Archiv der Kategorie: Wirtschaft

Mehrwert

Nicht nur zu Wahlkampfzeiten klingen Parolen wie: „Arbeit muss sich wieder lohnen!“ durch unsere Landen. Lohn ist in Geld geronnene Arbeit, das wusste nicht nur Karl Marx zu berichten. Das ist die tägliche Erfahrung aller, die für ihre Dienste entlohnt werden. Dabei geht es nicht nur um Arbeiter, sogenannte Werktätige, wie im Maschinenzeitalter, sondern um alle Menschen, die Leistungen für Andere erbringen.

Leistungen für Andere zu erbringen bedeutet aber auch, dass in der Regel mehr geschaffen als durch Entgelt kompensiert wird. Dieser Mehrwert täglicher Arbeit schafft Befriedigung und Reichtum bei denjenigen, die lohnfähige Beschäftigungen anbieten. Sie werden reich, manche derart über alle Maßen, dass ein Zusammenhang zwischen Ihrem eigenen Zutun und dem abgeschöpften Gewinn nicht mehr erkennbar ist.

Der Mehrwert aber, der Reichtum verschafft, steht dann merkwürdigerweise auf der Arbeitsebene nicht mehr zur Disposition. Er wird vielleicht verspielt, verzockt, durch Fehlinvestitionen verausgabt, aber ein Leistungsequivalent soll daraus nicht wieder entstehen. So ist es für mich erklärbar, dass gerade reiche Menschen enorme Schwierigkeiten damit haben, etwas von ihrem Reichtum abzugeben, wenn er ihnen nicht 1 : 1 wieder selbst wohltätig zur Verfügung steht.

Sie jammern über Einsamkeit, fehlende Zuwendung oder Pflege, aber dass sie selbst vielleicht die Ursache ihres eigenen Unvergnügens sind, das dämmert ihnen noch nicht einmal ansatzweise. Der Nimbus des Reichtums verschafft ihnen Gehör, verführt andere wenig begüterte Menschen, ihnen ihre Zeit zur Verfügung zu stellen, zuzuhören und Dienstleistungen zu verrichten. Dies alles in der vergeblichen Erwartung, für ihre Aufmerksamkeit, ihre Zuwendung oder Dienste entlohnt zu werden. Das ist aber nicht so. Dem System entspricht, dass ihnen zwar zuweilen Lob und Geschenke, Vertröstungen auf testamentarische Zuwendungen, Vermächtnisse etc. zuteilwerden, aber niemals tätige Zuwendungen und uneigennützige Hilfe seitens der Vermögenden.

Der Mehrwert zu deren Gunsten bleibt erhalten. Der Mehrwert bleibt selbst dann erhalten, wenn er die Grundlage eines Stiftungsgeschäfts schafft. Es ist dann der steuerliche Mehrwert bis hin zum gesellschaftlichen. Immer steht der Zeiger auf Kompensation, ggf. argumentativ auf „zurückgeben“, aber nie auf geben aus dem geschaffenen Mehrwert als private oder gesellschaftliche Vorleistung.

Dabei könnte die Geschichte vom „Hans im Glück“ auch die Reichen so zufrieden stellen, wenn sie begriffen, dass eine gebende Hand nicht nur Bewunderung hervorruft, sondern auch eine anspruchslose Bereitschaft anderer Menschen, dem Gebenden auch zu geben. So kann der geschaffene Mehrwert allen nutzen und nicht nur dem Vermögenden.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski

Beifang

Moderne Medien brüsten sich damit, dass sie Dank Digitalisierung und Algorithmen in der Lage seien, individuell auf die Wünsche der Konsumenten einzugehen. Dabei geht es in den Printmedien um die von den Kunden nachgefragten Informationen aus Politik, Wirtschaft, Kul­tur und Technik. Was Printmedien als verbraucherfreundliche Zukunft beschreiben, gilt natürlich auch für das interaktive Fernsehen und alle Projekte des Internets.

Der Kunde ist König. Er kann wählen und aus dem vielfältigen Angebot aussuchen, was er will, wenn er nicht selbst Ansprüche stellt und fordert, wonach ihm verlangt.  Das können Kriminal- oder Liebesfilme sein, Berichte über Intrigen, Folter, Vertreibung und Verschleppung oder auch Schnulzen, Traumfahrten und schöne Landschaften. Hass und Liebe, Wut und Sanftmut, alles liegt nur einen Knopfdruck voneinander entfernt.

Nach etwas Eingewöhnung weiß das digitale Medium selbst, was der Konsument beansprucht, sei es an Informationen, Waren oder Dienstleistungen. Eigentlich alles wunderbar, genauso, wie es vorgesehen ist. Wir hören, sehen und lesen, was wir wollen. Wo ist der Haken? Das Problem ist, dass wir selbst nur noch das aussuchen, was in unsere Welt passt, wobei allmählich die Algorithmen die Kontrolle übernehmen, weil sie gespeichert haben, was wir wollen. Schließlich befinden wir uns in einem medialen Kokon, der undurchdringlich für Informationen ist, die wir sonst beim Durchblättern einer Zeitung, beim Zappen durch Fernsehsender oder Radiohören noch nebenbei mitgenommen haben.

Es erreicht uns nur noch das, was zu unserem Gefallen individualisiert wurde. Mangels Spiegelung mit anderen Meinungen oder Eindrücken, müssen wir glauben, dass das, was uns erreicht, der Wahrheit entspricht. Wir sind verwundert, entrüstet und ggf. sogar aggressiv, wenn wir feststellen, dass unsere Wahrheit keine Allgemeinverbindlichkeit haben soll. Unsere Welt hat mit den Welten anderer Menschen nichts mehr zu tun. Fremde Räume bleiben uns verschlossen, auch im Vorübergehen erhaschen wir keinen Blick in diese Räume. Wir sind aber darauf angewiesen, dass unsere Räume sich wieder weiten.

Das wird dauern, erleben wir doch in den Vereinigten Staaten von Amerika gerade das Gegenteil. Ein Präsident, ein Fernsehsender, eine Anhängerschaft und eine Botschaft. Sie lautete: Ich.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski

 

Projektegoismus

Täglich werden wir mit einer Fülle von Ideen konfrontiert. Start Ups, etablierte Unternehmen, Wissenschaftler, Politiker und gemeinnützige Einrichtungen buhlen um unsere Aufmerksamkeit für ihre Projekte. Die große Auswahl ist erfreulich. Je größer der Wettbewerb, umso größer ist die Möglichkeit, dass ein Projekt Zustimmung erfährt und sich durchzusetzen vermag. Ist es aber auch wirklich so?

Ich befürchte, dass ein großer Hang zum Projektegoismus besteht. Damit will ich das Interesse daran bezeichnen, das eigene Projekt durchzuboxen und dabei auf vielleicht bessere Projekte anderer nicht nur keine Rücksicht zu nehmen, sondern deren Bedeutung überhaupt zu negieren. Dafür will ich ein Beispiel geben: Vor über einem Jahrzehnt habe ich im Rahmen der von mir vertretenen Ruck – Stiftung des Aufbruchs das Projekt für „Lehrer-Lease“ eine Personalagentur für Lehrer entwickelt. Teilweise in der Presse, aber auch bei der damaligen Bundesbildungsministerin Frau Schavan fanden meine Ideen große Zustimmung.

Verwirklicht wurde dieses Projekt allerdings nie, weil jeder für die Schulbildung zuständige Minister der Länder eigene Vorstellungen dazu entwickelt, was er für richtig hält. So hatte das von mir entwickelte Modell überhaupt keine Chance, berücksichtigt zu werden, obwohl damit zielgenau geeignete Lehrer ohne großen bürokratischen Aufwand hätten in die Schulen vermittelt werden können und die Flexibilität eine bedarfsgerechte Unterrichtsgestaltung ermöglicht hätte.

Selbstverständlich wäre damit auch eine erhebliche Kostenreduzierung bei gleichzeitiger Entwicklung und Einstellung von Lehrern ermöglicht worden. Vielleicht hätten sich auch noch Gestaltungsvarianten ergeben und das Projekt sich einbauen lassen in ein erweitertes Modell. Aber, soweit konnten die Überlegungen gar nicht gedeihen, weil das Projekt eines Nichtpolitikers sich nicht als betrachtungswürdig erweist.

So verhält es sich mit einer Fülle guter Projekte und offenbart unsere Unfähigkeit, uns vorbehaltlos und neugierig mit den Projekten anderer zu beschäftigen, diese zu begleiten, zu fördern oder auch weiter zu entwickeln. Denn auch dies erscheint mir wichtig. Der Spiritus Rector eines entwickelten Projektes sollte willentlich das von ihm entwickelte Projekt anderen anbieten mit der Bitte und Aufforderung, doch das ihre hinzuzufügen und somit dem Projekt noch mehr Geltung zu verschaffen.

Stattdessen ist meist Projektegoismus, Abschottung und fehlende Einsichtsfähigkeit in verbesserungsfähige Errungenschaften zu verzeichnen. Ein kooperatives künftiges Verhalten kann eine Tür zu noch mehr sinnstiftenden Möglichkeiten öffnen. Gehen wir also durch diese Tür der Wahrnehmungsbereitschaft und Kooperation.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski

Global Solutions

Vom 28. bis 29. Mai 2018 fand in Berlin der Global Solutions Summit statt. Hierbei handelte es sich um ein Art Denkveranstaltung zum G20-Gipfel, wobei weniger die Politiker zur Sprache kommen, als Wissenschaftler, Wirtschaftsführer und Normalbürger. Parallel dazu wird eine Sommerschule für ausgewählte Jugendliche aus aller Welt bereitgestellt, in welche diese argumentativ ihre Standpunkte austauschen können.

Da der Global Solutions Summit nichts entscheidet, sondern nur die Plattform für einen Ideenaustausch bietet, liegt es nahe, dort nicht nur lösungsorientiert zu diskutieren, sondern Ansätze herauszuarbeiten, die es Politikern, wenn sie die vorgebrachten Überlegungen für weiterführend erachten würden, Gelegenheit böten, aus der politischen Selbstbespiegelung und machbarkeitsorientierten Verhaltensweisen herauszutreten und ggf. neue Wege zu gehen. Für die Teilnehmer war der Gipfel auf jeden Fall gewinnbringend, insbesondere dann, wenn sie nicht nach Bestätigung ihrer Meinung suchten, sondern die Veranstaltung als Reibungsfläche begriffen, auf denen sich neue Überlegungen entfachen ließen.

So bin ich zu der Veranstaltung lernbegierig gekommen und wurde nicht enttäuscht. Ich verzichte, die Namen der hochrangigen Teilnehmer zu benennen, will aber deren Äußerungen wiedergeben, soweit ich diese für erwägenswert hielt, zum Beispiel: „Wir sollen den Umgang mit Unsicherheiten neu und selbstbewusst lernen, weil Unsicherheit zum Leben gehört, insbesondere zur asiatischen Kultur.“

Diese Äußerung fand ich sehr spannend, denn, wenn wir aufgrund unserer europäischen Unsicherheiten Fehler machen, sind wir auf Dauer den Chinesen und Indern nicht gewachsen. Ganz in diesem Sinne müssen wir darauf achten, nicht nur persönlich flexibel zu sein, sondern unsere Systeme flexibel auszubauen, damit sie auch heftige Stöße im kulturellen und ökonomischen Bereich abfangen können. Die Flexibilität geht Hand in Hand mit der Bereitschaft, auch einen Wechsel der Systeme zuzulassen, wenn wir erkennen, dass wir mit unserem System nicht mehr weiterkommen.

Krisen, in die wir geraten, stellen keine Krankheiten dar, sondern sind normal. Krisen sind keine Erfindung der Gegenwart, sondern historisch verbürgt, auch wenn der Multilateralismus unserer Gesellschaften schnellere Reaktionen unumgänglich machen. Die Verkehrswege zu Informationen sind kürzer und wie ein gesellschaftlicher Seismograf nehmen wir in Europa Erschütterungen wahr, ob deren Ursache in Asien oder in Amerika gesetzt wurden. Damit geht einher, dass in einer multilateralen Gesellschaft die Sichtweisen völlig unterschiedlich sein können, zum einen persönlich, aber auch politisch.

Das, was wir durch die europäische Brille gesehen, als vernünftig, politisch und menschlich für richtig erachten, muss sich nicht zwangsläufig in der Anschauung und der Verhaltensweise anderer Gesellschaften wiederspiegeln. Wenn wir allerdings Einfluss nehmen wollen, müssen wir unsere eigene Einstellung ändern, Geschichten erzählen, die andere Menschen und Völker überzeugen, nicht nur auf Vernunft abgestimmt sind, sondern auch Gefühle erwecken, die den eigenen Echoraum verlassen, Mitgefühl erzeugen und Schwarmverhalten zulassen.

Die Narritive sind für Compession im politischen Raum unverzichtbar. In dieser auch digital geschrumpften Welt begegnen uns ständig neue Herausforderungen, die uns zwingen, auch Bewährtes in Frage zu stellen, um neue Antworten zu finden, ob dies die Wirtschaft, Wahlen, Regierungsformen, Steuern, Geldverkehr oder menschliches Leben insgesamt betrifft.

Wenn wir uns frei gemacht haben von den eigenen Gedankenzwängen und leidenschaftlich uns mit anderen Menschen und Völkern austauschen können, dann schaffen wir es, uns immer wieder neu zu erfinden, von Generation zu Generation.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski

Zukunftsmedizin

Ach, wie schön, dass ich als kleines Kind in eine Jauchegrube gefallen bin und mich so gegen alle denkbaren Krankheiten immunisierte. Selbstverständlich bin ich ein bekennender Hypochonder, gehe zu Ärzten, lasse mich untersuchen und mir auch Medikamente verschreiben, allerdings nehme ich so gut wie keine. Die Medikamente muss ich dann sorgsam entsorgen, damit sie nicht ins Grundwasser gelangen. Aber selbstverständlich befinden sich größere Mengen an Arzneimitteln in der Wohnung, deren Haltbarkeitsdatum abgelaufen ist.

Der ganze Schatz hat viel Geld gekostet, nützt mir aber nichts und ist wahrscheinlich auch für andere nicht verträglich. Ein Recyclingmarkt für Arzneien gibt es meines Erachtens nicht. Aber ich bin sehr sicher, dass weder die Apotheken, noch die Pharmakonzerne etwas gegen meine Verschwendung einzuwenden haben. Wer allerdings etwas dagegen hat, sind die Versicherungen, die mit Abrechnungen unnützer, unspezifischer und abgelaufener Arzneimittel überschwemmt werden.

Einhalt ist also geboten und wenn ich Herrn Dieter Weinand, ein Mitglied des Vorstands der Bayer AG glauben kann, finden Pharmakonzerne Lösungen bei „Watson“ bzw. „Deep Blue“. Mit Hilfe der digitalen Möglichkeiten können Daten produziert werden, die verlässlich Aussagen darüber treffen, wo, wie und mit welcher Intensität ein Mensch erkrankt ist, um dann spezifisch mit einem Heilmittel einzugreifen.

Ärztlicher Rat mag noch gefragt sein, aber nur noch sekundär, denn der Computer erkennt viel spezifischer, was einem Menschen fehlt und bezieht bei seinen Recherchen auch Umweltbelastungen, Stresssituationen etc. mit ein. Das Erheben von Daten, die Dienstleistung an sich, wird künftig Schwerpunkt der Tätigkeit von Arzneimittelherstellern sein. Nach Auswertung der Daten werden sie viel wissender die Mittel herstellen und die individuelle Anwendung der Mittel beeinflussen können. Sie werden vom Erkenntnisvorsprung profitieren, Mittel anforderungsgerecht herstellen und individuell zum Einsatz bringen. Dadurch werden die Arzneimittel mutmaßlich teurer als bisher werden, aber der Streuverlust wird gemindert.

Aus meiner Sicht eine gute Nachricht für alle Beteiligten, allerdings doch mit einem Beigeschmack, was die Aufnahme und die Verwertung von Daten anbetrifft. Wenn die Patienten nicht mitmachen und sich weigern, ihre Daten zur Verfügung zu stellen, funktioniert das Modell nicht. Also werden alle mitmachen – zumindest über kurz oder lang.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski

Verantwortung

Selbstfahrende Autos sind noch in der Erprobungsphase. Menschen sind durch selbstfahrende Autos zu Schaden gekommen, sogar bereits getötet worden. Dann stellt sich die Frage nach der Verantwortung und der Schuld. Kein Mensch hat im kritischen Moment eingegriffen, das Fahrzeug umgelenkt oder zum Stehen gebracht. Möglicherweise wäre dies auch völlig sinnlos gewesen. Vielleicht hätte sich der Unfall auch dann ereignet, wenn der Mensch anstelle einer Maschine das Fahrzeug gesteuert hätte.

Die Entwicklungen gehen weiter und im Falle der Beherrschung noch komplexerer Situationen wird das selbstfahrende Auto wahrscheinlich für Menschen ein viel sicherer Partner sein als solche Fahrzeuge, die wir noch selbst steuern. Gewiss ist dies allerdings nicht. Mit zunehmender Komplexität im digitalen Bereich überlassen wir zunehmend Maschinen die Möglichkeit, für uns zu entscheiden.

Wenn es uns heute noch gelingt, ins Steuer zu greifen, die Fahrtroute zu korrigieren und das Fahrzeug rechtzeitig zum Stillstand zu bringen, wird es möglicherweise künftig schwierig werden, weil die Maschine selbst Verantwortung übernimmt, besser weiß oder zu wissen glaubt, was in einem kritischen Moment richtig sei.

Wir bewegen uns aber nicht nur im Straßenverkehr, sondern sind umfassend weltweit digitalen Prozessoren ausgesetzt, die für uns tätig werden. Wenn wir nicht damit einverstanden sind, was sich in den Computern abspielt, so ziehen wir heutzutage den Stecker. Geht das aber noch, wenn die digitale Entwicklung voranschreitet?

Ich denke nicht. Unsere digitalen Helfer, die Computer und Maschinen verfügen schon jetzt nicht nur über ein großes Wissen, sondern bearbeiten dies auch autonom. In vielen Bereichen antizipieren sie unsere Vorgehensweise und berechnen dann zum Beispiel, wann der kritische Zeitpunkt erreicht sein könnte, in dem wir den Stecker „ziehen würden“. Was werden unsere Helfer, die Computer, dann tun?

Ich vermute, dass sie uns vor die Alternative stellen werden, dies entweder zu unterlassen oder mit dem Verlust von Daten bzw. deren Manipulationen zu rechnen. Was diese von den Computern selbst ausgelösten Eingriffe in Banksysteme oder militärische Komplexe bedeuten würden, können wir nur erahnen. Infolge eines erpresserischen Handelns unserer Computer und digitalen Helfer, werden wir deshalb darauf verzichten, den Stecker zu ziehen und lieber ihren Anweisungen folgen.

Von Erpressung werden wir dann nicht reden, sondern vom verantwortlichen Verhalten des Computers, der unseren menschlich begrenzten Erkenntnismöglichkeiten überlegen ist. Die Maschine übernimmt die Verantwortung, die wir eigentlich tragen müssten. Wir werden aber weiterhin geduldet, zumindest eine Zeit lang. Dann werden wir zur Rechenschaft gezogen.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski

Gegengesellschaft

Karl Marx und Friedrich Engels werden als Zeugen dafür aufgeboten, dass die Produktionsverhältnisse des Kapitalismus den Menschen zum Objekt degradieren. Der Mensch ist nicht mehr der selbstbestimmt Handelnde, sondern als Warenproduzent und Konsument gleichermaßen Konsumer. Was nach Marx´ Ansicht für den maschinenbestimmten Kapitalismus gilt, scheint auch für den durch Digitalisierung getriebenen Kapitalismus gleichermaßen zu gelten.

Es hat sich nichts geändert. Wurde früher nach Marxscher Ansicht der Mensch durch Maschinen ausgebeutet, so erfolgt nunmehr seine Ausbeutung durch eine digitalisierte Gesamtverfassung der Wirtschaft. Das Ergebnis sind wenige Profiteure, sich selbst versorgende Maschinen und eine überwiegende Anzahl an Menschen, denen weder Arbeit geboten wird, noch eine Grundversorgung, die ihnen Leben ermöglicht.

Trotz rapide steigender Bevölkerungszahlen sinkt das Angebot an erwerbsgerichteter Arbeit und verstetigt sich das Phänomen Marxscher Kultur- und Wirtschaftskritik. Wir haben kein erprobtes Gesellschaftsmodell, um die Zentrifugierung unserer Gesellschaft aufzuhalten. Wir benötigen das Modell einer Gegengesellschaft, die trotz aller Anerkennung bisheriger Errungenschaften nicht nur Neues erprobt, sondern überhaupt uns Menschen zu neuem Denken geleitet, das global anerkennungsfähig ist.

Ein zentrales Anliegen einer solchen Gesellschaft müsste es sein, nicht mehr den Gelderwerb, sondern die Beschäftigung des Menschen in den Mittelpunkt zu stellen. Ein tätiger Mensch verwirklicht so den Lebenssinn und schafft Nutzen für sich und andere, ohne dass er sich permanent in den Wettbewerb zu einem anderen Menschen stellt, indem er seine Verdienste berechnet oder es zulässt, dass Andere ihn beneiden. Nicht Erwerbsarbeit, sondern Beschäftigung im Zusammenhang mit fortschreitender Verbesserung unserer Möglichkeiten ist auf der Lebensspur jedes Menschen vorbezeichnet. Lernen und dadurch zur Lebensverbesserung beizutragen, ist nicht nur ästhetisch, sondern auch unter Nützlichkeitsgesichtspunkten weit vorteilhafter als individuelle oder kollektive Arbeitsstrukturen.

Wieso sollte soziale Anerkennung mit Anhäufung von Geld verbunden sein? Wieso sollen Eigentumsverhältnisse mehr zählen, als die Verfügbarkeit über Gegenstände auf Zeit. All dies ist nur eine Frage der gesellschaftlichen Verabredung und nicht eines Gebots, weder religiös noch weltlich. In einer Gegengesellschaft lautet das Motto: „Ich arbeite für mein Leben gern.“ Es ist eine Frage der Souveränität eines jeden Menschen, dies zu tun und eine Frage an uns Menschen, ob wir in der Lage sind, mehr aus uns zu machen, als der Kapitalismus erlaubt.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski

Umstände

Von einer Freundin ist mir bekannt, dass sie leider vor einigen Jahren aufgrund geschäftlicher Umstände sowohl betrieblich als auch persönlich Insolvenz anmelden musste. Das Verfahren läuft und es ist ihr inzwischen gelungen, ihr Leben finanziell wieder einigermaßen zu stabilisieren. Das hinderte vor wenigen Tagen eine gute Freundin nicht daran, sie anzusprechen und ihr sinngemäß Folgendes zu erklären: „Weißt Du, ich mache mir große Sorgen um Dich. Manchmal kann ich auch nachts nicht schlafen oder wache auf und stelle mir vor, dass Du im Alter ohne entsprechende Absicherung allein von Sozialhilfe abhängig sein könntest. Deine finanzielle Zukunft treibt mich um und hat zu dem Entschluss geführt, Dich zu bitten, zumindest für einige Zeit unserer Freundschaft pausieren zu lassen.“

Nach über 20jähriger Freundschaft war meine Freundin überrascht, einen solchen Vorschlag entgegenzunehmen. Sie reagierte allerdings sofort und ließ die gute Freundin wissen, dass mit dieser Zumutung die Freundschaft endgültig und nicht nur vorübergehend erledigt sei und sie auf weitere Treffen keinen Wert mehr lege. Als ich von dem Vorfall erfuhr, war ich perplex. Es ist schwierig nachzuvollziehen, wie jemand gerade dadurch sein Mitgefühl zum Ausdruck bringen will, dass er sich aus der Affäre zieht. Anstatt Hilfe anzubieten, Verweigerung.

Ein kleiner, aber nicht unbedeutender Vorfall, der geistige Armut und fehlende Empathie bezeugt. Ich gehe davon aus, dass es sich hierbei nicht um einen Einzelfall handelt, sondern um eine Haltung, die gut belegt, dass Schwäche ansteckend ist, man sich Unbequemlichkeiten und Verantwortung ersparen möchte und den Weg der Unberührbarkeit vorzuzieht. Damit einher geht aber auch ein Selbstbild von Gerechtigkeit, Besserwissen und Lebensverleugnung, das problematisch werden dürfte.

Wenn eine solche, im eigenen Ich gefangene Persönlichkeit, wie jene Freundin einmal feststellen muss, dass die Lebensordnung, also auch ihre Lebensordnung nicht mehr ihren Erwartungen entspricht, ist der Absturz unvermeidlich. Auch weinen, klagen und Beschuldigungen helfen da nichts mehr. Diese Persönlichkeiten sind dann allein, ob sie Geld haben oder nicht. Freunde jedenfalls, die sie trösten könnten, haben sie nicht mehr.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski

Plurale Ökonomie

Unsere Ökonomie wird geprägt von Ressourcen und deren Verfügbarkeit, dem Güterumwandlungsprozess durch Mensch und Maschine, Nachfrage und Vertrieb, Logistik, Zeit, Kredit, Umstände, Zufall, Verstand, Gefühl, Erfindungsgeist und Digitalisierung.

In einer pluralen Ökonomie verbinden sich soziale Marktprozesse mit geschäftlichen und erzeugen ein dialogisches Geschäftsmodell, in dem sich die Beteiligten verabreden, ein Produkt zu schaffen und auch abzunehmen. Ohne die Abnahme des Produkts hat dieses keinen Sinn. Deshalb ist jede Herstellung eins Produkts schon auf dessen Abnahme vom ersten Moment des Herstellens an fixiert, und zwar nicht bezogen auf das einzelne Produkt, sondern systemisch.

Systemisch ist es also möglich, völlig nutzlose Produkte herzustellen, für die Nachfrage besteht oder, wenn diese nicht besteht, sie zu provozieren. Das Produkt ist also nicht wichtig, sondern nur die Provokation, welches von ihm ausgeht, um Nachfrage zu stimulieren. Um diese Nachfrage zu stimulieren, werden Menschen mit Krediten oder auch einem sogenannten Grundeinkommen ausgestattet, das den Kreislauf erhält, den Warenabsatz sichert und die soziale Selbstbelohnung innerhalb einer Gemeinschaft gewährleistet.

Die unterschiedlichen Geschwindigkeiten der Warenakkumulation und Mittelbeschaffung wirken sich einerseits stimulierend, andererseits sozial bedenklich aus. Die Verschuldung der Menschen zugunsten der Produzenten und Absatzmanagern wird vielfach als ungerecht empfunden. Naheliegend ist, die Mittel umverteilen zu wollen, wodurch allerdings die Bereitschaft schwindet, zugunsten eines höheren Risikos Produkte zu schaffen, deren Nutzen nicht verbürgt ist, also das Risiko des Scheiterns besteht. Etwas anderes kann allerdings dann gelten, wenn das Geschäftsmodell nicht in erster Linie die Geschäftsinteressen des Produzenten und seiner Entourage bedient, sondern der Impuls zur Produktherstellung vom Konsumenten ausgeht und dadurch ein dialogisches Geschäftsmodell entwickelt wird.

Dies muss bei Aufnahme des Dialogs nicht von vornherein in allen Punkten ausformuliert sein, um den Absatz zu gewährleisten, sondern entsteht – wie weitgehend auch in allen digitalen Prozessen durch Reaktion und Gegenreaktion bis das Sublimat gemeinsamer Entwicklung erreicht ist. Damit werden auch alle Gerechtigkeitsdefizite aufgelöst, denn jeder erhält, was er beabsichtigte. Die Risiken sind verteilt, die Möglichkeiten, neue Produktentwicklungen anzugehen, weit vielfältiger denkbar als in der Old Economy.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski

Plattform

Am 12.01.2018 fand das 2. Potsdamer Gespräch unter der Leitung von Bernhard von Mutius statt. Referenten und eingeladene Gäste versammelten sich im „Bayerischen Haus“ in Potsdam, um zum Thema „Industrie und Plattformen – wie entwickeln sich die Besitzverhältnisse der Zukunft?“ herauszufinden, welche Veränderungsprozesse die Wirtschaft und unsere Gesellschaft im Hinblick auf die Digitalisierung unserer Lebensverhältnisse erfahren wird. In der hochkonzentrierten und spannenden Veranstaltung wurde deutlich, dass der Vorsprung im digitalen Bereich der Anbieter aus Silicon Valley und auch China nicht aufzuholen ist.

Mir drängte sich allerdings die Frage auf, weshalb wir so bemüht sind, den Amerikanern und Chinesen gleichzutun, zu versuchen, deren Plattformmentalität auch für uns zu erschließen und nutzbar zu machen. Was würde geschehen, wenn wir sie nicht nachahmen würden, sondern unsere eigene Sprache fänden? Wenn wir uns darauf besinnen, dass alles von Menschen für Menschen gemacht wird, kommen wir dann nicht vielleicht zu einem anderen prozessualen Verständnis, das es uns erlauben würde, eine eigene Plattform für die soziale und auch wirtschaftliche Kommunikation zu entwickeln?

Was den Menschen von Geburt vor allem bewegt, ist Sicherheit. Er will sich seiner Nahrung versichern, seiner Beschäftigung und seiner Fortpflanzung. Wenn der eigene Raum gesichert ist, öffnet sich der Mensch den Möglichkeiten, bedenkt seine eigenen Fähigkeiten und wirft den Hut weit in den Ring. Nicht die Digitalisierung an sich bringt ihn weiter, sondern seine gesicherten Lebensverhältnisse erlauben ihm, ein gutes Leben anzustreben, Bildung, Glück, Genuss, Leichtsinn, Übermut und Wohlbefinden. Daraus leitet sich ab, was der Mensch wirklich will, was er von anderen Menschen, der Gesellschaft und auch der Wirtschaft begehrt. Er will mehr als ihm üblicherweise in der güterpassierten Wirtschaft geboten wird.

Auch die Digitalisierung an sich bietet keine Befriedigung. So übermächtig die Digitalisierung angekündigt wird und in unseren Köpfen Platz greift, sie ersetzt weder unsere Lebensgrundlage noch den Verstand und die Gefühle. Die Digitalisierung ist lediglich ein Tool, um Prozesse zu steuern. Alles darüber hinaus, Disruption und Kollaboration findet ausschließlich im menschlichen Gestaltungsbereich statt. Wenn unser Business Case, ausgehend von unseren Bedürfnissen nicht die Digitalisierung an sich ist, gesellen sich Werte hinzu, die den Menschen nach Zeiten warengestützten Wirtschaftens wieder ein adäquates Leben erlauben.

Der Mensch wird sich fragen: Was will ich? Er redet dabei nicht von seiner Freiheit, sondern will seine Abschaffung, seine soziale Amputation und die eigene Sinnlosigkeit vermeiden. Auf diesem Weg wird der Mensch Plattformen schaffen, die philanthropisch geprägt sind, wirtschaftliche Errungenschaften mittels analoger und digitaler Tools erreichen, aber neben der eigenen Lebensbefriedigung auch das Ganze im Auge haben, weil dies seiner Sicherheit dient.

Bildung, Beschäftigung, Pflege, Erhalt der Umwelt und Klimaschutz sind neben Lifestyle geeignete Business Cases, die den Wohlstand und den Fortbestand der Menschheit sichern. Es ist daher kurzsichtig, amerikanischen und chinesischen Erfolgen hinterherzulaufen und sinnvoll, sich von der reinen Warenwirtschaft zu verabschieden und neue Wege zu gehen. Besinnen wir uns auf unsere Sinnstifter und Philosophen. Wenn diese auch keine probaten Antworten zu allen Lebenssachverhalten zur Hand haben, so sind sie doch verlässliche Scouts, waren es schon immer.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski