Nachsicht

Gott vergibt… Django nie! Wenigstens die Älteren unter uns erinnern sich noch an diesen grandiosen Film von Giuseppe Colizzi. Wir Zuschauer waren alle einverstanden mit Django und seiner Unerbittlichkeit, mit der er alle Schurken aus dem Weg räumte. Nehmen wir dies als Metapher für unser Leben im Allgemeinen. Sind wir bereit zu vergeben?

So einfach lässt sich diese Frage nicht beantworten. Bestimmte Taten kann man nicht vergeben. Das planvolle Morden im Dritten Reich oder das Wüten des Pol-Pot-Regimes in Kambodscha. Hier kann die ungeheuerliche Tat nur als Mahnung dienen, um uns davon abzuhalten, sie immer wieder zu begehen. Ich habe jetzt natürlich zwei sehr bekannte Beispiele für Taten benannt, die nicht vergeben werden können. Es muss aber nicht die Dimension eines Genozid sein, dass Taten unvergebbar werden.

Jede absichtsvolle Beschädigung eines Menschen, um ihn daran zu hindern, ein selbstbestimmtes Leben zu führen, ist unverzeihbar. Die Zeit mag darüber hinweggehen und dem Geschehenen seine Aktualität nehmen, aber die Störung der Integrität eines Menschen bleibt in unser aller Gedächtnis ewig vorhanden. Eine Skandalisierung des Nichtvergebenkönnens erfolgt merkwürdigerweise dort, wo ein Vergeben problemlos möglich ist.

Mehrere markante Politikerinnen und Politiker sollen ihre Doktorarbeit gefälscht oder darin nicht richtig zitiert haben. Es geht auch um gefälschte Lebensläufe und nicht abgeführte Steuern. Überall dort, wo Skandalisierung ein mächtiges Zugpferd für die Missetat darstellen kann, ist jede Nachsicht offenbar vergeblich. Was hat uns der frühere Verteidigungsminister zu Guttenberg denn eigentlich angetan? Er hat, als er noch jünger war, eine Doktorarbeit gefälscht und damit sich selbst geschadet. Als es aufflog, musste er gehen. Er wurde aber nicht Politiker oder gar Verteidigungsminister, weil er eine Doktorarbeit geschrieben hat.

Und doch, wenn es darum geht, einen Beleg für einen Schurken in Nadelstreifen zu finden, wird er benannt und gleichzeitig darauf verwiesen, wie er so selbstgefällig als Minister am Times Square posiert hätte. Gleiches ließe sich von Annette Schavan berichten oder anderen bekannten Persönlichkeiten, die irgendwann einen, wenn auch entscheidenden Fehler, in ihrem Leben getan haben. Die Verdienste von Frau Schavan um unser Gemeinwesen sind unbestreitbar und dennoch ist sie medial „Persona non grata“.

Worauf beruht diese Unnachsichtigkeit gegenüber anderen, insbesondere im öffentlichen Leben stehenden Menschen, eine Unnachsichtigkeit, die wir gegenüber unserem eigenen Fehlverhalten niemals entwickelt haben. Das gerade scheint mir der springende Punkt zu sein. Indem wir andere Verfehlungen bezichtigen und diese Bezichtigungen lebendig halten, sind wir in der Lage, von unserer eigenen Unzulänglichkeit im alltäglichen Umgang mit anderen Menschen und Institutionen abzulenken.

Der nicht erkannte Tierquäler, Falschbezieher von Sozialleistungen oder Kinderpornokonsument aus dem Internet findet an seiner Verhaltensweise meist nichts Unanständiges, um selbst desto nachdrücklicher keine Nachsicht denjenigen zu gewähren, die Ähnliches im öffentlichen Raum getan haben. Diese Bigotterie wird nicht aufzulösen sein, aber man sollte sich dessen bewusst bleiben, wenn man leichtfertig in den Chor derjenigen einstimmt, die unnachsichtige Bestrafung anderer für deren Vergehen fordern, statt sich selbst an die Regeln zu halten.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski