Schlagwort-Archive: Allmachtsfantasien

Tyrannis

Einmal unterstellt, jeder Leser kennt die Geschichte von des Kaisers neuen Kleidern. Er ist nackt, aber der Schneider hat ihm eingeredet, die feinste Kleidung zu tragen, so dass er das nicht nur selbst glaubte, sondern seine Vorstellung, angezogen zu sein, auch als Gebot verkündete, damit auch keiner daran zu zweifeln gedenke. Wer es dennoch tat, musste mit schlimmsten Konsequenzen rechnen. Was hat diese Geschichte mit uns zu tun?

Alles. Jeder von uns Menschen ist nackt und bloß, ob Arbeiter, Handwerker, Intellektueller, Politiker oder Künstler. Der Unterschied ist nur, ob wir uns zu unserer Nacktheit bekennen oder behaupten, bekleidet zu sein und andere dazu zwingen, dies ebenso zu sehen. Gemeint ist natürlich nicht die Nacktheit im tatsächlichen Sinne, sondern metaphorisch. Um unsere Nacktheit zu verbergen, hängen wir uns Mäntel um, von denen wir behaupten, sie seien Schutzpanzer. Ihre Beschaffenheit ist jedoch das Gefühl von Angst, Trostlosigkeit, Unruhe, Allmachtsfantasien, Kleinmut und Überlegenheit.

Der Zuschnitt der Mäntel geht mit der Mode, aber was immer wir anziehen, wir versuchen nur, unsere Blöße zu bedecken. Natürlich wird kein gewiefter Politiker, Autokrat oder Schurke sich zu seiner Nacktheit bekennen, aber es bedarf nur des spontanen Ausrufs eines Kindes: „Mensch, du bist aber nackt!“ und schon wird alles ganz klar. Er ist wie ich, deshalb müssen wir uns nicht fürchten. Wir sind der Tyrannei unserer Vorstellung entronnen, also frei.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski

Kids on demand

Kids on demand klingt verlockend. Ich besorge mir mein Kind, wenn mir die Umstände dafür geeignet erscheinen. Fachmännisch wird dieser Vorgang auch „Social Freezing“ genannt. Es klingt zwar stark nach Erfrorenem, meint aber Eizellen unter Opportunitätsgesichtspunkten solange einzufrieren, bis für die austragende Mutter der genehme Empfängniskorridor freigeräumt ist.

Berufliche und familiäre Einschränkungen sind dann beseitigt und Altersbeschränkungen aufgehoben. Es gibt ja schon über 60jährige Frauen, die Babys austragen. Wenn wir ohnehin alle älter werden, warum dann nicht irgendwann Mutter mit 90 oder 100. Alles ist möglich und wir führen Regie.

Sehen wir einmal von den religiösen Einschränkungen dieser  Allmachtsfantasien ab, müssen wir gleichwohl diesen Kindererzeugungsprozess unter individuellen und sozialen Gesichtspunkten betrachten. Wenn der opportune Kinderkanal freigemacht wird, wer glaubt dann eigentlich noch an eine persönliche Verfügungsmacht über Eizellen und Körper. Es wird die politische Kontrolle und diejenige der Arbeitgeber geben, die es allenfalls frühverrenteten Frau gestattet werden, ein Kind auszutragen.

Auf das Timing kommt es an. Nicht mehr die individuelle Entscheidung, sondern der soziale Konsens bestimmt darüber, wann welche Kinder auf die Welt kommen. Wer Vater ist, bestimmt dann auch nicht mehr der erregte Zustand, sondern Kalkül. Dynastien können geplant werden. Aber, kann man sich Kinder wie Welpen anschaffen? Sie sind keine rührenden Alterserrungenschaften. Sie sind weder Statussymbole, noch allein gesellschaftliche Notwendigkeiten.

Kinder sind originäre Menschen des Zufalls mit Insignien eines wunderbaren, würdevollen und langen Lebens. Wenn dies mangels gemeinschaftlicher elterlicher Orientierung, die durch Zuneigung und Liebe begründet ist, nicht gewährleistet sein kann, dann ist auch die Zeugung selbst entbehrlich. Was technisch geht, ist menschlich höchst problematisch, weil es die Selbstdefinition des würdigen Menschen in Frage stelle.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski