Schlagwortarchiv: Prozess

Orientierung

Wegzeichen erlauben uns die Orientierung. Also: Die Kompassnadel schlägt aus, dort ist Norden, Sterne weisen uns den Weg, manche orientieren sich an den Sternbildern sogar im spirituellen Sinn. Auch, wenn wir uns meist an konkreten Dingen orientieren, wird Orientierung erst durch das eigene Handeln vollendet, durch die von uns durch Prüfung und Abwägung aufgewandte Zeit, zuweilen auch durch Zuneigung und Liebe. Orientierung ist ein Prozess des Empfangens und Sendens, der es nicht nur uns selbst erlaubt, eine vorteilhaftere Position im Leben behaupten zu können, sondern diese oft auch anderen zu deren Begünstigung vermittelt. Dieses Maß der Teilhaberschaft verleiht der Orientierung etwas allgemein Gültiges und Bleibendes, das dank seiner Erwartbarkeit alle, die am Prozess beteiligt sind, in die Lage versetzt, nicht stets zweifelnd, sondern mit bestätigender Gewissheit den eingeschlagenen Weg fortzusetzen.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski

Das Sein

Verwurzelt zu sein, seinen Platz zu haben, sich durchzusetzen und zu fügen, Nahrung aufzunehmen, zu wachsen und zu gedeihen – all dies bietet der Boden wie das jeweilige Habitat. Das versteht sich von selbst aufgrund vorhandener Möglichkeiten, unserer Bedürfnisse sowie deren Befriedigung.

Das Sein steht für jedes Zuhause, für Pflanzen, Menschen und Tiere – für Überwindung von Fremdsein durch Gemeinsamkeiten, Anpassung, Zurückhaltung und Wagnis. Das Sein ist kein statischer Zustand, sondern entsteht – ein Experiment der Natur – nicht zufällig, sondern sich selbst formend und geformt werdend durch alle verfügbaren Voraussetzungen und Umstände. Ein steter Prozess, aber auch beharrlich, um die Orientierung zu ermöglichen. Es gibt aber nicht das eine Sein, sondern etliche und vielfältige, abhängig von den jeweiligen Anforderungen.

Dieses Sein muss nicht konkret sein, Reibungen können bestehen, aber auch Ergänzung und Entwicklung und Bereicherung möglich werden. Das Sein sind Berge und Täler, Sprache und Gebräuche, Bücher und Anschauung – Wetter, Wasser, Boden und Mensch – alles ist heimatfähig, gestaltend und erlebend, versichernd und fremd. Die Heimat schützt das Sein.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski

Identifikation

Was verstehe ich unter Identifikation?

Eine Eigenschaft, sich auf einen anderen Menschen oder einen Zustand in der Weise einzulassen, dass der Mensch oder der Zustand nicht nur mein Einverständnis findet, sondern auch zu einem Teil meiner eigenen Wahrnehmung, möglicherweise sogar zu meiner eigenen Persönlichkeit, zwar nicht körperlich, aber doch irgendwie geistig, seelisch, kurzum spirituell werden kann.

Alle Varianten scheinen mir möglich, hervorgerufen durch Stalking, Verehrung, bis hin zu Formen der Assimilation, also der Ich-Findung im Anderen. Rollenspiele, auch die Schaffung von Kulturaltären für Idole, Environments mit allen greifbaren Identifikationsaccessoires, die erwerbbar sind, die Aufgabe der eigenen emotionalen, spirituellen und kognitiven Identität zugunsten einer anderen, all dies ist möglich. Teilweise geschieht dies in Gruppenerlebnissen oder persönlich in Nachahmung des Identifikationsgegenstandes. Das passiert aber wozu?

Möglicherweise erlebt der Mensch durch diese Form der Identifikation einen Austritt aus seiner potentiellen Vereinzelung. Er wird dank der Identifikation bedeutender. Er erfährt Solidarität, und zwar schon dadurch, dass er sich auf den Prozess der Identifikation einlässt. Identifikation wirkt auch entlastend von eigenen Beschwerden und Unzulänglichkeiten. Durch Identifikation wird eine Zuwendung einer Person oder eines Zustandes zugelassen, die dem Zuwendenden eine Aufgabe beimisst, der dieser sich widmen kann, ohne Gefahr zu laufen, für den sich Identifizierenden konsequent einstehen zu müssen. Oft wissen die Beteiligten überhaupt nichts voneinander. Da eine reale Identität unter ihnen nicht begründet wird, besteht grundsätzlich die Möglichkeit, sich jederzeit von dem Versuch der Identifikation wieder loszusagen. Mitgefühl, Mitleid, alle Formen des geistigen und emotionalen Austausches sind Attribute der Identifikation, die auch zu einem aktiven Handeln führen können.

Problematisch, ja gefährlich wird die Gefährdung einer tatsächlichen oder nur vorgestellten Konkordanz der Beteiligten, wenn die Identifikationsillusion offenbart, dass es Abweichungen zwischen den Vorstellungen der Beteiligten gibt. Jede Abweichung kann als Verletzungshandlung, ja sogar als Angriff gewertet werden und gefährdet das Rollenspiel. Der seiner Identifikationsmöglichkeit so beraubte Mensch fühlt sich getäuscht und glaubt sich zur Rechtfertigung berechtigt, seine Illusion durch Beseitigung einer Person oder eines Zustandes, mit dem er sich identifiziert hat, zwecks Wiedererlangung seiner früheren Identität herbeizuführen.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski

Entscheidung

Die Begrifflichkeit „Entscheidung“ ist schillernd. Die Entscheidung, die ich aus Verantwortung oder aus Leichtsinn selbst treffe, korrespondiert nicht mit einer Entscheidung, die eine Maschine oder ein Umstand trifft. Selbst, wenn ich entschieden habe, 10 Minuten früher aus dem Haus zu gehen, trifft letztlich dieser zeitliche Umstand die Entscheidung, ob mein Leben sich verändert, es mir gut oder schlecht geht.

Bruchteile von Sekunden spielen bei der Gestaltung meines späteren Lebensweges eine ausschlaggebende Rolle. Wir sind nicht frei. Wir sind selbst dann nicht frei, wenn wir glauben, frei entscheiden zu können. Alle Entscheidungen, die wir treffen, sind von Dingen geprägt, die ihre Wurzeln in unserer Geschichte, den Umständen und Vorbehalten finden, denen wir uns noch nicht einmal bewusst sein müssen.

Aber Entscheidungen bedingen Entscheidungen und setzen in jedem Augenblick unseres Seins Impulse frei, die unser Leben ändern. Die permanente Lebensveränderung ist das der Entscheidung innewohnende Prinzip, und zwar auch dann, wenn die Entscheidung Entwicklungen verhindern sollte. Wenn der Mensch die Entscheidungsprozesse zu seiner Person zurückspult, stellt er selbst bei einfachen Beispielen seiner Entwicklung fest, wie fragil der ganze Prozess ist und wie leicht alles ganz anders hätte sein können. Das lässt den Menschen oft an der Sicherheit zweifeln, obwohl er auf diese doch so dringend angewiesen ist und nach ihr strebt.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski