Tod, wo ist dein Stachel?
Seit jeher versuchen die Menschen dem Tod, soweit sie betroffen sind, seine Wirkung zu nehmen. Den Tod von Tieren lassen sie gelten, soweit es sich um Schlacht- oder Jagdvieh handelt. Der Tod von Möwen im Ölteppich wird dagegen als kläglich und unwürdig angesehen. Es herrscht der Tod als Metapher des Lebens und als der stumpfe Niedermacher. Tod ist auch eine Metamorphose des Stoffes: Er durcheilt von fest über flüssig bis gasförmig alle Aggregatzustände. Tod ist der Eingriff in das Wesen des Menschen durch Ungeheures, Fremdes und Unerwünschtes. Selbst der friedliche Tod bedeutet den Verlust jeder Menschlichkeit und wird meist nicht als Erlösung begriffen. Wer andere tötet, befreit sich von diesen. Wer stirbt, ist nicht mehr. Seine Möglichkeit, dies zu bedenken, ist dem Menschen ungewiss. So unvermeidlich auch der Tod z. B. für das Opfer und den Täter ist, so unerklärlich bleibt seine Reaktion auf beide. Der Tod bleibt teilnahmslos. Der Sterbende versucht zwar, den Tod zu überwinden, der Körper hat aber nichts davon. Er zerfällt, vielleicht ist etwas geblieben, was unter keinen Umständen stirbt.
Hans Eike von Oppeln-Bronikowski