Was sind wir doch einfältig, Russland mit Putin gleichzusetzen oder die Krim-Annexion mit einer Bedrohung unserer westlichen Werte. Politik folgt eine geostrategischen Leidenschaft, ob Chinesen, Russen oder Amerikaner diese verfolgen. Wer ist denn jemals auf die verworrene Idee gekommen, die Amerikaner wegen ihres völkerrechtswidrigen Verhaltens zur Rechenschaft zu ziehen?
Bei den Russen sollte die Ausgrenzung stattfinden, weil sie eine günstige Gelegenheit ergriffen, um ihren Machtbereich zu erweitern? Entscheidend ist doch nicht, ob wir dies für gut halten oder nicht, sondern welche Angebote wir den Russen unterbreiten können, damit diese bereit sind, wieder gemeinsame Ziele zu verfolgen. Ich vermag da nichts zu erkennen, außer diffusen Beschwörungen. Die derzeitige russische Regierung und ein Großteil der anderen europäischen Staaten – einmal abgesehen von den U.S.-Amerikanern – mögen unterschiedliche Interessen haben und diese auch durchsetzen wollen.
Aber, Russland, Deutschland und der Rest von Europa sind keine Gegner, sondern bilden eine Lebensgemeinschaft. Ist uns jedes historische Bewusstsein abhandengekommen? Sprechen wir denn nicht die gleiche kulturelle Sprache in Kunst, Musik, Literatur und Sport? Es ist absurd, welcher Popanz hier aufgebaut wird, um daraus eine Bedrohung abzuleiten, die nochmals unseren Kontinent so erschüttern könnte, wie der 2. Weltkrieg dies getan hat.
Wie auch die Sowjetunion könnte ein politisch gewichtigeres Russland mehr zum Gleichgewicht der Kräfte in unserer Welt beitragen. Das Vertrauen in eine einzige Weltmacht, wie die USA, ist zwar verführerisch, aber wie wir aus jüngster Vergangenheit auch leidvoll wissen, mit viel Kompromissen verbunden, was Menschen- und Völkerrechte anbetrifft. Statt Schuldzuweisungen zu pflegen, sollten wir alles daran setzen, um unser kulturelles Für- und Miteinander zu stärken und das Wissen der Russen auf vielen energetischen und ökologischen Gebieten zu nutzen. Wir haben noch viel zu entdecken. Nutzen wir doch die Zeit, Fragen zu stellen, statt immer nur Vorwürfe zu formulieren.
Hans Eike von Oppeln-Bronikowski