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Volk

Wir sind das Volk, skandieren sie und wer sind dann die anderen? Das sollten wir uns fragen angesichts des genetisch bestimmten Zufalls unseres Lebens in der Gesellschaft mit anderen Menschen, sei dieser biologisch bestimmt oder sich aus der Lebensgemeinschaft ergebend, in der wir aufwachsen. Vernünftigerweise legt sich jede Gruppe zum Zwecke der verlässlichen Orientierung Regeln auf, die eine Lebensgemeinschaft zu formen in der Lage ist. Nichts davon ist aber vorgegeben, alles ist verhandelbar, doch verlangt ein zu schaffender Gesellschaftsvertrag eine gewisse Verbindlichkeit selbst für diejenigen, die an der Gestaltung nicht mitgewirkt haben. Die Verbindlichkeit kann flexibel angelegt sein, um so der Pluralität der Adressaten Rechnung zu tragen und dem Einzelnen ebenfalls strukturelle Freiräume zu lassen, aber verlässlich Orientierung für seine Verhalten zu geben. Die Planung sollte dabei nicht statisch sein, sondern wir werden versuchen müssen, – wie bei einer Mediation – immer sich verändernden Ansprüchen Rechnung zu tragen, einerseits Verlässlichkeit zu gewähren, andererseits die Befriedung des Volkes in einem Prozess perpetuell immer wieder neu auszuhandeln.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski

Verwahrlosung

Mensch Berlin, was haste dir verändert … . Überall Papierfetzen, Flaschen und alles andere, was ein Mensch normalerweise nicht verliert, sondern als Lästiges entsorgen will. Dieses Ver­halten macht vor den Innenräumen, insbesondere den Fahrzeugen des öffentlichen Nahver­kehrs, nicht halt, sondern setzt sich sichtbar fort an verschmutzten, kaputten Sitzen in S-Bahnen und Bierlachen, die durch die S-Bahn-Wagen schwappen. Resümee dieser Beobachtungen: Berlin und seine öffentlichen Einrichtungen machen einen verwahrlosten Eindruck. Wie konnte es dazu kommen? Wie konnte es dazu kommen, dass sich Bewohner aus dieser Stadt wegwünschen, dabei neben der Verwahrlosung auch den Verlust der Bürgerlichkeit insgesamt beklagen und schlimme Befürchtungen hinsichtlich des Erstarkens radikaler gesellschaftlicher und politischer Kräfte hegen.

Ich befürchte, dass einer der Gründe für die Entwicklung darin liegt, dass wir als Gesellschaft, und zwar jeder einzelne von uns, die soziale Kontrolle verloren haben. Wir achten nicht mehr auf andere, ja sogar nicht einmal auf uns selbst und unsere Taten. Früher sind wir uns auf Straßen, Plätzen, überhaupt in allen öffentlichen Einrichtungen unter Blickkontakten begegnet. Dies hat sich nun weitestgehend zugunsten unserer digitalen Begleiter erledigt. Keiner muss mehr damit rechnen, dass sein Verhalten von anderen bemerkt oder gar kommentiert wird. So bleibt jedes Verhalten unsanktioniert, seien dies Rotlichtfahrten an der Ampel oder auch die Müllentsorgung auf die Straße. So vermüllt die Stadt mit verheerenden Auswirkungen auf unser Verhalten gegenüber unseren Mitmenschen und auf die Wahrnehmung deren Anliegen, aber auch mit erheblichen Auswirkungen auf unser eigenes Verhalten. Allenthalben sind Menschen dabei zu beobachten, wie sie sich in aller Öffentlichkeit gehen lassen. Ich vermute, dass sie dies vor sich selbst gar nicht mehr begründen, gar nicht mehr sehen.

Das Beispiel im öffentlichen Raum hat natürlich erhebliche Auswirkungen auch auf das gesamte Verhalten selbst in der Privatsphäre. Dabei spreche ich von Höflichkeit, Rücksichtnahme, Anstand und Sittlichkeit. Das sind Verhaltensorientierungen, die es gab, aber in kürzester Zeit aus unserer Gesellschaft verschwunden sind. Dies bemerkenswerterweise im Gegensatz zu anderen Gesellschaften, denken wir zum Beispiel an die Japaner, bei denen die traditionellen gesellschaftlichen Rituale offensichtlich erhalten geblieben sind, so dass sich zum Beispiel in einer Großstadt wie Tokio keinerlei privater Müll auf den Straßen befindet, da jeder buchstäblich seinen Dreck mitnimmt. Die Zumutung des Wahrzunehmenden schafft Unzufriedenheit und die Menschen fangen an, über deren Lästigkeit und Abhilfe nachzudenken, sehen allerdings vor allem in dem Versagen oder der Ohnmacht der öffentlichen Hand oder der Bürokratie den Grund für die Verwahrlosung. Indem sie aber erfahren, dass weder eine Stadtverwaltung noch die Politik generell Abhilfe schaffen, wenden die Bürger sich denjenigen Kräften zu, die populistisch Abhilfe in einem von ihnen erwarteten Sinne versprechen.

Alles soll natürlich einfach, unkompliziert und durchsetzungsstark geschehen. Ob sich hierfür linke oder rechte Populisten anbieten, ist völlig gleichgültig, Hauptsache: Macht doch was, irgendwas, macht doch was! Das erinnert übrigens stark an die Zeit der 68er und deren Unzufriedenheit mit einer gelähmten Gesellschaft. In Zeiten von Unzufriedenheiten neigen Menschen oft dazu, den einfachen Weg zu suchen, politisch, gesellschaftlich und sich gerade denjenigen anzuvertrauen, die eigentlich einen Teil des Problems darstellen, indem sie daran mitwirken, dass die Gesellschaft orientierungslos wird. Wenn wir uns dagegen wehren wollen, dann sollten wir mit mehr Aufmerksamkeit, Kontrolle des eigenen Verhaltens und Zuwendung zu anderen Menschen selbst damit beginnen, uns korrekt zu verhalten, auch wenn wir nicht unmittelbar mit einer Belohnung unseres Verhaltens rechnen können. Wir haben eine gesellschaftliche Herausforderung, die wir nicht an andere, z. B. Reinigungskräfte delegieren können, um der allgemeinen Verwahrlosung entgegenzuwirken.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski

Das Gleiche

Gleich zu Gleich gesellt sich gern. Ohne, dass uns dies oft bewusst ist, bilden unsere Sinnsprüche ewige Weisheiten ab, die sowohl am Biertisch, als auch in politischen Gruppierungen oder gar im Internet bei Instagram & Co. gelten. Immer möchte der Mensch zwar dabei, aber vor allem unter sich und seinesgleichen sein, grenzt sich von anderen ab. Wir sind in unserer Lebenszeit auf der Suche nach dem Gleichen, was sich auch in der Familie, bei der Wahl der Freunde und gar der Heimat widerspiegelt. Das Gleiche verspricht Geborgenheit, Schutz vor Unbekanntem und Fremden, vor allem, was unsere Sicherheit zu gefährden in der Lage sein könnte.

Zeit unseres Lebens sind wir nicht bereit, uns von der Welt abzunabeln, in die wir hineingeboren wurden, und zwar auch dann nicht, wenn wir sie aus vielerlei Gründen in Frage stellen sollten. Die dadurch erhaltene Sicherheit ermöglicht es uns, je nach Opportunität andere ebenfalls mit auf unsere Seite zu ziehen oder die Abweichler zu bekämpfen. Dies geschieht gesprächsweise oder in Aktion bis hin zu Kriegen. Das Ungleiche empfinden wir als Bedrohung und versuchen, jeweils einen gemeinsamen identitären Nenner herzustellen, ob dank unserer Überzeugungskraft oder notfalls mit Gewalt. Wir übersehen dabei, dass gleichgerichtetes Verhalten keine schöpferische Kraft aufzuweisen vermag, sondern nur Ungleiches die Aufmerksamkeit fördert und Unerwartbares hervorbringt, Neues schafft.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski

Ahnung

Es mag paradox klingen, aber wir wissen bereits, was wir noch nicht wissen. Es liegt was in der Luft! Tiere ahnen es, bereiten sich darauf vor, drohenden schlimmen Ereignissen zu entgehen, dies in der Regel durch Fluchtversuche. Auch wir ahnen bedrohliche Umstände, bevor diese sich offenbaren. Unsere Ahnungen beruhen auf vorhandenem Wissen, aber auch auf der Einschätzung des Verhaltens anderer oder sich ändernder Umstände.

Erstaunlich ist dabei aber, dass sich diese Einschätzung oft mit einem Abwehrverhalten paart, dass es doch so schlimm nicht werden könne oder man unentdeckt bleiben würde. Durch Ahnungsunterdrückung wird die erwartbare und bereits schon gedanklich oder emotional gescannte Zukunft ausgeblendet, in der Hoffnung, ein bestimmtes Ereignis werde nicht eintreten oder natürlich ganz im Gegenteil, dass mit einem Ereignis zu rechnen sei. Trifft das erahnte Ereignis ein, so erfährt es programmatisch eine Einordnung, als habe es stets konkret erwartete Eigenschaften aufgewiesen. Wenn sie wahr werden, verändern sie Ereignisse. Im Vorfeld ihres Erscheinens sind Erwartungen unbequem, fordern zum Handeln auf, sind schwer zu kommunizieren und ungeduldig.

Die Erwartungen von Tieren leiten wir aus ihrem Verhalten ab. Wir Menschen neigen dazu, unsere Ahnungen situativ zu instrumentalisieren und werden von Ereignissen meist überrascht, wenn sie eintreten.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski

Strafrecht

Im Meinungswirrwarr des öffentlichen Diskurses wird zuweilen behauptet, dass erlaubt sei, was nicht verboten ist. Was nicht verboten ist, könnte ergo auch getan werden. Ist das aber so?

Verbote werden im Strafgesetzbuch abgehandelt, nicht aber, was geboten oder erlaubt ist. Das Strafrecht bildet allenfalls einen rechtlichen Rahmen, der den Menschen eine Orientierung für das eigene Verhalten und das erwartbare fremde Verhalten bietet. Es sieht aber keine gesellschaftliche Ausformung eines angemessenen Verhaltens in der Gemeinschaft mit anderen Menschen vor.

Eine wohlgeformte demokratische Staatsform erlaubt sich nicht nur ein verlässliches Strafrechtswesen, sondern erwartet ggf. auch einen gesellschaftlichen Widerspruch der Bürger, damit ein wechselseitig gedeihliches Zusammenleben überhaupt ermöglicht und gestärkt wird. Dafür wurden schon in der Vergangenheit Begrifflichkeiten wie vom „billig und gerecht denkenden“ Menschen gewählt oder die Sittenwidrigkeit eines bestimmten Verhaltens beschrieben. Es gibt also jenseits der strafrechtlichen Einschränkungen des Erlaubten gesellschaftlich verbindliche Verhaltenscodices. Um deren Einhaltung zu fördern, ist die Kenntnis ihres ungefähren Inhalts genauso wichtig, wie die kollektive Bereitschaft, die erzwungenen Regeln auch umzusetzen. Geschieht dies nicht, so steht zu befürchten, dass Orientierungslosigkeit das gemeinschaftliche Zusammenleben derart belastet bzw. sogar zerstört, dass nicht nur Einzelne sich, sondern wir uns alle voneinander abwenden, um uns irgendwie auf eigene Faust im wahrsten Sinne des Wortes „durchzuschlagen“.

Da dies im Interesse unserer Kinder und Kindeskinder nicht sein darf, muss es also geboten sein, die Entwicklung von Selbstbezogenheit, Gleichgültigkeit und Rohheit im öffentlichen Raum gemeinschaftlich aufzuhalten und daran mitzuwirken, dass der Schaden einigermaßen überschaubar bleibt.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski 

Eskalation (Teil 2)

…Daraufhin spreche ich nochmals explizit die ältere Frau an, die dann doch kurz den Blick hebt und mich wissen lässt, sie sei derart in ihr Buch vertieft und im Übrigen seien ihre Enkel nicht so. Diese würden so etwas nicht machen. Der Mann mittleren Alters schweigt weiter und die junge Frau steigt an der nächsten Station noch immer grinsend ohne Wortbeitrag aus.

Ich stelle fest, dass keiner der im Abteil Anwesenden mir beigestanden hat und meinen Appell an den Jungen unterstützte. Mein Eindruck ist, dass die Menschen bereit sind, alles hinzunehmen, zumindest solange, sie durch das Verhalten anderer nicht unmittelbar selbst betroffen werden. Und wie schätze ich mein eigenes Verhalten ein?

Ich fühlte mich jedenfalls hilflos, etwas wütend und auch traurig. Was vermag ich denn wirklich? Kurz hatte ich erwogen, den „Flegel“ zu fotografieren. Aber, was wäre das für ein Quatsch geworden! Sicher noch ein weiteres Zeichen meiner Hilfslosigkeit und dabei hätte ich noch riskiert, dass er mich entweder auslacht oder mich schlimmstenfalls auch angreift und ich in eine körperliche Auseinandersetzung mit ihm verwickelt werden würde.

Menschen, mit denen ich meine U-Bahn-Erfahrung dieses Tages teilte, rieten mir, künftig auf solche Ermahnungen zu verzichten, da sie eskalieren könnten. Hier halte ich, wie ich dies auch in meiner kurzen Ansprache an meine Mitreisenden im Abteil versucht hatte, damit dagegen, dass wir alle eine auch gesamtgesellschaftliche Verantwortung haben, derartige Vorkommnisse zu verhindern, da Gewalt, Rüpelhaftigkeit, Zerstörung, Missachtung der Werte anderer nicht zur Regel werden dürfen.

Ich führte auch an, dass wir alle ohnehin schon unter der rapiden Zunahme der Rücksichtslosigkeit leiden würden. Tatsächlich kann ich diese Gleichgültigkeit gegenüber dem durch den Jungen gezeigten Verhalten nicht hinnehmen. Sie sind vergleichbar mit den Pöbeleinen, die überall an der Tagesordnung sind, der Rücksichtslosigkeit gegenüber älteren Menschen und auch Behinderten. Dabei ist zu bedenken, was es für mich selbst und auch andere Menschen bedeuten würde, wenn ich meine Missachtung und die damit verbundene Abwehrhaltung aufgeben würde? Ich stelle mir dabei vor, was geschehen würde, wenn statt der von mir beschriebenen Anwesenden im Zug drei Rechtsradikale zugestiegen wären, den Jungen gesehen, diesen entweder angebrüllt oder gleich versucht hätten, ihn gewaltsam von der Bank zu ziehen. Dies zumal dann, wenn sie erkannt hätten, dass er einen Migrationshintergrund hat.

Was ich beschreibe, ist nicht nur vorstellbar, sondern es geschieht tatsächlich. Was würde ich tun? Ich würde versuchen, dem Jungen zu helfen und mich bemühen, die Radikalen von ihm abzuhalten. Das ist allerdings auch risikoreich und gefährlich. Hätte ich dann die Unterstützung der anderen Mitreisenden erhalten? Ich fürchte nein.

Es wäre bestimmt alles so verlaufen, wie ich es schon beschrieben habe. Wenn wir es allerdings nicht schaffen, als Gemeinschaft zu lernen, solidarisch zu handeln, für die von uns geschaffenen Regeln und Ordnungen einzutreten, für Deeskalation zu sorgen, dann droht uns eine Zunahme der Gewalt in jeglicher nur denkbaren Art und Weise. Das müssen wir im Interesse unserer Enkelkinder, Kinder, anderen Menschen und uns selbst verhindern.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski

Der Mensch, das unbekannte Wesen

Kennen wir uns? Ich habe da mein Zweifel. Es scheint mir, dass in uns etwas steckt, was wir selbst nicht erkennen bzw. nicht erkennen wollen. Hat sich nicht jeder Mensch schon einmal dabei ertappt, dass er nicht nur schlecht über andere gedacht hat, sondern Menschen auch beschädigen wollte?

Ja, natürlich gibt es die soziale Kontrolle, die das Schlimmste verhindert. Wie sieht es aber mit der persönlichen Kontrollmöglichkeit aus? Bin ich, wenn ich etwas Schlechtes denke, ein schlechter Mensch? Kann ich, wenn ich einem anderen Menschen, die Pest an den Hals wünsche, noch harmlose Lieder mit meinen Kindern singen. Die öffentliche Wahrnehmung entspricht nur eingeschränkt dem Sein. Dieser Erkenntnis muss ich mich stellen, aber vermeiden, daraus falsche Schlüsse auf andere Menschen zu ziehen.

Jeder Mensch, auf den wir uns einlassen, weist die selbe Ambivalenz wie wir selbst auf und ist gerade deshalb – wie wir – auch darauf angewiesen, dass wir ihm Vertrauen schenken, damit er uns vertrauen kann. Was den Menschen in seiner Unberechenbarkeit ausmacht, ist nicht nur seine Erscheinung, sein physiologisches System, sein Verstand und sein Gefühl. Jede Zelle, jede genetische Botschaft, jede chemische und mechanische Irritation bestimmt den ganzen Menschen und sein Verhalten.

Das Schlimme ist wie das Gute, nicht das Ergebnis eines Gedanken- oder Empfindungsprozesses, sondern ein Aggregatzustand, der von äußerst komplexen Vorgängen gesteuert wird. Das mag nicht entschuldigen, aber erklären, weshalb Menschen oft auf eine für uns völlig unvorstellbare Weise reagieren, vor allem, wenn sie grausam sind. Auch, wenn wir das nicht verhindern können, hilft die Erkenntnis, die nicht moralisch belastet ist, mit der Bedrohung umzugehen, die dieser Mensch für uns alle und für sich darstellt. Die Erkenntnis entschuldigt nichts, da sie auf Vernunft beruht. Sie schafft Handlungsoptionen, die uns nachhaltig vor den Tätern in und außer uns schützen sollten.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski