Männer

Wir leben in bewegten Zeiten, in denen Zuweisungen zur Tagesordnung gehören. Wenn ich etwas über alte, weiße Männer höre, fühle ich mich angesprochen, weil ich eine eher helle, in den Augen bestimmter Betrachter weiße Hautfarbe habe und irgendwie alt bin. Wie würde es mir gehen, wenn ich eine etwas dunklere Hautfarbe hätte, in den Augen mancher Betrachter schwarz oder gar eine Frau, weiß oder schwarz wäre?

Plötzlich scheint dann all das, was ich als völlig irrelevant betrachtete, nämlich die äußere Erscheinung, keinen äußeren Zustand zu beschreiben, sondern eine inhaltliche Zuordnung zu begründen. Die Zurückhaltung, die ich bei meiner Bewertung einzuhalten habe, irritiert mich allerdings sehr. Zu dem Leben eines dunkelhäutigen Menschen darf ich noch nicht einmal etwas vermuten, soll mir aber über meine Belastung als weißer Mann nicht nur im Klaren sein, sondern vor allem hinnehmen, dass andere Menschen genau wissen, wer ich sei.

Ähnliche Expertisen für schwarze alte Männer oder weiße alte Frauen zu verlangen, ist aus Sicht der mutmaßlich richtig Urteilenden bereits eine Anmaßung, die typisch ist für alte weiße Männer, die im Leben ohnehin schon viel Zerstörung angerichtet hätten und statt kollektiv zu bereuen ihre eigene Würde als alte Männer – Menschen einfordern.

Ob in der Sprache oder im Verhalten, wenn Diskriminierung einmal ein legitimes Instrument in den Händen von Ethik-, Moral- und Verhaltensaposteln geworden ist, dürfte es schwer für die menschliche Gesellschaft werden, sich Fehler zu verzeihen, Verhalten zu überprüfen und Korrekturen im Zusammenleben dort vorzunehmen, wo sie wirklich erforderlich und hilfreich sind.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski