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Ruhe-Stand

Vor kurzem erhielt ich die Einladung eines Geschäftspartners zu seiner Verabschiedung in den Ruhestand. Ein gesetztes Essen im Museum wurde angerichtet. Ich nahm sie gerne an, allerdings mit einem mulmigen Gefühl. Ich erspähte meinen Namen auf einem Tischkärtchen und erfuhr bei der tischinternen Vorstellungsrunde, dass mein Nachbar zur Linken vor ca. 6 Monaten in den Ruhestand verabschiedet worden sei und meine Nachbarin zur Rechten sich als Ehefrau eines weiteren anwesenden Herrn erwies, dessen Ruhestand ebenfalls soeben begonnen habe. Weitere Ruheständler hatten sich um den Tisch versammelt. Keine der anwesenden Persönlichkeiten war offensichtlich noch erwerbsorientiert tätig. Dabei konnte ich durch Inaugenscheinnahme klären, dass das Altersspektrum der Anwesenden an diesem sowie an allen weiteren Tischen an Lebensjahren zwischen 45 und Ende 70 lag. Nach unserem etwas moderneren Verständnis von Alter befanden sich also keine Greise im Festsaal des Museums, sondern Menschen, die einen überwiegend fitten Eindruck machten. Sie alle verband, dass sie sich im Ruhestand befanden oder gerade im Begriffe dazu waren, ebenfalls Ruheständler zu werden.

Es wurden neben einer Museumspräsentation und einem wirklich köstlichen Essen viele Reden gehalten. Alles in allem glaubte ich Abgesänge auf unseren Ruheständler zu hören, den wir heute verabschiedeten. Es wurde berichtet von seiner Tollkühnheit in der Jugend, die Liebe zu der Frau, die mit ihm gealtert war – ein Hirsch sei er gewesen! – und den Kindern – alle heute auch im Alter zwischen 30 und 40 Jahren – und seiner beruflichen Karriere. All dies hatte der Jubilar hinter sich gelassen und die Erwähnung seiner Großtaten, insbesondere einer waghalsigen Kanufahrt in Kanada, ließ sich nicht mehr so recht kompatibel mit der augenblicklichen Wahrnehmung verbinden. Vorbei ist vorbei!

Aus der Mitte des Freundeskreises des Ruheständlers wurde von der Würfelrunde gesprochen, die jeden Montag stattfinde, den Radtouren, die es auch zukünftig geben werde, und von Reisen, die man vorhabe. Es wurde ihm zugerufen, jetzt sei er endlich frei und könne tun, was er wolle, insbesondere lesen, selbst die Wahrnehmung der Kulturangebote und die Hobbys ständen nun vordringlich auf dem Tagesplan. Ich glaube, mein betagter Geschäftsfreund hatte sich auf diesen Tag gefreut. Die Zeit war ihm höchst willkommen, nicht mehr täglich 10 bis 12 Stunden zu arbeiten. Aber an diesem Tage, als er in die Gemeinschaft der Ruheständler aufgenommen wurde, wurde es ihm doch bange. Sicher bange vor ihrem Triumph, ihn endlich bei sich zu haben für die nächsten 20, 30, 40 Jahre, ihn stellvertretend für alle anderen Ruheständler, die sich heute in den Ruhestand schon im Alter zwischen 45 und 60 verabschieden müssen.

Ruhe-Stand, welch erbarmungsloses Wort. Der Proband wird in den Stand der Ruhe gebracht, muss anhalten in dem Leben, welches ihm bis zu diesem Zeitpunkt besonders wichtig gewesen ist. Er will und wird sich künftig weiter fit halten, aber weiß er noch wozu? Er wird einer Beschäftigung nachgehen, aber wie kann er sich versichern, dass diese Andere interessiert? Er hört jetzt, über was andere Ruheständler reden, und kann nicht mehr sagen, er sei noch weit davon entfernt. Er hört sie klagen über ihre wirtschaftlichen Einschnitte, ihre körperlichen Untersuchungen, ihre Restauranttipps und Erholungsreisen. Jetzt steht er da und wartet in Ruhe, bis er soweit ist. Das nächste größere Ereignis, abgesehen von kleineren Familienfreuden wie Enkeln und dergleichen, wird der Tod sein. Zwischen dem Beginn des Ruhestandes und dem finalen Aus gibt es meist nur den Sinn, lang und länger schmerzfrei und sorglos zu leben. Auf Ruheständler sind wir, die mitten im Arbeitskampf stehen, nicht vorbereitet. Der hoch vermögende Geschäftspartner, der mit seinem Network, also seinen Kontakten, seinem Einfluss   und   seinem   Geld   stets   ein   willkommener Gesprächspartner gewesen ist, wird von einem Tag auf den anderen derjenige sein, der nicht mehr gefragt ist. Über was soll man mit einem Ruheständler reden? Über seine Erfahrungen? Ja, zuweilen auch das, aber die Fremdheit und das Desinteresse beginnen mit dem Bekenntnis: Ich bin jetzt Ruheständler! Aus diesem Grunde werde ich niemals Ruheständler werden, sondern meinen Unruhestand pflegen, selbst dann, wenn alles, was ich tue, nicht mehr ausschließlich mit der Beschaffung von Geld zu tun hat, sondern einem Zweck dient, der mir hilft, mich weiter auszubilden. Jede Tätigkeit mit und für andere Menschen stellt eine solche Herausforderung dar, ob ich eine Stiftung gründe oder mich für ein Ehrenamt engagiere. Wer gibt, bleibt dran, ist weiter wichtig für andere Menschen, anders als einer, der an seiner Selbstfürsorge allmählich zugrunde geht.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski