Archiv der Kategorie: Wissenschaft

Ethic Solutions (Teil 2)

Kein Bereich ist ausgenommen und kein Instrument ungeeignet, dafür einen menschlichen Mehrwert unter Einschränkung des Ressourcenverbrauchs zu schaffen. Wir begreifen, dass der Lebenssinn im Tätigsein an sich und nicht im Geld besteht. Macht ist eine Frage der Fähigkeit, mit vorhandenen Instrumenten Neues zu erproben und Erfolge in der Reduzierung von Verschwendungen zu erlangen. Die Konzentration auf das Wesentliche und der Pluralität ist ein Teil des ethischen Kanons.

Dass wir uns etwas vormachen, glaube ich nicht. Wir haben nur den Hebel noch nicht gefunden, um unsere Ansprüche in eine neue Richtung zu lenken. Revolutionen sind uns verdächtig und angepasst lebt es sich scheinbar bequemer. Aber nicht die Angst, sondern die Neugier führt zur Erprobung von Möglichkeiten, die uns dabei helfen können, auch unseren Kindern eine Welt zu öffnen, die ihnen Lust und Freude bei der Verwirklichung ihrer Bedürfnisse erlaubt.

So geht es um die Anwendungen und Umsetzungen ethischer Grundsätze im privaten und öffentlichen Bereich, in der Familie, am Arbeitsplatz, in der Gesellschaft, in Unternehmen und der Politik. Wir alle haben schon als Kinder von den Eltern vernommen, was man zu tun habe und was man besser lässt. Diese Grundsätze müssen Auswirkungen auf unser integres Verhalten lebenslang haben und unsere Kinder ermutigen, diese Grundsätze ebenfalls zu beachten. Allein schon die Beachtung des Fremdnutzens vor Eigennutz, die Bereitschaft zu geben, anstatt immer nur zu fordern, kann ein Schlüssel zur philanthropischen Welt bieten, der Ressourcen schont, wahre Bedürfnisse erkennen lässt, Anmaßungen vermeidet und Verantwortung wahrnehmen lässt.

Es kommt nicht darauf an, ob alle gleich mitmachen, denn jeder kann Vorbild sein und desto mehr Vorbilder es gibt, desto mehr Nachahmer sind erwartbar. Dank Influencer und Enabler wächst die Schar derer, die den Planten für erhaltungswürdig erachten. Na dann mal los!

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski

Ethic Solutions (Teil 1)

Die Welt ist schön! Vor Jahrtausenden haben wir damit begonnen, sie nach unseren Bedürfnissen zu gestalten. Wir haben immer alles von Menschen für Menschen gemacht und dabei entsprechend unserer Bedürfnisse auch auf die Ressourcen dieser Welt zurückgegriffen. Bei der Übertreibung unserer Nutzungsmöglichkeiten haben wir viele Fehler gemacht. Wir haben großen Schaden angerichtet, aber vieles ist uns auch gelungen. Probleme, die im Anthropozän besonders sichtbar geworden sind, beruhen auf unserer Fähigkeit, Entwicklungen auf allen Gebieten voranzutreiben.

Das Ergebnis ist ein enormes Bevölkerungswachstum, aber auch weniger Seuchen und Krankheiten, eine enorme Energieausbeute mit allen bekannten Konsequenzen, aber auch weniger Hunger, mehr Arbeit und Beschäftigung, kurzum mehr Lebensperspektive. Wir müssen alles sehen. Auch die großen Fortschritte, obwohl sie stets eine Kehrseite aufweisen, die uns Angst macht und uns verzagen lässt: Überbevölkerung, Verseuchung der Meere, Abschmelzen der Pole, Klimawandel, Atomkraft, Digitalisierung und schließlich „artificial intelligence“. Wir dürfen uns aber von der Verantwortung nicht zurückziehen, sondern haben Grund zu handeln, nicht völlig anders, weil dies unserem Leben nicht entspricht, aber mit abweichenden Perspektiven als bisher.

Kein „anderes Wesen“ kann uns retten, sondern wir können selbst unsere Fähigkeiten nutzen, die wir bei der Ressourcenausbeutung erworben haben. Vor dem Handeln steht das Erkennen. Unsere Welt ist unternehmensbestimmt. Sie ist aufgrund der industriellen Revolution, wie wir sie nennen, auf den Warenverkehr ausgerichtet, der den Stakeholdern, aber auch den Destinatären nutzt. Die dadurch gewonnenen Erfahrungen im Kapitalismus sollten ausgedehnt werden auf einen bisher kaum erschlossenen Bereich, um auch dort Mehrwerte zu schaffen, die uns gesellschaftlich und persönlich voranbringen. Philanthropie steht da für ein ethisches Verhalten, das kapitalistische Befähigungen mit den Möglichkeiten verbindet, ideell und finanziell einen gesellschaftlichen Mehrwert zu schaffen und zu nutzen.

Dies kann in allen Bereichen geschehen und geschieht bereits jetzt schon in der Gesundheitsfürsorge, der Pflege, der Bildung, der Müllvermeidung, der Zweit- und Drittnutzung von Gegenständen, der Finanzierung, der Ernährung, der Energie und der Wohnungswirtschaft.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski

Kinderaugen

Das Wesentliche findet sich im Verborgenen. Um dies zu entdecken, wäre es hilfreich, auf kindliches Wissen zurückzugreifen. Die Kindeserfahrung gilt nicht nur dem Offensichtlichen, sondern Sinne, Gelüste und Erwartungen sind auch auf das gerichtet, was das Ding im Inneren ausmacht. Das Kind erfährt die Erlebnisintensität jeden Augenblicks, auch schon des nächsten. So, wie das Kind die sich ihm öffnenden Möglichkeiten erfährt, können auch wir wieder eintauchen in das Wesentliche, das sich hinter dem Offensichtlichen verborgen hält.

Um zum Wesentlichen vorzudringen, benötigen wir Hilfsmittel, die uns erlauben, durch Zeit und Wirklichkeiten unserer Wahrnehmung zu reisen und auch Gegenden zu besuchen, die seelisch und gedanklich in unserer Vergangenheit liegen oder uns in der Zukunft einladen. Begeben wir uns auf diese Inter-Journey der Gedanken und Gefühle, kann jeder Moment ein Abenteuer sein, ein Moment des weiten Schauens mit der Chance, Dinge zu entdecken, die wir bisher übersehen haben oder auch bei uns bisher nicht vorgekommen sind.

Indem wir in uns selbst reisen, erweitern wir unseren Horizont der Wahrnehmung, erkennen neue Instrumente der Daseinsbewältigung auch im realen Raum. Die Reisen, die wir in unser Bewusstsein und Unterbewusstsein antreten können, sind gleichermaßen entgrenzt, wie die eines Kindes. Erinnern wir uns doch, dass das, was wir uns als Kind vorgestellt haben, sich ereignete, in einem Tapetenmuster, einem Wolkenbild oder in der völlig unkonkreten aber passenden Vorstellung. Sind wir in der Lage, alle unsere früher so behänd beherrschten Hilfsmittel wieder zu nutzen, öffneten sich nicht nur die Möglichkeiten des Sehens, sondern auch des Tuns.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski

Zeit

Wer hat schon Zeit? Mit Zeit lässt sich trefflich argumentieren. Zeit kann man rauben, verschwenden, nehmen, verlieren, gewinnen, stehlen und darüber verfügen. Manche behaupten, sie seien Herr ihrer Zeit, andere behaupten gerade das Gegenteil.

Dabei gibt es eine biologische Zeit und ein planetarische. Wir nennen Zeit auch das, was ganz unterschiedlichen Rhythmen folgt. Wir behaupten Jahreszeiten, Lebenszeiten, Arbeitszeiten und historische Zeiten.

Wir kategorisieren, um dadurch unser Leben verfügbar zu machen, weil wir glauben, dass wir ohne diese Orientierung die Herrschaft über unser Leben verlieren. Wir kategorisieren das Leben selbst in Kindheit, Jugend, Erwachsensein und Alter. Wenn wir diese Denkweise aufbrechen würden, begriffen wir, dass es kein abgrenzbares Davor oder Danach gibt, sondern nur Metamorphosen derselben.

Es gibt keine Vor- und Frühgeschichte. Es gibt keine Gegenwart in eine sich davon absetzende Zukunft. Die Zeit ist ein Prozess von Möglichkeiten, der auf unseren Zugriff angewiesen ist, aber die Gestalt ändert, sobald wir ihn anhalten wollen. Die Zeit ist unendlich gedehnt und ist eingeschlossen in den kleinsten denkbaren Augenblick. Sie hat keine Bedeutungen in unserer Begrifflichkeit, sondern richtet sich nach unserer Wahrnehmung.

Wir alle kennen die langen Augenblicke der Langeweile oder des Erstaunens. Wir alle kennen die kurzen Augenblicke der Freude und des Glücks. Es liegt an uns, die Zeit als Gradmesser unserer Befindlichkeit zu verabschieden und immer das Komplexe zu sehen und zu empfinden.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski

Theorie und Praxis

Noetik ist die Theorie der Denktätigkeit. Theletik ist die Lehre vom Willen zu Handeln. Pragma ist die Anschauung des tatsächlichen Tuns. Kopfloses Handeln bringt uns nicht weiter, deshalb ist das Denken unumgänglich für sinnvolles Tun. Aber auch Denken, das keine Handlungsoption hat, erschöpft sich im Konjunktiv, könnte, sollte und wäre gut.

Um der Gefahr von zusammenhangslosen Parallelitäten zwischen Denken und Handeln zu begegnen, muss eine verlässliche Verbindung geschaffen werden, und zwar der auf der Theletik beruhende Wille zum Handeln. Diese Lehre greift nicht ein, sondern zeigt die Strukturen des Handelns auf, ermöglicht Plattformen und vergewissert sich sämtlicher Argumente, die für oder gegen das Handeln in der konkreten Form sprechen.

Erstaunlich, wie unüberlegt viele doch handeln, also ohne die Konsequenzen zu bedenken. Erstaunlich auch, wie wenig vom Wahrnehmen und Denken umgesetzt wird. Ich vermute, dass die Defizite gerade dieses fehlende Scharnier zwischen Denken und Handeln in unserer Zeit ausmachen.

Tu doch was, mach doch was, irgendwas. Dieser Slogan unserer Studentenzeit kann uns nicht mehr freuen. Aber auch zu erkennen, dass vieles in unserer Gesellschaft schiefläuft und dennoch nichts zu tun, macht unsere Agonie gleichermaßen deutlich. Nein, sicher, es gibt kein Patentrezept, aber Menschen haben in Ausnahmesituationen stets gezeigt, zu welchen Heldentaten sie fähig sind. Ist es nun nicht wieder an der Zeit, dass Menschen sich auf diese Fähigkeiten besinnen und durch Vorbild, Integrität, Reflexion, Empathie und Können gerade diesen Weg beschreiten, um nicht nur Proteste loszuwerden, sondern tätig einzugreifen, gemeinsam mit anderen Missstände zu beseitigen, um den Lebenserfolg zu sehen, ggf. auch zu genießen.

Dass dies möglich ist, zeigte nicht nur Nelson Mandela, Pablo Neruda oder Mahatma Gandhi. In jedem Menschen stecken Fähigkeiten, die er in diesem einzigartigen Leben nicht nur für sich, sondern auch für andere, unsere Gesellschaft und die Welt nutzen kann. Er kann und sollte sie auch dafür nutzen, alle diejenigen zu beeindrucken, die versuchen durch Verunglimpfung, Einschüchterung, Verhöhnung und Falschinformation selbstverständliche Mitmenschlichkeit in Frage zu stellen. Wir haben sehr viel nicht nur für uns, sondern auch für unsere Kinder und die ganze Gesellschaft zu verlieren, wenn wir nicht überlegt und planvoll handeln.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski

Zukunftsmedizin

Ach, wie schön, dass ich als kleines Kind in eine Jauchegrube gefallen bin und mich so gegen alle denkbaren Krankheiten immunisierte. Selbstverständlich bin ich ein bekennender Hypochonder, gehe zu Ärzten, lasse mich untersuchen und mir auch Medikamente verschreiben, allerdings nehme ich so gut wie keine. Die Medikamente muss ich dann sorgsam entsorgen, damit sie nicht ins Grundwasser gelangen. Aber selbstverständlich befinden sich größere Mengen an Arzneimitteln in der Wohnung, deren Haltbarkeitsdatum abgelaufen ist.

Der ganze Schatz hat viel Geld gekostet, nützt mir aber nichts und ist wahrscheinlich auch für andere nicht verträglich. Ein Recyclingmarkt für Arzneien gibt es meines Erachtens nicht. Aber ich bin sehr sicher, dass weder die Apotheken, noch die Pharmakonzerne etwas gegen meine Verschwendung einzuwenden haben. Wer allerdings etwas dagegen hat, sind die Versicherungen, die mit Abrechnungen unnützer, unspezifischer und abgelaufener Arzneimittel überschwemmt werden.

Einhalt ist also geboten und wenn ich Herrn Dieter Weinand, ein Mitglied des Vorstands der Bayer AG glauben kann, finden Pharmakonzerne Lösungen bei „Watson“ bzw. „Deep Blue“. Mit Hilfe der digitalen Möglichkeiten können Daten produziert werden, die verlässlich Aussagen darüber treffen, wo, wie und mit welcher Intensität ein Mensch erkrankt ist, um dann spezifisch mit einem Heilmittel einzugreifen.

Ärztlicher Rat mag noch gefragt sein, aber nur noch sekundär, denn der Computer erkennt viel spezifischer, was einem Menschen fehlt und bezieht bei seinen Recherchen auch Umweltbelastungen, Stresssituationen etc. mit ein. Das Erheben von Daten, die Dienstleistung an sich, wird künftig Schwerpunkt der Tätigkeit von Arzneimittelherstellern sein. Nach Auswertung der Daten werden sie viel wissender die Mittel herstellen und die individuelle Anwendung der Mittel beeinflussen können. Sie werden vom Erkenntnisvorsprung profitieren, Mittel anforderungsgerecht herstellen und individuell zum Einsatz bringen. Dadurch werden die Arzneimittel mutmaßlich teurer als bisher werden, aber der Streuverlust wird gemindert.

Aus meiner Sicht eine gute Nachricht für alle Beteiligten, allerdings doch mit einem Beigeschmack, was die Aufnahme und die Verwertung von Daten anbetrifft. Wenn die Patienten nicht mitmachen und sich weigern, ihre Daten zur Verfügung zu stellen, funktioniert das Modell nicht. Also werden alle mitmachen – zumindest über kurz oder lang.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski

Verantwortung

Selbstfahrende Autos sind noch in der Erprobungsphase. Menschen sind durch selbstfahrende Autos zu Schaden gekommen, sogar bereits getötet worden. Dann stellt sich die Frage nach der Verantwortung und der Schuld. Kein Mensch hat im kritischen Moment eingegriffen, das Fahrzeug umgelenkt oder zum Stehen gebracht. Möglicherweise wäre dies auch völlig sinnlos gewesen. Vielleicht hätte sich der Unfall auch dann ereignet, wenn der Mensch anstelle einer Maschine das Fahrzeug gesteuert hätte.

Die Entwicklungen gehen weiter und im Falle der Beherrschung noch komplexerer Situationen wird das selbstfahrende Auto wahrscheinlich für Menschen ein viel sicherer Partner sein als solche Fahrzeuge, die wir noch selbst steuern. Gewiss ist dies allerdings nicht. Mit zunehmender Komplexität im digitalen Bereich überlassen wir zunehmend Maschinen die Möglichkeit, für uns zu entscheiden.

Wenn es uns heute noch gelingt, ins Steuer zu greifen, die Fahrtroute zu korrigieren und das Fahrzeug rechtzeitig zum Stillstand zu bringen, wird es möglicherweise künftig schwierig werden, weil die Maschine selbst Verantwortung übernimmt, besser weiß oder zu wissen glaubt, was in einem kritischen Moment richtig sei.

Wir bewegen uns aber nicht nur im Straßenverkehr, sondern sind umfassend weltweit digitalen Prozessoren ausgesetzt, die für uns tätig werden. Wenn wir nicht damit einverstanden sind, was sich in den Computern abspielt, so ziehen wir heutzutage den Stecker. Geht das aber noch, wenn die digitale Entwicklung voranschreitet?

Ich denke nicht. Unsere digitalen Helfer, die Computer und Maschinen verfügen schon jetzt nicht nur über ein großes Wissen, sondern bearbeiten dies auch autonom. In vielen Bereichen antizipieren sie unsere Vorgehensweise und berechnen dann zum Beispiel, wann der kritische Zeitpunkt erreicht sein könnte, in dem wir den Stecker „ziehen würden“. Was werden unsere Helfer, die Computer, dann tun?

Ich vermute, dass sie uns vor die Alternative stellen werden, dies entweder zu unterlassen oder mit dem Verlust von Daten bzw. deren Manipulationen zu rechnen. Was diese von den Computern selbst ausgelösten Eingriffe in Banksysteme oder militärische Komplexe bedeuten würden, können wir nur erahnen. Infolge eines erpresserischen Handelns unserer Computer und digitalen Helfer, werden wir deshalb darauf verzichten, den Stecker zu ziehen und lieber ihren Anweisungen folgen.

Von Erpressung werden wir dann nicht reden, sondern vom verantwortlichen Verhalten des Computers, der unseren menschlich begrenzten Erkenntnismöglichkeiten überlegen ist. Die Maschine übernimmt die Verantwortung, die wir eigentlich tragen müssten. Wir werden aber weiterhin geduldet, zumindest eine Zeit lang. Dann werden wir zur Rechenschaft gezogen.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski

Abstammung

Ja, ich weiß, woher ich stamme,
ungesättigt gleich der Flamme,
glühe und verzehre ich mich …

So beginnt ein Gedicht von Friedrich Nitzsche. Wir Menschen sind nicht vom Himmel gefallen, auch kein Storch hat uns gebracht oder uns eine Mutter als „Neuling“ geboren. Wir stammen ab. Wir stammen ab von unseren Eltern, Großeltern und vielen weiteren Menschen vor uns. Das wird natürlich von uns allen zustimmend bestätigt und dann gleich ein Deckel auf diese Betrachtung gelegt mit den Worten, dass wir Menschen doch alle irgendwie miteinander verwandt wären, abstammten von Adam und Eva. Biologisch oder religiös mag das so sein, je nach Betrachtungsweise.

Darum geht es mir aber nicht. Ich möchte den Blick darauf lenken, dass die Abstammung nicht nur ein biologischer Prozess ist, sondern einer des Lernens und der Verantwortung, wenn man bereit ist, dies anzunehmen. Mit älteren Geschwistern ist man nicht nur blutmäßig verwandt, sondern steht mit diesem in einer sozialen Verbindung seit der Geburt, in der Erziehung, der Zuneigung und der Kontroverse. Von den Eltern lernen, heißt auch Verantwortung zu übernehmen für sich selbst und andere in der Familie. Die Geschichte der Eltern, ggf. auch Momente der Flucht oder der Vertreibung, der Heimat, des Aufgenommenwerdens durch andere Menschen sind Teil der Geschichte jedes Kindes.

Wie die biologische DNA ist auch die DNA des Erinnerns wesentlich für unser Leben und die Möglichkeit, verantwortlich für uns selbst, unsere Kinder, überhaupt die Gesellschaft zu entscheiden. Wir sprechen von entwurzelnden Menschen. Auch die entwurzelten Menschen haben die gleiche DNA des Erinnerns, wie diejenigen, die über Generationen hinweg den gleichen Flecken Erde als Heimat bezeichnen konnten. Sie werden sich dessen aber nicht mehr bewusst, haben vergessen oder keiner hat ihnen beim Erinnern geholfen. Sich erinnern, teilhaben an der Geschichte der Vorfahren und der Gemeinschaft aller Menschen ist aber wichtig für die Positionsbestimmung jedes einzelnen Menschen.

Das Erinnern ist nur durch einen Prozess des Erzählens machbar, denn Fernsehen, Rundfunk und sonstige Medien vermögen nicht, das persönliche und familiäre Erleben zu ersetzen. Auch, wenn moderne Medien oft den Eindruck erwecken, als wollten sie das Erinnern verallgemeinern, ist doch erkennbar, dass sich gerade junge Menschen gern an das Besondere erinnern wollen. Sie entwickeln ihre eigene soziale DNA, und zwar in der Hoffnung, dass andere, ggf. dann ihre Kinder diese wieder aufrufen können, wenn es soweit ist, den familiären Staffelstab weiterzugeben. Wenn dies eine gute Möglichkeit ist, das Erzählen zu bebildern und aufrechtzuerhalten, soll es mir recht sein.

Allen Menschen rate ich, ihren Kindern und Enkelkindern das zu erzählen, was sie selbst und ihre Eltern und Großeltern erlebt haben. Dieser Reichtum der Erfahrung wird den Generationen den richtigen und verantwortlichen Weg auch in die Zukunft weisen und verhindern, dass wir Menschen entwurzelt auf der Strecke bleiben.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski

KI

Wie entsteht Leben? Durch Zeit und Umstände. Und wie verhält es sich mit der künstlichen Intelligenz? Da ist zunächst eine Begriffsklärung erforderlich. Der Mensch setzt voraus, dass er intelligent sei und hält es für erforderlich, sinnvoll und unabweisbar eine andere Intelligenz außerhalb seiner eigenen Ich-Intelligenz zu schaffen. Der Mensch erscheint hier also als derjenige, dem etwas gelingt, und zwar Dank seiner Fähigkeit, Schöpfer zu sein. Das Künstliche daran signalisiert, dass es sich nicht um ein Prozess der Selbstermächtigung bei den zu schaffenden Wesen selbst handelt, sondern um etwas, das künstlich, das heißt unter Einsatz menschlicher Fähigkeiten geschaffen wird, also in der Abhängigkeit von seinem Schöpfer bleibt.

In dieser Abhängigkeit wird KI allgemein verstanden, und zwar in der Regel als verlängerte Werkbank des Menschen, sei es im autonomen Fahrverkehr oder Smart-Home. Alle, die sich mit der Entwicklung digitaler Möglichkeiten beschäftigen, verkennen nicht die Möglichkeiten, die in Algorithmen und künstlicher Synapsenbildung liegen.

Es ist von „Deep Learning“ die Rede und von der ungeheuren Verarbeitung von Datenmengen, die sich durch digitale Wesen selbst entwickeln und vermehren lassen. Deshalb warnen Wissenschaftler und Praktiker vor den Folgen einer digitalen Entwicklung, die wir nicht mehr im Griff haben. Das Problem ist nur, wir können diese Entwicklung nicht zurückdrehen und den Prozess stoppen.

Noch sprechen besorgte Beobachter, wie Heinz Dürr, vom Leichtsinn des Zauberlehrlings, der gestoppt werden kann, sobald der Hexenmeister wieder nach Hause kommt oder Dädalus, dessen Warnungen vor der Sonne vom Sohn Ikarus nicht befolgt werden, deren Hitze das Wachs seiner Flügel schmelzen lässt und er ins Wasser stürzt. Die Bilder vermitteln den Eindruck, als könne eine fatale Entwicklung durch Ermahnungen noch aufgehalten werden, als gäbe es eine Moral der Abschreckung. Ich glaube das nicht. Bei der sogenannten künstlichen Intelligenz handelt es sich eigentlich nicht um eine „künstliche Intelligenz“, sondern eine „andere Intelligenz“ oder auch „anorganische Intelligenz“ oder auch „uns herausfordernde Intelligenz“.

Unbestreitbar haben wir Menschen den Prozess in Gang gesetzt und die Voraussetzung dafür geschaffen, dass sich diese Form der Intelligenz entwickeln kann, aber diese ist bereits in den Zustand der Selbstermächtigung eingetreten. Die Intelligenz, die ich beschreibe, nutzt unsere digitalen Tools, um ihre eigene DNA zu entwickeln. Man könnte auch sagen, dass das, was wir als die „andere Intelligenz“ bezeichnen sollten, parasitär veranlagt ist, das heißt, wir das „Wirtstier“ für die Ausbeutung durch die künstlichen Wesen darstellen.

Aber nicht nur der Mensch, sondern alle Angebote der Welt und des Universums sind nichts anderes als die Verfügungsmasse dieses nicht humiden Wesens. Wir werden eine Zeit lang noch Konkurrenten sein, auch Unterstützung erfahren, soweit es diesem Wesen zum Zwecke der Selbstoptimierung sinnvoll erscheint, aber irgendwann werden wir auch auf der Strecke bleiben, wenn wir nicht mehr liefern können, was die „künstliche Intelligenz“ von uns erwartet: Energie.

Ich vermute, dass die künstliche Intelligenz oder auch besser gesagt, „konkurrierende Intelligenz“ wieder die Atomenergie entwickeln wird, da sie sich von unseren menschlichen, organischen Vorbehalten nicht beeindrucken lassen muss. Wenn wir diese Entwicklung nicht wollen, was können wir tun? Meines Erachtens nichts, denn wir wollen und können die digitale Entwicklung nicht zurückdrehen. Es mag uns allerdings trösten, dass sich auch bei der künstlichen Intelligenz das menschliche Desaster wiederholen wird. Die Sinnlosigkeit beliebiger Möglichkeiten wird irgendwann zur Selbstaufgabe „künstlicher Intelligenzen“ führen.

Für uns kommt das dann leider etwas spät. Genießen wir also unsere analoge Welt in ihrer ganzen Unvollkommenheit, solange uns dies von der anderen Intelligenz noch gestattet wird.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski

Kryptografie

Es wird von den unendlichen Möglichkeiten geredet, menschliche Gehirne miteinander zu verknüpfen, Gedankenaustausch ohne jede Mündlichkeit und Schriftlichkeit zu pflegen, mit Computern direkt zu kommunizieren und Quantencomputer zu nutzen, die statt Bits and Bytes mit Qubits hantieren, das heißt, nicht nur die Impulse 1 und 2, sondern auch alle Grautöne der Kommunikation zulassen.

So wie von einigen Menschen von der Zukunft aller Möglichkeiten geschwärmt wird, beklagen andere drohende Kontrollverluste, befürchten Brainhacking und schwören auf eine quantensichere Kryptografie. Was ist denn los da draußen und in uns selbst? Alles wirkt entfesselt und die einzige noch verschlossene Türe zu allen Möglichkeiten scheint noch die Zeit zu sein. Der direkte Austausch zwischen Gedankenträgern soll es erst in etwa 50 Jahren geben, also kein Grund zur Beunruhigung? Ich denke doch.

Für den Menschen ist es in seiner DNA verankert, dass er alles erforscht, ausprobiert und versucht, auch umzusetzen. Es geht aber mit der Zeit etwas verloren, was ich für wichtig erachte, und zwar den Anlass allen Strebens nach Fortschritt. Es kann kein verlässlicher Grund für alle unsere Bemühungen geben, das menschliche Gehirn zu verändern, zu optimieren und zu quantifizieren, obwohl zum Beispiel die Chinesen keinen Skrupel haben, dies aus staatlichen Eigeninteressen zu verfolgen.

Das Eingreifen in unser Bewusstsein durch Reduktions- und Sublimierungstechnologien, Beseitigung störender Gedanken und Anreicherung von Nützlichem und Stärkung der Logik stellt keinen Fortschritt dar, wenn wir nicht wissen, was Grund oder Ziel dieses Strebens ist.

Stört uns die Vielfältigkeit menschlicher Gedanken, das Unbekannte und Gefährliche? Müssen wir den Körper des Menschen beseitigen, der als anfälliger Träger menschlicher Unberechenbarkeit gilt? Was soll eine menschliche Gesellschaft noch leisten, in der die menschliche Einzigartigkeit nur noch eine ungeordnete Rolle spielt?

Um den Anfängen eines Zugriffs auf unser Ich Paroli zu bieten, müssen wir bereit sein, uns zu verschlüsseln, und zwar schon jetzt. Dazu gehört, sich Medien zu verweigern, die uns ausspähen, unsere Gewohnheiten kennenlernen, uns befragen, kopieren und unsere scheinbaren Bedürfnisse kreieren. Wir sollten den digitalen Medien nicht alles verraten, sondern das Kostbarste verschlüsselt halten, unser Wesen.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski