Archiv der Kategorie: Wirtschaft

Entgrenzung II

Diese Corona-Epidemie passt zu unserem Zeitgeist. Wäre sie nicht von selbst über uns hergefallen, so hätten wir sie wohl inszeniert. Corona ist die Zeit der allgemeinen Abrechnung mit anderen Menschen, mit der Wissenschaft, mit der Wirtschaft, mit der Menschheit und schließlich mit der Demokratie.

Corona schreddert all das, was bisher durch Erfahrung, strukturelle Ordnung, wissenschaftliche Erkenntnisse und Gemeinsinn noch gesichert erschien. Corona ist unsere Abrechnung mit der Realität durch organisierte Meinungsgewissheit. An die Stelle des Offensichtlichen tritt die Meinung, und zwar auch dann, wenn sie nicht mehr die eigene ist, sondern eine durch Verschwörung und mediale Verstetigung evozierte Gewissheit.

Zu unserem selbstvergewisserten Demokratieverständnis gehört die Meinungsfreiheit. Was ist aber damit gemeint? Eine Fülle unterschiedlicher Meinungen kulminieren zu einem Punkt der verabredeten Gewissheit. Wenn jeder Mensch nur eigene Erfahrungen macht und diese eigenen Erfahrungen als seine Meinung verbreitet, dann sind sie selbst dann relevant, wenn sie schließlich nicht zu dem von dem Meinenden gewünschten Erfolg führen. Es kommt also auf die Schnittmenge aller Meinungen an.

Anders verhält es sich allerdings dann, wenn Meinungen keinem individuellen Erkenntnisprozess mehr entsprechen, sondern einer kollektiven Verabredung. Diese Verabredungen können genährt werden durch die Klickzahlen im Internet, durch Verschwörungsaggregate oder auch Gleichgültigkeit. Erkennbar weichen selbst Wissenschaftler, aber vor allem Politiker, Abgeordnete und Regierungen vor der Meinungsmacht zurück und lassen es zu, dass organisierte Meinungen nicht nur verbreitet, sondern auch gesellschaftlich anerkannt werden. Dabei verkennen diejenigen, die so handeln, dass mangels immanenter Meinungsvielfalt, die sich etablierende Meinungsbestimmtheit erhebliche negative Auswirkungen auf unsere Demokratie haben wird.

Das Zurückweichen unserer politischen Institutionen, unseres Staates und unserer Politiker vor der organisierten Meinungsmacht trägt dazu bei, dass wir unregierbar werden. Die Zukunft wird nicht mehr durch Verabredungen bestimmt, die selbst dann Geltung beanspruchen sollten, wenn sie sich als falsch herausstellen. Die Zukunft wird auf Meinungsmacht gegründet. Meinungen benötigen aber keine Rückkopplung zur Wirklichkeit und sind auf Verantwortung nicht angewiesen. Meinungen weisen keinerlei Verbindlichkeit auf. Nicht nur individuell, sondern auch kollektiv kann jeder seine Meinung ändern und wenn dann die medial aufbereiteten Meinungen Grundlage unserer Ordnung sein werden, dann ist es mit dieser vorbei. Zu vermuten ist, dass nach Erosion all unserer bisherigen Gewissheiten eine neue Ordnung sich etablieren und effektiv in der Lage sein wird, mittels meinungsfreier Termitenintelligenz eine neue Welt zu erschließen.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski

Impact Investing

Es ist entspricht der DNA einer Stiftung, Kapital einzuwerben, Erträge zu generieren und den Stiftungszweck zu erfüllen. Abgesehen von dieser eher funktionalen Betrachtungsweise wohnt der Stiftung aber auch eine Bedeutung inne, die darüber hinaus reicht. Jede Stiftung verfolgt eine Mission im Sinne ihres Zwecks. Mit Gründung einer Stiftung gewinnt dieser Zweck an Priorität gegenüber der Willensmacht und den Interessen eines Stiftungsorgans.

Die Mission be­stimmt den Mittelerwerb und die Mittelverwendung, das Anlageverhalten und die Integrität aller Gremienmitglieder der Stiftung. Es geht um die Sache an sich, sei es bei der Mehrung des Stiftungsvermögens durch Aktien oder Beteiligung an Fonds oder den Erwerb, Ausbau und Vermietung von Immobilieneigentum der Stiftung. Stets ist die Mission der Stiftung Leitstern ihres Verhaltens.

Nicht optimale Einnahmen, Gewinne oder lautstarke Zweckverwirklichungsmaßnahmen sind die Merkmale guten Stiftungsverhaltens, sondern die Beachtung der verpflichtenden Mission. Entsprechend wird sich die Stiftung nur an Fonds beteiligen oder Aktien erwerben, die dieser Mission nicht widersprechen, bei der Errichtung von Gebäuden auf eigenem Grund und Boden darauf achten, dass nur zeitgemäße umweltfreundliche Materialien verwendet werden, die Beschaffenheit und Größe von Wohnungen weniger den Profitinteressen als den Anliegen der Mieter dienen und schließlich der durch die Mission der Stiftung gesetzte Rahmen auch bei der Bemessung des Mietzinses nicht überschritten wird.

Nur im Zusammenwirken aller bei der Stiftungserrichtung bedachten Faktoren im Sinne eines die Einzelinteressen übersteigenden Anliegens wird die Stiftung ihrer Bedeutung auf Dauer gerecht.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski

Sharing

Unsere Begriffswelt strotzt vor Anglizismen. Dennoch habe ich nicht das deutsche Wort „teilen“ hier gewählt, sondern Sharing. Sharing ist mehr als Teilen. Es umfasst das gemeinsame Teilen. Unter Sharing-Economy verstehen wir eine Wirtschaftsform, die sich dadurch mitteilt, dass alle am Produktionsprozess beteiligten Menschen ihren Erfolg miteinander teilen. Bei der Sharing-Economy ist der Konsument, wie auch der Produzent gleichermaßen in der Pflicht, etwas zu gestalten, das sinnvoll ist und alle bereichert, den Konsumenten, wie den Produzenten, den Distributer genauso wie den Investor. Es geht um ein gemeinsames Anliegen.

Themen gemeinsamer Anliegen finden sich bei der Müllvermeidung, wie bei der Lebensmittelrettung, dem Klimaschutz und der Mehrfachnutzung von Böden und Gerätschaften. Der Gedanke der Share-Economy ist übertragbar in fast alle Bereiche menschlichen Zusammenlebens, um den größtmöglichen Nutzen für alle aus vorhandenen Ressourcen und deren Handhabung zu schaffen.

Auch, wenn Mehrwerte und Profite entstehen, Leistungsanreize geschaffen werden und Fortschritt willkommen ist, entspricht es der Logik, bisheriges, auch nutzbringendes Verhalten zu überprüfen und dieses neuen Herausforderungen anzupassen. So findet Sharing künftig zum Beispiel auch darin seinen Ausdruck, dass in Restaurants statt prall gefüllter Teller Schüsseln auf den Tisch kommen und die Gäste das, was sie nicht essen können oder wollen, mitnehmen und auf der Straße verteilen. Dies geschieht in vielen Ländern aus religiösen oder sittlichen Gründen, jedoch noch nicht bei uns.

Sharing heißt aber, Verantwortung zu übernehmen für sich selbst, für andere und für die Sache. Zu teilen ist gerecht und ein Zukunftsversprechen für unsere Kinder und Enkelkinder. Deshalb wünschen wir uns das Essen aus Schüsseln und „doggy bags“.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski

Geld für alle

Wir haben Grund zu staunen. Wer Geld unter das Kopfkissen schiebt, hat allen Grund dazu, sich zu fürchten, dass Diebe ihnen das Ersparte wegnehmen. Wer Geld auf die Bank bringt, hat allen Grund dazu, anzunehmen, dass er Verwahrgebühren bezahlen muss und sich dieses Geld allmählich von selbst verzehrt. Es gibt Geld im Überfluss, in rauen Mengen und die EZB kann noch mehr davon drucken, wenn es sein muss. Diese Großzügigkeit in der Geldvermehrung, die sattsam bekannten Spekulationen und hohen Verschuldungen stehen in einem merkwürdigen Kontrast zur Wahrnehmung der finanziellen Situation einzelner Menschen.

Für die meisten Menschen ist Geld „geronnene Arbeit“. Das hat Karl Marx „so festgelegt“. Der einzelne Mensch kann kaum begreifen, dass Geld für Banken aber auch für Staaten und über-staatliche Organisationen Verschiebungsmasse für Vorteile und Disziplinierungen darstellen kann. So funktionieren offenbar politische Gestaltungsprozesse. Die einen sagen: stärkt die Exportwirtschaft und wir alle haben mehr davon, Arbeitsplätze werden geschaffen, das Lohnniveau steigt. Andere sagen: weniger Exportwirtschaft mehr Geld im Binnenmarkt und damit mehr Geld für Arbeitnehmer und die Konsumenten, damit der Binnenhandel floriert.

Irgendwie leuchtet das ein, denn, wenn es uns besser geht, wir mehr Geld bekommen, dann haben auch andere europäische Unternehmen eine Chance, ihre Waren hier anzubieten und alle nehmen teil am Wachstum. Aber nichts dergleichen geschieht, denn was geschieht, bestimmt schon längst nicht mehr allein die Politik, sondern die Wirtschaft. Die floriert und Deutschland lässt sich als Exportweltmeister feiern. Aber was hat der einzelne Arbeitnehmer, nein der einzelne Mensch in Deutschland davon? Viele sind gefangen in Hartz-IV, in unteren Lohngruppen, in Teilzeitarbeit, in Aushilfejobs und Lethargie angesichts des wirtschaftlichen Farbenrauschs, die Geldorgien, die er zwar wahrnimmt aber gesellschaftlich für ihn unerreichbar sind.

Und was wird getan? Wohngeld, Elterngeld, Sozialhilfeangebote, Pflegezuwendungen, Zuschüsse für Einrichtungen aber kein „Empowerment“ des Bürgers in der Zivilgesellschaft, sein Leben selbst zu gestalten und ihm hierfür die günstigen gesellschaftlichen Rahmenbedin-gungen zu schaffen: Stärkung der Familie, Erhaltung von Bildungseinrichtungen, Schutz der natürlichen Ressourcen und natürlich auch Verteilungsgerechtigkeit.

Die Politik kann der Wirtschaft das Handeln nicht überlassen, sondern ist selbst gefordert, den Contrat Social neu zu schreiben und alle Akteure des öffentlichen Raums darauf zu verständigen; auch nicht dem Staat, der seine Rolle überdenken muss als zentrale Geldverteilungsmaschine. Seine Aufgabe ist es, die Voraussetzungen für die freie Entwicklung jedes einzelnen Menschen zu schaffen, anstatt bräsig seine Allgemeinzuständigkeit zu behaupten.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski

Philanthropie als Motor der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung

Land auf, Land ab ist davon die Rede, dass der Innovationsstandort Berlin verbessert werden müsse. Eine Verknüpfung der Kreativen mit den „Machern“, die Ideen wirtschaftlich umsetzen können, sei notwendig. Es müssten weitere Ausbildungsstandorte und vor allem solche der wirtschaftsnahen Umsetzung von wissenschaftlichen Erkenntnissen geschaffen werden. Es heißt auch, in Berlin müsste eine neue Industrie entstehen.

Für die wirtschaftliche Entwicklung sei es außerordentlich wichtig, Patente zu erzeugen und für weit gefächerte staatliche und europäische Fördermaßnahmen zu sorgen. Wie das alles geschehen soll und welchen Nutzen unser Gemeinwesen von horrenden Investitionen in immer neue Standorte haben wird, hinterfragt niemand. Das wirkliche Ziel ist derart im Nebel, dass es leicht fällt, sich unterzuhaken und gemeinsam zu beschwören, was im Interesse einer wirtschaftlichen Entwicklung unbedingt von Nutzen sei. Da der Zusammenschluss von Kreativität und wirtschaftlicher Ausbeute so verheißungsvoll klingt, wird in Kauf genommen, dass ein solches Vorhaben völlig übersteuert ist, keiner den Nutzen dieses komplexen Gedankens erklären kann und schließlich überhaupt nicht nach den Protagonisten derartiger Überlegungen gefragt wird.

Die Jugend ist heute auch nicht kreativer, als die Jugend es früher war. Kreativität kann man nicht verordnen. Sie ist vielleicht in ihrer Pluralität gar nicht so wichtig, wie sie bedeutungsschwer in den Worten mancher Politiker anklingt. Die Jugend ist daran interessiert, wie alle Generationen davor auch, sich einigermaßen wirtschaftlich zu entwickeln, ein soziales Netz zu pflegen, ein Familienleben zu gestalten und individuellen Freizeitaktivitäten nachzugehen. Um diesem Lebenszweck gewachsen zu sein, ist die Jugend generell fleißig und betriebsam, lässt mit anderen Worten Industria walten, um sich gemeinschaftlich und auch individuell in diesem Leben behaupten zu können. Das war schon immer so. Unser Leben hat sich aber verändert. Technisch ist es durch die Computerwelt, wirtschaftlich durch Massenproduktion und sozial durch eine sich entwickelnde Bürgergesellschaft bestimmt.

Das ist der Jugend sehr wohl bewusst und deshalb sind sehr viele Jugendliche auch via Internet außerordentlich daran interessiert, das Potenzial philanthropischer Einrichtungen zu ergründen. Eine der ganz großen Möglichkeiten philanthropischer Einrichtungen ist zunächst deren Ungebundenheit und Freiheit von unmittelbarer staatlicher Bevormundung. Der Staat ist für gesellschaftlichen Fortschritt nicht zuständig, sondern seine Bürger, individuell und in der Gemeinschaft. Im philanthropischen Bereich werden eine Fülle von Dienstleistungsformen unterschiedlichster Art entwickelt, auch Werte und Patente geschaffen, die eingesetzt werden können.

Der philanthropische Bereich gewährt Arbeitsplätze, stellt Minikredite, auch Venture Capital zur Verfügung und lässt es vor allem zu, über die Grenzen der Realwirtschaft hinaus multiple Fähigkeiten zu erproben. Die Philanthropie sollte von der Realwirtschaft profitieren, weil Handlungsabläufe verbessert und der Gesamtauftritt effektiver gestaltet werden könnten. Andererseits verfolgt die Philanthropie nicht nur profitwirtschaftliche Gesichtspunkte mit dem Ziel, das Erworbene finanziell zu erhalten und zu mehren, sondern versucht zu vermitteln, dass Geben bereichert, der Einsatz für andere sich auszahlt und die Seinsbestätigung durch Zuwendungen erfolgreich ist. Das erkennen Jugendliche sehr genau und gerade die Verbindung zwischen ideeller Zielsetzung und wirtschaftlicher Betätigungsmöglichkeit erlaubt es Jugendlichen, ihre gesamten vielfältigen Fähigkeiten und Potenziale, also ihre Kreativität, auszuspielen. Sie können grenzenlos spinnen, neue Erfahrungen normativ bändigen und dadurch für wirkliche Innovationen in unserer Gesellschaft sorgen. Wertvoll ist das, was der Mensch als wertvoll erkennt. Wenn der Mensch die Kraft der Philanthropie zu erkennen vermag, steht die Tür weit auf für ganz neue sinnbildende Erfahrungen für alle Generationen, die jungen und die alten Kreativen.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski

Wohnung

Nach meiner Auffassung wird die Geschichte des Wohnens völlig falsch erzählt. Die gängige Geschichte ist, dass es Eigentümer von Häusern oder Wohnungen gibt und diese als Vermieter Wohnungssuchenden ihre Wohnungen zur Nutzung auf Zeit überlassen. Das stellt die Wirkgeschichte des Wohnens eigentlich auf den Kopf. Betrachtet man den Vorgang richtig, ist der Handelnde nicht der Vermieter, sondern der Mieter, der zwecknotwendigerweise Dritte, wie den Eigentümer bzw. Vermieter benötigt, um seine Wohnbedürfnisse zu befriedigen.

Um das Vorhaben des Mieters umzusetzen, stellt sich die Frage, was andere leisten können, sollen oder müssen und was der Mieter selbst zu leisten im Stande ist, um seine Wohnbedürfnisse zu befriedigen. Dabei geht es auch um die Suche einer geeigneten Wohnung, Berücksichtigung spezieller Bedürfnisse und Interessen, um die zu zahlenden Entgelte, Finanzierung, Darlehen, Ausbau und Unterhaltung.

Es ist wichtig, wie die Geschichte des Wohnens in der Gesellschaft erzählt wird. Der Mieter ist nicht Bittsteller und der Vermieter auch nicht der Despot, sondern es handelt sich um eine Übereinkunft auf gesellschaftlicher Ebene, menschliche Grundbedürfnisse wie Wasser und Energie zu gewährleisten. Es geht aber auch um Glücksmomente, denn Wohnen, das nicht als Belastung empfunden wird und auch nicht in erster Linie der Profitgier von Vermietern dient, schafft Selbstbewusstsein, unternehmerische Bereitschaft und Zufriedenheit.

Wie die Gewährleistung von Bildung gehört auch die Gewährleistung von Wohnen zu den grundlegendsten Verpflichtungen unserer Gesellschaft und kann nicht allein vom Geld, Zufällen und vom Vermieter abhängig gemacht werden.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski

Wachstum

War bis noch vor Kurzem Wachstum der Schlüssel zur gesellschaftlichen, nein sogar menschlichen Entwicklung, erfährt Wachstum heute eine negative Aufladung. Die einen meinen, dass Wachstum erforderlich sei, um die zivilisatorischen Errungenschaften zu sichern und dabei auch weiter auszubauen, während andere meinen, Wachstum zerstöre unser ökologisches Gleichgewicht und sei schädlich für die Welt. Die einen fürchten das ungebremste Wachstum, die anderen meinen, ein gebremstes Wachstum sei möglich und schließlich wollen einige sogar auf jedes Wachstum verzichten.

Dabei ist immer von dem ökonomischen Wachstum, das Auswirkungen auf unsere Lebensgestaltung habe, die Rede. Unbestreitbar hat ökonomischer Wachstum zeitweilig zumindest für einige zu enormen wirtschaftlichen und kognitiven Möglichkeiten beigetragen. Wachstum hat nicht nur Kriege ermöglicht, sondern diese auch verhindert, ist mitverantwortlich für Lebensverlängerung und Gesundheit. Wachstum hat Demokratie ermöglicht und Liberalität erzeugt.

Es wäre daher aus meiner Sicht falsch, Wachstum als verwerflich abzustrafen und den Versuch zu unternehmen, Wachstum auf null zu stellen bzw. umzudrehen. Nicht das Wachstum ist schuld an unserer ökologischen Misere, sondern es sind wir selbst, weil wir offenbar übersehen, dass Wachstum nur ein wichtiges Werkzeug dazu ist, auch künftigen Generationen ein lebenswertes Leben zu ermöglichen und diesen Planeten für die Menschen zu erhalten.

Wachstum muss sich allerdings entkoppeln vom Shareholder Value und sich einklinken beim Stakeholder Value. Nicht der Reichtum Einzelner kann das Wachstumsziel sein, sondern das Nutzen der Renditen, um uns alle weiter voranzubringen. Dort, wo geschaffen wird, entstehen Gewinne, das ist selbstverständlich, aber, ob und wie Gewinne verwandt werden, ist ein noch zu bestellendes Feld.

Wir haben Chancen und Möglichkeiten, unsere vorhandenen Errungenschaften zu nutzen, um neue Tätigkeitsfelder zu erschließen, wenn wir Wirtschaft und Ethik nicht als Gegner oder Ethik allenfalls unter Compliance-Gesichtspunkten sehen. Die Ganzheitlichkeit in wirtschaftlichen Prozessen, die Philanthropie könnte uns die Augen zu neuen und umfassenderen Tätigkeitsfeldern eröffnen, wenn wir ressourcenschonend, gemeinschaftlich orientiert, bedarfsgerecht die Ziele unseres Einsatzes definieren. Geld ist tot. Der Kapitalismus alter Prägung ist tot. Wenn wir die bisherigen systemischen Erfahrungen aus der Wirtschaft nutzen und Neues erproben, dürfte sich ein Kosmos neuer Möglichkeiten auftun. Packen wir es an!

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski

Kontrollverluste

Kontrollverluste sind nicht ungewöhnlich. Wir nehmen sie in den Bereichen Politik, Wirtschaft und Gesundheit täglich war. Aber trotz der Allgegenwart von Kontrollverlusten, vermögen wir uns daran, die Kontrolle zu verlieren, nicht zu gewöhnen. Woran liegt das? Natürlich wird jeder Verlust negativ beschrieben, der Verlust der Arbeitsstelle oder eines wichtigen Gegenstandes. Aber, mit einer derartigen Verlustangst hat der Kontrollverlust wenig zu tun. Die Kontrolle zu verlieren, greift vielmehr tief in unsere Wesenheit ein, macht uns schutzlos. Dabei wissen wir gar nicht, ob die Kontrolle, die wir ausüben wollen, tatsächlich sinnvoll ist.

Womöglich versuchen wir etwas zu kontrollieren, was sich unserer Kontrolle eigentlich entzieht, sich unabhängig von unserem Ordnungssinn gemacht hat. Dann ist der Verlust mit Angst und Unsicherheit verbunden. Je mehr wir meinen, die Kontrolle zurückerobern zu müssen, desto mehr verfangen wir uns in der Ausweglosigkeit, die Kontrolle zu behalten. Kontrolle behauptet, dass es ein System gäbe, eine Ordnung, die einzuhalten bestimmten klaren Vorgaben entspricht.

Diese Vorgaben können sehr persönlich sein, aber auch gesellschaftlich, wirtschaftlich oder politisch geprägt. Da wir die Angemessenheit und Wichtigkeit unseres Systems behaupten, beanspruchen wir auch deren Kontrolle. Wir erleiden Kontrollverlust, wenn sich das System oder – im persönlichen Bereich – zum Beispiel der Körper dieser Herrschaft entzieht.

Ohne unsere Ermächtigung könnten in allen denkbaren menschlichen, gesellschaftlichen oder technischen Bereichen andere Systeme die Kontrolle übernehmen und uns Verluste zufügen, ohne dass dadurch die Richtigkeit unserer Ordnung prinzipiell in Frage gestellt wird. Kontrolle stellt die Machtfrage und nicht die Frage nach Vernunft, Richtigkeit und Angemessenheit. Der Verlust der Kontrolle ist daher auch keine Katastrophe, sondern nur das Übel einer temporär oder auf Dauer angelegten Machtlosigkeit in bestimmten Umständen.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski

Rationalisierung

Merken wir uns: Alles, was wir machen, ist von Menschen für Menschen gemacht. Wie verträgt diese Behauptung sich aber mit der progredienten Wegrationalisierung von Menschen im Arbeitsprozess? Was sind die Konsequenzen? Ist die Behauptung denn dann richtig, wenn man bedenkt, dass überall Arbeitskräfte gesucht werden im Handwerk oder Pflegebereich?

Beides hat miteinander zu tun. Das Fehlen der Arbeitskräfte und die Rationalisierungsmaßnahmen. Das Wegrationalisieren von Arbeitskräften und deren Ersatz durch Maschinen, Optimierung von Handlungsabläufen und Kosteneinsparungsmaßnahmen, haben dazu geführt, dass Arbeitshierarchien entstehen und diejenigen, die im ersten Arbeitsbereich wegrationalisiert wurden, stufenweise abstiegen, um dann bei Hartz IV oder in der Sozialhilfe zu landen. Dieser Prozess hat nicht nur Arbeitnehmer entmutigt, die keine adäquate Arbeit mehr hatten, sondern bildete auch das eindrucksvolle Beispiel für andere, sich um potentiell abstiegsgefährdete Arbeiten überhaupt nicht mehr zu bemühen.

Die Eintragung in das soziale Arbeitsstammbuch lautete: Die Ausbildung lohnt sich nicht, da keine Gewissheit mehr besteht, auf Dauer noch in dem angestrebten Beruf zu arbeiten, weil technische und disruptive Entwicklungen, keine verlässliche Berufsverwirklichung in den gewünschten Unternehmen mehr zulassen. Selbst Menschen, die keine persönliche Erfahrung mit der Wegrationalisierung gemacht haben, sind Zeugen des nicht nur in der Wirtschaft gepflegten Rationalisierungsprozesses. Rationalisierung bedeutet in erster Linie Kosteneinsparung.

Es werden Kosten bei Unternehmen eingespart, die aufgrund gesellschaftlicher Fürsorgemaßnahmen dann von der Gemeinschaft übernommen werden müssen. Dass der Staat dafür eintritt, bedeutet genau dies. Wir zahlen Steuern, um Unternehmen ihre Rationalisierungsmaßnahmen zu ermöglichen. Diese Form der Umverteilung, um wirtschaftliche Ergebnisse für Unternehmer und Anleger zu stärken, halte ich für bedenklich. Sie birgt nicht nur finanzielle Folgen für uns alle, sondern belastet unsere Gesellschaft auch emotional und wirtschaftlich.

Wir werden belastet durch Verhaltensweisen, die zu Unzufriedenheiten in unsere Gesellschaft beitragen, zu politischen Verwerfungen führen und deren Kosten bei weitem den Nutzen für die Gesellschaft und auch für die Wirtschaft übersteigen. Zudem bemerken wir bitter, dass diese Rationalisierungsmaßnahmen zum Beispiel bei der Einsparung von Lehrern, Polizisten, Angehörigen im öffentlichen Dienst, aber auch in Wirtschaftsunternehmen die gesamtgesellschaftlichen Prozesse erschweren, sogar behindern, anstatt sie zu beschleunigen.

Deshalb sollten wir uns – koste es, was es wolle – darauf besinnen, dass alles, was wir tun, von Menschen für Menschen gemacht sein sollte und danach handeln.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski

Ethical and Philantropic Solutions (Teil 1)

Unser Grundgesetz manifestiert nicht nur den Abwehranspruch der Bürger gegenüber dem Staat, sondern die Selbstverpflichtung der Bürger, die Gebote des Grundgesetzes in der Gesellschaft, der Wirtschaft und der Politik auch umzusetzen. Jeder Bürger ist dabei gefordert, sowohl solidarisch, als auch individuell.

Die Gesellschaft, die uns das Grundgesetz vorgibt, ist plural, im Kern achtsam und auf Ausgleich bedacht.

Narzissmus und Selbstsucht sind keine günstigen Merkmale einer Gemeinschaft. Dies genauso wenig wie Habgier und Anspruchsverhalten. Eine Gesellschaft, die die Gemeinschaft fokussiert, findet einfache Antworten auf die Probleme unserer Zeit. Es ist wichtig, der Gesellschaft, der Wirtschaft und der Politik Denkanstöße zu bieten, und zwar auf bekannten und neuen Handlungsfeldern.

Eine besondere Bedeutung beansprucht dabei die Beschäftigungsmöglichkeit eines Menschen als grundgesetzlich verbürgtes Erhaltungsgebot der menschlichen Würde. Dabei steht das bisher fast ausschließlich kapitalistisch geprägte Beschäftigungsverhältnis auf dem Prüfstand. Dessen Ziel war es, unter Einsatz eigener Arbeitskraft vor allem Geld zu erringen, um dieses zur Deckung von Bedürfnissen einzusetzen. Der Wert der Arbeit drückte sich dabei fast ausschließlich in Geld aus. Ist das weiterhin zielführend und vernünftig? Menschliche Tätigkeit ist weder auf Belohnung noch Entlohnung angewiesen, sondern entspringt dem natürlichen Bedürfnis, etwas zu tun, sich einzubringen in die Gemeinschaft. Geld als Äquivalent für Arbeit ist nach wie vor sinnvoll, aber nicht als Macht- und Anspruchsinstrument. Das Maß des zu Leistenden muss das Bedürfnis eines Menschen sein, sein Leben in Würde zu begehen. Wenn wir dies bedenken, eröffnen sich weitere Betätigungsfelder auch in den Bereichen der „Sharing-Economy“, der Abfallvermeidung, der Ressourcenschonung, der Energie, der Pflege, der Bildung und des Lifestyles, um nur einige Gebiete zu benennen. Es geht dabei auch um die Schaffung einer modernen philanthropischen Industrie, die neue Beschäftigungsformen ermöglicht, Verantwortung von den Menschen einfordert, aber auch vermittelt, dass alles, was wir machen, von Menschen für Menschen gedacht ist.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski