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Sachverhalt

Es handelt sich um einen Kunstbegriff. Ein ausgewählter Teil unserer Wahrnehmung einer bereits spezifizierten Wirklichkeit wird so möglichst allgemeinverbindlich versprachlicht, dass er als Grundlage von Beurteilungen dienen kann. Diese schließen zwar unterschiedliche Handlungsoptionen nicht aus, grenzen aber den Gegenstand der Betrachtung gegen Unschärfen ab, welche die Wirklichkeit bietet.

Ein so eingegrenzter Sachverhalt lässt also unterschiedliche Handlungsoptionen zu, die gestaltend geeignet sein könnten, als ein Sprachraster für eine zu schaffende Wirklichkeit zu dienen. In diesem Sinne sind Sachverhalte Transmissionsbeschreibungen, die uns in die Lage versetzen sollen, einen Teil der Wirklichkeit sprachlich so zu kartographieren, dass Problemlösungen möglich werden, ohne bei der Beurteilung von der Totalität der Wirklichkeit sozusagen erschlagen zu werden. Die Totalität als ein stets im Werden und Vergehen befindliches zudem unscharfes Ganzes würde uns zwingen, unter dem Eindruck eines steten Perspektivwechsels zu handeln und jede unserer Wahrnehmungen mit einem Relativitätszeichen zu versehen.

Der eingrenzende Annahmecharakter des Sachverhaltes erlaubt es uns dagegen, einschränkende Blaupausen für Umstände zu schaffen, die eine Orientierung auf den angestrebten Handlungsfeldern erlauben. Herauszugreifen ist dabei die Bedeutung des Sachverhalts z. B. für die Justiz. Die Feststellung des Sachverhalts durch eine an Normen orientierte Aufklärung verschafft den Gerichten die Möglichkeit, im Zivilrecht streitende Parteien zu befrieden, also zugunsten der einen oder anderen Partei zu entscheiden oder im Strafprozess Angeklagte zu bestrafen. Um dies zu erreichen, wird vor Gericht eine künstlich, aber verhandelbare Wirklichkeit in Form des Sachverhaltes geschaffen.

Da Sachverhalt und Wirklichkeit nicht kongruent sind, wirkt sich das gerichtliche Handeln meist aber störend auf eine Wirklichkeit aus, die sich aufgrund der bestehenden Divergenzen in den zu leistenden Anforderungen herausgefordert sieht, die rechtliche Beurteilung eines Sachverhalts einschließlich der daraus abgeleiteten Konsequenzen den Normen anzupassen. Unter dem Druck dieser Anpassung werden zuweilen weitere inkompatible Sachverhalte geschaffen, so dass es mir nicht gewagt erscheint zu behaupten, dass insgesamt ein Großteil unserer Wahrnehmung auf dem Versuch der regelbasierten Einordnung unterschiedlicher miteinander konkurrierenden Sachverhalte beruht, die eine geschlossene implizit richtige Seinsbetrachtung ausschließt.

Allerdings eröffnet diese methodische Handhabung der Sachverhaltsanalyse auch die Möglichkeit, sich in der Wirklichkeit anpassungsfähig einzurichten. Soweit Sachverhalte als normative Grundmuster garantiert bleiben, ermöglichen sie uns ein verlässliches Leben. Eine Möglichkeit der Störung dieser Verlässlichkeit erwarte ich von der GAI. Die generelle allgemeine Intelligenz, insbesondere bei Anwendungen von Chat GPT, wird durch Prompten orientiert, also die Möglichkeit, Sachverhalte und deren Beurteilung so variieren zu können, dass eine Allgemeinverbindlichkeit der Betrachtung ausscheidet.

Die Wirklichkeit als Verhandlungsgegenstand ist durch die Einschränkung auf den Sachverhalt schon vorgegeben und wird durch die technischen Möglichkeiten zum Spielball der Betreiber und der Wirklichkeit so weitgehend entfremdet.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski

Verzicht

Auf etwas zu verzichten, vermögen wir dann, wenn uns der Verzicht nicht schwer fällt und wir dazu auch die Möglichkeit haben. Verzichte sind meist ein Überflussthema. Sie entstehen bereits vor unserer Handlungsoptionen, aus der Entwicklung von Angeboten in einem konkret gefestigten oder auch bestimmbaren Raum, dessen Konturen unsere Haltung zu bestimmen vermögen. Verzichte können auf einer spontanen Entscheidung beruhen, aber auch strategische Maßnahmen sein.

Neben kognitiven Verzichtsplanungen spielen oft auch emotionale Spontanentscheidungen dabei eine Rolle. Dann erfolgt der Verzicht oft in der Auflehnung gegen einen warnenden Gedanken, der das Gegenteil befürwortet und der noch nicht gedanklich verarbeiteten Erwartung eines Vorteils. Menschen verzichten oft nicht überlegt, sondern oft volatil aufgrund einer nicht bewusst gewordenen körperlichen oder psychischen Disposition. Verzichte sind oft auch als Zwischenräume des Begehrens zu begreifen, eine aus der Wechselwirkung von Annahme und Ablehnung entstehenden Bedingtheit.

Planvoll eingesetzt, schaffen Verzichte Freiheit und ermöglichen Handlungsoptionen einer Entlastung von Aneignungsverpflichtungen, die sich moralisch und gesellschaftlich als fragwürdig einordnen lassen könnten. Wer verzichtet, erleidet in der Regel keine Verluste, sondern gewinnt aus der gewählten Option die Kraft für seine Realisierung neuer Unternehmungen, die dann durchaus regelbasiert ebenfalls wieder Verzichte als Möglichkeit des Handelns vorsehen.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski

Der Mensch, das unbekannte Wesen

Kennen wir uns? Ich habe da mein Zweifel. Es scheint mir, dass in uns etwas steckt, was wir selbst nicht erkennen bzw. nicht erkennen wollen. Hat sich nicht jeder Mensch schon einmal dabei ertappt, dass er nicht nur schlecht über andere gedacht hat, sondern Menschen auch beschädigen wollte?

Ja, natürlich gibt es die soziale Kontrolle, die das Schlimmste verhindert. Wie sieht es aber mit der persönlichen Kontrollmöglichkeit aus? Bin ich, wenn ich etwas Schlechtes denke, ein schlechter Mensch? Kann ich, wenn ich einem anderen Menschen, die Pest an den Hals wünsche, noch harmlose Lieder mit meinen Kindern singen. Die öffentliche Wahrnehmung entspricht nur eingeschränkt dem Sein. Dieser Erkenntnis muss ich mich stellen, aber vermeiden, daraus falsche Schlüsse auf andere Menschen zu ziehen.

Jeder Mensch, auf den wir uns einlassen, weist die selbe Ambivalenz wie wir selbst auf und ist gerade deshalb – wie wir – auch darauf angewiesen, dass wir ihm Vertrauen schenken, damit er uns vertrauen kann. Was den Menschen in seiner Unberechenbarkeit ausmacht, ist nicht nur seine Erscheinung, sein physiologisches System, sein Verstand und sein Gefühl. Jede Zelle, jede genetische Botschaft, jede chemische und mechanische Irritation bestimmt den ganzen Menschen und sein Verhalten.

Das Schlimme ist wie das Gute, nicht das Ergebnis eines Gedanken- oder Empfindungsprozesses, sondern ein Aggregatzustand, der von äußerst komplexen Vorgängen gesteuert wird. Das mag nicht entschuldigen, aber erklären, weshalb Menschen oft auf eine für uns völlig unvorstellbare Weise reagieren, vor allem, wenn sie grausam sind. Auch, wenn wir das nicht verhindern können, hilft die Erkenntnis, die nicht moralisch belastet ist, mit der Bedrohung umzugehen, die dieser Mensch für uns alle und für sich darstellt. Die Erkenntnis entschuldigt nichts, da sie auf Vernunft beruht. Sie schafft Handlungsoptionen, die uns nachhaltig vor den Tätern in und außer uns schützen sollten.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski

Besserwisserei

Das Zitat „Wer sich nicht in Gefahr begibt, kommt darin um.“ wird Ernst Bloch zugeschrieben. Wir ziehen Bilanz: Manche scheitern im Leben, vieles geht schief. Dies wird insbesondere erfahrbar, wenn man experimentiert hat, sei es mit einem Gedanken oder scheinbaren Handlungsoptionen. Bei der Bewältigung derartiger Krisen kann Selbstkritik und auch diejenige Anderer sehr hilfreich sein, um einen Neustart zu ermöglichen. Im Zuge eines solchen Prozesses begegnet man allerdings nicht selten Zeitgenossen, die sich als Echo jeder denkbaren Kritik gebärden. Es sind die Besserwisser.

Sie ahnen schon, was alles falsch laufen könnte und veröffentlichen ihr Wissen natürlich insbesondere dann, wenn etwas falsch gelaufen ist. Besserwisser sind Lebensbegleiter, deren Ziel darin zu bestehen scheint, nicht nur jede Initiative zu lähmen, bevor sie startet, sondern dem Handelnden auch die kausale Schuld dafür zuzuweisen, dass er sich bewegt hat. Besserwisserei kann auf Erprobungen verzichten, sie lebt von der Immanenz der einzig richtigen Betrachtung eines Sachverhalts. Da die Besserwisserei zeitlich ungebunden ist, entzieht sie sich auch jeder Widerlegbarkeit. Der Beweis des Gegenteils ist ausgeschlossen. Der einzige Ausweg: Besserwisser ignorieren und selbst denken und machen.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski