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Ruhe

Ach, ich bin des Treibens müde!
Was soll all die Qual und Lust?
Süßer Friede,
Komm, ach komm in meine Brust!

Oder:

Über allen Gipfeln
Ist Ruh‘,
In allen Wipfeln
Spürest Du
Kaum einen Hauch;
Die Vögelein schweigen im Walde.
Warte nur! Balde
Ruhest du auch.

Ob „Wanderers Nachtlied“ oder „ein Gleiches“, jedenfalls von Goethe, der sich um äußere Ruhe bemühte, aber auch um die Herstellung einer inneren Ruhe als Brutstätte neuer Schöpfungsakte. In unruhigen Zeiten politischer, gesellschaftlicher oder persönlicher Provenienz erscheint Ruhe wie ein Fremdwort, bei einer Menschheit, die in Auseinandersetzungen und Kriegen lebt, begrifflich oft unbekannt und gar störend.

Wer Ruhe erfährt, lernt aber zu beobachten: andere, sich selbst und anders zu beobachten, gelassen zu sein. Ruhen scheint uns aber gefährlich, weil es Gewohnheiten in Frage stellt, die uns Menschen zum Nachdenken, Grübeln und sogar zum Zweifeln bringt. Ruhe bedeutet allerdings auch Aufbruch, der Beginn einer Entdeckungsreise, die nicht nur von Gedanken geführt wird, sondern den Menschen mit allen seinen Sinnen dazu einlädt, Neues zu erfahren durch die Bereitschaft, sich gegenüber sich selbst und anderen zu öffnen. Unbestreitbar ist dies ein Wagnis, aber wenn die Ruhe den Blick auf das Unfertige, das Gewagte erlaubt, dann ist sie auch in der Lage, neue Erfahrungen so zu konstruieren, dass sie den Menschen freimachen von der Treibjagd des Lebens, Frieden verschaffen und ein vollendbares Leben erlauben, ohne auf die Unwägbarkeit stetigen bemühten Handelns zur Betäubung angewiesen zu sein.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski

Unersättlichkeit

„Ich will alles und noch viel mehr…“ So etwa textete einst Gitte Hænning und brachte damit zum Ausdruck, dass Menschen mit immateriellen und materiellen Mitteln gesegnet sein müssen, um ihrem Leben einen passenden Sinn zu verleihen.

Das Haben-Wollen, die Unersättlichkeit im Begehren, ist in unserem Wesen verankert, macht uns rastlos und gewährleistet Fortschritt. Nicht nur wesens- sondern auch gesellschaftsimmanente Unersättlichkeit wird abgesichert durch einen spirituellen und auch einen weltlichen Katechismus, der die Möglichkeiten des Begehrens erlaubt und fördert.

Der Prunk von Kirchen auch als Ausweis ihres Reichtums ist uns geläufig. Eher profan und weltlich gewährleisten Gesetze, Gerichte, Notare und Rechtsanwälte Hand in Hand mit Politikern, Wirtschaftsfachleuten und Unternehmen die Anerkennung der Gier. „Ich will alles und noch viel mehr.“ Der Motor einer Gesellschaft, die sich dank ihrer Gewohnheiten und der ständigen Wiederholungen von Ansprüchen daran gewöhnt hat, dass Fortschritt nur durch Begierde gefördert wird, wird durch ständigen Konsum am Laufen gehalten. Der Konsumrausch vermag die Kürze des Lebens zu kaschieren. Wir Menschen unternehmen alles, um die Erfüllung des Begehrens bis zur nächsten Zuwendung lebbar zu machen. Dabei ist dies nichts persönliches.

Die Unersättlichkeit führt über unser eigenes Leben hinaus und veranlasst Menschen, testamentarisch anzuweisen, auch für sich und deren Abkömmlinge den Boden für Begehrlichkeiten zu bereiten. So verteidigen auch alt gewordene Erblasser schon den Besitzstand künftiger Generationen, wollen auf diese einwirken, steuern und mit „kalter Hand“ ihrer eigenen Unersättlichkeit eine permanente Zukunft sichern. Unersättlichkeit ist allerdings nicht nur ein materielles Phänomen, sondern auch eine Erfahrung auf allen Beziehungsebenen. Unersättliche Vereinnahmung anderer Menschen finden in Gesprächen, die nicht empfängerorientiert geführt werden, statt, aber auch der Vereinnahmung durch Parteien.

Es entspricht der Mechanik der Unersättlichkeit, nur die eigenen Ansprüche und Vorhaben als gerechtfertigt anzusehen und zu erwarten, dass die Rückbezüglichkeit allgemeine Anerkennung findet. In diesem Sinne ähnelt der unersättliche Mensch einem Narzisst, der die Anerkennung seiner Gier als selbstverständlich erachtet.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski