Hervorgehobener Beitrag

VORWORT

Hans Eike von Oppeln-BronikowskiLiebe Leserinnen und Leser,

dieses Sammelsurium ist ein Korb voller Ideen und spontaner Ansichten, weder geordnet noch jemals vollständig gefüllt, ohne Anspruch auf Wahrheit oder Wichtigkeit, einfach einer momentanen Eingebung folgend, als an eine Erinnerung an den Augenblick gedacht.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski

Wortsalat

Was soll ich noch glauben? Jedes Bild, jeder Film, jedes gesprochene Wort, alles, was geschrieben steht, kann manipuliert sein, unwahr und verantwortungslos. Es kann sein, dass in dem Raum, in dem ich mich befinde, jede mich erreichende Information auf meine Bedürfnisse, Erwartungen, Sorgen und Ängste abgestimmt ist. Ich bin aber nicht nur der Empfänger der Information, sondern auch gleichzeitig das Instrument, das die mich erreichende Information benötigt, um Verbreitung zu erfahren.

Es entstehen so korrespondierende Räume, die ihrerseits Scheininformationen produzieren und so fort. Ich erinnere mich an ein Kinderspiel, bei dem ein Mitspieler sich etwas ausdenkt. Er flüstert das Wort dem nächst sitzenden Kind ins Ohr, das es selbst so weitergibt, wie er es versteht. Am Schluss kommen regelmäßig andere Worte dabei raus, als ursprünglich auf die Sprachreise geschickt wurden.

Wie geht es uns in Räumen, in denen wir dem Wort nicht mehr vertrauen dürfen? Ich glaube, hier gibt es keine für alle Menschen verbindliche Antwort. Viele Menschen werden sich in diesen Räumen wohlfühlen, weil Unverbindlichkeit der erhaltenen Informationen auch die Unverbindlichkeit eigener Äußerungen zulässt. Es entsteht ein Informationskokon der Beliebigkeit mit situativen Reaktionen und tiefgreifender Selbstentschuldung eigenen Verhaltens.

In der kollektiven Lüge lebt es sich leicht. Fakes sind wie herumfliegende Löwenzahnsamen, leicht unbeschwert im Anflug und pflanzenstark nach der Landung. Die Unwahrheit wird so zur Wahrheit, weil sie grell leuchtet wie der Löwenzahn selbst. Diesem will ich nicht Unrecht tun, aber das Sinnbild erschien mir passend. Was tun? Wie aus den Blättern des Löwenzahns Salat, kann auch aus allen Fakes wieder etwas Neues geschaffen werden, das die analoge Welt irreal erscheinen lässt. Das Irreale wird dann transzendent und wenn wir eines Tages alle gar nichts mehr glauben, besinnen wir uns vielleicht darauf, dass es einmal etwas Verbindliches gab.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski

Zeit und Zeitbewusstsein

Was hat es mit unseren Zeitvorstellungen auf sich? Gibt es überhaupt eine allgemein verbindliche Zeit? Was bedeutet denn für uns die Zeit, der Stundenschlag, die verrinnenden Stunden und Minuten, das schwindende Leben? Birgt die Zeit einen Inhalt und ist gleichzeitig eine Methode der Erfassung unserer Befindlichkeit angesichts des von uns vermuteten Urknalls?

Ist die Zeit für uns also ein Bedienungsladen, sowohl für Wissenschaftler, als auch für Privatpersonen? Die Zeit verschafft eine zumindest vorübergehende Sicherheit, einen Rahmen der Orientierung, wenn alles auseinanderzudriften scheint. Objektiv ist nichts da. Subjektiv nutzen wir das eigene Verständnis für die Zeit, um mit denjenigen, die unsere Verabredung zur Zeit teilen, eine Chance zu haben, stabil Augenblicke des Innehaltens und des Aufbruchs zu nutzen.

Unsere Zeit ist die des Pendels. Mit den Schwingungen des Pendels beherrschen wir die Zeit und das Pendel beherrscht uns, zeigt uns, wann uns die Stunde schlägt. Unsere Vorstellung von der Zeit ist eine phänomenologische des steten nicht Erreichbaren, um dessen Beherrschung wir uns aber bemühen. Die Zeit haben wir vorgefunden, mit unseren Sehnsüchten bestückt, wir versuchen sie zu unseren Zwecken zu nutzen und verlassen sie mit unserem Tod zeitlos für immer.

Die Zeit, die die Welt und der Weltraum haben, entspricht nicht nur von den Dimensionen her in keiner Weise unseren Vorstellungen, sondern sie ist auch etwas Anderes, gleichgültig gegenüber unserer Begrifflichkeit. Wir benötigen die Begrenzung, um zu leben, die Welt muss sich zeitlich entgrenzen, um zu bleiben. Die Zeit an sich bemüht sich in keinerlei Weise um Dimensionen, nur wir.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski

Menschsein

Ein Kind wird geboren. Anschließend wird es von Menschen, die auch Kinder waren ans Kreuz genagelt. Menschen, die Kinder waren, foltern, morden, betrügen, verfolgen andere Menschen, die ebenfalls einmal Kinder waren. Sind bereits die Kinder böse, ihre Gene oder Geburt und Kindheit so traumatisiert, dass sie zwangsläufig nur durch rücksichtslose Vorteilssuche auf Kosten anderer ihre Verluste kompensieren können? Nichts scheint zu bleiben von einer unschuldigen Geburt, einer geborgenen Kindheit und Lebensfreude. Das Menschsein als Kampf und Behauptung, Anerkennung und Vorteil.

Schaut man auf uns Menschen, könnte man den Eindruck gewinnen, man schaffe nur die eigene Wehrhaftigkeit auf Kosten anderer, den armseligen Erfolg, der das Leben sichert. Da stellt sich natürlich die Frage nach dem Leben wozu? Die Sinnfrage des Lebens kann nicht nur philosophisch, esoterisch oder religiös gestellt und beantwortet werden. Konkret stellt sich die Frage nach dem Leben durch Überprüfung des täglichen Handelns. Tägliches Handeln bedeutet hier, was wir unserem Kind geben, dass es sich persönlich und gemeinschaftlich so entwickeln kann, dass es einen Nutzen für unsere Gesellschaft darstellt. Die gleiche Frage nach dem Nutzen unseres Handelns müssen wir uns als erwachsene Menschen dann immer wieder selbst stellen.

Unser Menschsein kann sich nicht erschöpfen in einem Verhalten, das darauf angelegt ist, uns Vorteile zu sichern. Nur der Gebende ist gerecht. Das ist keine Gutmenschenplattitüde, sondern das Wissen darum, dass alles, was wir machen, von Menschen für Menschen gemacht wird. Darum geht es und nicht um absonderliche Selbstanerkennung und Bestätigung. Klar ist, dass nur der, der sich selbst annehmen kann, auch bereit ist, andere anzunehmen. Auch der Prozess des sich Annehmens ist keine Selbstschau auf die eigene Befindlichkeit, sondern eine Herausforderung, die durch die Menschwerdung entsteht.

Wir leben nicht, um möglichst viel Geld zu horten, zumal dies mit Ver-dienen schon deshalb nichts zu tun hat, weil kein Dienst an der Gemeinschaft damit verbunden ist. Es geht nicht darum, der Reichste, Schönste oder Klügste zu sein, sondern Erfahrungen zu sammeln mit anderen Menschen, die der Gemeinschaft erlauben, sich weiter zu entwickeln. Um dies zu gewährleisten, müssen auch die Bedingungen dafür stets erhalten und verbessert werden, sei es in der Natur, den Produktionsabläufen, im Dienstleistungsbereich, der sozialen Kontrolle und wo auch immer dies erforderlich ist. Viele halten sich nicht daran und verraten damit ihr eigenes Menschsein.

All diejenigen, die auf Kosten anderer leben und diese dadurch verachten, haben ihr Menschsein aufgegeben und sind lediglich Schatten eines eigentlichen Lebens. Eine Menschheit, die sich ihrer integren Verfasstheit selbst bewusst ist, könnte ihnen ihre Grenzüberschreitungen vorhalten und ihm Gelegenheit geben zu erkennen, dass sie letztlich nichts anderes sind, als Menschen und dies als Programm der Selbstbescheidung begreifen müssten.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski

Apokalypse

Wofür haben wir uns denn nun entschieden? Dass die Welt untergehen möge oder dass wir hoffen, dass unser Bannspruch des baldig bevorstehenden Weltuntergangs diesen noch verhindern könne?

Beides mag richtig sein, denn wir können nicht anders, weil wir unsere Vergänglichkeit stets begreifen, aber nicht wissen, wann und wodurch unser Leben und das Leben anderer endet. Deshalb versuchen wir, uns die Wirklichkeit vom Leibe zu halten, indem wir Bannsprüche gegen diese veröffentlichen.

Nehmen wir zum Beispiel den Klimawandel. Sicher könnten wir auf diesen Einfluss nehmen, gestalten, dass er gestoppt oder zumindest verlangsamt wird, denn, wenn der Schalter einmal umgelegt sein sollte, werden wir machtlos sein. Sind wir noch die Handelnden oder nicht schon die Menschen als Teil der Apokalypse?

Wir gestalten die Erde, roden Wälder, versiegeln Böden, führen Kriege, schaffen eine Welt nach unseren Vorstellungen. Die Welt lässt uns geschehen, weil sie wissend in der Lage ist, alles, was wir anrichten, jederzeit zu annullieren, aufzuheben und neu zu gestalten. Aber, die Apokalypse ist bezogen auf das jeweilige Menschsein kein weltliches oder kosmisches Ereignis, sondern das Menetekel eines schmerzvollen Unvermögens der Menschheit, ihr eigenes Verhalten auf das universelle Stirb und Werde so auszurichten, dass es als eine verantwortliche Teilhaberschaft auf Zeit begriffen werden kann.

Wenn wir zu dem, was wir wollen oder wollen sollten, das hinzufügen, was wir geben könnten, dann würden uns unsere Gedanken und Gefühle schnell von apokalyptischen Befürchtungen zur Erkenntnis und zur Dankbarkeit dafür führen, dass uns dieses Leben hierzu auch auf Zeit geschenkt wird. Was sollte uns dann Angst machen?

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski

Der gemeinsame Weg

Wir leben in schwierigen Zeiten: Finanzkrise. Europakrise. Wirtschaftskrise. Politikkrise. Kriege. Eine Jugend zudem, die den Eindruck vermittelt, als handele es sich bei ihr überwiegend um Internetjunkies. Ältere Menschen, die die Welt nicht mehr verstehen, den allgemeinen Wertemangel beklagen. Soziale Entwurzelung. Migration. Missbrauch. Gewalt. Aids. Umweltzerstörung. Klimakatastrophe. Skandale. Die Liste der Belastungen könnte nach Belieben fortgeschrieben werden. Das ist die eine Welt.

Die andere Welt hat zu tun mit der bleibenden Freude von Menschen aneinander, ihren Kindern, der Natur, der Vielfalt von Tieren und Pflanzen, dem Stolz auf das Erreichte und die Genugtuung im Beruf. Also! Trotz aller Grausamkeiten: Unsere Welt ist schön! Kaum ein Mensch kann zu Recht sagen, dass er sein ganzes Leben lang unglücklich gewesen sei. Kein Mensch wird wollen, dass seine Kinder und Kindeskinder die Welt als einen Ort des Schreckens und der Ohnmacht begreifen.

Unsere Welt bietet vielmehr alle Möglichkeiten, Chancen der persönlichen Entwicklung wahrzunehmen und uns in der Gemeinschaft zu verwirklichen. Auch unsere Kinder haben einen Anspruch darauf, ein üppiges, chancenreiches und selbstbestimmtes Leben in der Gemeinschaft zu führen. Deshalb müssen wir uns darauf besinnen und dies dabei nicht nur als eine lästige Pflicht begreifen, dass sich unser Denken, Fühlen und Handeln an den großen gemeinsamen Errungenschaften, dem Fortschritt und den vielfältigen Angeboten unserer Gesellschaft misst. Wir sollten nicht aufhören, neugierig auf unsere Zukunft zu sein, auf ein buntes Leben, das es jedem Menschen ermöglicht, sich zu bewähren, zu vervollkommnen und den Reichtum, der ihm dabei selbst zuteil wird, an die Kinder und Kindeskinder weiterzugeben. Früh sollten wir damit beginnen, den Enthusiasmus für das Leben in anderen Menschen zu wecken, sie anzustecken mit unserer Lebensfreude und ihnen geeignete Werkzeuge für die persönliche Selbstverwirklichung und die Regeln für die Bewahrung unser aller Welt zur Verfügung stellen.

Die Lösung sollte lauten: Alles, was wir tun, wird von Menschen für Menschen gemacht. Dieses Bekenntnis verpflichtet zu respektvollem Umgang miteinander. Die Würde jedes einzelnen Menschen in dieser Welt ist unantastbar. Unser Respekt sollte aber auch der uns anvertrauten Natur, den Pflanzen, den Tieren und den Ressourcen gelten, selbst dann, wenn wir vom ungestümen Forschungsdrang besessen sind und die dabei gewonnene Erkenntnis auch in der Wirklichkeit praktisch umsetzen wollen. Die permanente Weiterentwicklung der Menschheit ist unsere Hybris, aber auch unser Sinn. Doch wenn wir schon nicht anders können, dann sollten wir aber auch alles, was uns zu tun anvertraut ist, nachhaltig und mit Freude und mit ideellem Gewinn für die Welt und alle Geschöpfe machen.

So stehen die Türen weit offen für neue sinnbildende Erfahrungen der Generationen, für junge und alte Menschen, die gemeinsam ihre Chancen wahrnehmen, ihre Lebensgewohnheiten überprüfen, weitere vielleicht bisher unerkannte Fähigkeiten bei sich entdecken, ihr bisher schon vorhandenes Engagement selbstbewusst verstärken und sich selbst und anderen in der Gemeinschaft Gutes tun, indem sie sich mit Kompetenz und Herz auf die Herausforderungen der neuen Zeit einlassen.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski

Monster

Alexander Kluge hat in einem Interview, veröffentlicht in der Zeit am 02.03.2022, gesagt, dass der Krieg ein „Monster“ sei. Das leuchtet ein und erschreckt, aber meines Erachtens hat er damit eher das Monströse des Krieges selbst benannt, nicht die Täter, die hinter dem Kriegsgeschehen stehen.

Ich halte dagegen, nicht der Krieg ist das Monster, nicht der von Helden zu bezwingende Drache. Es gibt nichts, von dem die Menschen sich distanzieren könnten, sondern Krieg ist unser monströses menschliches Versagen. Versagen vor den Möglichkeiten zu überzeugen, sich argumentativ oder emotional überzeugend durchzusetzen. Krieg ist der Versuch, das eigene Scheitern nicht sichtbar werden zu lassen oder dieses zu kompensieren, dem eigenen Versagen sogar den Nimbus des Historischen zu verleihen.

In der Geschichte hat dies meistens leider gut geklappt. Krieg ist aber ein Täuschungsmanöver. Wer Krieg führt, versteht, andere zu blenden und in der Steigerung des Einsatzes seiner Waffen seine eigenen Schwächen zu verbergen. Wenn eine eingeschränkte Argumentationsfähigkeit seit jeher Kriege begünstigt, wie können dann Kriege verhindert bzw. beendet werden?

Meines Erachtens durch Zuhören, selbst wenn dieser Versuch angesichts des ungeheuren kriegerischen Gemetzels mit vielen Toten und Verwundeten naiv aussehen mag. Zuhören bedeutet, dass Kriegsparteien ihre Argumente vorzubringen haben, selbst dann, wenn man sie angesichts des anzurichtenden Grauens eigentlich nicht mehr hören kann und will. So könnte es im Falle Russlands und der Ukraine sein, dass der Verlust des gemeinsamen Kulturraumes aus russischer Sicht maßgeblich für den Krieg ist. So wird es zumindest behauptet. So wäre zu überlegen, wie sich dieser Kulturraum wieder herstellen ließe, ohne die wirtschaftlichen, militärischen und gesellschaftlichen Interessen der Ukraine gegenüber Russland zu verletzten?

Meines Erachtens zunächst durch die Wiedereröffnung religiöser und kultureller Gemeinsamkeiten ähnlich einer kulturellen Konföderation, die beiden Seiten das gibt, was ihnen am Wichtigsten ist. Trotz der vielen sinnlosen Toten müsste ein Mediator berufen werden, der versucht, nicht nur einen Status quo zu schaffen, sondern durch wechselseitige Angebote die Möglichkeit eines Miteinanders zu ermöglichen, einen gemeinsamen Nenner zu finden, anstatt auf einer Kriegsschuld Russlands und der Darstellung des ukrainischen Leids zu beharren.

Kriege sind nicht zu gewinnen. Es sind grausame Gespenster unserer Hilflosigkeit. Immer dann, wenn wir uns nicht verstanden sehen, dies nicht wollen und die Bereitschaft verloren haben, uns selbst in Frage zu stellen und auf den anderen zuzugehen, werden Monster uns bestimmen. Da müsste etwas zu machen sein?

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski

Überforderung

Seit mehr als 50 Jahren bin ich als Jurist, Rechtsanwalt und über mehrere Jahrzehnte hinweg auch als Notar tätig. Ich habe auf vielen Rechtsgebieten gewirkt, im Strafrecht, Zivilrecht, Verwaltungsrecht, Sozialrecht, Familienrecht, Erbrecht und Stiftungsrecht, um nur einige meiner Erfahrungsgebiete zu benennen. Gedanklich hatte ich mich dabei nicht nur mit einer unermesslichen Zahl von Rechtsvorschriften auseinanderzusetzen, sondern auch mit vielen Entscheidungen von Gerichten, die unter Zugrundelegung der gleichen Rechtsvorschriften zu ganz unterschiedlichen Ergebnissen bei der Beurteilung menschlicher Anliegen gekommen sind.

Die Rechtsschöpfungsakte des Gesetzgebers in den Parlamenten, die Anweisungen und Verordnungen der Regierung, der Verwaltung, die Urteile der Gerichte, hinzukommend auch alles, was in der EU geschieht, halten wir für normal, unausweichlich und sie stellen unsere Erfahrungen meist nicht grundsätzlich in Frage. Dass ist sicher auch vernünftig, nur habe ich bisher niemals eine Mahnung gehört oder einen Aufsatz in Fachzeitschriften dazu gefunden, dass der Mensch durch diese Flut von Rechtsvorschriften, gerichtlichen Betrachtungen und sonstigen Rechtsmeinungen überfordert sein könnte. Wir erkennen auch und drücken umgangssprachlich aus, dass der Mensch versucht, sich durch das Leben zu schlagen. Es sind genau diese Gesetze, Verordnungen und Entscheidungen, die ihm dabei helfen, aber oft auch das Gegenteil bewirken, weil sie zu seiner Vorstellungswelt und seiner Wirklichkeit nicht passen. Sie erzeugen Druck.

Aber anstatt dies zu thematisieren, werden ohne Rücksicht auf das Judiz, also das menschliche Verständnis des Rechts permanent, weitere Rechtsvorschriften erlassen und unerbittlich dafür gesorgt, dass diese auch umgesetzt werden. Statt eine bestimmte Elastizität zuzulassen, werden die rechtlichen Netze, in denen sich der Mensch verfangen kann, immer enger geknüpft. Ist es dann nicht verständlich, dass sich der Mensch um persönliche, ggf. auch unternehmerische, sogar insgesamt gesellschaftliche Befreiungsalternativen bemüht und Hilfe dort sucht, wo ihm Vereinfachung und Abhilfe versprochen wird?

Dies mag oft sicher auf einem Täuschungsmanöver von Rattenfängern beruhen, wirkt allerdings erfolgreich und sollte uns zum Nachdenken darüber bringen, ob eine resiliente Gesellschaft sich nicht eher auch um freie Räume und flexiblere rechtliche Kooperationsformen bemühen sollte, anstelle alles und jedes auf menschlich kaum mehr nachvollziehbare Art und Weise regeln zu wollen und jeden Regelverstoß zudem mit Schadensersatzansprüchen usw. zu sanktionieren. Wir müssen wieder dazu finden, dass der Mensch die Gesetze als sinnvolle Orientierung seines Handelns versteht.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski

Aberwitz

Ein Witz ist es nicht, aber vielleicht doch ein göttlicher Spaß, dass unser imaginierter Erschaffer, vielleicht Gott, die Nabelschnur als Zündschnur des Lebens aber auch unserer Vernichtung im Moment unserer Geburt entflammte.

Wir sind nicht diejenigen, als die wir uns begreifen dürfen, sondern lediglich Verwalter eines unausdeutbaren Schicksals rätselhafter Lebendigkeit, die zudem aberwitzigerweise großteils allein auf einer sprachlichen Konkretisierung „Ich bin“ beruht. Natürlich versuchen wir, Leben zu verstehen und haben dafür Methoden und Vorstellungskraft, aber keine vermeintliche Erkenntnis hält letztlich einer universellen Schlüssigkeitsprüfung stand.

„Ja, aber …“ steht am Schluss jedes sich selbst erhellenden Gedankens und überlässt die ausdeutende Fortsetzung z. B. der Mathematik, der Physik, der Religion und vielleicht künftig wohl vor allem Chat GPT. Wir prompten dann Leben, Menschen, Universen oder Sonstiges und erfahren dazu eine Antwort, die uns die Maschine lehrt, als abschließend zu begreifen, alternativlos zu allen Eingaben, die Chat GPT als „Big Creater“ sich selbst zu prompten vermag. Das mag grotesk erscheinen, ist aber konsequent und gleichermaßen entlastend für uns, dass am Anfang zwar das Wort ist, wir sind, was gesagt ist, wir sehen, was gesagt ist und Worte uns aber auch verschwinden lassen können.

Was bleibt, ist dieser aberwitzige Impuls, mit dem alles begann, oder?

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski

Ahnung

Es mag paradox klingen, aber wir wissen bereits, was wir noch nicht wissen. Es liegt was in der Luft! Tiere ahnen es, bereiten sich darauf vor, drohenden schlimmen Ereignissen zu entgehen, dies in der Regel durch Fluchtversuche. Auch wir ahnen bedrohliche Umstände, bevor diese sich offenbaren. Unsere Ahnungen beruhen auf vorhandenem Wissen, aber auch auf der Einschätzung des Verhaltens anderer oder sich ändernder Umstände.

Erstaunlich ist dabei aber, dass sich diese Einschätzung oft mit einem Abwehrverhalten paart, dass es doch so schlimm nicht werden könne oder man unentdeckt bleiben würde. Durch Ahnungsunterdrückung wird die erwartbare und bereits schon gedanklich oder emotional gescannte Zukunft ausgeblendet, in der Hoffnung, ein bestimmtes Ereignis werde nicht eintreten oder natürlich ganz im Gegenteil, dass mit einem Ereignis zu rechnen sei. Trifft das erahnte Ereignis ein, so erfährt es programmatisch eine Einordnung, als habe es stets konkret erwartete Eigenschaften aufgewiesen. Wenn sie wahr werden, verändern sie Ereignisse. Im Vorfeld ihres Erscheinens sind Erwartungen unbequem, fordern zum Handeln auf, sind schwer zu kommunizieren und ungeduldig.

Die Erwartungen von Tieren leiten wir aus ihrem Verhalten ab. Wir Menschen neigen dazu, unsere Ahnungen situativ zu instrumentalisieren und werden von Ereignissen meist überrascht, wenn sie eintreten.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski

Chaos

Dürfen wir Chaos als Chance begreifen? Wohin wir schauen, ob in die USA, nach Russland oder Israel, überall gewinnen wir den Eindruck, dass Unvernunft, Willkür und absurdes Handeln ein Chaos anrichten.

Ja, das ist furchtbar, aber auch rätselhaft und trotz all dem damit verbundenen Leid faszinierend: Warum machen Menschen das? Wir werden aufgeweckt, Menschen und ein Weltenrätsel zu studieren, um neue Erfahrungen zu machen und dabei die Komplexität unseres Seins zu ergründen. Ein Beispiel: Kaum eine Mutter bringt Kinder auf die Welt, damit sie wieder sterben, meist zudem vor den Eltern. Keiner will in der Kürze seines Lebens hungern, dürsten, eingesperrt oder gefoltert werden. Und doch all das passiert.

Jeder, der dazu eine Chance hat, will sich in der Kürze seines Lebens so einrichten, dass es ihm gelingen möge, alt zu werden, dabei sowohl beruflich, als auch privat diejenigen Annehmlichkeiten zu erfahren, die ihm seine jeweilige Umgebung gewähren kann. Es entspricht dem Wesen des Menschen stets auf der bright, d. h. auf der „Right Side of Life“ zu sein und zu verhindern, dass der persönliche Friede vermeidbar gestört wird. Und er wird gestört. Die Welt befindet sich in Aufruhr, Kriege, auch Handelskriege, verursachen Chaos. Die Regeln scheinen zur Disposition gestellt zu sein.

Eine Verlässlichkeit scheint zumindest international, aber auch im engeren politischen Raum abhanden gekommen zu sein. Diese Erfahrung wirkt wie eine Brandung, die uns umzuwerfen in der Lage ist, aber seltsamerweise verhindert sie auch die Abstumpfung und schärft unsere Sinne für das andere Mögliche. Aus dem Chaos zu lernen bedeutet, unser Verhalten als Mensch sowohl privat, als auch beruflich und insgesamt gesellschaftlich zu überdenken und daraus Handlungsinitiativen abzuleiten, die eine erweiterte Lebensgewissheit aller Menschen festigt.

Mit Appellen ist es nicht getan und Kriege wird es immer geben, Auseinandersetzungen und Streitereien sind an der Tagesordnung, aber das durch das Chaos deutlich werdende Mahnzeichen, die Konsequenzen unseres Handelns zu bedenken, wird zu einer anders strukturierten konkreten Einsicht führen, dass künftige, noch nicht geborene Generationen die Möglichkeit haben wollen, uns zu überleben.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski