Der niedersächsische Ministerpräsident habe seine Rede zum Dieselskandal vor einem Jahr von dem Unternehmen VW „weichspülen“ lassen. Selbst seine Absetzung als Ministerpräsident wird in den Medien gefordert. Ein Skandal! Es scheint riesigen Spaß zu machen, Dinge ans Licht zu zerren, diese auszuschlachten und alle auch nur nebensächlichen Details zu verbreiten. Der Wahrheitsgehalt ist völlig nebensächlich.
Denken wir dabei auch an die Vorwürfe gegen den früheren Bundespräsidenten Wulff. Skandale sind dazu angetan, uns anstrengungslos mit einzubeziehen, Positionierungen zu erlauben und sich zu freuen bzw. zu empören. Die ganze Gesellschaft gerät in Wallung. Skandale erschüttern uns, so könnte man meinen. Das stimmt aber nicht. Es sind nur die vermeintlichen Skandale, die das vermögen, die wirklichen Skandale aber geraten unter unseren Wahrnehmungspegel. Skandale, die die Menschenwürde verhöhnen, Ungerechtigkeiten und Verbrechen enthüllen, wie Kriege, Folterungen, Vertreibungen und Vergewaltigungen. Sie übersteigen offenbar unser Fassungsvermögen, so dass wir uns weitgehendst der Mitsprache enthalten. Diese Skandale bleiben meist konsequenzlos. Warum ist das so?
Ist es so, weil wir uns schuldig fühlen, Empörung nichts bringt, unsere Empathie nicht ausreicht, um das Schlimmste zu begreifen? Diese Frage ist kaum zu beantworten. Wir verschließen unsere Augen oft gerne vor den wirklichen Herausforderungen unseres Lebens und lenken uns mit kleinen Empörungen ab. Mit Appellen an die Verursacher des Skandals ist es aber nicht getan, sondern jeder große Skandal verlangt Konsequenzen: Der Täter muss zur Rechenschaft gezogen werden. Es kommt weniger auf den Protest an als die Konsequenz unseres Handelns an. Der Täter hat jeden Anspruch auf Unterstützung verwirkt. Dies sowohl materiell als auch kulturell.
Gesellschaftlicher und politischer Bann bedeuten Gesichtsverlust und soziale Ächtung. Die Verursacher menschenverachtender Skandale sind nicht resozialisierbar, unwürdig und müssen von der Gemeinschaft in Acht und Bann gestellt werden. Sie haben keinen Anspruch auf Identität, da sie sich außerhalb der menschlichen Gemeinschaft gestellt haben. Opportunität ist bei derartigen Skandalen ein schlechter Ratgeber, dies auch dann, wenn der Versuch unternommen wird, zwischen dem Haupttäter und seinen Mitläufern zu differenzieren. Das stimmt aber nicht. Alle sitzen im selben Boot.
Hans Eike von Oppeln-Bronikowski