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Von der Oberfläche

Wir haben gesagt. Sie haben gesagt. Die haben gesagt. Wir meinen. Die meinen. Schier endlos repetieren wir die Meinungen anderer. Wir erfahren, was ein 17-jähriger Bengel einer Boygroup meint. Wir bekommen mit, welche Ansichten zur Welt ein 22-jähriges Model hat. Wir erfahren ohnehin sehr viel von den Ansichten der vermeintlich „Schönen und Reichen“. Warum?

Naheliegend ist, anzunehmen, dass derjenige, der die Meinungen anderer rezipiert, auch Teil dieses Meinungsbildungsprozesses ist, dass der Konsument einer Meinung die innere Übereinstimmung mit dem Meinenden selbst erfährt. Welche Meinung ist aber für uns angemessen, wenn wir weder zu den „Schönen und Reichen“, noch zu den medienerfahrenen Meinungsmachern gehören? Keine.

Wir sind das Blatt Papier, auf welches geschrieben wird. Wir sind die Ackerfurchen, in welche andere säen,  damit vermeintlich unsere Meinung aufgeht. Je dichter die Saat steht, desto üppiger lassen wir reifen. Was Meinungsforscher dann als unsere Meinung ernten, haben andere zuvor gesät. Was könnte daran schlimm sein? Wäre man zynisch, würde man sagen: eigentlich nichts.

Zweifelhaft ist jedoch – um im Bild zu bleiben – die Qualität des Saatguts. Welche Ernte verspricht die Nabelschau von 17- Jährigen? Welche Herausforderung erfährt der Mensch durch die privaten Lebensdramen eines Schauspielers? Welche Gefühle werden freigesetzt bei einer Fürstenhochzeit? Die Einen meinen, die Beamten hätten zu viel Geld, die Anderen behaupten genau das Gegenteil. All diese Meinungsbilder entsprechen den Meinungen von Politikern, von Medien und sonstigen für die Meinungsbildung relevanten Institutionen. Deren Wichtigkeit überträgt sich aufs Volk. So sind alle energisch mit Meinungsbildung beschäftigt, damit der Einzelne erschwert zu einer Meinung findet. Mit Gleichmut erträgt hier der Acker das Säen, und das Tag für Tag, Woche für Woche, und zwar, dass eine in den Medien relevant erfasste Gruppe von „Bauern“ über die Äcker tobt, ihre Meinungssaat ausbringt und auf Ernte hofft. Fachleute sind wenige darunter, denn Wissen ist komplex und nur Meinungen gewünscht. Der Fluch der bösen Tat ist die Belanglosigkeit und Austauschbarkeit jeglicher Aktion der Meinungsbilder in den Medien. Ihre Botschaft hat die Halbwertszeit eines Windes. Während er noch stinkt, wird der nächste schon vorbereitet.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski