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Unersättlichkeit

Jeder von uns kennt diese Strophe: „Ich will alles und noch viel mehr“. Dass wir den Rachen nicht voll genug kriegen können, ist ein gängiges Klischee einer Gesellschaft, die inzwischen schwer unter ihrer Übergewichtigkeit leidet. Sie kann aber dennoch nicht ablassen von ihrer Gier nach immer mehr Seinsbestätigung in allen Lebensbereichen, sei es beim Konsumieren und Raffen nach Vorteilen auch auf Berufs- oder Vermögensebenen. Die Verwirklichung der persönlichen Bereicherung auf fast allen Gebieten muss als Lebensvergewisserung aufgefasst werden.

Dass dies zu Lasten andere Menschen geht, dem vermag ich mich nur dann zu stellen, wenn ich mir bewusst werde, dass das Leben ein Nullsummenspiel ist, denn je intensiver ich meine Unersättlichkeit pflege, desto höher ist der Preis, den ich für die Verwirklichung zu zahlen habe. Hilft Erkenntnis? Zurückhaltung? Selbstmitleid? Empathie? Wohl alles Fehlanzeige, denn die Unersättlichkeit wühlt sich wie ein Borkenkäfer durch den Stamm unseres Bewusstseins, wie die eines Nimmersatts, dessen Anspruch darauf beruht, eben entweder zu fressen oder gefressen zu werden.

In dieser Lebensgewissheit ist es mit der Stillung von Bedürfnissen und der Schaffung von Vorratslagern zur eigenen Absicherung nicht getan. Vorauf beruht aber das persönliche und auch gesellschaftlich schädliche Fehlverhalten? Der Mensch erfährt sich in seiner Gier meist als authentisch und ist nicht bereit, über seine Eigenschaften zu verhandeln. Er markiert seine Unersättlichkeit als Fortschritt, um seinem Leben einen zumindest opulenten Sinn zu verleihen.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski

Unersättlichkeit

„Ich will alles und noch viel mehr…“ So etwa textete einst Gitte Hænning und brachte damit zum Ausdruck, dass Menschen mit immateriellen und materiellen Mitteln gesegnet sein müssen, um ihrem Leben einen passenden Sinn zu verleihen.

Das Haben-Wollen, die Unersättlichkeit im Begehren, ist in unserem Wesen verankert, macht uns rastlos und gewährleistet Fortschritt. Nicht nur wesens- sondern auch gesellschaftsimmanente Unersättlichkeit wird abgesichert durch einen spirituellen und auch einen weltlichen Katechismus, der die Möglichkeiten des Begehrens erlaubt und fördert.

Der Prunk von Kirchen auch als Ausweis ihres Reichtums ist uns geläufig. Eher profan und weltlich gewährleisten Gesetze, Gerichte, Notare und Rechtsanwälte Hand in Hand mit Politikern, Wirtschaftsfachleuten und Unternehmen die Anerkennung der Gier. „Ich will alles und noch viel mehr.“ Der Motor einer Gesellschaft, die sich dank ihrer Gewohnheiten und der ständigen Wiederholungen von Ansprüchen daran gewöhnt hat, dass Fortschritt nur durch Begierde gefördert wird, wird durch ständigen Konsum am Laufen gehalten. Der Konsumrausch vermag die Kürze des Lebens zu kaschieren. Wir Menschen unternehmen alles, um die Erfüllung des Begehrens bis zur nächsten Zuwendung lebbar zu machen. Dabei ist dies nichts persönliches.

Die Unersättlichkeit führt über unser eigenes Leben hinaus und veranlasst Menschen, testamentarisch anzuweisen, auch für sich und deren Abkömmlinge den Boden für Begehrlichkeiten zu bereiten. So verteidigen auch alt gewordene Erblasser schon den Besitzstand künftiger Generationen, wollen auf diese einwirken, steuern und mit „kalter Hand“ ihrer eigenen Unersättlichkeit eine permanente Zukunft sichern. Unersättlichkeit ist allerdings nicht nur ein materielles Phänomen, sondern auch eine Erfahrung auf allen Beziehungsebenen. Unersättliche Vereinnahmung anderer Menschen finden in Gesprächen, die nicht empfängerorientiert geführt werden, statt, aber auch der Vereinnahmung durch Parteien.

Es entspricht der Mechanik der Unersättlichkeit, nur die eigenen Ansprüche und Vorhaben als gerechtfertigt anzusehen und zu erwarten, dass die Rückbezüglichkeit allgemeine Anerkennung findet. In diesem Sinne ähnelt der unersättliche Mensch einem Narzisst, der die Anerkennung seiner Gier als selbstverständlich erachtet.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski