Charakter

Mehrfach habe ich mich in meinem Leben in Menschen getäuscht. Es handelte sich dabei um Persönlichkeiten, deren Nähe ich suchte, weil sie mich faszinierten. Sie faszinierten mich, weil sie mich zu ergänzen schienen. Schnell ließ ich mich mit Ihnen ein. Wir wurden Freunde. Nicht nur privat, sondern auch geschäftlich verkehrten wir auf dieser Ebene, schufen gemeinsame Projekte. Zunächst lief immer alles bestens. Wir erzielten Erfolge und bestärkten uns darin, dass das der Beginn einer wunderbaren Freundschaft sei. Doch es ging jedes Mal schief. Ich hatte eine Ergänzung gesucht, wollte mich des anderen Ichs vergewissern. Die Entsprechung gab es aber nicht. Der Andere blieb immer der Andere und hatte seinen eigenen Charakter. Der Andere nahm wahr, was mir fehlte und wonach ich mich sehnte. Ich ließ es ihn wissen und bekräftigte unablässig mein Glück, ihn gefunden zu haben. Damit war ich für ihn leichtes Spiel. Der so geöffnete Freund ist prädestiniert für alle Formen der Manipulation und der Inanspruchnahme. Aus der Schwäche der eigenen Wahrnehmung und der Sehnsucht nach Ergänzung gestaltet sich ein Schlachtfeld der Ausbeutung, der Lüge, des Betrugs und der Untreue. Charakter allein schützt nicht vor fundamentalen Missverständnissen. Nur die Ausbildung des Charakters durch Verankerung prinzipieller Eigenschaften wie Integrität vermag die Warnsignale zu entflammen, die erforderlich sind, um nicht durch zunehmenden Verlust an Menschlichkeit zu verarmen, die Enttäuschungen zu verkraften und neue Wagnisse einzugehen, sich in seinen Fähigkeiten zu ergänzen, die Schwächen anderer als Herausforderung zu begreifen, kompetente Hilfestellungen zu leisten. So entsteht eine neue, wahrscheinlich unüberwindbare, integre und integrale Schaffenskraft. Mit- und nicht Gegeneinander.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski