Alexander Kluge hat in einem Interview, veröffentlicht in der Zeit am 02.03.2022, gesagt, dass der Krieg ein „Monster“ sei. Das leuchtet ein und erschreckt, aber meines Erachtens hat er damit eher das Monströse des Krieges selbst benannt, nicht die Täter, die hinter dem Kriegsgeschehen stehen.
Ich halte dagegen, nicht der Krieg ist das Monster, nicht der von Helden zu bezwingende Drache. Es gibt nichts, von dem die Menschen sich distanzieren könnten, sondern Krieg ist unser monströses menschliches Versagen. Versagen vor den Möglichkeiten zu überzeugen, sich argumentativ oder emotional überzeugend durchzusetzen. Krieg ist der Versuch, das eigene Scheitern nicht sichtbar werden zu lassen oder dieses zu kompensieren, dem eigenen Versagen sogar den Nimbus des Historischen zu verleihen.
In der Geschichte hat dies meistens leider gut geklappt. Krieg ist aber ein Täuschungsmanöver. Wer Krieg führt, versteht, andere zu blenden und in der Steigerung des Einsatzes seiner Waffen seine eigenen Schwächen zu verbergen. Wenn eine eingeschränkte Argumentationsfähigkeit seit jeher Kriege begünstigt, wie können dann Kriege verhindert bzw. beendet werden?
Meines Erachtens durch Zuhören, selbst wenn dieser Versuch angesichts des ungeheuren kriegerischen Gemetzels mit vielen Toten und Verwundeten naiv aussehen mag. Zuhören bedeutet, dass Kriegsparteien ihre Argumente vorzubringen haben, selbst dann, wenn man sie angesichts des anzurichtenden Grauens eigentlich nicht mehr hören kann und will. So könnte es im Falle Russlands und der Ukraine sein, dass der Verlust des gemeinsamen Kulturraumes aus russischer Sicht maßgeblich für den Krieg ist. So wird es zumindest behauptet. So wäre zu überlegen, wie sich dieser Kulturraum wieder herstellen ließe, ohne die wirtschaftlichen, militärischen und gesellschaftlichen Interessen der Ukraine gegenüber Russland zu verletzten?
Meines Erachtens zunächst durch die Wiedereröffnung religiöser und kultureller Gemeinsamkeiten ähnlich einer kulturellen Konföderation, die beiden Seiten das gibt, was ihnen am Wichtigsten ist. Trotz der vielen sinnlosen Toten müsste ein Mediator berufen werden, der versucht, nicht nur einen Status quo zu schaffen, sondern durch wechselseitige Angebote die Möglichkeit eines Miteinanders zu ermöglichen, einen gemeinsamen Nenner zu finden, anstatt auf einer Kriegsschuld Russlands und der Darstellung des ukrainischen Leids zu beharren.
Kriege sind nicht zu gewinnen. Es sind grausame Gespenster unserer Hilflosigkeit. Immer dann, wenn wir uns nicht verstanden sehen, dies nicht wollen und die Bereitschaft verloren haben, uns selbst in Frage zu stellen und auf den anderen zuzugehen, werden Monster uns bestimmen. Da müsste etwas zu machen sein?
Hans Eike von Oppeln-Bronikowski