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Mysterium

Bis zu seinem Tode ist dem Menschen seine körperliche Selbstvergewisserung allgegenwärtig. Er überprüft sein Vorhandensein z. B. durch Arbeit, Sport, Sex, Denken, Fühlen, Handeln in allen Variationen, erfährt Schmerz, Freude und Lust dabei: Der Mensch ist sich gegenwärtig bis er sich von dieser Welt körperlich verabschieden muss. Ohne, dass der Mensch sich darum bemüht, dies oft sogar nicht wünscht, hat seine körperliche Existenz auch eine unkörperliche Seite.

Die Doppelexistenz des Menschen aus dem Sichtbargemachten und dem Unsichtbaren drückt durch deren Gleichzeitigkeit das Mysterium des Lebens aus. Gleichzeitig ist der Mensch sich folglich selbst und anderen ähnlich und doch verschieden. Das Eine ist greifbar, das Andere oft nur vorstellbar. So ist der Mensch in einem ewigen Rollenspiel gefangen, in einer existentiellen Perplexität, die mit dem Versuch einer Verbindung von Körperlichkeit und Geistigkeit einhergeht. Wir ahnen scheiternd unsere Unfähigkeit, das Mysterium des Lebens zu begreifen, generieren Zweifel an unserem Sein, was nur durch Betäubung unserer Sinne für das Unkörperliche und die Hinwendung zum Tätigsein ertragbar erscheint.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski

Das Sein

Verwurzelt zu sein, seinen Platz zu haben, sich durchzusetzen und zu fügen, Nahrung aufzunehmen, zu wachsen und zu gedeihen – all dies bietet der Boden wie das jeweilige Habitat. Das versteht sich von selbst aufgrund vorhandener Möglichkeiten, unserer Bedürfnisse sowie deren Befriedigung.

Das Sein steht für jedes Zuhause, für Pflanzen, Menschen und Tiere – für Überwindung von Fremdsein durch Gemeinsamkeiten, Anpassung, Zurückhaltung und Wagnis. Das Sein ist kein statischer Zustand, sondern entsteht – ein Experiment der Natur – nicht zufällig, sondern sich selbst formend und geformt werdend durch alle verfügbaren Voraussetzungen und Umstände. Ein steter Prozess, aber auch beharrlich, um die Orientierung zu ermöglichen. Es gibt aber nicht das eine Sein, sondern etliche und vielfältige, abhängig von den jeweiligen Anforderungen.

Dieses Sein muss nicht konkret sein, Reibungen können bestehen, aber auch Ergänzung und Entwicklung und Bereicherung möglich werden. Das Sein sind Berge und Täler, Sprache und Gebräuche, Bücher und Anschauung – Wetter, Wasser, Boden und Mensch – alles ist heimatfähig, gestaltend und erlebend, versichernd und fremd. Die Heimat schützt das Sein.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski