund keiner singulären, sondern einer gesamtgesellschaftlichen Entscheidung, die verpflichtend dafür sorgt, dass für alle Menschen die Weichen für ihre Bildung, Gesundheit, aber auch die Erhaltung von Ressourcen für künftige Generationen zuverlässig geschaffen werden können.

Es kommt dabei nicht nur auf das Wollen, sondern auf einen alle Menschen verpflichtendes Müssen im Interesse der Erhaltung unsers Menschseins auf diesem Planeten an. Das verlangt uns viel Einsicht und Gestaltungsbereitschaft ab, sollten auch künftige Generationen noch aus voller Überzeugung Lebensversprechen für ihre Kinder abgeben wollen und können.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski

Güte

Alles hängt vom Menschen und von seiner Einstellung zu sich selbst ab. Ist er mit sich selbst nicht „im Reinen“, wird es ihm kaum möglich sein, über seinen Schatten zu springen und die äußeren gesellschaftlichen Attribute von Marktmacht, medialer Öffentlichkeit sowie Frust und Kleinmut zu überwinden.

Diejenigen, die aus ihrer Integrität heraus handeln, Vertrauen schaffen und damit ideell wie auch wirtschaftlich erfolgreich sind, werden niemals die absolute große Macht für sich an­streben, weil sie wissen, dass ihre Aura kaum verletzbar ist.

Diejenigen, die aufgehört haben, Ansprüche zu stellen, und stattdessen geben, werden im Überfluss des ihnen selbst Dargebrachten alles einsetzen, um den­jenigen zu helfen, die es nötig haben. In einer Gesellschaft, in der jeder gibt, was er hat und mit anderen teilt, was er vermag, mutig und kühn seine Felder bespielt, werden andere ermutigt, mitzumachen; diese erfahren durch das Beispiel die Chance der eigenen Möglichkeit und so weiter.

Die Würde des Menschen ist unantastbar. Die Würde jedes einzel­nen Menschen wird nicht nur vom Staat geschützt, sondern gibt jedem Menschen das Recht, sich in dieser Gewissheit stolz und wohl zu fühlen, seine Fähigkeit zu entwickeln und nutzbringend für unsere Gesellschaft einzusetzen.

Die Menschen eines Landes, die mit sich selbst im Reinen sind, würden sich einander vertraut und sehr erfolgreich werden und dabei konziliant gegenüber anderen sein.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski

Punktgenau

Zuweilen wirken politische Entscheidungen, zumindest in Deutschland, wie aus der Zeit gefal­len. Beispielsweise soll hier das Namens- und Geschlechtergesetz erwähnt werden. Während in der Ukraine und im Nahen Osten sich die Kriegsgeschehen massiv weiten und auch die Me­dien über unsere fehlende Verteidigungsfähigkeit spekulieren, die Wirtschaft schwächelt und die Politik zu Sparzwängen angehalten ist, wird erstaunlicherweise die politische Diskussion fast trotzig von den politischen Einschätzungen zum Straßenverkehr, den Blütenstreifen auf Ackerflächen und vom Familiengeld geprägt.

Fraglos sind dies alles Themen, die einer politi­schen Bewertung zugänglich sind, ggf. im Bundestag verhandelt werden müssen, aber mit wel­cher Priorität sollte dies geschehen und zu welcher Zeit?

All dies ist offenbar in einer Agenda aufgeführt, die vor langer Zeit festgelegt wurde. Deren Inhalt ist aber rückbezüglich, stammt aus ehemaligen Parteiprogrammen, leitet sich ab von der DNA heutiger Amtsträger, wurde festgezurrt im Koalitionsvertrag und schließlich den einzelnen Ministerien bzw. deren Amts­trägerschaft zugeteilt. Die Ressortverteilung bestimmt jenseits der politischen Binnen- und Weltlage zudem den politischen Verhandlungsgegenstand. Da die Zuteilung einzelner Ressorts nach Präferenzen der Parteien erfolgt ist, liegt es in der Selbstermächtigung des jeweiligen Amtsinhabers, seine Agenda während seiner Amtszeit nach Gusto umzusetzen. Und, so soll es nach Ansicht der jeweiligen Amtsinhaber auch geschehen, dafür werden sie mit den finanziel­len Mitteln ausgestattet und können sich dabei selbstbewusst auf schriftlich festgelegte Abspra­chen berufen.

Nun aber erfährt unsere Gesellschaft das Weltgeschehen, also all unsere Zustände insgemein, eine ständige und sehr rasche Veränderung. Damit erscheint die genannte politische Agenda sehr oft wie aus der Zeit gefallen, unfähig, situativ auf zeitgegenwärtige Probleme an­gemessen zu reagieren und stattdessen das Drehbuch für Debatten zu liefern, die selbstverständ­lich auch behandelt werden sollten, aber nicht unbedingt jetzt. Wann ist es aber die richtige und wann die falsche Zeit dafür?

Eine Demokratie zeichnet sich nicht nur durch die Vielfältigkeit des politischen Verhandlungsgegenstandes, sondern auch dadurch aus, dass sie zäh dem Zeit­geist trotzt. Dennoch sollte sie in der Lage sein, flexibel mit ggf. notwendigen oder erforderli­chen Verschiebungen im Fokus einer Legislaturperiode dazu in der Lage sein, Prioritäten kon­zentriert zu verabreden und die öffentliche politische Debatte nicht mit Themen zu strapazieren, die als zeitgemäß empfunden werden. Trotz aller Verabredungen und Vorbefasstheiten hin­sichtlich der politischen Agenda, sollten deren Handlungsbevollmächtigten ihr Handeln punkt­genau auf aktuelle Anforderungen ausrichten können.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski

Arbeit

Viertagewoche. Homeoffice. Teilzeit bei vollem Lohnausgleich. Work-Life-Balance. Burnout. Selbstverwirklichung. Ausbeutung. Vollbeschäftigung. Langzeitarbeitslosigkeit. Die Liste der Themen, die arbeitsorientiert diskutiert werden, ist lang.

Augenblicklich ist die Vier-Tage-Woche im Fokus der Aufmerksamkeit. Das bedeutet konzentrierte Arbeit an vier Tagen in der Woche, drei weitere Tage Selbstverwirklichung. Das genüge und würde Menschen mehr Zeit dafür lassen, ihre Anliegen, seien dies Familie, Yoga, Sport, Treffen mit Freunden oder andere Hobbies zu verwirklichen. Das kann alles so sein und klingt plausibel und doch löst es bei mir ein Störgefühl aus. Zwar möchte ich keinem Menschen seinen Weg zur persönlichen „Glückseligkeit“ streitig machen, frage mich allerdings, auf wessen Kosten dies geschieht?

Trotz aller Umweltbelastungen, familiärer Probleme, Arbeit und auch persönliche Herausforderungen, wir Menschen werden älter, verbrauchen mehr Ressourcen statt weniger, kurzum unsere Bedürfnisse wachsen enorm. Unsere auf längerfristigen Konsum angelegte Gesellschaft kann nach meinem Verständnis nur durch Arbeit im Gleichgewicht gehalten werden. Es ist schwer, mir eine Gesellschaft vorzustellen, in der sich bei immer weniger Arbeit ein stets mehrendes Wachstum einstellt.

Wer schafft denn dann die Rente, die finanzielle Kompensation für Krankheiten, Pflege und sonstigen Bedürfnisse einer arbeitsteiligen Gesellschaft? Wer schafft dann auch den Ausgleich für diejenigen, die sich nicht mehr helfen können?

Sicher sind einige Glücksritter wendig in der Lage, auf Kosten anderer zu leben, ohne dass dies zu verhindern wäre. Aber wollen wir dies als eine Form des Systems? Glauben wir, dass diejenigen, die auf Kosten anderer leben, glücklicher sind? Haben sie das Leben begriffen?

Ich glaube nicht. Ich bin davon überzeugt, dass wir da sind, um tätig zu sein, und zwar für andere und damit auch für uns selbst. Um prozessual davon zu profitieren, Leistungen entgegenzunehmen und ggf. auch im Alter auf eine verlässliche Lebensversorgung zurückgreifen zu können, geht das nicht ohne die lebzeitige Pflicht zu arbeiten. Diese Pflicht schafft Ordnung, ermöglicht vielfältige Begegnungen, bildet aus und befriedigt sogar, wenn nicht alle, so doch die meisten Menschen. Die Arbeit wird schlechtgeredet. Der Satz aber: „Ich habe meine Pflicht getan“, verschafft nicht nur eine persönliche Befriedigung, sondern auch ein verlässliches Gewissen, persönlich, in der Familie, Freundschaften und im gesellschaftlichen Kontext.

Wer bereit ist, für andere und sich selbst zu sorgen, kann fröhlich erklären: Mir wohl und keinem übel.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski

Streit

Konflikte, Auseinandersetzungen und Streit sind gängige Erfahrungen von Menschen, welche durch ihre Ansprüche, Interessen, verfestigte Ansichten, Sorgen und Meinungsverschiedenheiten befördert und gespeist werden. Streit wird zwar einerseits als Belastung und Stress, andererseits aber auch als Befreiung empfunden. Wie ist es also um die Produktivkräfte des Streits bestellt?

Streit kann zuweilen in der Lage sein, neue Sichtweisen zu öffnen, Kräfte energetisch freizusetzen und ist daher unverzichtbar für persönliche menschliche Klärungsprozesse und auch das Gelingen unserer Gesellschaft.

Um dies im allgemeinen Kontext zu verdeutlichen, wähle ich das einschneidendste gesellschaftliche Streitthema, und zwar den Krieg. Gäbe es keine Konflikte mehr unter den Staaten und damit auch keine Möglichkeit des Krieges mehr, erschiene dies zunächst als sehr verlockend, könnte aber auch weltweit erheblich zu Einschränkungen von Wirtschaftsleistungen und damit zur Reduzierung des Bruttosozialprodukts von Staaten beitragen. Wir wissen, dass die Waffen, die für kriegerische Auseinandersetzungen benötigt werden, angeblich einen erheblichen und teilweise unverzichtbaren Beitrag zur wirtschaftlichen Entwicklung leisten. So kann man dem Streit auch einen wirtschaftlich produktiven Vorteil – zumindest auf Zeit – beimessen, wie zuweilen behauptet wird. Zudem weisen Streitereien oft auch einen kathartischen Effekt auf, der sich in wohltuender Erschöpfung frei nach Hamlet zu äußern vermag: „When they all are crying, dying and dead don’t you like it like that.“ So wohnt dem Streit nicht nur ein sich selbst erschöpfendes Moment in Erwartung seines Endes inne, sondern enthält auch reinigende Tatbestände, schärft die Sinne, stärkt die Leistungsfähigkeit und sprengt auch die Grenzen des emotional Möglichen.

Das ist das Eine, das Andere ist natürlich die zerstörerische Kraft des Streits, der psychische und physische Verwüstungen hervorzurufen und zu hinterlassen vermag. Da jedem Menschen ein Lebensversprechen zu seiner körperlichen Unversehrtheit bei der Geburt zuteil wurde, ist jeder Streit, der die Menschenwürde infrage stellt, in keiner Weise, also auch nicht durch wirtschaftliche und angebliche zivilisatorische Fortschritte zu rechtfertigen. Niemals dürfen wir die Verantwortlichkeit für unser Handeln mit der Behauptung des Angegriffenseins in Frage stellen.

Als Mitwirkender an einem Streit sind wir immer Opfer und Täter zugleich.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski

Zusammenhalt – Bindung

In Gedichten, Liedern und Parolen versichern sich Menschen im privaten, öffentlichen und gesellschaftlichen Bereich des Zusammenhalts, der Bindung und der Unterstützung. Füreinander da zu sein, ist ein beliebter Aufruf und entspricht dem Anspruch durch wechselseitige Versicherungen, gemeinsam Herausforderungen des Lebens in der Zuneigung, Familie, Beruf und auch im öffentlichen Raum zu meistern, Probleme zu lösen, Angriffe abzuwehren und das Leben für alle Beteiligten sicherer und planbarer zu gestalten.

Treiber sind dabei Einsicht, Vernunft und Lebenswille. Inhaltlich wird dieser Anspruch durch einen Kodex, der ein verlässliches Maß an Orientierung im Handeln erlaubt, unterstützt. Sowohl im privaten, als auch im gesellschaftlichen Raum haben sich die Kriterien für Verhaltensweisen herausgebildet, die Menschen veranlassen, so zu sein und zu handeln, dass sie nicht nur mit den Erwartungen anderer Menschen korrespondieren, sondern sich dabei auch ihrer eigenen Integrität versichern können.

Aber nicht nur inhaltlich, sondern auch organisatorisch muss die Verabredung verbindlich sein. Toleranzen innerhalb abgesteckter Erwartungshaltungen sind dabei zwar zuträglich, werden diese allerdings wesentlich überschritten, bleibt ein organisatorisches Eingreifen unvermeidlich, um den Zusammenhalt und die Bindung innerhalb eines gestellten Ordnungsrahmens weiter zu gewährleisten. Wie im persönlichen Bereich, ist dafür auch im gesellschaftlichen Bereich eine Resilienzstrategie, die stets eingreift, wenn der Toleranzrahmen überschritten wird, erforderlich. Es sind Maßnahmen zu ergreifen, die präventiv wirken, d. h. bereits sich anbahnende Störungen des Zusammenhalts und der Bindung begutachten, Lösungen anbieten und ggf. dafür sorgen, dass Verabredungen regelbasiert auch künftig eingehalten werden. 

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski

Kontrolle

Ein Oppeln tut das nicht! Mit dieser Ermahnung meines Vaters waren eine Fülle durchaus attraktiver Möglichkeiten, sich nur zum eigenen Vorteil anderen gegenüber zu verhalten, erledigt. Die familiäre Kontrolle funktioniert. Dabei bin ich – wie jeder andere Mensch auch – zu allem fähig, aber, wie bereits die familiäre Kontrolle, vermag auch die genetische und die auf eigenen Erkenntnissen und Abwägungen beruhende Kontrolle einzugreifen, wenn die Bereitschaft, egozentrische Gedanken und Gefühle umzusetzen, zu mächtig wird.

Das Gewissen meldet sich. Zudem ist ergänzend die gesellschaftliche Kontrolle zu bedenken. Dafür gibt es zunächst einen einfachen Merksatz, dass man anderen nicht zufügen solle, was man selbst nicht erleiden möchte, der sehr passend ist. Selbstverständlich erschöpft sich diese Kontrolle nicht in dem Verhalten von Mensch zu Mensch, sondern umfasst auch Sitten und Gebräuche, regelt also Rituale, die im menschlichen Zusammenleben Orientierung verschaffen.

Dass dies vorteilhaft ist, scheint mir heutzutage nicht mehr einer allgemeinverbindlichen Ansicht zu entsprechen. Manche Kontrollen, wie man sich zum Beispiel an Feiertagen verhält und sich kleidet, mögen als veraltet gelten, aber jeglicher Kontrollverlust z. B. bei der Selbstdarstellung in der Öffentlichkeit oder bei der Nahrungsaufnahme schafft bei den Handelnden und Erlebenden Frust.

Das Ergebnis ist, dass die Eigenkontrolle allgemein erlahmt und sich jeder so verhält, wie es seiner augenblicklichen Eingabe entspricht. Der Mensch ist lernfähig, aber vor allem verlernfähig. Irgendwann, und zwar wahrscheinlich sehr bald, erodiert das Vertrauen in andere Menschen, insbesondere dann, wenn die Maßstäbe menschlichen Handelns völlig zur Disposition gestellt werden.

Dass dies sehr bald geschehen könnte, liegt auf der Hand. Sobald infolge des Klimawandels, der Energiekrise, der Überbevölkerung, der Migrationsströme und anderen Herausforderungen nur funktionierende, persönliche, familiäre und soziale Kontrollen noch ein ertragbares Miteinander ermöglichen, werden wir uns darauf besinnen müssen, dass die Freiheit, auch auf Kontrollen zu verzichten, den Vorteil sie zu haben, nicht übertrifft. Es ist gut, souveräner in den Grenzen, welche die Familie, die Gesellschaft, die ich mir selbst vorgebe, zu handeln.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski