Hervorgehobener Beitrag

VORWORT

Hans Eike von Oppeln-BronikowskiLiebe Leserinnen und Leser,

dieses Sammelsurium ist ein Korb voller Ideen und spontaner Ansichten, weder geordnet noch jemals vollständig gefüllt, ohne Anspruch auf Wahrheit oder Wichtigkeit, einfach einer momentanen Eingebung folgend, als an eine Erinnerung an den Augenblick gedacht.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski

Mysterium

Bis zu seinem Tode ist dem Menschen seine körperliche Selbstvergewisserung allgegenwärtig. Er überprüft sein Vorhandensein z. B. durch Arbeit, Sport, Sex, Denken, Fühlen, Handeln in allen Variationen, erfährt Schmerz, Freude und Lust dabei: Der Mensch ist sich gegenwärtig bis er sich von dieser Welt körperlich verabschieden muss. Ohne, dass der Mensch sich darum bemüht, dies oft sogar nicht wünscht, hat seine körperliche Existenz auch eine unkörperliche Seite.

Die Doppelexistenz des Menschen aus dem Sichtbargemachten und dem Unsichtbaren drückt durch deren Gleichzeitigkeit das Mysterium des Lebens aus. Gleichzeitig ist der Mensch sich folglich selbst und anderen ähnlich und doch verschieden. Das Eine ist greifbar, das Andere oft nur vorstellbar. So ist der Mensch in einem ewigen Rollenspiel gefangen, in einer existentiellen Perplexität, die mit dem Versuch einer Verbindung von Körperlichkeit und Geistigkeit einhergeht. Wir ahnen scheiternd unsere Unfähigkeit, das Mysterium des Lebens zu begreifen, generieren Zweifel an unserem Sein, was nur durch Betäubung unserer Sinne für das Unkörperliche und die Hinwendung zum Tätigsein ertragbar erscheint.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski

Ruhe

Ach, ich bin des Treibens müde!
Was soll all die Qual und Lust?
Süßer Friede,
Komm, ach komm in meine Brust!

Oder:

Über allen Gipfeln
Ist Ruh‘,
In allen Wipfeln
Spürest Du
Kaum einen Hauch;
Die Vögelein schweigen im Walde.
Warte nur! Balde
Ruhest du auch.

Ob „Wanderers Nachtlied“ oder „ein Gleiches“, jedenfalls von Goethe, der sich um äußere Ruhe bemühte, aber auch um die Herstellung einer inneren Ruhe als Brutstätte neuer Schöpfungsakte. In unruhigen Zeiten politischer, gesellschaftlicher oder persönlicher Provenienz erscheint Ruhe wie ein Fremdwort, bei einer Menschheit, die in Auseinandersetzungen und Kriegen lebt, begrifflich oft unbekannt und gar störend.

Wer Ruhe erfährt, lernt aber zu beobachten: andere, sich selbst und anders zu beobachten, gelassen zu sein. Ruhen scheint uns aber gefährlich, weil es Gewohnheiten in Frage stellt, die uns Menschen zum Nachdenken, Grübeln und sogar zum Zweifeln bringt. Ruhe bedeutet allerdings auch Aufbruch, der Beginn einer Entdeckungsreise, die nicht nur von Gedanken geführt wird, sondern den Menschen mit allen seinen Sinnen dazu einlädt, Neues zu erfahren durch die Bereitschaft, sich gegenüber sich selbst und anderen zu öffnen. Unbestreitbar ist dies ein Wagnis, aber wenn die Ruhe den Blick auf das Unfertige, das Gewagte erlaubt, dann ist sie auch in der Lage, neue Erfahrungen so zu konstruieren, dass sie den Menschen freimachen von der Treibjagd des Lebens, Frieden verschaffen und ein vollendbares Leben erlauben, ohne auf die Unwägbarkeit stetigen bemühten Handelns zur Betäubung angewiesen zu sein.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski

Wahrnehmung

Etwas wahrzunehmen stellt sich für mich als ein Aufbruch zum Feststellen, Reflektieren, Merken und schließlich Handeln dar. Die Aufmerksamkeiten, die ich Dingen und anderen Menschen schenke, ergreifen ihrerseits das Wort, sprechen mit mir, bieten mir Unterhaltung, geben Fingerzeige, und zwar übrigens selbst dann, wenn ich ruhe oder schlafe, denn meine Wahrnehmungsmöglichkeit reicht über das Offensichtliche hinaus. Ich darf darauf vertrauen, was mir mitgeteilt wird, wenn ich die Bereitschaft habe, das Wahrzunehmende zuzulassen.

Die Eigenwahrnehmung ist dabei sicher auch von Bedeutung, aber vor allem die Wahrnehmung von Anderem, Fremdem, anderen Menschen, ihren Gedanken, ihren Handlungen und alles, was sie damit ausdrücken. Wahrnehmung ist der Kosmos der Empfänglichkeit und konfiguriert die Bereitschaft, Erfahrungen zu machen, die über eine profunde Kommunikation hinaus reichen, weil sie ein Gespür, also eine sensible Haltung gegenüber jeglichem Kommunikationsangebot mit einschließen. So wenig KI-Modelle wahrnehmungsfähig sind, vermögen auch keine allein aus Meinungen abgeleitete Selbstbestätigungen Erfahrungen zuzulassen, die dem Menschen ein Wahrnehmen jenseits des Offensichtlichen erlauben. Dabei verfügt der Mensch über alle Sinne, die ihm das alles erlauben würde. Es ist jedoch unerlässlich, diese Fähigkeit auch auszubilden, deren Einsatz zu pflegen und bekannte Verhaltensmuster dabei in Frage zu stellen.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski

Zuordnung

Unsere Welt erfahren wir, indem wir unsere Wahrnehmungen benennen. Begrifflich sind dies Lebewesen, Sachen oder Zustände, die wir unserer Welt zuordnen. Wahrnehmend erkennt der Mensch eine Ordnung in der Inbezugsetzung von Dingen und Lebewesen, die als Gesetze beschrieben werden und als Blaupause für die Verrechtlichung unserer Welt dienen. Alles, was wir wahrnehmen und gestalten, folgt einem Kanon des Rechts, dem wir eine Verbindlichkeit verleihen. Wir benennen das Rechtssubjekt und das Rechtsobjekt und leiten davon unsere Ansprüche ab, strukturieren das Fassbare und Unfassbare nach unseren Regeln. Um dies zu tun, begreifen wir uns selbst als Rechtssubjekte und alles andere als Rechtsobjekte. Dass wir uns dabei auf Kollisionskurs mit den Gesetzmäßigkeiten der Natur begeben, ist uns wohl bewusst, doch vertrauen wir weitestgehend auf unser Zuordnungsrecht und unsere Eingriffsmacht.

Verschafften uns bisher Gesetze, Regeln, Legalität und Legitimität den Zuordnungsrahmen im Umgang mit der Wirklichkeit, ist so nun zu erkennen, dass getrieben von wissenschaftlichen Erkenntnissen unter Vermeidung einer Apriori-Festlegung des gewünschten Ergebnisses, wir feststellen, dass sich die Rechtssubjektivität zugunsten Anderem verschiebt, seien es Tiere, Pflanzen, Materie oder generelle Zustandsformen.

Die Entdeckung der zum Menschen konkurrierenden Rechtspersönlichkeiten hat bereits begonnen und drückt sich durch Schutzrechte aus, die Lebewesen wie auch Gegenständen oder Aussagen verliehen werden. Dies ist allerdings vordringlich der Versuch, dem Imperativ des anderen Seins durch unsere eigene Zuordnung zu begegnen. Denkbar ist, dass KI das Stimmrecht jedoch insgesamt verändern wird und der Mensch mit der Schaffung seiner rechtlichen Zuordnung in Konkurrenz zur Rechtsimmanenz anderer Lebewesen, Gegenstände und Manifestationen, die uns das alleinige Bestimmungsrecht streitig machen, gerät. Diese Entwicklung würde uns die Chance eröffnen unter Anerkennung der Rechtssubjektivität aller Lebewesen und Gegenstände sowie der von ihnen geschaffenen Zustände, neue Verbindlichkeiten für das Zusammenleben zu erarbeiten.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski

Lebensplan

Lohnt sich für den Menschen angesichts des unvermeidlichen Sterbens die Geburt? Der Mensch ist nicht in der Lage, das zu vollenden, was er angefangen hat, sein Leben. Die Rechnung geht für ihn niemals auf, denn das, was er schafft, was er in seiner Lebenszeit zur Gesellschaft beiträgt, kommt anderen zugute. So profitiert er aber auch zu Lebenszeiten vom Handeln anderer und auch denjenigen, die vor ihm schon auf der Welt gewesen sind. Und doch stellt sich die Frage, geht die Lebensrechnung auf? Für den einzelnen Menschen eher nicht, angesichts von Kriegen, Krankheiten und vergleichbaren Belastungen. Aber dann, wozu leben? Wäre es nicht besser, wir wären nicht da und würden auch nie geboren? Ist der Mensch für die Welt an sich nützlich, gar erforderlich? Da bin ich skeptisch angesichts aller vom Menschen ausgehenden Gefahren für Umwelt, Natur und andere Lebewesen. Und doch freuen sich die Eltern in der Regel auf ihr Kind, wenn gleich sie dabei ausblenden, dass sie mit der Geburt bereits das Kind – also den werdenden Menschen – seinem eigenen Schicksal überantworten. Dieses Schicksal ist es, wieder zu sterben, nachdem er sozusagen in einer Endlosschleife vergleichbare Herausforderungen des Lebens zu bestehen hatte, wie sie selbst. Jede Mühe, jede Ablenkung und jeder Genuss wird vom unweigerlichen Tod begleitet. Also, warum sollten wir leben und Leben weitergeben, Kinder gebären, wenn mutwillig durch Kriege, krankheitsbedingt oder altersbedingt das Ende unweigerlich folgt? Es gibt keine befriedigende Erklärung. Es gibt keinen Grund für das Leben statt trotz aller Herausforderungen und Belastungen dennoch zu leben, zu leben in der Wehmut und dem Schmerz, einer mit der Geburt bereits gestifteten Endlichkeit. Die darin liegende Sinnlosigkeit ist wohl das Kostbarste unserer Existenz, denn diese teilen wir nicht nur mit dieser Welt, sondern mit dem ganzen Universum. Dies macht jeden Tag unseres Lebens so einzigartig.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski

Aufruhr

Die Welt ist in Aufruhr, nicht nur in den großen klimatischen, wirtschaftlichen oder politischen Betrachtungen, sondern auch in der Wahrnehmung der kleinsten politischen Einheit, dem tatsächlichen oder virtuellen Stammtisch. Um was geht es dabei zunächst?

Vor allem um das Versagen der Politiker. Diese machen alles falsch, und zwar nicht nur diejenigen, die man nicht gewählt hat, sondern auch diejenigen, die man gewählt hat. So etwa lautet das Präludium: „Es kann doch nicht sein ….“. Wir alle kennen das. Der Stammtisch wird gepflegt, ob bei dem realen Zusammentreffen von Menschen, in den Medien, vor allem in social media. Warum ist das so? Wir könnten doch eigentlich dankbar sein für Politiker, die uns davon entlasten, selbst handeln zu müssen, die ein Stück weit unsere eigene Verantwortung zu der ihren machen? Funktioniert wohl generell nicht.

Auch zum Beispiel beim Fußball machen Trainer wie Mannschaft aus der Sicht der Zuschauer eine Menge falsch und doch wollen wir nicht auf dem Platz stehen, um dem Ball hinterherzulaufen. Wir wollen auch nicht anstelle des Kanzlers und seiner Minister permanent gefordert sein, durch die Gegend fliegen, schwierige Gespräche führen, um dann noch in den Medien ständig Rede und Antwort stehen zu müssen. Ich selbst kann dies jedenfalls für mich ausschließen und ich glaube, dass doch recht wenige Menschen, die Leidensfähigkeit aufbringen, vergleichbare gesellschaftliche Verantwortung zu übernehmen. Menschen, die Verantwortung übernehmen, entlasten uns aber nicht nur durch ihr Tun, sondern ermöglichen es uns auch, selbst andere Aufgaben zu übernehmen und ein Leben zu führen, dass unseren Neigungen entspricht, das womöglich nicht im selben hohen Maße von der öffentlichen Wahrnehmung bestimmt ist.

Deshalb sollten wir versuchen, die Aufruhr in dieser Welt nicht anderen anzulasten, sondern zu verstehen, dass Gemeinschaft jeden Menschen zum Verständnis und auch zur Zurückhaltung verpflichtet. Das bedeutet nicht Verständnis mit jeder Entscheidung, die andere für uns treffen, aber zur Abwägung unserer Reaktionen selbst dann, wenn wir anderer Meinung sind.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski

Follower

Hannemann geh du voran, wir folgen … Niemandem muss ich wohl erklären, was unter Followern zu verstehen ist. Da sich junge Menschen damit brüsten, wie viele Follower sie auf sozialen Medien haben, verblüffte mich kürzlich eine Werbung, auf der zu lesen war: „Feierfreunde statt Follower“. Sind damit die Follower wieder aus der Zeit gefallen, sozusagen mega out?

Natürlich kann das sein, aber was das Verhalten selbst angeht, kaum wahrscheinlich. Seit Menschengedenken hat schon immer jemand geführt oder wurde zum Führen gebracht und andere mussten oder wollten folgen, weil sie sich Vorteile und Schutz davon erhofften, sich in der Gefolgschaft oft auch aufgrund ihrer eigenen Strategie einordneten. Wer folgt, kann dabei sein, ohne dabei sein zu müssen, wenn der Wind sich wieder dreht.

Ohne Gefahr ist die Gefolgschaft aber nicht: Lemminge erkennen oft nicht den Abgrund, der sich vor ihnen auftut, wenn sie anderen folgen. Social Media Followers füttern und fördern fremde Accounts und das soziale Prestige anderer. Dies mit ihren Daten und sogar mit Geld, leben dabei mit der Ungewissheit hinsichtlich ihrer eigenen Bedeutung und können auch auf sich ändernde Verhältnisse meist nicht mehr selbstbestimmt reagieren. Wenn der Wind sich dreht und der Account abgeschaltet wird, was bleibt dann für den Follower: Enttäuschung, Hilflosigkeit und Trotz, der sich allerdings nicht gegen den Verführer, den Influencer und Bestimmer richtet, sondern gegen all diejenigen, die nicht gefolgt sind und dadurch das kollektive Handeln geschwächt haben.

Sprichwörter sind verlässlich: Es prüfe, wer sich ewig bindet, ob er nicht etwas anderes findet. Dies gilt für Freundschaften, Begegnungen in der Wirklichkeit in gleichem Maße, wie auf Social Media, das Miteinander auf Augenhöhe, Gemeinsamkeiten, die auf Verabredungen beruhen, Verhalten und Korrekturen zulassen. Dazuzugehören ist keine Frage der Quantität, ausgelöst durch einen Click des Followers, sondern wird durch die menschliche Qualität von eigenständiger Prüfung vermittelt.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski

Kulturwandel

Die Feststellung eines Wandels ist dann denklogisch möglich, wenn zunächst eine bestimmte prägende Zuweisung eines Zustandes erfolgt ist. So kann ich von einem Kulturwandel auch nur dann sprechen, wenn ich mir nicht nur subjektiv, also aufgrund meiner augenblicklichen Empfindungen eine veränderte kulturelle Einschätzung erlauben, sondern objektive Anhaltspunkte dafür benennen kann. Das sollte außerordentlich schwer fallen, da das kulturelle Verständnis kein objektiver Seinszustand ist, insbesondere nicht allein der Beschreibung phänomenologischer Eindrücke gehorcht, sondern seine Wesenheit aus einem zeit- und umstandsbedingten angereicherten ewigen Menschenverständnis speist.

Nun will ich von den allgemeinen Betrachtungen zur Beleuchtung von Beispielen gelangen und mich dabei auf die derzeit oft benannte auch kulturelle Dimension von Veränderungen in Russland und den USA beziehen. Diese dienen gegenwärtig als prägende Anschauung kultureller Veränderungen, weil die diese Länder ausmachenden Dimensionen auf allen Gebieten so bedeutend sind, dass ein potentieller Kulturwandel kein nur binnengesellschaftlich leicht abzuhandelnder Vorgang wäre.

Das ist klar: Was in diesen Ländern geschieht, das bewegt uns alle. Da deren Kulturen sich schon bisher jeder Fixierung entziehen, bleibt festzuhalten, dass es weder eine eindeutige Ausgangslage, noch eine eindeutige zeitgegenwärtige Benennung eines Wandels für diese Länder geben kann. Vielleicht wird dies retrospektiv irgendwann möglich, gegenwärtig ist dies aber ausgeschlossen. Was wir allerdings feststellen können, sind statistische, d. h. an Zahlen festzumachende Entwicklungen, die erfahrungsbasiert Gradmesser von Veränderungen sein können. Dies gilt für alle Kulturen, kann derzeit aber für Russland und die USA exemplarisch in besonderem Maße angewandt werden.

Dabei ist in beiden Ländern die Ausgangslage völlig unterschiedlich. Wenn wir bedenken, dass Kulturen keine ad hoc gesellschaftlichen und schon gar nicht politischen Zustände sind, sondern auf Erfahrungen und Handlungen beruhen, die Menschen seit jeher prägend einbringen, werden die Schwierigkeiten offenkundig. Während wir es in den USA zum Beispiel mit einer recht jungen Gesellschaft zu tun haben, einer Gesellschaft, die durch den Prozess beständiger Migration geprägt wird, ist die Bevölkerungsmigration in Russland schon seit Längerem wesentlich eingeschränkt. Damit ist sowohl der kulturelle Seinszustand, als auch das Veränderungspotential hinsichtlich eines Kulturwandels in den USA und in Russland völlig unterschiedlich zu bewerten.

Sie können nicht übereinstimmen, denn Russland hat aufgrund seines lange zurückreichenden kulturellen Gedächtnisses selbst bei gleichen objektiven strategischen Herausforderungen im politischen, wirtschaftlichen und militärischen Bereich andere Verhaltensweisen als diejenigen in einem Einwanderungsland, wie den USA. Wird zudem ausgehend von der Kosten-Nutzen-Erwartung jedes einzelnen Menschen eine Relation geschaffen, die auf die primäre Schaffung von Vorteilen gerichtet ist, gibt es auch hier signifikante Unterschiede. Wer nur seinen Vorteil im Auge hat, kann auch flexibel auf Nachteile reagieren und seine Haltung ändern, wenn er glaubt, dass er anders vorteilhafter zurecht käme. Russland kann dagegen keine Verluste akzeptieren, weil es langwierig und mühevoll war, sich in der Welt zu behaupten und die kulturellen Errungenschaften zu sichern bzw. auch wirtschaftliche Verluste, die stets als schmerzhaft empfunden worden sind, wieder auszugleichen.

So können die USA mit ihren Potentialen und auch mit ihren Verlusten eher situativ, ja sogar spielerisch umgehen, Russland dagegen niemals. Jede zugelassene Gefährdung des russischen Selbstverständnisses hätte den Zerfall der mühevoll verteidigten Identität zur Folge. Dies nicht etwa als das Schreckgespenst einer von außen drohenden Zerstörung, sondern eine Aufweichung des inneren kulturellen Sinns des Landes. Dieser beruht auf der Kohärenz des Denkens, Handelns und Glaubens nach Mustern der Einheitlichkeit und nicht der Vielfalt. Die USA sind dagegen als amerikanisch verfasste Gesellschaft kulturell flexibel und stets bereit, Neuem und Veränderungen eine Chance zu geben und diese auch in den Lebensentwürfen als eine erfahrbare Veränderung der Kultur mit einzubauen. Die Erkenntnis der Unterschiedlichkeit könnte als Bereicherung und Schlüssel einer Verständigung generell bei allen Gesellschaften und Kulturen genutzt werden.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski

Salonkultur

Wehmütig und anerkennend wird sie vielfach erwähnt, ja sogar gefeiert: die Berliner Salonkultur einer Rahel Varnhagen von Ense zu Beginn des 19. Jahrhunderts. Der Salon verkörperte die ungezwungene Begegnungsstätte eines produktiven Meinungsaustauschs eines bestimmten Gesellschaftskreises zu zeitgegenwärtigen, dabei auch zeitkritischen und vergangenheits- als auch zukunftsreflektierenden Themen. Vielfach wurde dieses seinerzeit entwickelte Format zweckentsprechend aufgenommen, kopiert, angepasst an die jeweiligen Bedürfnisse. Was machte aber die Salons jenseits ihrer bezeugten inhaltlichen Auseinandersetzung so bedeutsam, dass sie bis heute als Format von einer fast mythischen Erinnerung begleitet werden?

Ich wage zu behaupten, nicht von der Zuwendung, sondern von der Abgrenzung. Von der Abgrenzung gegenüber Menschen, Gedanken und Verhaltensweisen, die nicht mit der Grundeinstellung der Gastgeberin und der geladenen Teilnehmer kompatibel waren, insbesondere der verabredeten Bereitschaft, nicht hemmungslos über das Erfahrene, das Erwogene, die ausgetauschten mutigen Gedanken, selbst, wenn diese fragwürdig waren, in aller Öffentlichkeit, sobald die Türen des Salons wieder geschlossen waren, zu schwadronieren.

Der Salon war ein geschützter Raum. Das Vertrauliche war die beständige Verlässlichkeit dieser Zusammenkunft für die Teilnehmer. Der Salon war sicher elitär, konnte aber auch produktiv wirken, weil die Waghalsigkeit eines Gedankens nicht sofort der Öffentlichkeit ausgeliefert wurde. Es gab das Selbstbestimmungsrecht des Denkenden und Sprechenden hinsichtlich dessen, was er sagte. Und wie ist dies heute? Sozusagen als Gütesiegel bestimmter Zusammenkünfte in einem etwas engeren und intimeren Kreis werden die Teilnehmer gebeten, die Regeln der Chatham House Rules einzuhalten, d. h. nichts vom Benannten und Vorgetragenen unter Benennung der jeweiligen Person und des Anlasses nach außen zu kommunizieren, soweit der Urheber selbst das Gesagte nicht als veröffentlichbar gekennzeichnet hat. Aber ist das schon Salonkultur?

Ich glaube nein! Es soll nur ein gehobenes, scheinbar elitäres Gespräch benennen, das sich von der Beliebigkeit des allgemeinen Geschwätzes abhebt. Tatsächlich ist aber kaum mehr etwas vertraulich, selbst in kleineren Gesprächsgruppen beherrschen die digitalen Formate den Gesprächsverlauf, sind dazugeschaltet, hören, verarbeiten, kommunizieren, verraten, speichern, nivellieren usw. Und die Geheimnisse des Salons?

Heute umfassend Fehlanzeige. Dabei wären diese wichtig, um drängende Themen frei und offen, ohne sofortige Außenwirkung, Kontrolle und Reaktionen zu diskutieren, zu verarbeiten und dabei argumentative Risiken einzugehen, Erkenntnisse zu stipulieren und Visionen zu beschreiben, Gedankenkonstrukte zu entwickeln und Handlungsempfehlungen zu postulieren. Wenn wir dies erkennen, dann lasst uns also Gamechanger sein, Salons schaffen, ohne elektronische Devices, die Muße des Austauschs beim Zuhören und Sprechen pflegen, dies ergebnisoffen, aber erkenntnisreich und jedem vorschnellen Ergebnis der Gedanken widerstehend.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski

Weniger ist mehr

Wir leben in Zeiten des kulturellen Overkills. Nach der Show ist vor der Show. Wenn ich ins Konzert oder in die Oper gehe, ein Theaterstück besuche oder ein Museum durchstreife, meist, weiß ich schon am nächsten Tag nicht mehr genau, wo gewesen bin, was ich gesehen und gehört und habe, sondern der starke Eindruck verfliegt wie der Traum der letzten Nacht. Woran liegt das?

Wir werden unablässig verlockenden Angeboten ausgesetzt, die wir anstatt uns über sie zu freuen, abarbeiten in der Hoffnung, dass wir noch den Überblick behalten, selbstbestimmt auswählen dürfen, was uns passt oder nicht. So unsere Vorstellung. In Wirklichkeit aber werden wir getrieben von Verpflichtungen, die wir als kulturell begreifen, benötigen ständig die Selbstbestätigung in immer niedrigeren Frequenzen.

Wir haben keine Kapazitäten mehr, um das Erlebte langfristig zu speichern, bei Bedarf zu verarbeiten und mit anderen Erfahrungen abzugleichen. Oft hatte ich sehr gute Gespräche mit anderen Menschen. Wir versicherten uns bei der Trennung, unbedingt in Kontakt zu bleiben, gemeinsam Projekte zu verwirklichen und uns wieder zu treffen. Würde ich mich darauf verlassen, käme es wahrscheinlich zu keiner Zweit- oder Drittbegegnung, denn kaum haben wir das Treffen beendet, gibt es schon wieder neue Herausforderungen, die unsere gesamte Aufmerksamkeit erfordern. Aus den Augen, aus dem Sinn.

Der Volksmund hat auch an dieser Stelle sicher Recht. Bedauerlicherweise trifft dies aber nicht nur für Begegnungen unter uns Menschen zu, sondern auch bei unseren Begegnungen mit der Kultur. Die Inflation von Angeboten wird zunehmen, aber wir haben die Chance zu lernen, uns selbst zu reduzieren, uns einzulassen auf das Wesentliche. Mein Vater hat den Satz geprägt: „Mensch, werde wesentlich.“ Dem ist nichts hinzuzufügen.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski