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Viva Familia

Der frühere Bundespräsident Roman Herzog hat in seiner berühmten Adlon-Rede 1997 gefordert, dass ein Ruck durch Deutschland gehen möge. Wir haben hier ergänzt: … durch unsere ganze Gesellschaft … Diesen Ruck müssen wir Bürger uns selbst geben und dürfen nicht darauf warten, dass andere dies tun. Aber, was soll nun dieser Ruck bewirken und wie wird er ausgelöst? Um festgefahrene Strukturen aufzubrechen, sind neue Sichtweisen auf bekannte Probleme erforderlich. So wie der Blick durch ein Kaleidoskop für Kinder immer Neues entsteht lässt, wenn wir das Sehrohr drehen, obwohl der Gegenstand der Betrachtung immer der gleiche bleibt, können wir unsere Möglichkeiten durch neue Sichtweisen erweitern.

Der Ruck macht ein bürgerliches Selbstbewusstsein erfahrbar, das sich nicht nur am Wahltag äußert, sondern aktiv die Subsidiarität staatlichen Handels einfordert auf allen Gebieten, die der Bürger selbst gestalten kann. So übernehmen die Bürger Verantwortung für ein selbstbestimmtes Leben, und zwar jeder einzelne Mensch und damit die ganze Gesellschaft. Die Regeln des Zusammenlebens, die Verabredungen des Bürgers mit dem Staat werden in einem Gesellschaftsvertrag fortgeschriebenen, der vom Staat und seinen Bürgern gleichermaßen geachtet wird. Sich einen Ruck geben, heißt also, sich selbst zu bewegen, um nicht von anderen zum Richtungswechsel genötigt zu werden. Ruck ist die beste Medizin gegen alle Formen sozialer Abhängigkeit, Subventionsmentalität und Schuldzuweisungen an andere, seien es Politiker, Wirtschaftsführer, Banker, aber auch Lehrer und Polizisten. Bei unseren Prüfungen, was wir selbst mit der Ruck – Stiftung des Aufbruchs dazu beisteuern können, um diesen Ruck durch unsere Gesellschaft deutlich merkbar werden zu lassen, mussten wir erkennen, dass es nicht hilfreich ist, allein durch einzelne Projekte, die Sinnhaftigkeit des Rucks zu zeigen, sondern es kristallisierte sich vielmehr die Überzeugung heraus, dass wir anfangen müssen, jeden einzelnen Menschen unserer Gesellschaft durch sein ganz eigenes Leben zu begleiten, um von Anfang an zu beweisen, dass der Ruck gelingt.

Jedes Leben eines Menschen beginnt mit seiner Geburt in die Familie. Deshalb haben wir uns zunächst auf das Projekt Viva Familia! konzentriert. Viva Familia! trägt zur Familienbildung bei. Familienbildung funktioniert nur dann, wenn auch die Eltern gebildet sind. Die Elternbildung bewirkt wiederum die Kinderbildung. Bildung von Anfang an heißt also, die Eltern in die Lage zu versetzen, ihre Kinder dabei zu unterstützen, die Bildungsangebote der Gesellschaft anzunehmen. Wie soll das geschehen? Durch eine Fülle unterschiedlicher Maßnahmen u. a. durch Singen und Erzählen von Familien- sowie Fantasiegeschichten durch die Eltern und andere Bezugspersonen in der Familie, zum Beispiel die Großeltern. Das ist wirkungsvoll, denn durch diese Form der Zuwendung werden die familiäre Bindung und das Grundvertrauen des Kindes und das Zusammengehörigkeitsgefühl gestärkt und somit eine Basis für eine problemlosere Eingliederung des Kindes in unsere Gesellschaft geschaffen. Die Eltern machen durch Singen und Erzählen die Erfahrung ihrer eigenen Bildungszuständigkeit bei der Erziehung ihres Kindes, verstärken ihr eigenes Sprachvermögen und schaffen so auch wesentliche Voraussetzungen für ein besseres Sprachvermögen ihrer Kinder. Durch das Erzählen von familiären Geschichten festigen sie soziale Bindungen und gestalten zudem die Grundlage für einen in der Geschichte verwurzelten Lebensweg ihres Kindes. Eigentlich Selbstverständlichkeiten, die allerdings in unserer Gesellschaft weithin nicht mehr geläufig sind. Viva Familia! vermittelt daher diese familiäre und gesellschaftliche „Win-win-Situation“ durch die Einrichtung von Eltern-Sing- und Erzählkursen und ergänzende Elternpatenschulungen in soziale Hilfeeinrichtungen.

In die Familienbildung werden alle Bezugspersonen des Kindes mit einbezogen, die Eltern, Geschwister, Großeltern, also alle Familienangehörigen, die einen Pakt des gemeinsamen Lernens und Erfahrens schmieden.

  • Wie drückt sich dies aus?

Zunächst durch Singen. Denn Singen schon vor der Geburt und nach der Geburt des Kindes stärkt das familiäre Zusammengehörigkeitsgefühl, die Gesundheit durch Stärkung des Gehörs und der Stimmbänder sowie das Sprachvermögen der Kinder.

  • Was passiert dadurch?

Dadurch macht das Kind eine frühe musikalische Erfahrung, lernt Rhythmus und Töne und schafft so die Voraussetzungen für spätere soziale und schulische Kompetenzen. Das hilft bei der Verwirklichung im Beruf, baut Aggressionen ab und fördert die Kreativität.

  • Und die Wirkung?

Erzählen, insbesondere von Geschichten aus der Familie, wirkt positiv auf das familiäre Zusammengehörigkeitsgefühl, stärkt ebenfalls das Sprachvermögen, vermittelt geschichtliche Erfahrung, führt ein in die Wahrnehmung einer komplexen Gedankenwelt, hilft Erlerntes zu speichern und bereichert das Wissen.

  • Was bleibt?

Nach dem ersten folgen die weiteren Schritte. Die durch den Ruck ausgelösten Impulse setzen sich fort und schwingen durch das ganze Leben des Kindes, des Jugendlichen und des Erwachsenen bis hin zum Alter. Sie helfen, in jeder Lebensphase initiativ zu werden. Die ersten Schritte ermöglichen es dem Kinde, selbstbewusster sein Leben zu gestalten und offen zu sein für weitere gute Erfahrungen, die es selbst und die ganze Gesellschaft bereichern.

Viva Familia! heißt, „ich singe und erzähle für Dein Leben gern“.

Das Projektziel ist es, Viva Familia! als eigenständiges soziales Projekt so auszubauen, dass es unter entsprechender Anleitung und Anpassung an örtliche Gegebenheiten flächendeckend in Deutschland übernommen werden kann.

Das Leben eines Menschen ist eine lange wunderbare Veranstaltung, sich zu bewähren, auszubilden, Neues zu erfahren und immer wieder Impulse für Entwicklungen zu setzen. Alle, auch ältere Menschen, haben die Möglichkeit, an dieser Erfahrung teilzuhaben, indem sie wieder junge Menschen an ihren Erfahrungen teilhaben lassen, aus ihrem Leben erzählen und dazu anstiften, dass das Erfahrene wieder weitererzählt wird. So wird in dem ersten Schritt der Vermittlung von Singen und Erzählen durch die Eltern und das Kind eine Bewegung geschaffen, die sich durch das gesamte Menschenleben fortsetzt, dadurch unser eigenes Leben und das Leben aller Bürger in dieser Gesellschaft bereichert und die Menschen – ob jung oder alt, unterschiedlicher sozialer Herkunft, Flüchtlinge, Migranten und schon früher Angekommene – zusammenführt.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski