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Überwindung

Welch´ Freude empfinden wir zuweilen dabei, alle Möglichkeiten des Erforschens auszuloten, über uns hinauszudenken und zu fühlen, zu spüren oder zu ahnen, was jenseits einer oft nicht sichtbaren, aber doch erkennbaren Begrenztheit noch vorhanden ist, was uns – gelänge uns der Zugang dazu – ermöglichen könnte, perspektiv unsere eigene Position anders zu sehen, also „verrückter“, nicht so eindeutig.

Die Unruhe, die unsere Unwissenheit erzeugt, schafft einerseits den produktiven Schwung, dem Forschungsdrang nachzukommen, andererseits aber auch oft Verdrießlichkeit bis hin zur Aggression, weil wir den Eindruck haben, die Hürden nicht zu überwinden, den Nebel nicht durchdringen zu können. In vielerlei Aspekten unseres Lebens, bestimmt durch Philosophie, Psychologie oder auch Religion, wollen wir das Grundsätzliche, das Wesenssein unseres Lebens berühren, aufdecken, das Rätsel lösen. Das ist zwar kompliziert, aber nicht aussichtslos.

Es gibt sie, die Erhabenheit des Gedankens, das wissende Gefühl, den Moment des Einsseins mit der eigenen und der fremden Existenz, dass sich jeglicher vorlauten Beschreibung verweigert. Wir erleben dies zuweilen in der Musik, in der Betrachtung eines Kunstwerks oder Wahrnehmung einer Stimmung in der Natur. Unsere Sprache vermag zwar, diese Momente zu verwalten, aber nicht zutreffend umzusetzen. Das ist zwar einerseits schade, aber auch ein Glück, denn das Mächtige des Erlebens ist zu mächtig für das sprachliche Moment und existiert stets ahnend und zögerlich in Grenzbereichen und stets auf der Lauer, diese zu überwinden.

Im Unbeschreiblichen, zu dessen Erfahren uns keine Instrumente, weder gedanklich, sprachlich noch gestisch zur Verfügung stehen, Analysen scheitern, erfahren wir unsere Begrenztheit, unsere Unfreiheit oder Unfähigkeit, die Weite eines Raums zu meistern, um das Labyrinth einer Idee durch Erweiterung unserer Vorstellungskraft zu ermöglichen.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski

Zweifel

Ist es, was es ist? Oder doch etwas anderes?

Oft zweifeln wir an der Stimmigkeit einer Einschätzung, einer Botschaft, an den Fähigkeiten anderer Menschen, an der Berechtigung unserer Skepsis und Beurteilung. Ob in Nachrichten oder in persönlichen Gesprächen, überall begegnen uns ständig Zweifel, wobei das Leben aber Eindeutigkeit benötigt, damit es bewältigt werden kann. Da Zweifel nicht zu überwinden sind, passen wir Menschen die Wirklichkeit unseren Zweifeln an. Wir nehmen es persönlich, nur unser Blick, unsere Sicht sollen authentisch sein, selbst dann, wenn es unserer Wahrnehmung widerspricht.

Wir begegnen den möglichen Zweifeln an unserer Festlegung mit der Behauptung derer Gewissheit und versuchen dadurch, Zweifel zu eliminieren, wohlwissend, dass sie weiter schwelen und uns veranlassen, mit der Behauptung der Gewissheit eigene Zweifel zu unterdrücken. Doch nagt der Zweifel weiter an unserer Sicherheit, macht uns trotzig, wütend, schuldbewusst und aggressiv. Wir können zwar versuchen, Zweifel zu zerstreuen, auszublenden, gar zu unterdrücken, er meldet sich aber bei jeder Achsenverschiebung unseres Blickwinkels zurück, beansprucht wieder die Deutungshoheit: „Hab ich doch schon immer gesagt!“

Da unsere eigene Erkenntnisfähigkeit nur fragmentarisch sein kann, begegnen wir ahnungslos, allenfalls ahnend, was sich nach unserer Vorstellung hinter dem Zweifel verbirgt. Mangels Erkenntnis spielen wir eine Rolle, die uns Selbstbewusstsein verleiht, uns ermöglicht, den im Zweifel und in der Skepsis immanent vorhandenen Widerstand gegen unsere Wahrnehmung und unser Handeln zu überwinden und eine Manifestation des Wissens, Wollens und Handelns erlaubt.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski