Archiv der Kategorie: Wirtschaft

Zeitfixum

„Just in time“, das heißt, gerade zur richtigen Zeit das Richtige zu vollbringen. Die Fixierung der Zeit im Hinblick auf ein genau dazu passendes Ereignis setzt organisatorisch zunächst voraus, dass alle dazu notwendigen Komponenten greifbar und das Ziel nicht nur abgesteckt, sondern auch erwartbar ist. Ein zeitgenaues Handeln verlangt neben der Kompetenz der Beteiligten auch deren Souveränität.

Dabei ist keineswegs die Homogenität sämtlicher Handlungsschritte zum angestrebten Ergebnis gefordert, sondern die prozessuale Berechenbarkeit des Tuns im Hinblick auf das erwartbare Ergebnis. Erwartungsbedingtes Handeln geht hier Hand in Hand mit der Kontrolle bei der Zusammenführung unterschiedlichster Komponenten, die zwar ergebnisoffen eingesetzt und daher durchaus auch für Überraschungen sorgen können, aber in einem kontrollierten Prozess wirken.

„Just in time“ bringt zudem die Befriedigung der Handelnden darin zum Ausdruck, dass von ihnen alle institutionellen und inhaltlichen Möglichkeiten genutzt werden, um etwas zu schaffen, das unter Ausnutzung des Zeitmoments Einsichten erlaubt, die eine neue Sichtweise ermöglichen, sei es im wirtschaftlichen, politischen, gesellschaftlichen oder persönlichen Bereich.

Wer zur richtigen Zeit handelt und die richtigen Maßnahmen ergreift, entlastet sich selbst von Rechtfertigungszwängen und läuft eher nicht Gefahr, einer Kritik ausgesetzt zu werden, die das Zeitmoment als Anlass nimmt, auch inhaltlich die Ergebnisse zu beanstanden. Genau dies erleben wir sehr oft mit dem Hinweis, warum dies oder jenes nicht schon längst getan worden sei oder auch bei der Nachfrage, warum der erste Schritt nicht vor dem zweiten getan wurde. Es kommt also darauf an, Zeit und Handeln miteinander in Einklang zu bringen und so auch die Akzeptanz der Adressaten des Handelns erwartbarer zu machen.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski

Big Deal

Zur Physiologie der Geschäfte
Walther Rathenau (1901)

WR sagt, dass in allem, was mit dem Blick auf ein bestimmtes Ziel beginnt, ein Geschäft liegt. Big Deal. Er hat recht. Das Meiste, was wir mit anderen verhandeln, ist auf den Abschluss eines Geschäfts gerichtet. Aber, so sagt WR, weshalb handeln wir? Was ist der Sinn dieses Geschäfts. Macht? Herrschaft über Dinge? Selbstspiegelung? Sicherung des Unterhalts für die Familie oder Vererbungen? WR sagt dann, dass ein wirklich freier Mensch das Anwachsen seines Vermögens nur als eine annehmbare Nebenwirkung seiner Tätigkeit erkennen wird. Er hat beim Geschäft mehr im Sinn als seine Gier. WR sagt: „Ehrlich währt am Längsten“ und meint damit die Beachtung der Integrität. Es ist falsch anzunehmen, dass ein Geschäft nur dann funktioniert, wenn die Interessen beider Parteien entgegengesetzt ist, und nur der eine Vorteile hat, der er den anderen schädigt. WR sagt: Geschäfte funktionieren, wenn alle vorhandene Bedürfnisse erkannt und befriedigt werden. Bedürfnisse erkennen und Bedürfnisse befrieden, das ist das Geheimnis alles wirtschaftlichen Handelns. Dazu braucht es keiner großen Ideen, geistreicher Gedanken und glänzenden Worte, sondern klares entschiedenes Handeln.

WR sagt, dass man, um zu handeln, Organisationen benötigt wie Spinnennetze: „Von jedem Punkt soll eine gerade und eine gangbare Verbindung zur Mitte führen“. WR sagt, dass der Geschäftsmann die Organe kennen und ständig beobachten soll, aber niemals das selbst verrichten, was diese Organe ausführen können. Die wichtigste Arbeit ist solche, die kein anderer vollbringen kann und davon gibt es stets genug. WR sagt: Lass deine Mitarbeiter initiativ werden, sei um ihr Wohl besorgt und nicht ihren Beifall. WR sagt: Wenn du Menschen beurteilst, so frage nicht nach den Wirkungen, sondern nach den Ursachen der Fehler, die sie machen. Dass der Geschäftsmann nur nach dem Erfolg beurteilt wird, ist vielleicht seine beste Erziehung. WR sagt: Im Vorteil ist der Unterhändler, der vom anderen unterschätzt wird. Kleine Schwächen der Auffassung und des Benehmens haben schon manchem genützt, der es nicht ahnte, und viele haben sich um den Erfolg gebracht, weil sie zu wenig Fehler begingen.“

WR sagt: „Es ist nicht möglich, einen Menschen zu überzeugen, geschweige denn zu überreden. Führe neue Tatsachen und Gesichtspunkte an, aber insistiere niemals. Die beste Stärke liegt darin, neue Vorschläge zu ersinnen, sobald starke Einwände erhoben werden.“

WR sagt: „Wenn du Vorschläge machst, so schicke alle schwachen Punkte voraus. Rechne nie darauf, dass dein Gegner etwas übersehen könnte. Setze stets voraus, dein Gegner sei der Gescheitere.“

WR sagt: „Denke dich beständig an die Stelle deines Gegenübers. Erwarte nur, was du selbst in seiner Lage annehmen würdest und erwäge bei allem, was man dir sagt, die Interessen, die dahinterstecken. Denke nicht nur für dich, sondern auch für den anderen.“

WR sagt: „Eine besondere Geschicklichkeit besteht darin, von vornherein zu erkennen, welche Punkte die größeren Schwierigkeiten machen werden und diese Punkte von Anfang an in den Vorverhandlungen zu klären.“

WR sagt: „Es ist eine nützliche Gewohnheit, vor allen noch so ernsten Verhandlungen ein paar Minuten allgemeine Unterhaltung zu führen. Man erkennt im Voraus die Stimmungen, die Absichten und oft das Ergebnis.“

WR sagt: „Bei Menschen, die in Verhandlungen erfahren sind und sich kennen, genügen wenige Worte, um wichtige Dinge zu entscheiden.“

WR sagt: „Zuletzt entscheidet die Wenn du dir bewusst wirst, dass du eine Liebe, die nicht sein kann, nicht weiter nähren kannst. Wenn du die Bindung löst, um neu zu beginnen. Dann wirst du allmählich feststellen, dass diese Person in einen anderen Raum in deinem Kopf und deinem Herzen umzieht. Du wirst immer mehr inneren Frieden spüren. , die die Menschen voneinander haben.“

WR sagt: „Ist eine Geschäftspolitik richtig und arbeitest du mit den geeigneten Mitteln, so werden die Geschäfte dich aufsuchen, wenn die Grundlagen stimmen.“

WR meint: „Der erträglichste und deshalb erstrebenswerteste Zustand der Geldherrschaft scheint mir erreicht zu sein, wenn die Tüchtigsten, Fähigsten und Gewissenhaftesten auch die Begütertsten sind. Ich möchte für diesen Zustand der Kürze halber das Wort Euplutismus gebrauchen. Warum sollte dieses Streben nicht ehrlich ausgesprochen und mit geeigneten Mittel verfolgt werden?“ WR zeigt den Weg durch Abgaben und Zuwendungen, seien diese staatlich oder privat.

In diesem Sinne auf gute Geschäfte!

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski

Tod

Endgültigkeiten, wie der Tod, sind uns lästig. Wir sind es gewohnt, Auswege mit einzuplanen, Endgültigkeiten so zu umgehen oder diese auch in höchster Not zu leugnen. Den Tod gibt es also nicht. Punkt. Basta. Das stimmt aber nicht. Das wissen wir. Der Tod sitzt uns lebenslang im Nacken. Dass er dennoch üblicherweise kein Thema ist, hat damit zu tun, dass wir kaum wissen, wie wir ihm begegnen sollen.

Natürlich gibt es viele und ausufernde Anleitungen, seien diese körperlich, spirituell, leugnend oder beschwörend. Das meine ich aber nicht, sondern ich spreche vielmehr von dem Schluss, der nicht nur uns Menschen, sondern allem wiederfährt, dem Baum wie dem Krokodil und dem Felsen von Gibraltar, um aus der Fülle etwas zu nennen. Der eine oder andere Tod lässt sich Zeit, um vorbereitet und wirkungsvoll aktiv zu werden. Er ist konsequent und erfolgreich.

Aber, wie gehen wir selbst mit diesem Schlussmachen um? Heiter, entspannt, spielen wir eine Sonate, rezitieren wir ein letztes Gedicht, beten wir vielleicht? … Alles ist gut möglich, aber, was kümmert das den Tod? Die Antwort auf die mir selbst gestellte Frage mag überraschen: Es kümmert den Tod mehr, als wir ahnen! Warum? Weil Tod und Leben Geschwister sind, und zwar eineiige, die so miteinander verbunden sind, dass sie sich stets spüren und aufeinander reagieren, ohne den anderen nicht existent.

Mit dem Urknall hat das Leben den Tod herausgefordert und auch ohne unsere Benennung finden Prozesse statt, die sich bedingen, Entwicklungen hervorbringen und Metamorphosen ermöglichen. Ins Leben ist der Tod gestiftet. Er ist die gereifte Form des Lebens, wie bereits erwähnt, ohne den Tod kein Leben. Bereits im Urknall sind alle Phänomene des Lebens angelegt worden. Der Urknall hat sie aus dem Tod erschaffen. Sinnhaftigkeit wie Sinnlosigkeit sind die Vorder- und Rückseiten derselben Medaille.

Man sollte daher alles, was mit dem Urknall ausgelöst wurde, als strukturierte Anreicherung von Erfahrungen begreifen. Es fügt sich alles, das Denken wie das Handeln oder Nichtdenken bzw. Nichthandeln, in einen Prozess ein, der seine ihm verliehene Energie zum Fortschritt nutzt, aber kein werbendes Bewusstsein der Sinnhaftigkeit haben muss. Gäbe es keinen Tod, gäbe es auch kein Leben, es hätte sich der Urknall nie ereignet und wäre die Endgültigkeit niemals eine Herausforderung für uns geworden.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski

Stadtbürger – Bürgerstadt

Etliche Städte waren früher nach meinem historischen Verständnis von einer starken und einflussreichen Bürgerschaft geprägt, denken wir zum Beispiel an Hamburg. Diese Bürgerschaft war nicht nur einflussreich, sondern sie war auch in der Stadt sichtbar, bestimmte nicht nur Politik und Wirtschaft, sondern sorgte für eine gewisse, wenn auch nicht abschließende Kohärenz der Stadtgesellschaft. Und, wie sieht dies heute aus?

Nehmen wir zum Beispiel die Hauptstadt der Bundesrepublik Deutschland: Berlin. Wo ist in dieser Stadt die Bürgerschaft verortet und welchen Einfluss hat sie auf die Gestaltung der Stadt und den Zusammenhalt der Menschen, die in dieser Stadt leben? Für Berlin ist diese Frage möglicherweise schon deshalb etwas schwierig zu beantworten, weil Berlin stark durch seine Bezirke geprägt ist und jeder dieser Bezirke schon traditionell eine unterschiedliche bürgerschaftliche Prägung in Bezug auf seine Urbanität aufweist. Berlin scheint sich hier von anderen Städten in Deutschland zu unterscheiden.

Und doch, wenn auch die Bürgerschaften in Berlin in der Vergangenheit bezirksnah konkurrierten, war jedem Bewohner die stolze Aussage geläufig: „Ick bin een Berliner!“ Hat sich dies, was sich Bürgerstolz nennen darf, gehalten? Ich bin da skeptisch. Ein Pariser bleibt weiterhin Pariser, ein New Yorker New Yorker, um von Rom, London und Madrid gar nicht erst zu sprechen. Wie verhält es sich nun mit Berlin?

Trotz der Nazis und auch des 2. Weltkriegs mit anschließender Teilung und Verlust von wirtschaftlicher und urbaner Bedeutung, konnte bis zur Wende Berlin den Nimbus des Besonderen ausstrahlen und dies sogar nach der Wende, als Hauptstadt aufgewertet, zumindest vorübergehend, noch verstärken. Die Erwartungen waren bei den Bewohnern Berlins groß, dass es gelingen möge, eine selbstbewusste Bürgergesellschaft in dieser Stadt zu erhalten und gar zu stärken. Ist dies gelungen? Und wenn nein, was könnten Gründe für das Scheitern sein?

Ich glaube, dass es viele Lieferanten für meine Skepsis gibt, die miteinander nicht konkurrieren, sondern sich ergänzen. Zum einen ist es die Übernahme Berlins durch die Bonner Politik. Berlin wurde neu als Hauptstadt auserkoren und nicht selbstverständlich aufgrund seines historischen Verständnisses als Hauptstadt anerkannt. Mit Berlin gab es keine politischen Schlachten mehr zu gewinnen, es wurde damit als Stadt politisch bedeutungslos und als wirtschaftlicher Kostgänger lästig. Es galt künftig als Gnade, in und für Berlin etwas zu tun und die Stadt bettelte um Beachtung. Dies durchaus erfolgreich bei jüngeren und älteren Menschen. Berlin war wohlfeil zu haben und im Bereich Kultur und Unterhaltung üppig ausgestattet.

Naheliegenderweise vollzog sich damit auch eine Transformation der Gesellschaft in dieser Stadt, der sich weder die Politik, die Wirtschaft, noch die Bürger entgegenstellen wollten oder konnten. Teilweise stolz, teilweise hilflos empfingen sie diejenigen, die ihr Rentenalter hier in Berlin verbringen wollten, als auch diejenigen, die Berlin als Sprungbrett ihrer Wirtschaftskariere planten. Man sprach jetzt Englisch als Hauptstadtsprache, knüpfte wirtschaftlichen Erfolg an Start-Ups, ließ junge Menschen bei der Übernahme von Straßen, Plätze und Parks für ihre nächtlichen Partys gewähren. Ist die Transformation einer Stadt in etwas anderes einmal eingeleitet, ist eine Schubumkehr kaum mehr möglich. Da vieles in dieser Stadt schon geduldet wurde, obwohl Gesetze, Verordnungen und Regeln eines rücksichtsvollen Zusammenlebens ständig verletzt wurden, scheint sich heute das Gefühl in dieser Stadt ausgebreitet zu haben, dass es besser sei, alles hinzunehmen, weil eine Änderung aussichtslos zu sein scheint. Diese Aussichtslosigkeit drückt sich vielfältig aus, angefangen vom Straßenverkehr bis zur Verwaltung. Nicht, dass der Wille nicht bestünde, etwas ändern zu wollen, aber keiner weiß in dieser Stadt mehr, wie dies zu bewerkstelligen sein könnte und ob es überhaupt noch sinnvoll sei, etwas zu tun.

Die Stadt selbst, die Verwaltung, aber auch viele Bürger, die hier leben, sind einfach von dieser Stadt überfordert. Auch, wenn sie infolge einer verständlichen opportunistischen Haltung noch mitmachen, innerlich haben sie sich bereits abgewandt und sehnen sich weg aus dieser Stadt. Es war einmal ihre Stadt gewesen. Heute ist sie im Griff derjenigen, die die Stadt nur noch als Kulisse für ihre Selbstdarstellung nutzen und denen die Bürger dieser Stadt und ihre Bedürfnisse fremd sind.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski

Was vermögende Menschen wirklich bewegt

Ein Mensch, der zu Lebzeiten ein Vermögen erworben hat, will es in der Regel sichern. Derjenige, der von Todes wegen vermögend geworden ist, sieht sich in der Regel in der Pflicht, dieses ebenfalls zu erhalten und an seine Erben weiterzugeben. Aber auch das Gegenteil kann richtig sein, wenn die Regeln zum Umgang mit Vermögen nicht erlernt wurden. Vermögen, welches durch Spekulationen erworben wird, kann in gleicher Weise zwischen den Fingern verrinnen. Vermögen ist das Ergebnis geronnener Arbeit oder Wagniskapital.

Von der Regel ausgehend, bewegt den vermögenden Menschen, sein Vermögen zu erhalten, Erträge zu erzielen und dieses so zu bewirtschaften, dass er selbst und seine Familie bis zu seinem Lebensende und ggf. darüber hinaus gesichert sind.

Neben der Lebenssicherung durch Vermögen bewegt ihn aber auch die Möglichkeit, das Vermögen zumindest teilweise einzusetzen, um Lebensziele im wirtschaftlichen und philanthropischen Bereich zu verwirklichen. Nebst der Erprobung eigener Fähigkeiten und Umsetzung von Interessen bewegen ihn dabei auch gesamtgesellschaftliche Anliegen, für die er eine Verantwortung übernommen hat. Bleibendes zu schaffen, ist für den vermögenden Menschen schon deshalb wichtig, weil er weiß, dass Vermögen an sich keine Anerkennung bringt und nach dem Tode bedeutungslos geworden ist.

Was zählt, ist, was der vermögende Mensch mit seinem Vermögen bewirkt, sei es durch gemeinnützige Stiftungen, Familienstiftungen oder jede andere Form nachhaltigen Engagements. Sicherung der Familie und der nächsten Generation nebst dem Bewirken von bleibenden Zuwendungen zum Beispiel im Rahmen von Stiftungen verleihen dem Vermögen Sinn.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski

Gier

Eine Wahrnehmung möchte ich mit den Lesern teilen, wobei ich mir nicht sicher bin, ob ich damit richtig liege. Ich jedenfalls bilde mir ein, feststellen zu können, dass Menschen, die bereits über ein hohes Einkommen oder auch ein beträchtliches Vermögen verfügen, sich gezwungen sehen, ihr Einkommen zu mehren und das Vermögen zu vervielfältigen. Da dies einer grundsätzlichen Haltung zu entspringen erscheint, spielt es dabei keine Rolle, ob es sich um jüngere Menschen oder schon sehr alte Menschen handelt.

Genetische Präpositionen kann ich mir dabei allerdings nicht vorstellen, denn diese Art der Vermögensmehrung, falls ich das richtig sehe, konnte sich in aller Intensität erst in relativ kurzer Zeit entwickeln. Es ist zu konstatieren, dass Sammeln und Horten ein Lebensprinzip ist, das nicht nur das eigene Überleben, sondern auch das der kommenden Generationen sichern kann. Könnte man also die These aufstellen, dem gierigen Menschen ginge es vor allem um seine Lebenssicherung?

Nach meiner Anschauung ist dies nicht der Fall. Denn die Gier wächst selbst dann, wenn alle versorgt sind und sogar vorgesorgt ist. Ob Nachkommen vorhanden sind, spielt auch eine eher untergeordnete Rolle. Was ist also Gier und was treibt Menschen, sich immer mehr Einkommen und Vermögen einzuverleiben, wenn keine Not besteht? Vielleicht beruht dieses Verhalten auf einer Fehlwahrnehmung der Wirklichkeit, vielleicht spielen Defizite eine Rolle, die ausgeglichen werden sollen, vielleicht ist es aber nur ein Spiel, eine Herausforderung der eigenen Möglichkeiten?

Ich weiß es nicht, kann diese Frage nicht beantworten und bin davon überzeugt, dass es nicht die eine Antwort gibt. Es gibt aber Regeln, an die man sich halten sollte: Frage einen Vermögenden nie um seine Unterstützung, sondern ermögliche ihm zu erkennen, dass bestimmte Unterstützungsleistungen für andere vor allem seinem Interesse entsprechen. Da Vermögende sehr oft wehleidig und empfindlich sind, begegne ihnen souverän und selbständig, damit sie erkennen, dass es nutzlos ist, beeindrucken zu wollen. Gier ist eine gesellschaftliche Belastung und eine Persönlichkeitsstörung, die ein Krankheitsbild aufweist und behandelt werden muss. Leider erfährt sie aber in Verkennung ihrer Störung weitgehend Respekt, manchmal sogar Bewunderung und löst nur Stillstand aus.

Hier wäre eine Thematisierung dieses Phänomens aber wichtig, um denen von der Gier Betroffenen eine Chance zu geben, in die Gemeinschaft zurückzufinden. Denn eines ist klar, hilfreich ist diese Haltung in keiner Weise und spätestens der alte Mensch erfährt, dass man ihn der Gier wegen in der Familie verachtet, aber die Nachkommen bereits infiziert sind.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski

Ahnung

Nicht, dass es in der Vergangenheit nicht auch schon Erkenntnisse gegeben hätte, die trotz ihrer Behauptung allein auf Vermutungen beruhten. Aber grundsätzlich sind sich alle Menschen darin einig, dass unser Wissen auf einem Denken fußt, dass in der Lage ist, erwiesene Tatsachen zu schätzen. So feindlich sich Geistes- und Naturwissenschaften gegeneinander gebärden mögen, so recht ähnlich sind sie sich dennoch bei der Wahl der Mittel, mit denen sie ihren Werkstoff bearbeiten.

Ihr Werkstoff ist eine Wirklichkeit, von der die Naturwissenschaften behaupten, sie sei fassbar, sei real. Paradoxerweise sagen die Geisteswissenschaften dasselbe, werden aber von den Naturwissenschaften mit der Behauptung konfrontiert, sie erfänden nur eine Wirklichkeit, um sie zu bearbeiten. Die Geisteswissenschaften wollen ihrerseits nicht nachstehen, sondern verblüffen mit der Aussage, dass nicht wirklich sei, was wirklich erscheine.

Das erbost nun jeden Naturwissenschaftler, obwohl er für sich selbst nicht ausschließen kann, dass er die Geisteswissenschaften benötigt, um überhaupt den Sinn seines Erforschens der Wirklichkeit zu erklären. Wie soll man aber die Kohärenz in allem erkennen, wenn man nur das Zerlegen gelernt hat?

Denken und Handeln sind die geläufigen Werkzeuge der Erkenntnis, die stets an Grenzen stößt, weil sie dem Fühlen, der Ahnung, dem Ungewissen und Ungefähren, das sich unfertig mitteilt und keine Formung hat und bereit ist, ungesichert zu bleiben, keine Berechtigung zubilligen will. Für das Unfassbare, für das normativ nicht zu Ordnende, haben wir keine Sprache. Wir könnten es Platz nehmen lassen, neben unseren Gedanken in der Hoffnung, dass es bereit ist, etwas Entscheidendes mitzuteilen.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski

Urknall

Goethe wollte sich selbst befragend wissen, was die Welt im Innersten zusammenhält. Substantiell können Forscher dies heute sicher nachweisen. Weitgehend sind die Forscher inzwischen auch mit ihren Analysen in den Weltraum vorgedrungen und können das interstellare Gefüge so beschreiben, dass auch hier jedem eine Ordnung vermittelbar ist.

Es soll einen Urknall gegeben haben und dann stoben Partikel in einen unendlichen Raum, gestalteten Galaxien und verantworteten nicht sichtbare Materie, weil deren Gravitation so schwer war, dass sie selbst das Licht verschlungen hat. Das Universum vermessen wir nach Lichtjahren und machen es nach unserer Einschätzung einigermaßen gefügig. Selbst Hawkings hat schon über Parallelwelten spekuliert, die allerdings ähnlichen Gedankenmustern gehorchen müssen, wie die Welten, die wir als erfassbar begreifen.

Sehen wir jedoch einmal davon ab, was uns der Mystizismus anbieten könnte und unterstellen wir die Wirksamkeit des Urknalls, müssen wir uns doch eingestehen, dass wir überhaupt nicht einschätzen können, was diesen Urknall zwingend ausgelöst hat und wie der Raum tatsächlich beschaffen ist, in dem sich seither das gesamte Spektakel vollzieht. Alles, was wir wahrnehmen können, beruht auf unseren Annahmen, unserem Verständnis von Zeit und Raum und unserer Sucht nach Erkenntnis, die die eine Erkenntniswahrscheinlichkeit zwingend zur Folge hat.

Wenn sich im Nichts sämtliche Phänotypen des Etwas verbergen, stellt sich uns unwissenden Menschen die Frage, warum sich das „Nichts“ uns mit „Etwas“ offenbart. Aus menschlicher Sicht wäre auch denkbar, dass wir gleichzeitig das Nichts und das Etwas wahrnehmen und nach Opportunitätsgesichtspunkten verteilen. Solange wir selbst die Maßstäbe für unsere Weltenerfahrungen setzen, werden wir stets mit etwas bedacht werden, das dem undefinierbaren Nichts völlig unbedeutend, aber uns existenziell wichtig sein könnte.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski

Globalisierung

Der Begriff Globalisierung wird mit dem Wirtschaftsverkehr, dem Austausch von Daten, Tourismus, Seuchen und Pandemien sowie Umweltzerstörung in Verbindung gebracht. Gibt es etwas Anderes? Für mich: ja. Vor einiger Zeit war ich im Iran. Einmal abgesehen von den Abgaswolken in Teheran begegnete ich den gepflegtesten, kultiviertesten und gastfreundschaftlichsten Menschen. Wie kann das sein trotz eines Systems, das Menschen unterdrückt, ihrer freien Meinungsäußerung beraubt und teilweise auf das Schrecklichste quält.

Vor einiger Zeit war ich in der Türkei, einem wunderbaren Land mit großzügigen und aufgeschlossenen Menschen, sehr verständnisvoll und witzig. Und auch in diesem Land muss ich zur Kenntnis nehmen, dass die Bürgerrechte weitgehend eingeschränkt sind und Willkür den Alltag kennzeichnet. Israel, ein von lebendigen Metropolen gekennzeichnetes Land mit aufgeschlossenen Menschen unterschiedlichster Verhaltensweisen, Einstellungen und Meinungen. Aber auch hier Intoleranz, Rechthaberei und Abgrenzung. Russland, dem ich familiär verbunden und schon aus diesem Grund dessen Kultur, Geschichte und Menschen sehr nahe bin, ist in diesem Zusammenhang zu nennen. Auch in diesem Land gibt es „schwarze Männer“, die Unterdrückung und Bevormundung sowie Reglementierung als Staatsziel begreifen.

Ein Abdruck meines Herzens befindet sich in den USA, denn erfuhr ich doch als Austauschschüler dort das wohl prägendste Jahr meines Lebens. Gerade weil mich dieses Jahr auch zum Amerikaner gemacht hatte und ich viele großartige Menschen damals und auch bei meinen heutigen Besuchen in New York begegne, macht mich das Maß an Intoleranz, Dummheit und Menschenverachtung in Teilen dieser Gesellschaft fassungslos.

Die Menschen in Südafrika zeichnet Wärme, Gastfreundschaft und Lebensfreude aus. Dies trotz Apartheid, die nicht völlig überwunden zu sein scheint, Korruption und Feindseligkeiten den Alltag von Menschen erschweren und verhindern, dass HIV und Tuberkulose nachhaltig bekämpft werden können. Von arabischen Ländern, wie Jordanien, Syrien, dem Libanon und Ägypten möchte ich sprechen. Länder, die nicht nur eine großartige kulturelle Geschichte, sondern auch Freundlichkeit, Gastlichkeit, Kultur und Schönheit auszeichnet. Und doch weisen auch diese wunderbaren Länder auf der anderen Seite ihres Verständnisses schreckliche Momente der Verachtung des Menschen, seiner Interessen, seiner Entwicklungschancen und seiner Lebensinteressen aus. Und von Chile, einem Staat, in dem ich mich aufgrund einer Reise auch familiär verbunden fühle, kann ich ähnliches berichten und rufe zuletzt Frankreich und Deutschland auf. Zwei Länder, die ich in einem Atemzug nennen darf, weil ihre Verbindungen so mannigfaltig sind und trotz aller Unterschiedlichkeit ein Stück Heimat für mich darstellen. Auch in diesen beiden Ländern gibt es Bedrohungen, die allerdings nicht staatlich gelenkt, sondern sich aus dem Populismus heraus entwickeln mit dem Ziel, Deutungsmacht über das Leben anderer Landsleute zu gewinnen.

Bei meinen Aufzählungen habe ich kurz und knapp das Missfallen an Entwicklungen in den als Auswahl genannten Ländern nicht verschwiegen. Ich habe aber auch deutlich gemacht, dass ich überall in dieser Welt auch auf wunderbare Menschen, Hilfsbereitschaft, Wohlwollen, Gastfreundschaft und Zuneigung gestoßen bin. Für mich ist es ein Ausdruck der Globalisierung, diese Erfahrungen machen und mit anderen teilen zu dürfen. Es ist viel schöner auf dieser Welt und die Menschen sind trotz aller Belastungen und Einschränkungen so viel mutiger und optimistischer als wir uns dies wechselseitig oft glauben machen wollen.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski

Konsumismus

Die Wirtschaft wieder ankurbeln. Das ist das zentrale Anliegen der Regierungen trotz Corona-Epidemie. Die ist nicht vorbei, hat aber einen anderen Stellenwert in der öffentlichen Wahrnehmung erfahren. Menschenleben gegen Wohlstand. Die Abwägung geschieht klammheimlich, denn mit der Wirtschaft geht es bergab und wenn der Markt nicht mehr funktioniert, hat der Staat auch keine Einnahmen. Steuern sind indes wichtig, um die ungeheuren Schulden zu bezahlen, die sich in Europa und jeder anderen europäischen Nation auftürmen.

Da die Märkte global angelegt sind, beschränkt sich die Verschuldung nicht auf Europa, sondern hat globale Aspekte. Wer soll die Wirtschaft wieder in Schwung bringen? Unsere Regierung gibt die Antwort: der Konsument. Deshalb wird zumindest vorübergehend die Umsatzsteuer gesenkt und werden und wurden Geldgeschenke verteilt. Die Aufforderung ist unmissverständlich. Der Konsument soll alle ihm zur Verfügung stehenden Mittel einschließlich Reserven nutzen, um auf den Markt zu gehen und zu kaufen und die Käufe zu feiern. Dies natürlich vorzugsweise nicht im Ausland, sondern im Heimatland.

Das ist nicht der Ruck, sondern der „Wumms“, der durch Deutschland gehen soll. Der Konsument ist gefragt, die Shopping Malls sind rund um die Uhr wieder geöffnet. Der strategische Nutzen für die Wirtschaft, wie wir sie bisher kannten, ist nachvollziehbar. Die Frage ist allerdings, ob dies so weitergehen kann und soll.

Erlaubt uns Corona nicht vielleicht die Möglichkeit, wieder grundsätzlicher nachzudenken? Hat denn Menschen das Shoppen, der ständige Konsumismus attraktiver und glücklicher gemacht? Ich glaube nicht. Über die Vorsorge, die Bedürfnisse und die Notwendigkeiten hinaus zu konsumieren, schafft einen Warenreichtum, der nicht nur die Umwelt belastet, sondern auch keinerlei Befriedigung verschafft. Durch den Konsumismus werden die Menschen in ein Anspruchsverhalten gelockt, dass wie eine Droge ihnen abverlangt, dieses Anspruchsverhalten nie wieder aufzugeben.

Ansprüche machen indes nicht nur einsam, sondern verstärken die Ich-Sucht. Wenn Anspruch auf Anspruch folgt und dies auch staatlich befürwortet wird, dann ist es naheliegend, dass jeder, ob reich oder arm, und zwar jeder auf seinem Niveau den Eindruck hat, er sei zu kurz gekommen, seine Ansprüche seien nicht hinreichend bedacht und befriedigt. Die Folge von Konsumismus ist Egozentrik, die unnachgiebig auf das eigene Wohl bedacht ist, das allerdings aufgrund des permanenten Anspruchsverhaltens niemals befriedigt werden kann.

Wenn wir in Corona-Zeiten etwas lernen dürften, dann Aussagen, wie das Handeln des Staates, der Gesellschaft, der Wirtschaft und unser eigenes Verhalten zu hinterfragen sei. Wir sollten anfangen, uns auf unsere wirklichen Bedürfnisse zu beschränken und dadurch zu einer Entlastung der Gesellschaft von Überflüssigem beizutragen. Dann würde ein Ruck durch Deutschland gehen, der uns hellsichtiger und reicher machen würde.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski