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Wesen sein

Es beschäftigen mich Integrität, Intimität und Autorität des Wesens. Entgegen unseren Annahmen, erlaubt es sich, es selbst zu sein und anders als wir glauben, zu denken und zu meinen. Es definiert sich aus sich selbst, also aus seinem Wesen heraus und beharrt jeder Beschreibung trotzend darauf, sich selbst zu eigen zu nennen. Wir versuchen, das Wesen mit unserer Sprache einzuhegen, es für unsere Zwecke begreiflich zu machen, verfügen über es Dank unseres Ordnungssystems und scheuen selbst davor nicht zurück, unsere Definitionsmacht einzusetzen, um dem Wesen durch uns vorgesehenen Inhalt und Ausdruck zu verleihen.

Tiere, Pflanzen, selbst Himmel und Erde, alle von uns benannten Dinge sind aber nicht Dinge, weil wir sie so benennen, sondern legitimieren sich selbst jenseits unserer angemaßten Verfügungsmacht aus ihrem Sein. Unser Zutun ist also nur ein solches „als ob“, als ob uns etwas gehörte, als ob wir eine Verfügungsmacht hätten, als ob wir uns die Welt untertan machen könnten, aber wie sagte schon Proudhon? Eigentum ist Diebstahl. Was für die Verfügungsmacht an Grund und Boden gilt, kann allgemein Gültigkeit erlangen. Wir benennen und verfügen also nur aufgrund einer angemaßten Autorität und leiten unsere Rechte so davon ab, als ob transzendente Mächte uns diese verliehen hätten. Schlüssig erscheint uns unsere selbst referenzielle Gewissheit, dass ich ein Mensch bin und mir die Welt untertan machen dürfe. Und was macht dann die „Welt“, was macht das unbegreifbare Ganze, das Wesen in allen Dingen mit uns? Noch schweigt es zu unserer Anmaßung zu bestimmen und zu herrschen und lässt uns gewähren. Vielleicht, weil dies alles einen Sinn hat, der sich uns noch erschließen wird. Wenn mich das Wesen in seinem eigenen Selbstverständnis zu erkennen gibt, wird dies für die Menschheit ein angenehmer Moment sein?

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski

Zweifel

Ist es, was es ist? Oder doch etwas anderes?

Oft zweifeln wir an der Stimmigkeit einer Einschätzung, einer Botschaft, an den Fähigkeiten anderer Menschen, an der Berechtigung unserer Skepsis und Beurteilung. Ob in Nachrichten oder in persönlichen Gesprächen, überall begegnen uns ständig Zweifel, wobei das Leben aber Eindeutigkeit benötigt, damit es bewältigt werden kann. Da Zweifel nicht zu überwinden sind, passen wir Menschen die Wirklichkeit unseren Zweifeln an. Wir nehmen es persönlich, nur unser Blick, unsere Sicht sollen authentisch sein, selbst dann, wenn es unserer Wahrnehmung widerspricht.

Wir begegnen den möglichen Zweifeln an unserer Festlegung mit der Behauptung derer Gewissheit und versuchen dadurch, Zweifel zu eliminieren, wohlwissend, dass sie weiter schwelen und uns veranlassen, mit der Behauptung der Gewissheit eigene Zweifel zu unterdrücken. Doch nagt der Zweifel weiter an unserer Sicherheit, macht uns trotzig, wütend, schuldbewusst und aggressiv. Wir können zwar versuchen, Zweifel zu zerstreuen, auszublenden, gar zu unterdrücken, er meldet sich aber bei jeder Achsenverschiebung unseres Blickwinkels zurück, beansprucht wieder die Deutungshoheit: „Hab ich doch schon immer gesagt!“

Da unsere eigene Erkenntnisfähigkeit nur fragmentarisch sein kann, begegnen wir ahnungslos, allenfalls ahnend, was sich nach unserer Vorstellung hinter dem Zweifel verbirgt. Mangels Erkenntnis spielen wir eine Rolle, die uns Selbstbewusstsein verleiht, uns ermöglicht, den im Zweifel und in der Skepsis immanent vorhandenen Widerstand gegen unsere Wahrnehmung und unser Handeln zu überwinden und eine Manifestation des Wissens, Wollens und Handelns erlaubt.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski