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Bereicherung

Wenn ich in der „Zeit“ der Rubrik „Was mein Leben reicher macht“ entnehme, dass sich ein Leser am Morgen an Vogelstimmen oder am unerwarteten Gruß eines anderen Menschen erfreut, bin ich meist tief berührt von dem scheinbar geringen alltäglichen Anlass, der zu einer so großen Freude des Lesers beiträgt, dass er sogar das Bedürfnis hat, sein Wohlbehagen der Zeitung mitzuteilen und den anderen Lesern zugänglich zu machen. Es sind für mich diese Momente der Verbundenheit, die wir Menschen alltäglich erfahren können, die uns bereichern und uns ein Beispiel dafür bieten, dass wir von einer tiefen Sehnsucht nach Harmonie, Zusammenhalt und der Erfahrung von Schönem geprägt sind.

Die Schilderung harmloser Begegnungen, die unser Herz erfreuen, bringen aber auch unsere Wehmut darüber zum Ausdruck, dass wir begreifen müssen, dass wir zwar wunderbare Erfahrungen haben und diese teilen wollen, aber die Zustimmung in einer schwierigen Welt nicht allgemein verbindlich ist. Vielleicht wäre es daher die Anstrengung wert, einen Prozess reverse einzuleiten, der gerade die Schwierigkeiten, selbst Kriege, Zerstörung usw. als das Besondere und das Schöne als das Allgemeine benennt? Das mag paradox erscheinen, weil wir Ausnahmen regelmäßig mit etwas Positivem in Verbindung bringen und uns daher schwer damit tun, die Welt allgemein als erfreulich zu betrachten und alles, was medial oder tatsächlich geschieht, wir als Angriff auf unsere Sicherheit empfinden, wir daher misstrauisch gegenüber allem Schönen sind, das uns widerfährt.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski

Enttäuschung

Von den Menschen bin ich enttäuscht. Noch als Kind hatte ich mir das Leben wunderbar ausgemalt. Meine Kinderbücher erlaubten dies. Das waren die 50er Jahre des letzten Jahrhunderts. Heute, viele Jahre später, wenn ich auf mein Leben zurückblicke, darf ich bekennen, dass mein bisheriges den Umständen nach großartig war: keine Kriege, kein Hunger, Familie und Erfolg im Beruf. Also, alles stimmte!?

Naja … . Ich hatte mir keine anderen Umstände, aber das Verhalten der Menschen anders vorgestellt. Ich hatte mir vorgestellt, dass sie gerne und mit Freude leben, ernsthaft und gewissenhaft ihren Aufgaben und Pflichten nachgehen und alle Verabredungen einhalten. Meine Vorstellung von den Menschen war durch die „Hasenschule“ genauso geprägt, wie durch Garry Coupers „Lederstrumpf“ oder „Der kleine Prinz„. Überall gab es Schwierigkeiten, aber diese Schwierigkeiten wurden gelöst durch aufrichtige und hilfsbereite Menschen.

Nicht, dass es diese Menschen nicht gibt, aber das Vertrauen in sie insgesamt habe ich verloren, seit ich wahrnahm, wie egozentrisch und anspruchsorientiert der größte Teil der Menschen ist. Dieser Teil der Menschen macht nicht den Eindruck, dass er besonders glücklich sei, aber kann dennoch nicht davon ablassen, an nichts anderes zu denken, als sein Wohlergehen. Dieses äußert sich im Konsum, Neid und Behinderung anderer Menschen bei ihrer Entwicklung.

Früher hatte ich gedacht, diese Menschen seien Verführte, dann aber festgestellt, dass sie sich absichtsvoll so verhalten. Dieses Verhalten vor sich zu rechtfertigen und anderen dann noch als ihr gutes Recht aufzuoktroyieren, das macht betroffen. Für jedes Unterlassen, für jede Gemeinheit und für jede Tatenlosigkeit gibt es stets eine rechtfertigende Begründung. Der Andere ist immer schuld. Die Spirale der Armseligkeit menschlichen Verhaltens bohrt in das Leben eine klaffende Wunde, die nur durch Rückzug, Distanz und anhaltende Verwunderung etwas verdeckt werden kann. Die Ohnmacht, wenig tun zu können, um die Enttäuschung auszugleichen, schmerzt sehr.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski