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Mehrheit

Aus Prinzip folgen wir der Mehrheit, die Minderheit muss sich fügen. So lautet eine weit verbreitete Auffassung, die der Effizienz von Entscheidungen geschuldet wird. Wie steht es aber mit der Minderheit unter dem Aspekt der Berechnung der Verhältnisse zwischen Mehr- und Minderheiten? Um einer vertiefenden Betrachtung eines sich möglicherweise auftuenden Dilemmas zu begegnen, wird einer solchen Betrachtung entgegengehalten, dass sich die Verhältnisse ja stets wieder ändern, aus Mehrheiten, Minderheiten werden könnten und schließlich doch ein Schlüssel für die Entscheidungsfindung nötig sei, also die mathematisch zu bestimmende Mehrheit. Wer aber ist Träger von Mehrheiten, wer bildet sie, bestimmt deren Maß? Menschen, Tiere, Pflanzen, Sonne und Mond, das Universum? Und wie geschieht das, durch Emotionen, Gedanken, Wissen, Geld, Rechenprogramme oder KI?

Aus Sicht der Möglichkeiten betrachtet, ist Mehrheit wohl nur eine Ansichtssache und beinhaltet weder Rechte noch Machtmittel? Mehrheit ist vielleicht ein von der Minderheit mit zu verantwortender Zustand, ihre Unterwerfung zu akzeptieren und so der Mehrheit Gestaltungsraum zu gewähren. Ob dies auf Zeit oder für ewig geschieht, ist dann eine Machtfrage, die selbst bei sich ändernden Mehrheitsverhältnissen nicht eindeutig lösbar ist. Die wechselseitige Bedingtheit von Mehr- und Minderheiten lässt es aber als geraten erscheinen, dass Mehrheiten die Ableitung ihrer Legitimation durch Minderheiten stets mitbedenken, sich gegenüber Minderheiten für deren fügsames Verhalten dankbar erweisen und deren Interessen dabei mitberücksichtigen. Erst, wenn planend, gestaltend und handelnd das Ganze erfasst wird, erfahren Mehrheiten eine Legitimität, die nicht allein mathematisch, sondern auch inhaltlich bestimmt ist.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski