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Männer

Wir leben in bewegten Zeiten, in denen Zuweisungen zur Tagesordnung gehören. Wenn ich etwas über alte, weiße Männer höre, fühle ich mich angesprochen, weil ich eine eher helle, in den Augen bestimmter Betrachter weiße Hautfarbe habe und irgendwie alt bin. Wie würde es mir gehen, wenn ich eine etwas dunklere Hautfarbe hätte, in den Augen mancher Betrachter schwarz oder gar eine Frau, weiß oder schwarz wäre?

Plötzlich scheint dann all das, was ich als völlig irrelevant betrachtete, nämlich die äußere Erscheinung, keinen äußeren Zustand zu beschreiben, sondern eine inhaltliche Zuordnung zu begründen. Die Zurückhaltung, die ich bei meiner Bewertung einzuhalten habe, irritiert mich allerdings sehr. Zu dem Leben eines dunkelhäutigen Menschen darf ich noch nicht einmal etwas vermuten, soll mir aber über meine Belastung als weißer Mann nicht nur im Klaren sein, sondern vor allem hinnehmen, dass andere Menschen genau wissen, wer ich sei.

Ähnliche Expertisen für schwarze alte Männer oder weiße alte Frauen zu verlangen, ist aus Sicht der mutmaßlich richtig Urteilenden bereits eine Anmaßung, die typisch ist für alte weiße Männer, die im Leben ohnehin schon viel Zerstörung angerichtet hätten und statt kollektiv zu bereuen ihre eigene Würde als alte Männer – Menschen einfordern.

Ob in der Sprache oder im Verhalten, wenn Diskriminierung einmal ein legitimes Instrument in den Händen von Ethik-, Moral- und Verhaltensaposteln geworden ist, dürfte es schwer für die menschliche Gesellschaft werden, sich Fehler zu verzeihen, Verhalten zu überprüfen und Korrekturen im Zusammenleben dort vorzunehmen, wo sie wirklich erforderlich und hilfreich sind.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski

Nahsicht

Aus naher Sicht geht es in Deutschland, in Europa, in der Welt und im gesamten Universum sehr turbulent zu. In Deutschland machen uns Singularitäten jeder Farbschattierung, Gleichmacherei, soziale Unterschiede, Gier, Wut, Rechthaberei, Anmaßung, Furchtsamkeit, Hinterhältigkeit, Mutlosigkeit und Selbstbespiegelung zu schaffen.

In Europa und in der Welt ist das nicht anders, unterschiedlich allein sind Felder, auf denen sich diese Gefühle austoben. Aus der Ferne betrachtet, entspricht dies immer dem menschlichen Reigen seit unseren Anfängen an. Dort, wo der Mensch Opportunitäten erkennt, nimmt er sie wahr, ob in der Politik, in der Wirtschaft, im öffentlichen Raum oder im Privaten. Der Mensch ist eher anpassungs-, als lernfähig, betrachtet Vergangenes als vergangen und Künftiges als nicht da. Wegen seines Nahsichtgeräts fällt es dem heutigen Menschen schwer, wahrzunehmen, dass sich die geschichtliche DNA nicht verändert hat, sondern zeitgemäß anzupassen ist und schon die heutige Gestaltungs- und Verhaltensweise nicht mehr diejenige von Morgen sein muss.

Wir haben Schwierigkeiten, dieses Morgen mit zu bedenken, haben allerdings Kinder und Enkelkinder, die heute zwar schon geboren sind, aber noch nichts zu sagen haben. Es ist dennoch unverantwortlich, wenn wir unsere Kinder und Enkelkinder in die Gestaltung unserer Zukunft nicht mit einbeziehen. Es geht nicht darum, was wir in diesem Moment für opportun erachten, sondern wir müssen bedenken, was alles künftig geschehen wird. Jede Generation gibt ein Versprechen, das es einzulösen gilt. Früher war die Parole: „Unsere Kinder sollen es besser haben“.

Heute wäre es hilfreich, nicht nur die Kinder, sondern auch die Gesellschaft, andere Menschen, die Umwelt und die Welt zu bedenken, indem man schon zu seinen Lebzeiten die Weichen für sie günstig stellt.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski