Hervorgehobener Beitrag

VORWORT

Hans Eike von Oppeln-BronikowskiLiebe Leserinnen und Leser,

dieses Sammelsurium ist ein Korb voller Ideen und spontaner Ansichten, weder geordnet noch jemals vollständig gefüllt, ohne Anspruch auf Wahrheit oder Wichtigkeit, einfach einer momentanen Eingebung folgend, als an eine Erinnerung an den Augenblick gedacht.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski

Bereicherung

Wenn ich in der „Zeit“ der Rubrik „Was mein Leben reicher macht“ entnehme, dass sich ein Leser am Morgen an Vogelstimmen oder am unerwarteten Gruß eines anderen Menschen erfreut, bin ich meist tief berührt von dem scheinbar geringen alltäglichen Anlass, der zu einer so großen Freude des Lesers beiträgt, dass er sogar das Bedürfnis hat, sein Wohlbehagen der Zeitung mitzuteilen und den anderen Lesern zugänglich zu machen. Es sind für mich diese Momente der Verbundenheit, die wir Menschen alltäglich erfahren können, die uns bereichern und uns ein Beispiel dafür bieten, dass wir von einer tiefen Sehnsucht nach Harmonie, Zusammenhalt und der Erfahrung von Schönem geprägt sind.

Die Schilderung harmloser Begegnungen, die unser Herz erfreuen, bringen aber auch unsere Wehmut darüber zum Ausdruck, dass wir begreifen müssen, dass wir zwar wunderbare Erfahrungen haben und diese teilen wollen, aber die Zustimmung in einer schwierigen Welt nicht allgemein verbindlich ist. Vielleicht wäre es daher die Anstrengung wert, einen Prozess reverse einzuleiten, der gerade die Schwierigkeiten, selbst Kriege, Zerstörung usw. als das Besondere und das Schöne als das Allgemeine benennt? Das mag paradox erscheinen, weil wir Ausnahmen regelmäßig mit etwas Positivem in Verbindung bringen und uns daher schwer damit tun, die Welt allgemein als erfreulich zu betrachten und alles, was medial oder tatsächlich geschieht, wir als Angriff auf unsere Sicherheit empfinden, wir daher misstrauisch gegenüber allem Schönen sind, das uns widerfährt.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski

Kreuzgang

Wer widersteht der Macht der Behauptung, die angeblich Wissen schafft? Wer vermag uns von selbst gewählten Bezüglichkeiten befreien, die angeblich originäre Erkenntnisse verwalten? Die allem innewohnende Erinnerung wird durch erlebbare Erfahrungen geborgen. Das wurde mir bestätigt durch einen zufällig erlaubten nächtlichen Besuch kurz nach Weihnachten im Garten Gethsemane, eine halbe Stunde, in der Nacht, alleine, nur meine Frau und ich, sprachlos in Gedanken, alles fühlend im Wissen und in der Erinnerung an diesen besonderen Augenblick, umfassend zu verstehen.Dann schwingt die Welt, ist ein Ton in allen Dingen, offenbart das aus Urkeimen gezeugte Vorhandensein aller Erfahrungen trotzend allem Gewollten, alleine dem augenblicklichen Sinn und Anspruch gehorchend und auf sonderbare Art und Weise Realitäten knüpfend aus Erfahrbarem und Unbekanntem.

Schläft ein Lied in allen Dingen, so heißt es bei Eichendorf, das Lied zeugt mit Heiterkeit für die Vergänglichkeit und Wiedergeburt, die Transformation aller Wünsche, Sehnsüchte und Möglichkeiten in unserer Vorstellungswelt. Alles ist Fiktion und doch nutzbare Wirklichkeit, Spiegelung unserer Erwartungen an mich selbst und Andere. Wir schaffen uns eine Konstruktion der Lebensbewältigung in unserer umfassenden Unwissenheit und Ahnungslosigkeit. Unsere Unmöglichkeit, das Wesen aller Dinge an sich zu erfassen, macht uns zuweilen wütend. Würden wir allerdings mit unserer Ahnungslosigkeit gütiger umgehen, würden wir wahrscheinlich mehr fühlen und sehen, weil es keine Begrenzungen durch unser forderndes Ich mehr gäbe. Das Ich des Anderen, das andere Ich, das Gegen-Ich sozusagen würde uns bei der Konstruktion unseres Wunschlebens heiter unterstützen und uns vieles erleben lassen, das wir noch nicht einmal ahnen können.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski

Weltbild

Das Leben der meisten Menschen, zumindest in Deutschland, ist von einem hohen Sicherheitsbedürfnis bestimmt. Da jedem Menschen bewusst ist, dass ein Sicherheitsbedürfnis nur dann wirksam bedient werden kann, wenn die Allgemeinverbindlichkeit eines bestimmten Weltbildes erreicht wird, schaffen die Menschen Strukturen, innerhalb derer sich eine gemeinsame Sichtweise entwickeln und verfestigen soll. Ob das durch diese Sichtweise geschaffene Weltbild mit der Wirklichkeit kongruent ist, ist dabei offenbar weniger bedeutend als die Verbindlichkeit, die durch die gemeinsame Anschauung dieser Menschen begründet wird.

Das so gewonnene Weltbild grundsätzlich in Frage zu stellen, ist ausgeschlossen, abweichende Sichtweisen werden nur dann akzeptiert, wenn sie im Kern keiner Aufgabe des bisherigen Standpunktes, sondern nur dessen Bekräftigung dienen. Allerdings führt dies für den Fall, dass sich Weltbild und eine sich stets verändernde Wirklichkeit auch nicht mehr ansatzweise decken, dazu, dass sich Menschen nicht mehr in dieser Welt zurechtfinden.

Verschiebt sich der Fokus der Betrachtungsmöglichkeiten, mag der Einzelne noch Korrekturen für möglich erachten, innerhalb einer Gruppe fördern dagegen Anzeichen von tatsächlichen Veränderungen die Angst, wieder in den unsicheren Zustand vor der Festigung eines Weltbildes zurückzufallen. Wenn Weltbild und Wirklichkeit nicht mehr übereinstimmen, weil sich die Wirklichkeit verändert, dann fördert dies zudem die Bereitschaft von Menschen, die Wirklichkeit entsprechend ihren Vorstellungen anders zu gestalten, ggf. unter Einsatz von politischer und physischer Gewalt.

Sollte dies eintreten, dann ist es naheliegend, dass die so neu geschaffene Wirklichkeit nunmehr wieder Projektionsfläche für ein Weltbild wird, das ebenfalls Anspruch auf Allgemeinverbindlichkeit bis zur nächsten durch Gruppeninteressen rückversicherten Sichtweise auf die Welt erhebt.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski

Wünsche

Einmal las ich, dass Wünsche das Rechnen gelernt hätten. Dieser zunächst völlig fremde Eindruck erschloss sich mir beim näheren Betrachten allerdings als zutreffend. Wünschende und diejenigen, die Wünsche erfüllen, begeben sich in einen Dialog, der Erwartungshaltung gegen Nutzen ausspielt. Wünschende vergnügen sich nicht damit, eine Erfüllung ihrer Wünsche als möglich erscheinen zu lassen, sondern versehen ihre Wünsche bereits mit berechenbaren Attributen.

Dadurch erleichtern sie einerseits deren Erfüllung, schaffen andererseits auch die potentielle Gefahr des Misstrauens, dem Wünschenden durch Versagungsrituale zu begegnen zu versuchen. Bei jeder Erfüllung eines Wunsches soll es möglichst darum gehen, diesem Prozess den Anschein der Freiwilligkeit zu geben, die in erkennbarem Widerspruch zum Wunsch selbst steht. Jeder Wunsch erwartet seine Befriedigung.

Nun wird natürlich nicht jeder Wunsch befriedigt, aber auch dieses Defizit ist kalkulierbar. Selbst nicht erfüllte Wünsche sind in der Lage, berechenbare Vorteile dem Wünschenden zu verschaffen, denn nur der Wünschende selbst weiß, wie auch der Adressat des Wunsches, auf welcher Ebene gerechnet wird. So kann auch der versagte Wunsch sich als besonders wertvoll erweisen.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski

Schnäppchen

Wenn jemand einen Fisch verführerisch blinken sieht, wird er davon überzeugt sein, dass sich ihm ein Schnäppchen bietet. Er beißt zu und ist damit meist am Haken. Die Analogie zum menschlichen Verhalten ist gewollt. Ein Schnäppchen lohnt für uns den Einsatz. Risiken werden ausgeblendet. Risiken?

Schnäppchen werden landläufig eher mit Vorteilen gespiegelt. Schnäppchen bieten sich uns an, weil sie vermitteln, dass wir anbeißend besonders clever sind und der Ignorant besonders dusselig. Bei Schnäppchen geht es stets um uns zugemessene Vorteile. Es geht nicht darum, ob diese objektiv vorhanden sind, sondern um unsere Überzeugung. Um einem Schnäppchen öffentlich Wirkung zu verleihen, benötigt es die Anerkennung anderer Menschen. Sollten wir allerdings unsere Schnäppchenerfahrung mit anderen Menschen teilen, laufen wir Gefahr, dass Neid aufkommt oder wir dahingehend belehrt werden, dass wir leider einem Eigenschaftsirrtum aufgesessen seien, unser Schnäppchen nur ein vermeintliches sei.

Wird uns die Anerkennung des Schnäppchens schließlich gänzlich versagt, weil wir die erwartete Würdigung unserer Cleverness nicht erfahren, macht sich bei uns Unsicherheit und Misstrauen breit. Was wissen, was denken die Anderen? Wegen fehlender Anerkennung oder Gleichgültigkeit vergeht uns jeder Spaß. Unser Triumph wird durch Ernüchterung, Enttäuschung und Infragestellung erledigt. Der gerade noch vorhandene Schnäppchenjägerstolz erlischt.

Wem ist noch zu trauen? Es folgen Rückzug und Einsamkeit, Entwurzelung oder Schlimmeres. Genug, genug, gehen wir lieber weiter auf Schnäppchenjagd! Ja, wir optimieren unseren Einsatz, kaschieren, panaschieren, nutzen alle denkbaren legalen und halblegalen, vielleicht auch noch illegalen Möglichkeiten, unser Schnäppchen zu machen! Ist das nicht die sublimste Form der Nachhaltigkeit? Was schert denn den Pawlow´schen Hund bei so viel Selbstgewissheit noch die Anerkenntnis anderer, wenn er in der Lage ist, sich selbst zu belohnen.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski

Verwandtschaft

Wenn von Fürstenhäusern die Rede ist, vernimmt man häufig Ausführungen zur Tradition und zum Stammbaum. Es wird ausführlich davon berichtet, wer sich mit wem eingelassen hat und welche Erwartungen die Öffentlichkeit an diese Verbindung knüpfen darf. Eine entsprechende mediale Aufmerksamkeit wird auch Genies geschenkt. Politiker und Sportler verweisen ebenfalls gern auf ihr Elternhaus mit dem Zusatz, dass sie es gerade deshalb oder auch trotzdem geschafft haben, ihre berufliche Stellung zu erringen.

Ansonsten nehmen die meisten Menschen ihre Verwandtschaft oft nur bei Familienfeiern wahr, entweder als lästig oder unumgänglich bzw. hilfreich. Eine tiefere Auseinandersetzung mit Verwandtschaft und Abstammung erfolgt in der Regel nicht und systematische Bearbeitung, wie es zur Tier- und Pflanzenwelt praktiziert wird, nur dann, wenn es darum geht, Menschen in einen gesellschaftlichen oder anthroposophischen Zusammenhang zu stellen. Detailfragen zur persönlichen Verwandtschaft werden oft nur im Zusammenhang mit Erbschaften geklärt und Geburts-, Heiratsurkunden, alte Briefe, Fotos, Taufbescheinigungen und Kirchenbuchauszüge selten genutzt, um sich eine Übersicht über die vielfältigen menschlichen, kulturellen, religiösen und gesellschaftlichen Verbindungen innerhalb der Familie zu verschaffen.

Warum ist die oft vernachlässigte Vergewisserung über Familie, Verwandtschaft und Abstammung eigentlich so wichtig? Ich meine, durch das Entdecken der vielfältigen Beziehungen, die uns verbinden, durch das Eintauchen in die Vergangenheit und das Aufdecken von Zusammenhängen kommen wir unserer eigenen Existenz näher und werden uns bewusst, was alles erforderlich war, um uns zu dem Menschen werden zu lassen, der wir heute sind.

Meines Erachtens schafft das Sicherheit und verlangt gleichzeitig Demut, denn bei der Erforschung sind uns unter Umständen nicht nur wunderbare Überraschungen gewiss.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski

Lebensleistung

Wenn ich einmal alt geworden bin, so stelle ich mir vor, dann werde ich auf einem Stuhl sitzen und über mein verflossenes Leben nachdenken. Dann möchte ich, so stelle ich mir weiter vor, die Gewissheit haben, dass ich entsprechend meiner Möglichkeiten einen Lebensbeitrag für andere geleistet haben würde. Das schließt natürlich Frau, Familie, Kinder, Enkel und Freunde nicht aus, sollte allerdings entsprechend meiner Erwartungen mehr sein.

Die Frage stellt sich, war ich beruflich nur eigennützig erfolgreich gewesen oder hat mein Beitrag anderen Menschen geholfen, sie dabei unterstützt, ihr Anliegen umzusetzen, ihre Interessen zu fördern und ihre Situation zu verbessern. Eindeutig ist das sicher alles nicht, ich möchte allerdings dann auf meinem Stuhl herausfinden oder zumindest empfinden, dass ich meine Ich-Welt zeitweilig verlassen und Anteil genommen habe an ihren Problemen, Freuden und Erwartungen.

Natürlich bin ich mir auch dann meines stets privilegierten Lebens bewusst, aber ich stelle dann hoffentlich auch fest, dass es mir gelungen ist, mehrere Leben gleichzeitig zu leben, das eigene und das fremde. Meine Erziehung, meine Ausbildung, meine körperliche und physische Verfassung lassen es nicht zu, so aufopfernd zu handeln, wie es viele von mir bewunderte Menschen tun, aber – so hoffe ich jedenfalls – sind es nicht nur günstige Umstände, die es mir Zeit meines Lebens erlaubten, entsprechend meiner Fähigkeiten und Möglichkeiten für andere Menschen da zu sein und zu helfen.

Sicher werde ich dann auf meinem Stuhl sitzend auch erkennen, wie oft ich bequem, feige, selbstherrlich und anmaßend war. Aber auch meine vielen Fälle des Versagens werden verdeutlichen, dass ich mich darum bemüht habe, nicht nur ein mit mir selbst erfülltes Leben, sondern auch ein erfüllendes Leben mit anderen Menschen zu führen. Immer habe ich verstanden, dass ich einen Beitrag für dieses Leben zu leisten habe, so unerwartet die Geburt ist und wie abschließend der kommende Tod.

Wenn ich auf meinem Stuhl sitze, wäre es mir unerträglich, wenn ich bekennen müsste, dass sich in meinem ganzen Leben nichts Anderes ereignet hat, als meine Selbstbestätigung. Manch einen habe ich, so muss ich selbst bekennen, mutwillig oder unbewusst verletzt, durch Übermut verwirrt oder durch Anmaßung betrogen. Das Leben indes bildet aus und deshalb hoffe ich, dass dann, wenn ich auf meinem Stuhl sitze, der Blick zurück auf mein Leben mich gelassen bleiben lässt.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski

Armut – Reichtum

„Arm zu sein, bedarf es wenig, doch wer reich ist, der ist König!“ So wäre das bekannte Kinderlied „Froh zu sein …“ leicht abzuwandeln. Stimmt aber diese Feststellung oder sind Korrekturen angebracht? Arm versus Reich sind gängige Themen, politisch und gesellschaftlich aufgeladen durch unbefriedigte Ansprüche einerseits und gelegentlich protzende Selbstverständlichkeit andererseits.

Genau weiß zwar niemand, wo die Grenze zwischen Arm und Reich zu ziehen ist, ein deutliches Gefühl des Missbehagens begegnet aber denjenigen, die über ein großes Vermögen verfügen angesichts der Einschränkungen und Sorgen, den sich weniger begüterte Menschen ausgesetzt sehen. Das nicht nur gefühlte, sondern auch bestehende Ungleichgewicht wird politisch und gesellschaftlich als ungerecht empfunden. Der Maßstab für gerecht und ungerecht ist allerdings nicht verlässlich konstant, sondern variiert unter Berücksichtigung der eigenen Betroffenheit und Ansprüche.

Die sehr armen Menschen scheinen den Reichtum anderer Menschen eher nur zur Kenntnis zu nehmen, ohne hierauf mit Forderungen nach einer Teilhaberschaft daran zu reagieren. Dies ist wohl darauf zurückzuführen, dass sie überwiegend mit ihren eigenen Problemen und der profanen Lebenssicherung beschäftigt sind. Dies ändert sich, wenn der Mensch aufgrund seines Bildungsstatus oder eines eigenen schon bescheidenen Vermögens den Unterschied zur wirtschaftlichen Verfügungsmacht anderer Menschen erkennt und daraus für sich selbst Defizite ableitet.

Dabei wird die Konsequenz des eigentlich als überwunden erachteten Feudalismus in Frage gestellt. Die öfters gestellte Frage lautet dann, wenn alle Menschen gleich sind und keiner für sich besondere Privilegien beanspruchen kann, wie ist es dann zu erklären, dass einige Menschen über ein sehr großes Vermögen verfügen und andere sich sehr einschränken müssen?

Einer der Hauptgründe ist in der von den Menschen selbst geschaffenen Rechtsordnung zu finden, aber auch darin, dass Freiheit und Verantwortung einer Interpretation bedürfen, die es Menschen erlaubt, Unterschiede wahrzunehmen, ohne verstört oder wütend darauf zu reagieren. Diejenigen, die über großes Vermögen verfügen, sollten nicht abwarten, bis andere Menschen es ihnen wegnehmen. Sie könnten auch darüber nachdenken, das Geben gerecht ist und sich entsprechend verhalten.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski

Kreuzgang

Wer widersteht der Macht der Behauptung, die angeblich Wissen schafft? Wer vermag uns von selbst gewählten Bezüglichkeiten befreien, die angeblich originäre Erkenntnisse verwalten? Die allem innewohnende Erinnerung wird durch erlebbare Erfahrungen geborgen. Das wurde mir bestätigt durch einen zufällig erlaubten nächtlichen Besuch kurz nach Weihnachten im Garten Gethsemane, eine halbe Stunde, in der Nacht, alleine, nur meine Frau und ich, sprachlos in Gedanken, alles fühlend im Wissen und in der Erinnerung an diesen besonderen Augenblick, umfassend zu verstehen. Dann schwingt die Welt, ist ein Ton in allen Dingen, offenbart das aus Urkeimen gezeugte Vorhandensein aller Erfahrungen trotzend allem Gewollten, alleine dem augenblicklichen Sinn und Anspruch gehorchend und auf sonderbare Art und Weise Realitäten knüpfend aus Erfahrbarem und Unbekanntem.

Schläft ein Lied in allen Dingen, so heißt es bei Eichendorf, das Lied zeugt mit Heiterkeit für die Vergänglichkeit und Wiedergeburt, die Transformation aller Wünsche, Sehnsüchte und Möglichkeiten in unserer Vorstellungswelt. Alles ist Fiktion und doch nutzbare Wirklichkeit, Spiegelung unserer Erwartungen an mich selbst und Andere. Wir schaffen uns eine Konstruktion der Lebensbewältigung in unserer umfassenden Unwissenheit und Ahnungslosigkeit. Unsere Unmöglichkeit, das Wesen aller Dinge an sich zu erfassen, macht uns zuweilen wütend. Würden wir allerdings mit unserer Ahnungslosigkeit gütiger umgehen, würden wir wahrscheinlich mehr fühlen und sehen, weil es keine Begrenzungen durch unser forderndes Ich mehr gäbe. Das Ich des Anderen, das andere Ich, das Gegen-Ich sozusagen würde uns bei der Konstruktion unseres Wunschlebens heiter unterstützen und uns vieles erleben lassen, das wir noch nicht einmal ahnen können.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski

Kollaboration

Kollaboration, ein vergifteter Begriff, beschreibt er historisch gesehen doch die Zusammenarbeit der Franzosen bzw. des Vichy-Regimes von General Pétain mit den Nazis. Aber Zusammenarbeit von Gegnern, auch wenn sie Staaten sind, ist allgegenwärtig zum wechselseitigen Nutzen und Vorteil. Oft stellt sich Zusammenarbeit nicht als ein handfestes Ineinandergreifen von Handlungen dar, sondern beginnt bereits mit dem Gewährenlassen des Handelns eines anderen, selbst eines Gegners, setzt sich im günstigen Fall mit der Schaffung von Kontakten und Verbindungen, bis hin zu einem Deal im Sinne eines beidseitigen Nutzens fort. Die Kollaboration erfolgt zuweilen auch nicht zur Erzielung eines unmittelbaren Vorteils, sondern wird oft dadurch bestimmt, dass etwas geschehen soll, das der Handelnde nicht allein bewerkstelligen kann, aber möchte, dass ein Erfolg eintritt. Hierbei spielen die zu erwartenden eigenen Vorteile, der Eigennutz als auch im besten Fall der Nutzen für die Gemeinschaft eine Rolle. Selbst, wenn Zusammenarbeit an sich wertfrei ist, stärkt Zusammenarbeit in einem positiven Sinne die Ansehung, muss aber nicht auf dem direkten Wege erfolgen, sondern folgt verschlungenen Pfaden, spart die Erwartung des Nutzens sogar auf einen noch unbekannten Augenblick auf. Wir kennen das mit der gebräuchlichen Bemerkung: „Mal sehen, für was es gut ist?!“

Zusammenarbeit hat viele Ausdrucksformen, selbst ein Rat, das Schaffen von Kontakten und Gewährenlassen von Handlungen anderer kann Zusammenarbeit bedeuten. Erkenntnisse oder gar Anerkenntnis muss damit nicht verbunden sein. Selbstloses Handeln beim Zusammenarbeiten – gibt es das? Ich meine ja. Dies ist auch eine Form der Kollaboration, die eine Reaktion nicht voraussetzt, sondern diese erzeugt oder wohlwollend in Kauf nimmt. Selbst in diesem Fall gibt es den anderen, der die Zusammenarbeit gewährleistet, dies in der Erkenntnis, dass jegliches Tun Wirkung zeigt und dadurch der Zusammenarbeit Sinn verleiht –  dies selbst dann, wenn wir uns dessen nicht bewusst sind.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski