Begrifflichkeit

Begreifen lehren, begreifen lernen – greifen, zugreifen.

Erfassen durch zufassen, Benennung von Eigenschaften und des Wesens: Begrifflichkeiten entstehen, entwickeln sich aus der Substanz der Dinge und ihrer Zuweisung. Die Benennung allein schafft es aber nicht, sondern unabdingbar ist die Erforschung aller Substrate, die sich wie in einem Gefäß vereinigen und dann ihre Benennung erfahren.

So sollte es eigentlich sein, aber in Wirklichkeit hantieren wir mit Begrifflichkeiten so leichtsinnig wie mit Schüttelreimen. Wir schütteln Worte und schon fliegen sie heraus, die Begriffsfetzen: nachhaltig, klimagerecht und allgemeinverbindlich, um – willkürlich – drei gängige Lehrformeln zu nennen.

Begriffe, deren Substanz beim Benennen aber nicht umfassend in Erscheinung tritt, nutzen sich durch deren Gebrauch ab, weil sie keine den Begriff enthaltende Wahrheit offenbaren, sondern nur eine Absicherung des Nutzers eines vorgeblichen Begriffes darstellen. Aber nicht nur durch den leichtsinnigen Gebrauch eines Wortes, sondern auch durch dessen inflationäre Verwendung vermag es die Wirkung, die es zu erzielen vorgibt, nicht mehr zu erreichen. Begrifflichkeiten werden so zur beliebigen Hintergrundmusik einer sich in Lehrformeln gefallenden Welt. Statt mit sich wiederholenden Rezitativen sollten wir es daher vielleicht einmal mit Arien versuchen, die auf gängige Begrifflichkeiten vorsätzlich verzichten und originelle Erfahrung zulassen.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski