Hervorgehobener Beitrag

VORWORT

Hans Eike von Oppeln-BronikowskiMeine Blogbeiträge sollen dazu anregen, Standpunkte zu überprüfen und/oder zu entwickeln, keineswegs belehrend, sondern ermunternd. Dies verbinde ich mit der Hoffnung, an öffentlichem Gespräch zu uns bewegenden Themen dieser Welt und Zeit so mitzuwirken, dass auch meine Leser Lust verspüren, Teil dieser Bewegung zu sein und bereit sind, abweichende Standpunkte kennenzulernen und erkenntnisorientiert für sich mit anderen zu handeln und den „Ruck“ einzuleiten.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski

Orientierung

Wegzeichen erlauben uns die Orientierung. Also: Die Kompassnadel schlägt aus, dort ist Norden, Sterne weisen uns den Weg, manche orientieren sich an den Sternbildern sogar im spirituellen Sinn. Auch, wenn wir uns meist an konkreten Dingen orientieren, wird Orientierung erst durch das eigene Handeln vollendet, durch die von uns durch Prüfung und Abwägung aufgewandte Zeit, zuweilen auch durch Zuneigung und Liebe. Orientierung ist ein Prozess des Empfangens und Sendens, der es nicht nur uns selbst erlaubt, eine vorteilhaftere Position im Leben behaupten zu können, sondern diese oft auch anderen zu deren Begünstigung vermittelt. Dieses Maß der Teilhaberschaft verleiht der Orientierung etwas allgemein Gültiges und Bleibendes, das dank seiner Erwartbarkeit alle, die am Prozess beteiligt sind, in die Lage versetzt, nicht stets zweifelnd, sondern mit bestätigender Gewissheit den eingeschlagenen Weg fortzusetzen.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski

Opportunismus

Geht es um die Sache oder doch nur um den eigenen Vorteil? Wir handeln, wenn uns etwas opportun erscheint. Gelegenheit machte Diebe. Gelegenheiten lassen wir nicht verstreichen, sondern wir nutzen sie. Opportunismus als Daseins- und Lebensvorsorge. Könnte man wohl so sehen, wenn man beispielsweise Krähen und Hamstern zuschaut. Damit erklärt sich aber nicht unsere menschliche Verhaltensweise, wenn diese der Opportunität folgend von allen Bedürfnissen entkoppelt wird. Wir nehmen, raffen, nutzen jede uns passende Gelegenheit, Vermögen zu mehren, Vorteile zu erlangen und Erbeutetes zu sichern. Opportunismus scheint eine DNA-Triebfeder unseres Handelns zu sein, Opportunismus als Seins-Bestätigung. Jede Chance nutzen, nicht am Ende als Depp oder Verlierer dastehen. Opportunisten genießen Ansehen. Clever ist der Opportunist, seine Rücksichtslosigkeit wird als Zielstrebigkeit bewundert. Doch mit wem schließt der Opportunist seinen Vertrag? Auch der Opportunist benötigt Gelegenheiten, die ihm geboten werden, seine Möglichkeiten auszuleben. Ohne Mitspieler ist der Opportunist wirkungslos.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski

Mehrheit

Aus Prinzip folgen wir der Mehrheit, die Minderheit muss sich fügen. So lautet eine weit verbreitete Auffassung, die der Effizienz von Entscheidungen geschuldet wird. Wie steht es aber mit der Minderheit unter dem Aspekt der Berechnung der Verhältnisse zwischen Mehr- und Minderheiten? Um einer vertiefenden Betrachtung eines sich möglicherweise auftuenden Dilemmas zu begegnen, wird einer solchen Betrachtung entgegengehalten, dass sich die Verhältnisse ja stets wieder ändern, aus Mehrheiten, Minderheiten werden könnten und schließlich doch ein Schlüssel für die Entscheidungsfindung nötig sei, also die mathematisch zu bestimmende Mehrheit. Wer aber ist Träger von Mehrheiten, wer bildet sie, bestimmt deren Maß? Menschen, Tiere, Pflanzen, Sonne und Mond, das Universum? Und wie geschieht das, durch Emotionen, Gedanken, Wissen, Geld, Rechenprogramme oder KI?

Aus Sicht der Möglichkeiten betrachtet, ist Mehrheit wohl nur eine Ansichtssache und beinhaltet weder Rechte noch Machtmittel? Mehrheit ist vielleicht ein von der Minderheit mit zu verantwortender Zustand, ihre Unterwerfung zu akzeptieren und so der Mehrheit Gestaltungsraum zu gewähren. Ob dies auf Zeit oder für ewig geschieht, ist dann eine Machtfrage, die selbst bei sich ändernden Mehrheitsverhältnissen nicht eindeutig lösbar ist. Die wechselseitige Bedingtheit von Mehr- und Minderheiten lässt es aber als geraten erscheinen, dass Mehrheiten die Ableitung ihrer Legitimation durch Minderheiten stets mitbedenken, sich gegenüber Minderheiten für deren fügsames Verhalten dankbar erweisen und deren Interessen dabei mitberücksichtigen. Erst, wenn planend, gestaltend und handelnd das Ganze erfasst wird, erfahren Mehrheiten eine Legitimität, die nicht allein mathematisch, sondern auch inhaltlich bestimmt ist.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski

Denken

Wie denke ich? So, wie ich es gelernt habe. Angestrengt und mit dem Kopf! Wirklich? Ich denke auch mit dem Bauch, nein, mit jedem Teil meines Körpers, den ich zu diesem Verfahren einlade. Ich lasse selbstverständlich, aber auch andere für mich denken, andere Menschen, Tiere, Pflanzen, selbst Gegenstände, die meine Betrachtungen spiegeln. Denken KI oder AI mit? Aber nein, obwohl ich weiß, was mir Gelegenheit geben könnte, den Raum meines Denkens situativ zu erweitern, oder? Sicher bin ich mir da nicht, da ich mein Denken nicht zielgerichtet, sondern eher prozessual begreife, eine Methode, die es erlaubt, vielfältige Eindrücke auch emotional begreifend zu denken. Ein durch KI vermitteltes Wissen ohne menschliche Aufbereitung ist sinn- und nutzlos. Bildung beruht nicht auf Wissen, sondern auf Verstehen. KI kann mich eine ganzheitliche Vorstellung nicht lehren, weder kann sie denken, mitdenken, noch mein Denken als wertvoll einschätzen. Für die KI bedeutet mein Denken einen allenfalls ins Prompten übersetzen Impuls, der eine Aussage generiert, mit dem die KI keinerlei eine auf Erkenntnis beruhende Verbindung hat, AI denkt nicht.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski

Bereicherung

Wenn ich in der „Zeit“ der Rubrik „Was mein Leben reicher macht“ entnehme, dass sich ein Leser am Morgen an Vogelstimmen oder am unerwarteten Gruß eines anderen Menschen erfreut, bin ich meist tief berührt von dem scheinbar geringen alltäglichen Anlass, der zu einer so großen Freude des Lesers beiträgt, dass er sogar das Bedürfnis hat, sein Wohlbehagen der Zeitung mitzuteilen und den anderen Lesern zugänglich zu machen. Es sind für mich diese Momente der Verbundenheit, die wir Menschen alltäglich erfahren können, die uns bereichern und uns ein Beispiel dafür bieten, dass wir von einer tiefen Sehnsucht nach Harmonie, Zusammenhalt und der Erfahrung von Schönem geprägt sind.

Die Schilderung harmloser Begegnungen, die unser Herz erfreuen, bringen aber auch unsere Wehmut darüber zum Ausdruck, dass wir begreifen müssen, dass wir zwar wunderbare Erfahrungen haben und diese teilen wollen, aber die Zustimmung in einer schwierigen Welt nicht allgemein verbindlich ist. Vielleicht wäre es daher die Anstrengung wert, einen Prozess reverse einzuleiten, der gerade die Schwierigkeiten, selbst Kriege, Zerstörung usw. als das Besondere und das Schöne als das Allgemeine benennt? Das mag paradox erscheinen, weil wir Ausnahmen regelmäßig mit etwas Positivem in Verbindung bringen und uns daher schwer damit tun, die Welt allgemein als erfreulich zu betrachten und alles, was medial oder tatsächlich geschieht, wir als Angriff auf unsere Sicherheit empfinden, wir daher misstrauisch gegenüber allem Schönen sind, das uns widerfährt.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski

Kreuzgang

Wer widersteht der Macht der Behauptung, die angeblich Wissen schafft? Wer vermag uns von selbst gewählten Bezüglichkeiten befreien, die angeblich originäre Erkenntnisse verwalten? Die allem innewohnende Erinnerung wird durch erlebbare Erfahrungen geborgen. Das wurde mir bestätigt durch einen zufällig erlaubten nächtlichen Besuch kurz nach Weihnachten im Garten Gethsemane, eine halbe Stunde, in der Nacht, alleine, nur meine Frau und ich, sprachlos in Gedanken, alles fühlend im Wissen und in der Erinnerung an diesen besonderen Augenblick, umfassend zu verstehen.Dann schwingt die Welt, ist ein Ton in allen Dingen, offenbart das aus Urkeimen gezeugte Vorhandensein aller Erfahrungen trotzend allem Gewollten, alleine dem augenblicklichen Sinn und Anspruch gehorchend und auf sonderbare Art und Weise Realitäten knüpfend aus Erfahrbarem und Unbekanntem.

Schläft ein Lied in allen Dingen, so heißt es bei Eichendorf, das Lied zeugt mit Heiterkeit für die Vergänglichkeit und Wiedergeburt, die Transformation aller Wünsche, Sehnsüchte und Möglichkeiten in unserer Vorstellungswelt. Alles ist Fiktion und doch nutzbare Wirklichkeit, Spiegelung unserer Erwartungen an mich selbst und Andere. Wir schaffen uns eine Konstruktion der Lebensbewältigung in unserer umfassenden Unwissenheit und Ahnungslosigkeit. Unsere Unmöglichkeit, das Wesen aller Dinge an sich zu erfassen, macht uns zuweilen wütend. Würden wir allerdings mit unserer Ahnungslosigkeit gütiger umgehen, würden wir wahrscheinlich mehr fühlen und sehen, weil es keine Begrenzungen durch unser forderndes Ich mehr gäbe. Das Ich des Anderen, das andere Ich, das Gegen-Ich sozusagen würde uns bei der Konstruktion unseres Wunschlebens heiter unterstützen und uns vieles erleben lassen, das wir noch nicht einmal ahnen können.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski

Weltbild

Das Leben der meisten Menschen, zumindest in Deutschland, ist von einem hohen Sicherheitsbedürfnis bestimmt. Da jedem Menschen bewusst ist, dass ein Sicherheitsbedürfnis nur dann wirksam bedient werden kann, wenn die Allgemeinverbindlichkeit eines bestimmten Weltbildes erreicht wird, schaffen die Menschen Strukturen, innerhalb derer sich eine gemeinsame Sichtweise entwickeln und verfestigen soll. Ob das durch diese Sichtweise geschaffene Weltbild mit der Wirklichkeit kongruent ist, ist dabei offenbar weniger bedeutend als die Verbindlichkeit, die durch die gemeinsame Anschauung dieser Menschen begründet wird.

Das so gewonnene Weltbild grundsätzlich in Frage zu stellen, ist ausgeschlossen, abweichende Sichtweisen werden nur dann akzeptiert, wenn sie im Kern keiner Aufgabe des bisherigen Standpunktes, sondern nur dessen Bekräftigung dienen. Allerdings führt dies für den Fall, dass sich Weltbild und eine sich stets verändernde Wirklichkeit auch nicht mehr ansatzweise decken, dazu, dass sich Menschen nicht mehr in dieser Welt zurechtfinden.

Verschiebt sich der Fokus der Betrachtungsmöglichkeiten, mag der Einzelne noch Korrekturen für möglich erachten, innerhalb einer Gruppe fördern dagegen Anzeichen von tatsächlichen Veränderungen die Angst, wieder in den unsicheren Zustand vor der Festigung eines Weltbildes zurückzufallen. Wenn Weltbild und Wirklichkeit nicht mehr übereinstimmen, weil sich die Wirklichkeit verändert, dann fördert dies zudem die Bereitschaft von Menschen, die Wirklichkeit entsprechend ihren Vorstellungen anders zu gestalten, ggf. unter Einsatz von politischer und physischer Gewalt.

Sollte dies eintreten, dann ist es naheliegend, dass die so neu geschaffene Wirklichkeit nunmehr wieder Projektionsfläche für ein Weltbild wird, das ebenfalls Anspruch auf Allgemeinverbindlichkeit bis zur nächsten durch Gruppeninteressen rückversicherten Sichtweise auf die Welt erhebt.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski

Wünsche

Einmal las ich, dass Wünsche das Rechnen gelernt hätten. Dieser zunächst völlig fremde Eindruck erschloss sich mir beim näheren Betrachten allerdings als zutreffend. Wünschende und diejenigen, die Wünsche erfüllen, begeben sich in einen Dialog, der Erwartungshaltung gegen Nutzen ausspielt. Wünschende vergnügen sich nicht damit, eine Erfüllung ihrer Wünsche als möglich erscheinen zu lassen, sondern versehen ihre Wünsche bereits mit berechenbaren Attributen.

Dadurch erleichtern sie einerseits deren Erfüllung, schaffen andererseits auch die potentielle Gefahr des Misstrauens, dem Wünschenden durch Versagungsrituale zu begegnen zu versuchen. Bei jeder Erfüllung eines Wunsches soll es möglichst darum gehen, diesem Prozess den Anschein der Freiwilligkeit zu geben, die in erkennbarem Widerspruch zum Wunsch selbst steht. Jeder Wunsch erwartet seine Befriedigung.

Nun wird natürlich nicht jeder Wunsch befriedigt, aber auch dieses Defizit ist kalkulierbar. Selbst nicht erfüllte Wünsche sind in der Lage, berechenbare Vorteile dem Wünschenden zu verschaffen, denn nur der Wünschende selbst weiß, wie auch der Adressat des Wunsches, auf welcher Ebene gerechnet wird. So kann auch der versagte Wunsch sich als besonders wertvoll erweisen.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski

Schnäppchen

Wenn jemand einen Fisch verführerisch blinken sieht, wird er davon überzeugt sein, dass sich ihm ein Schnäppchen bietet. Er beißt zu und ist damit meist am Haken. Die Analogie zum menschlichen Verhalten ist gewollt. Ein Schnäppchen lohnt für uns den Einsatz. Risiken werden ausgeblendet. Risiken?

Schnäppchen werden landläufig eher mit Vorteilen gespiegelt. Schnäppchen bieten sich uns an, weil sie vermitteln, dass wir anbeißend besonders clever sind und der Ignorant besonders dusselig. Bei Schnäppchen geht es stets um uns zugemessene Vorteile. Es geht nicht darum, ob diese objektiv vorhanden sind, sondern um unsere Überzeugung. Um einem Schnäppchen öffentlich Wirkung zu verleihen, benötigt es die Anerkennung anderer Menschen. Sollten wir allerdings unsere Schnäppchenerfahrung mit anderen Menschen teilen, laufen wir Gefahr, dass Neid aufkommt oder wir dahingehend belehrt werden, dass wir leider einem Eigenschaftsirrtum aufgesessen seien, unser Schnäppchen nur ein vermeintliches sei.

Wird uns die Anerkennung des Schnäppchens schließlich gänzlich versagt, weil wir die erwartete Würdigung unserer Cleverness nicht erfahren, macht sich bei uns Unsicherheit und Misstrauen breit. Was wissen, was denken die Anderen? Wegen fehlender Anerkennung oder Gleichgültigkeit vergeht uns jeder Spaß. Unser Triumph wird durch Ernüchterung, Enttäuschung und Infragestellung erledigt. Der gerade noch vorhandene Schnäppchenjägerstolz erlischt.

Wem ist noch zu trauen? Es folgen Rückzug und Einsamkeit, Entwurzelung oder Schlimmeres. Genug, genug, gehen wir lieber weiter auf Schnäppchenjagd! Ja, wir optimieren unseren Einsatz, kaschieren, panaschieren, nutzen alle denkbaren legalen und halblegalen, vielleicht auch noch illegalen Möglichkeiten, unser Schnäppchen zu machen! Ist das nicht die sublimste Form der Nachhaltigkeit? Was schert denn den Pawlow´schen Hund bei so viel Selbstgewissheit noch die Anerkenntnis anderer, wenn er in der Lage ist, sich selbst zu belohnen.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski