Jeder von uns kennt diese Strophe: „Ich will alles und noch viel mehr“. Dass wir den Rachen nicht voll genug kriegen können, ist ein gängiges Klischee einer Gesellschaft, die inzwischen schwer unter ihrer Übergewichtigkeit leidet. Sie kann aber dennoch nicht ablassen von ihrer Gier nach immer mehr Seinsbestätigung in allen Lebensbereichen, sei es beim Konsumieren und Raffen nach Vorteilen auch auf Berufs- oder Vermögensebenen. Die Verwirklichung der persönlichen Bereicherung auf fast allen Gebieten muss als Lebensvergewisserung aufgefasst werden.
Dass dies zu Lasten andere Menschen geht, dem vermag ich mich nur dann zu stellen, wenn ich mir bewusst werde, dass das Leben ein Nullsummenspiel ist, denn je intensiver ich meine Unersättlichkeit pflege, desto höher ist der Preis, den ich für die Verwirklichung zu zahlen habe. Hilft Erkenntnis? Zurückhaltung? Selbstmitleid? Empathie? Wohl alles Fehlanzeige, denn die Unersättlichkeit wühlt sich wie ein Borkenkäfer durch den Stamm unseres Bewusstseins, wie die eines Nimmersatts, dessen Anspruch darauf beruht, eben entweder zu fressen oder gefressen zu werden.
In dieser Lebensgewissheit ist es mit der Stillung von Bedürfnissen und der Schaffung von Vorratslagern zur eigenen Absicherung nicht getan. Vorauf beruht aber das persönliche und auch gesellschaftlich schädliche Fehlverhalten? Der Mensch erfährt sich in seiner Gier meist als authentisch und ist nicht bereit, über seine Eigenschaften zu verhandeln. Er markiert seine Unersättlichkeit als Fortschritt, um seinem Leben einen zumindest opulenten Sinn zu verleihen.
Hans Eike von Oppeln-Bronikowski