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Menschheitsrätsel

Wer ahnt, empfindet, grübelt, denkt und handelt für und mit uns? Welche Gründe, Maßstäbe und Ziele sind dabei ausschlaggebend? Geschieht dieser Prozess kohärent und in Konkordanz zu unseren Erwartungen unter Berücksichtigung konkreter stofflicher Vorgaben nur in einem menschlich definierten physischen Raum oder werden auch transzendente Sphären mit einbezogen? Wie ist es um den ideellen und den materiellen Nutzen der Unternehmungen bestellt?

Die initialen Spekulationen eröffnen zunächst einen Bereich, der uns gleichsam aber verschlossen bleibt, wir erahnen nur eine nicht begreifbare Ordnung, die sich in ihrer Funktionalität als Künderin einer möglicherweise in ihr wohnenden, aber nicht erschließbaren Kraft darstellt. Was sich unserem Begreifen entzieht, ist dennoch einem Sinn zuzuordnen, dessen Orientierungskraft sich erahnen lässt, obwohl wir mangels geeigneter Beschreibungsmöglichkeiten auf eine Definition des Erfahrenen verzichten müssen.

Wo ist hier der Nutzen des Erforschens für uns? Welche Einsichten werden trotz unserer Ahnungslosigkeit hervorgebracht? Da uns sich das Totale trotz des Urknalls nicht offenbart, könnte es dann sein, dass Anfang und Ende sich darin abschließend gebildet haben? Die im Urknall geborgene Kraft hat unsere Anschauung von Allem initial geformt. So versucht der Mensch etwas so oder so zu beschreiben, welches je nach Tagesform und Einstellung geeignet sein könnte, seine Existenz und alles andere zu rechtfertigen oder zumindest plausibel erscheinen zu lassen.

Jedenfalls ermöglicht die Exegese ungebundener Anschauungen eine doch recht große Variation unbekümmerter Betrachtungen, zumindest soweit die sprachlichen Möglichkeiten und die Fähigkeit, diese zu artikulieren, reichen. Das ist doch wohl Blödsinn in einer leicht vermittelbaren Form, oder?

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski

Vivre quand même

Bei Sartre heißt es, dass das Leben absurd sei, man aber dennoch leben möge. Auf diese philosophische Tiefe möchte ich mich aber nicht begeben, sondern vom alltäglichen Lebenstrotz berichten. Der Trotz hat einen Bezug zur Niveaulosigkeit, die ich in weiten Bereichen unseres Lebens heute feststelle. Der Begriff Niveaulosigkeit muss allerdings hinterfragt werden, denn es ist keineswegs gesichert, was unter Niveau zu verstehen ist.

Früher benannte das Niveau eine allgemein verständliche gesellschaftliche Verhaltensweise, die konsensfähig war und weitgreifend in der Gesellschaft auch geachtet wurde. Das beinhaltete, dass man wusste, wie man sich gab, kleidete, aß, sich Nachbarn und anderen gegenüber verhielt. Es war keine Ordnung des Herzens, sondern der Anschauung. Die Attacken dagegen waren unausweichlich und spätestens in den 68er Jahren war jedem klar, diese Ordnung taugt nicht mehr, sie wird in Frage gestellt bzw. abgeschafft. Viele, unter anderem auch ich, haben dies als Befreiung empfunden. Die Befreiung von Zwängen eröffnet Möglichkeiten, neue Erfahrungen zu erproben, Verabredungen zu treffen und Bündnisse zu schmieden. Doch, was ist aus dieser Freiheit geworden?

Aus meiner Sicht nichts Gutes, denn es folgte dem libertären Ideal die Libertinage. Sinnbildlich ist dies unter anderem im Berliner öffentlichen Nahverkehr zu erleben. Als steter Nutzer habe ich dort fast alles schon erlebt, was die Niveaulosigkeit zu belegen geeignet ist. Der rücksichtslose Umgang einiger Reisegenossen mit ihrem Bedürfnis nach ungestörter Selbstverwirklichung zwingt oft zum inneren Abdanken vor der geschmacklosen Wirklichkeit. Wird diese im Einzelfall von einem der Mitreisenden thematisiert, scheitert die Abhilfe nicht an vorhandenen Möglichkeiten, sondern an der Irritation der betroffenen Täter. Diese verstehen einfach nicht, um was es geht und was man von ihnen will. Da es kein konsensfähiges Verhalten mehr zu geben scheint, ist es auch nicht verwunderlich, in Restaurants vor allem junge Menschen dabei zu beobachten, wie sie fast hilflos mit Messer und Gabel umgehen oder mutig den Nachbartisch an der eigenen verbalen Feierlaune teilnehmen lassen.

Auch wenn das Motto zu lauten scheint: Ich zuerst, so ist das keine Frage des inneren Wollens, sondern eine Antwort auf das allgemeine Angebot. Die wirtschaftsmächtige Industrie hat sich der Libertinage bemächtigt und in der Vereinzelung des Menschen außerhalb eines gesellschaftlichen Niveaus enorme Marktchancen entdeckt, die es zu nutzen und zu erhalten gilt. Die so entstandene Rücksichtslosigkeit trägt keine aggressiven Züge, sondern verkörpert ein konturloses Konsumentenniveau. Der einzelne Mensch aber ist nach wie vor hilfsbereit, freundlich, offen und emphatisch. Deshalb ist es gut, trotz der beklagenswerten Niveaulosigkeit weiter zuversichtlich zu leben.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski